• Überlebt das vereinte Europa?

Er sah früh die Notwendigkeit der atlantischen Gemeinschaft und arbeitete auf die Entstehung einer supranationalen formalisierten Organisation.

Heute möchte ich an einen Mann erinnern, den die Idee einer supranationalen Organisation der europäischen Staaten seit seiner früher Jugend in seinem Herzen bewegte, für die er in seinem erwachsenen Leben zielstrebig arbeitete, sehr viel erreichte und dabei großen Erfolg hatte, aber konsequent das Licht der Öffentlichkeit scheute. Ich erinnere heute an Josef Hieronim Retinger.

„Paradox ist, dass er Europa in das 21. Jahrhundert gestoßen hat, obwohl er in der Manier des 19. Jahrhunderts agiert hat. Vielleicht war es so, weil die Idee des vereinigten Europas in ihrem Geiste so romantisch ist.“1

„Josef Retinger, wie ein Regisseur, brauchte andere als Akteure, sich selbst stets als graue Eminenz positioniert hat, als Mensch hinter der Bühne.“2

Wahrscheinlich gerade deshalb konnte er so viele einflussreiche Menschen erreichen. Er ist in die Geschichte eingegangen als jemand, der früh die Notwendigkeit der atlantischen Gemeinschaft sah, der auf die Entstehung einer supranationalen formalisierten Organisation arbeitete.

Josef Hieronim Retinger ist im Jahr 1888 in Krakau, Österreich-Ungarn3, geboren und 1960 in London gestorben. Vorfahren von Retinger kamen nach Polen Ende des 17. Jahrhundert aus Bayern. Sein Vater, Josef Stanislaw Röttinger war ein bekannter, sozialengagierter Rechtsanwalt in Krakau, seine Mutter, Maria Krystyna war Tochter von Emilian Czyrniański, Rektor der Jagiellonen-Universität. Josef Stanisław Röttinger war stark beteiligt an einem bekannten Prozess, der in letzter Instanz in den kaiserlich-königlichen Institutionen der habsburgischen Monarchie seinen Ausgang fand. Der begabte und an allem interessierte junge Josef Hieronim konnte die Bedeutung und hohe Effektivität der supranationalen Institutionen sehen und schätzen lernen, was mit großer Wahrscheinlichkeit Einfluss auf die Wahl seines Lebensweges hatte.

Ich springe zum Jahr 1960, dem Jahr seines Todes. Hier zitiere ich aus einem Brief den Sir E. Beddington-Behrens an die Times von 13. Juni 1960, einen Tag nach seinem Tod, schrieb:

„Joseph Retinger, der gestern verstarb, war zuerst als ein Schriftsteller über [Joseph] Conrad und sein Werk bekannt. Während des Krieges wurde er die ‚Graue Eminenz’ von General Sikorski genannt und wurde berühmt für seinen Fallschirmabsprung über Polen im Alter von 56 Jahren… Er war ein selbstloser, engagierter Mann, der nie sich selbst vorschlug, sondern sich damit begnügte, Männer zusammenzubringen, von denen er glaubte, sie würden seine Ideale teilen und könnten zusammen arbeiten, um seine kreativen politischen Konzepte voranzubringen. Er war dieses äußerst seltene Geschöpf, ein ‚politischer Förderer’, und sobald eine neue Idee angestoßen worden war und Fuß gefasst hatte, begnügte er sich damit, ihr von den Seitenlinien weiterzuhelfen, anderen das Rampenlicht der unmittelbaren Leitung überlassend. Er war es, der die Schaffung der Europäischen Bewegung anregte, die den Europarat4 herbeiführte. Die ganze Entwicklung der Idee der Einheit von Europa, die Schaffung des Europäischen Binnenmarktes und EFTA5 [Europäische Freihandelsassoziation] sind nur einige ihrer politischen Folgeerscheinungen…

Abgesehen von der Europäischen Bewegung, deren Ziele weitgehend propagandistisch und politisch sind (!), ‚war er es, der die European League for Economic Cooperation6 (ELEC) erschuf… Er regte die Gründung der Zentral- und Osteuropäischen Kommission der Europäischen Bewegung an… Er gründete später die (transatlantische) Bilderberg-Konferenz. Diese Konferenzen brachten führende Staatsmänner zusammen, die ihre Probleme im Privaten besprechen und Standpunkte mit Männer in wirklich hohen Stellungen in anderen Ländern austauschen konnten. Es war Joseph R., der sie zusammenbrachte und sie alle persönlich kannte. Ich bin ziemlich viel mit J. R. herumgereist, seine Freundschaften in hohen Positionen waren außergewöhnlich. Ich erinnere mich, wie er in den USA zum Telefonhörer griff und sogleich ein Verabredung mit dem Präsidenten traf, und in Europa hatte er kompletten Zutritt in alle politischen Kreise, wie eine Art von Anrecht, erworben (durch) das Vertrauen, die Ergebenheit und die Loyalität, welche er hervorrief. Mit seinem Ableben hat Polen einen großen Patrioten verloren, und Großbritannien und die freie Welt den Anreger von Beweggründen, die weitreichende Auswirkungen auf die Geschichte unserer Zeit haben werden.”

Lord Boothby schrieb:

„Wenn ein Europäischer Staatenbund zustande kommt, wie es ganz gewiss geschehen wird, wird er seiner (Retingers) Pionierarbeit viel zu verdanken haben. Immer treu zu Polen, zu Sikorski und zu seinen Freunden, von denen ich stolz bin einer gewesen zu sein, galt seine endgültige Treue der Konzeption eines Vereinten Europas…”

Und Mr. G. de Freitas, The Times, 13. Juni 1960:

„Sir E. Beddington-Behrens und Lord Boothby haben zu recht Dr. Retingers Arbeit für die europäische Einheit betont. Aber in den letzten Jahren ist er zu der Ansicht gelangt, dass Europa und Nordamerika sich gegenseitig benötigten, und er hat so hart und gewissenhaft für die Atlantische Gemeinschaft gearbeitet, wie er zuvor für die Europäische Bewegung gearbeitet hat. In dem Jahr vor dem Atlantischen Kongress, der in London abgehalten wurde, war Dr. Retinger ein Mitglied des internationalen Organisationskomitees. Mitglieder dieses Komitees lernten seinen Rat zu schätzen und sein bemerkenswertes Wissen über Personen des öffentlichen Lebens in den atlantischen Ländern zu würdigen… Er blieb ‚staatenlos’, da er glaubte, es verleihe ihm größere Freiheit bei seiner internationalen Missionarstätigkeit.”

Zurück zu seinen Jugendjahren: Josef Retinger wird streng katholisch und sehr patriotisch erzogen. Polen, geteilt zwischen Russland, Preußen und Österreich existiert nur im nationalen Bewusstsein. Seine Eltern und Großeltern waren sehr stark engagiert im Kampf gegen die Teilungsmächte, so prägt die patriotische Atmosphäre zu Hause und im Land den Jungen und seine Geschwister. Die Erziehung und die schulische Bildung werden von Tradition, vergangenem Ruhm, verlorenen Träumen beherrscht.

Besonders begabt und frühreif empfindet der junge Retinger das Leben in Krakau als langweilig, hoffnungslos ohne Zukunftschancen. (…) „Ich wünschte mir, dass Polen wieder frei ist, so, dass ich endlich kein verdammter Patriot sein muss…“, sagt er später.

Im Nachhinein schreibt er über seine Dilemmata: „Ich wollte nicht mit Tradition und der Vergangenheit brechen, jedoch der junge und aktive Geist drängte mich, neue, weite Horizonte zu suchen und das moderne Leben der Europäer kennen zu lernen. Trotz allem wollte ich mein ganzes Wirken dem Vaterland widmen.“

Josef Hieronim beendet das Gymnasium der Heiligen Anna in Krakau mit Auszeichnung. Durch Empfehlung wird er als Novize bei den Jesuiten in Rom aufgenommen, in Erwartung der Aufnahme in die Academiae Nobili Ecclesiastici, die viele Diplomaten absolvierten. Die strengen Regeln des Ordens waren jedoch für ihn nicht das Wahre. („Die Welt ist verlockender als das Jenseits!“) Dank der Empfehlung und eines Privatstipendiums kann er in Paris mit dem Studium an der École des Sciences Politiques und der Literatur an der Sorbonne beginnen. Durch viele Beziehungen ergibt sich für ihn die Gelegenheit in der Welthauptstadt viele außergewöhnliche Menschen kennen zu lernen. Paris der Belle Époque, seine Künstler, Aristokraten, Politiker, die er kennen lernt, werden für ihn auf seinem weiteren Weg sehr förderlich. Der einflussreiche Markiz de Castellane, bei dem er oft zu Gast war, beeindruckt ihn sehr. Und das war gerade de Castellane, der ihn inspiriert: man sollte endlich – es war die Zeit des I. Weltkrieges – über ein politisches Bündnis in Europa nachdenken und solches anstreben.

Sein Studium vernachlässigt er nicht. Nach zwei Jahren stellt er seine Doktorarbeit „Le conte fantastique dans le romantisme français“ vor und wird als der jüngste in Europa Doktor der Philologie in die Geschichte eingehen. Er baut sein Studium in München aus: hier studiert er die Vergleichende Psychologie der Völker, in London hört er in School of Economics Vorlesungen. 1910 in Paris veröffentlicht er sein erstes Buch: „L’Histoire de la littérature française depuis le romantisme jusqu’à nos jours“.

Im Jahr 1912 ist Retinger zurück in London und hier nimmt er seine politische Arbeit auf.

Bald wird er an geheimen Verhandlungen für einen gesonderten Frieden mit Österreich teilnehmen. Dies ist ein komplexes Thema, weil damit der so genannte Habsburg- oder Ledóchowski-Plan zu tun hat. Dieser Plan wollte für das Haus von Habsburg einen Staatenbund aus römisch-katholischen Ländern in Zentral- und Osteuropa arrangieren. Um dieses Ziel zu erreichen, macht sich Retinger zusammen mit Prinz Sixtus von Bourbon-Parma auf, den General in seiner jesuitischen Festung zu besuchen, dem Schloss zu Zizers, nahe Chur. Da Graf Ledóchowski zu dem Freundeskreis von Retingers Vormund gehörte, empfängt er ihn sehr freundlich und darüber hinaus erweist sich als der geeignetste Verhandlungsführer. Der Ledóchowski-Habsburg-Plan erhält die Unterstützung der spanischen Laienorganisation Opus Dei7.

1916 ist Retinger mit Unterstützung von Georges Clemenceau an einem Versuch der Friedensgespräche mit Wien beteiligt. Es geht um einen separaten Frieden mit Österreich. Es ist jedoch nicht möglich, weil die Wiener Administration nicht völlig frei von preußischen Angehörigen war. Der Kaiser ist geneigt, den Frieden zu unterschreiben, aber er kann es nicht ohne das Wissen der Preußen tun. Retingers Mission ist also nicht zu erfüllen.

Außerdem, noch während des I. Weltkrieges, in London lebend, widmet er sich ausschließlich politischer Tätigkeit: es geht um die polnische Sache im Westen. Josef Conrad, sein enger Freund, unterstützt ihn finanziell und auch dadurch, dass er ihn mit vielen Menschen, die in dieser Sache behilflich sein könnten, bekannt macht. Retinger reist zwischen London, Paris, der Schweiz und den Vereinigten Staaten.

Jedoch ist die westliche Öffentlichkeit an der Sache nicht interessiert; Polen war für England zu dieser Zeit ein Element der russischen Innenpolitik.

Friedensverhandlungen und die polnische Sache liegen zwar im Zentrum Retingers Interessenbereich. Aber auch das jüdische Problem bleibt lange in seinem Interessenfeld. Er hat die Idee, den europäischen Juden internationalen Status zu geben, da diese keine geschützte Minderheit sind und dazu überall diskriminiert. In dieser Mission trifft er sich unter anderen mit Chaim Weizmann, Wladimir Żabotycki, Nahum Sokolow und anderen zionistischen Aktivisten.

Gerade in dieser Zeit beginnt er sich für die Idee der europäischen Einheit zu interessieren. Zu Beginn des Jahres 1917 lernt er Arthur Capel kennen. Capel verbreitet die Idee einer Weltregierung, die auf der französisch-englischen Allianz aufgebaut werden sollte.

Retinger, mit allen wichtigen Persönlichkeiten Westeuropas vertraut, reist also unentwegt durch Europa.

An der Idee der Weltregierung zeigen Briand, Clemenceau und Wilson ihr Interesse. Auch in der Sache reist Retinger also beharrlich durch Europa. Das ermöglicht und erleichtert ihm die Bekanntschaft und bringt eine gewisse Vertrautheit mit allen wichtigen Personen Westeuropas.

Retinger und Capel haben gemeinsam bis zum Capels Tod (1919) an dem Buch The World on the Anvil gearbeitet. Retinger ist der Meinung, dass Capel zum Entstehen von Völkerbund beitrug und dass seine föderalistischen Ideen dann nach dem II. Weltkrieg wieder interessant werden konnten.

Es naht das Jahr 1939. Nach der September-Niederlage wird Władyslaw Sikorski erst Kommandeur der Armee, dann Premierminister der Exilregierung in Frankreich. In England wird Churchill der Premierminister. Im Frühling 1940 kapituliert Frankreich. Polnische Armee in Frankreich zerstreut sich, die Exilregierung zieht nach Angers und weiter nach Bordeaux. Retinger, die verzweifelte Lage sehend, wirbt bei Churchill um Hilfe bei der Evakuierung der Regierung und der Exilarmee nach England.

Retinger findet Sikorski in Libourne und überzeugt ihn zu seinen Plänen. Bald befinden sich in England bis an die 80 000 Soldaten, denen sich in kurzer Zeit die Armee von General Anders anschließt, worin auch Retinger eine Rolle spielt. Die polnische Luftwaffe, die in der Schlacht um England eine große Bedeutung haben wird, kommt dazu.

Seit dieser Zeit steht Retinger Sikorski sehr nahe, ist die graue Eminenz in seiner Umgebung. Es ist auch Sikorski, der Retinger den Beinammen „Teufels Cousin“ verpasst.

Warum „Teufels Cousin“? Weil Retinger für jedes Problem tausende Ideen hat, unglaublich viele Beziehungen, Bereitschaft zum sofortigen – nach dem Erkennen des Problems – Unterbreiten der Lösungsmöglichkeiten und zum Handeln.

Sikorski und Retinger kennen sich seit 1916. Schon damals half ihm Retinger, Kontakte zu englischen Politikern zu knüpfen. Retinger will Sikorski für die Idee, einer polnisch-tschechisch-slowakischen Union als Gegengewicht zu einerseits Deutschland, andererseits zu Sowjetunion gewinnen. Diese Idee, früher schon von Piłsudski ins Auge gefasst und vorangetrieben, verfolgt Retinger seit etwa 1940. Ihn hatte seine absolut positive Erfahrung aus der Zeit der Habsburger Monarchie für die Idee eines supranationalen Staatenverbund überzeugt. Weiter sollte dieser Staatenverbund um Litauen, Rumänien, Ungarn und Ukraine erweitert werden. Die Hoffnung, da könnte sich die Chance bieten, weitere Länder, wie Jugoslawien, Bulgarien, Albanien und die Türkei zu gewinnen, steht im Raum. Das könnte also eine Union der Länder zwischen Baltikum, dem Schwarzen Meer und dem Adriatischen Meer werden – genannt Intermarium8. Diese Union sollte gemeinsame Außenpolitik führen und eine gemeinsame Armee ins Leben rufen, sowie eine Zollunion, die die Wirtschaft integrieren würde. Die Länder behielten eigenes politisches System und eine Autonomie. Damit sollte der Grundstein für eine mitteleuropäische Föderation kleinerer Staaten gelegt werden.

Auch Sikorskis Interesse an diesem Konzept war groß, denn es war fraglos, dass die internationalen Beziehungen in Mittel- und Osteuropa neu gestaltet werden müssen. Retinger, jetzt offiziell als Berater des Ministerpräsidenten, und Sikorski führen Gespräche mit dem tschechoslowakischen Präsidenten Beneš, mit Hubert Ribka und Jan Masaryk. Diese Pläne und Gespräche verfolgt auch mit einigem Interesse die britische Regierung, die in solchem Staatengebilde eine Stabilisierung der Lage in diesem Teil von Europa für möglich hält.

Polnisch-tschechische Gespräche über die Föderation münden am 21. Mai 1941 in einem Gründungsakt des Verbundes von Polen und der Tschechoslowakei. Dieser Gründungsakt hat die Form eines Grundgesetzes. Aber als die Sowjetunion sich den Alliierten anschließt, ändert die tschechische Seite ihr Verhältnis zu der geplanten Föderation und zugleich zu der Sowjetunion. Die pragmatischen tschechischen Politiker sind der Meinung, dass eine Unterstützung seitens der Sowjetunion günstiger sein wird als eine Föderation mit Polen.

Des Weiteren ermöglicht Retinger seine Funktion als Berater des Ministerpräsiden in Exil Sikorski den Boden für Gespräche mit den führenden Köpfen anderer europäischer Staaten zu bereiten. Am 7. Februar 1941 findet ein weiteres Gespräch statt. Er bringt die polnische Delegation unter Führung von Sikorski mit den Politikern der belgischen Exilregierung – dem Premierminister Paul-Henri Spaak, dem Minister Marcel-Henri Jaspar, mit Roger Motz und Paul van Zeeland – zusammen.

So schaut Retinger auf dieses Ereignis zurück: „Ich erinnere mich an das Datum, denn später, sowohl Jaspar als auch Spaak sagten, dass sie dieses Gespräch in ihren Memoiren vermerkt haben als eines der wichtigsten und interessantesten, welche sie in dieser Zeit führten.“

Wenige Monate später trifft die polnische Delegation auf die holländische. An dem Gespräch nimmt Pieter Kerstens, der niederländische Senator und ehemalige Wirtschaftsminister teil. Er kann voll für die Idee der europäischen Einheit gewonnen werden und wird in Zukunft ein großer Fürsprecher dieser Bewegung und Freund von Retinger, der später so die Gespräche einschätzt: Ich denke, ich habe damit recht, wenn ich sage, die erste Suggestion für den Benelux aus unseren Gesprächen, die den föderativen Blöcken gewidmet waren, ausging. Benelux wird am 5. September 1944 ins Leben gerufen.

Durch seinen Bekanntenkreis hat Retinger die Gelegenheit, die wichtigsten internationalen Anführer zu treffen. Einige Worte mit Averell Harriman sind ausreichend, um in die USA geschickt zu werden, und dank Retingers Erläuterungen dort drüben mit Dean Acheson, wird der Marshallplan geboren, der durch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OEEC) als der erste Schritt zur europäischen Integration gilt. Retinger stets gut verborgen hinter vielen besser bekannten Persönlichkeiten.

Zurück zum Jahr 1941. Im März fährt Sikorski mit Retinger in die USA und Kanada. In Washington trifft General Sikorski auf Präsident Roosevelt und informiert ihn über die Plane der Föderation in Mittelosteuropa. Roosevelt unterstützt den Plan. Während der Gespräche gelingt Retinger, die Zusage für eine Hilfe von 12 Millionen Dollar für die polnische Widerstandsbewegung zu bekommen. Das Geld sollte aus dem Lend-Lease Bill von 11. März 1941 kommen, dem wichtigsten Mittel, um den ausländischen Nationen während des Zweiten Weltkrieges, bei Einhaltung der Neutralität der Vereinigten Staaten, die US-Militärhilfe zur Verfügung zu stellen. Primär sollte es Hilfe für Großbritannien sein, andere alliierte Staaten sind bald in dieses Gesetz eingeschlossen.

Zurück in London treffen sich Sikorski und Retinger mit Sir Richard Stafford Crips, dem britischen Botschafter in Moskau. Crips kommt nach London, um über die, seiner Meinung nach, bevorstehende Aggression Hitlers gegen die Sowjetunion zu informieren.

General Sikorski ist überzeugt, dass es an der Zeit ist, diplomatische Beziehungen zu der Sowjetunion zu reaktivieren, weil ein bedrohtes Land ein zugänglicherer Partner für Verhandlungen und Gespräche sein wird.

Am 22. Juni 1942 beginnt die Umsetzung des Barbarossa-Planes. Ein Tag nach der Invasion hält Sikorski eine Rundfunk-Rede, in der er zu einer Verständigung aufruft. In der Tat ist die Antwort seitens Moskau schnell und bald kommt es zu Gesprächen, an denen General Sikorski, Anthony Eden, Iwan Majski und Josef Retinger teilnehmen. Binnen eines Monats, am 30. Juli 1941, wird die Vereinbarung von Sikorski und Majski unterschrieben. Zugegen ist Winston Churchill, der zum Schluss sagt: Ich bin zuversichtlich, dass diese Vereinbarung das Ende der 300 Jahre währender Uneinigkeit zwischen Russen und Polen bedeuten wird. Dieses Blatt Papier, das vor uns liegt, beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte und bei diesem Beginn bin ich ein Zeuge.

In Zusammenhang mit dieser Vereinbarung kommt es zu einer Wende in der Exilregierung: drei Minister treten zurück und Präsident Raczkiewicz will die Vereinbarung nicht unterschreiben. Sikorski sieht allerdings in dieser Vereinbarung die Anerkennung Polens als Gegenstand des internationalen Rechts durch Stalins.

Der nächste Schritt ist das Unterschreiben am 14. August 1941 in Moskau einer polnisch-sowjetischer militärischen Zusatzvereinbarung, die schon im Pakt Sikorski-Majski9 von 30. Juli 1941 angekündigt war. Diese Militär-Vereinbarung sollte die Befreiung der hunderttausenden Polen regulieren, die in den Arbeitslagern und Gefängnissen der Sowjetunion gefangen sind. Die Vereinbarung umfasst auch die Schaffung einer Armee unter der Führung von General Anders10 und deren Evakuierung nach Iran. In Kuibyschew entsteht die polnische Botschaft, der Botschafter wird Stanislaw Kot, von Retinger unterstützt.

Retinger reist nach Moskau, um die Abwicklung der Vereinbarung zu begleiten, bis der Botschafter kommt. General Anders beschreibt das so in seinen Erinnerungen:

„Vorübergehend kam nach Moskau als charge d’affaires Josef Retinger, persönlicher Freund von General Sikorski. Retinger kennt die ganze Welt, es ist ein außergewöhnlich intelligenter und gewinnender Mensch. Hat mich mit dem britischen Botschafter, Sir Stafford Crips, den er schon lange kannte, bekannt gemacht. Ich glaubte, sogar Crisp, der sehr gut orientiert war in allen politischen Angelegenheiten, nicht so gut die Sowjets verstehen konnte. Von meiner Seite habe ich Retinger mit einer Reihe sowjetischer Politiker bekannt gemacht und seine Gespräche mit ihnen waren sicher für die polnische Sache günstig…“

Retinger schreibt über diese Zeit Folgendes: „Meine Hauptaufgabe bestand darin, alles zu unternehmen, um polnische Gefangene, die 1939 in die Sowjetunion verschleppt wurden, zu befreien. Ich muss sagen, in den sechs Wochen meines Aufenthaltes in diesem Land, waren die Russen sehr zuvorkommend und zeigten sehr viel guten Willen, damit alle Vereinbarungen und Versprechungen eingehalten werden. Gerade als ich nach Archangelsk kam, hatte der Rundfunk im ganzen Land bekannt gemacht, dass die Polen befreit werden sollten und ohne Hindernisse reisen sollten, so dass sie ihre Botschaft kontaktieren konnten und mit ihren Familien zusammenkommen und zu der sich bildenden polnischen Armee stoßen könnten.“

Im Oktober reist Retinger mit Sikorski und Major Victor Cazalet, dem Abgeordneten im britischen Parlament und persönlicher Verbindung zwischen Churchill und Sikorski, nach Kuibyschew, wo sie auf General Anders und Botschafter Kot treffen und dann gemeinsam nach Moskau fahren, um an Gesprächen mit Stalin teilzunehmen. Die Gespräche haben einen sehr positiven Ausgang.

Die Bildung der polnischen Armee in der Sowjetunion verläuft gut, mit einer Ausnahme. Sikorski und Retinger suchen ohne Erfolg mehrere tausend Offiziere in drei Internierungslagern. Sowjetische Regierung verweigert jede Information zu diesen Offizieren. Bis zum Jahr 1943, als das deutsche Rundfunk die Nachricht über den Fund der Massengräber bei Katyń bringt. Die polnische Exilregierung fordert Informationen, was dazu führt, dass Moskau die diplomatischen Beziehungen abbricht.

Weitere Kriegsjahre zeichnen sich durch rege politische und diplomatische Tätigkeit von Retinger an Seite von Sikorski.

Februar des Jahres 1943 – Niederlage der Wehrmacht bei Stalingrad und zugleich der Sieg Stalins über die Wehrmacht – das ist die Zeit, in der Stalins Macht und Gewicht in der antideutschen Allianz entscheidend gestärkt werden. Die Engländer beginnen einen stärkeren Druck auf Sikorski auszuüben, damit er seine Politik neu, prosowjetisch orientiert. Die Lage der polnischen Exilregierung wird zunehmend schwierig.

In dieser Zeit will Sikorski polnische Anders-Armee in Nahen Osten inspizieren. Er trifft in Kairo General Anders, fährt weiter nach Bagdad und Beirut, um mit weiteren Feldherren die neue Lage Polens zu erörtern. Auf dem Rückweg fliegt er nach Gibraltar, wo er weitere Truppen besucht. Kurz nach dem Start Richtung London, versagt das Flugzeug und der General und begleitende Personen kommen ums Leben. Retinger erwartet Sikorski auf dem Flughafen Swindon. Am frühem Morgen erfährt er vom Tod des Generals. Am nächsten Tag fliegt er in Begleitung General Ujejski nach Gibraltar, um seinen Leichnam nach London zu bringen. Die polnische Exilregierung beschließt, nach Beendigung des Krieges, die Überreste nach Polen heimzufahren und auf der Burg Wawel beizusetzen. Das kann erst im Jahr 1993 geschehen!

Die Trauerfeierlichkeiten finden in der Westminster Kathedrale statt, beerdigt wird er auf dem Friedhof der polnischen Flieger in Newark.

Sikorkis Tod war für Retinger ein großer Schock und ein schmerzhafter Verlust. Er hat einen Freund verloren und mit ihm die Chance, in Zukunft seine Pläne zu verwirklichen.

Im August 1943 erscheint im Times ein langer Artikel, in dem eine Aufteilung der Einflusssphären vorgeschlagen wird: östliche und westliche. Polen wird der östlichen – der sowjetischen – zugeteilt. Das ist die Zeit, dass der Westen zunehmend mit der Sowjetunion rechnen muss. Im November 1943 kommt in Teheran zum Treffen der Großen Drei. Dieses Treffen endet mit Vereinbarungen, die die polnische Souveränität wesentlich tangieren: Roosevelt und Churchill sind mit Stalins Vorschlag einverstanden, die Ostgrenze von Polen auf der Curzon-Linie11 zu errichten. Beide denken wohl, dass mit dieser Konzession eine Garantie der Souveränität Polens erkauft werden kann.

In Angesicht der neuen politischen Lage versucht die polnische Exilregierung, mit der Führung des Untergrunds im okkupierten Land Kontakt aufzunehmen, um die Einstellung der Generelle der Untergrund-Armee in Erfahrung zu bringen: Ob man den Lauf der Ereignisse umkehren kann oder ob es ratsam ist, sich dem Schicksal zu ergeben.

Diese Herausforderung nimmt auf sich Josef Retinger, der die meiste Kompetenz und die meisten Beziehungen sowohl im Westen als auch in Polen besitzt. Des Gewichts der Mission und ihrer Gefährlichkeit ist sich Retinger sehr wohl bewusst.

Colin Gubbins, Chef der Strategic Office Executive, einer geheimen Organisation, die die Widerstandsbewegung in ganz Europa koordiniert und unterstützt, legt die konkreten Pläne der Expedition fest: Retinger wird mit dem Fallschirm über dem okkupierten Polen abgeworfen und am Ende der Mission wird er von einem Flugzeug aufgenommen und zurück nach England gebracht. Die Aktion sollte in Bari in Italien beginnen. Begleitet wird Retinger von Marek Celt, der die Bedingungen des Untergrundes gut kennt. Am 3. April 1944 startet das Flugzeug. Im frühen Morgenstunden kommt zu dem entscheidenden Moment – zum Sprung mit dem Fallschirm. Beide landen glücklich und nach drei Kilometer Marsch erreichen sie das Ziel – Dębie Wielkie bei Mińsk Mazowiecki. Die zwei Springer und 22 vom Flugzeug abgeworfene Behälter werden von Soldaten der Untergrundarmee abgeholt.

Die Hauptaufgabe von Retinger ist auszuloten, ob es Bedingungen für eine Verständigung des Untergrundes mit den polnischen Kommunisten gibt, um nach dem Krieg eine Regierung von Premierminister Mikołajczyk zusammen mit den Kommunisten zu etablieren.

Nach der Ausführung der Mission, nach vielen Komplikationen und Gefahren, verlässt er auf gleichem Wege das polnische Territorium Richtung Brindisi. Außer den Dokumenten nimmt er Teile einer V-2 Rekete mit, die – nicht explodiert – von den Soldaten der Untergrundarmee gefunden wurde. Zusammen mit Retinger flog Tomasz Arciszewski nach London. Er wird nach der Dimission von Mikołajczyk 1944 Premierminister der Exilregierung. Von Brindisi fliegt Retinger nach Kairo, wo er mit Mikołajczyk zusammen trifft.

In Polen beginnt der Warschauer Aufstand, infolge dessen die Stadt vollkommen zerstört wird.

In Jalta wird die Zukunft Europas besiegelt.

In Lublin wird die neue prosowjetische polnische Regierung ins Leben gerufen. Die Exilregierung ist marginalisiert.

In den Jahren 1945 und 1946 fliegt er noch drei Mal nach Warschau; er bringt Hilfe im Wert von vielen Millionen Pfund. Das ist Hilfe für das Land und zugleich eine propagandistische Unterstützung für Mikołajczyk, der zunehmend von den Kommunisten verdrängt wird. Diese Ausflüge finden ihr Ende, als die Kommunisten ihre Macht sichern.

In diesen zwei Jahren widmet sich Retinger auch anderen Aufgaben, die fortan seine Hauptbeschäftigung werden: dem Bau des vereinten Europas. Das Thema ist nicht neu. Schon im Jahr 1946 beruft Retinger in Brüssel die Unabhängige Europäische Liga für Wirtschaftliche Zusammenarbeit6 ins Leben. Sie wird 1948 Gründungsmitglied der Europäischen Bewegung.

Im Mai 1948 findet der gewaltige »Congress of Europe« in Den Haag statt. Die privat initiierte Konferenz bringt verschiedene Gruppen der europäischen Einheitsbewegung zusammen. Das Präsidium des Kongresses wird Churchill angetragen. Unter seiner Schirmherrschaft diskutierten über 700 Europäer, unter ihnen 18 ehemalige Premierminister und 28 ehemalige Außenminister, über die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen eines geeinten Europas. Dieser Kongress wird von vielen als die erste föderalistische Bewegung der europäischen Geschichte betrachtet. Wie einer von Retingers Freunden (Denis de Rougemont, ein schweizerischer politischer Philosoph und Vorkämpfer der europäischen Integration) später berichtet, ist es in Wirklichkeit Retinger, der hinter dem Kongress steckt. Die wichtigsten Themen, mit denen sich der Kongress in Den Haag beschäftigt, sind die Notwendigkeit einer Weltföderation, mit dem ersten Schritt eines Vereinten Europas; weitere Themen sind ein notwendiger Austausch von historischen Schulbüchern, da die Kinder Geschichte aus einem viel breiteren europäischen Blickwinkel gelehrt werden sollten, nicht mehr ausschließlich von der nationalen Seite. Dieser Kongress das ist der Beginn der Vereinigung der europäischen Staaten. Er trägt reiche Früchte: Das Europäische Rat, Europäische Bewegung, Das Europäische Kulturzentrum in Genf und Das Europäisches Kollegium in Brüggen.

Wilde Spekulationen um weltweite Verschwörung ruft Retingers nächste Initiative hervor – die Bilderberg12-Konferenz, die sich bis heute einmal im Jahr versammelt. Außer der Kenntnis um die regelmäßigen Treffen, weißt die Welt nicht viel darüber, was wiederum ein weiterer Grund für abstruse Vermutungen ist. Diese Gruppe entsteht aber aus der Einsicht, dass alle existierenden Streitigkeiten und die Gefahr einer Ausspielung von Kreml notwendig dazu führen müssen, dass die wichtigsten Persönlichkeiten der Politik, der Kultur, der Wirtschaft, sich in einem Club organisieren, in dem man die Fragen in einer informellen und diskreten Atmosphäre erörtern könnte.

Retinger nutzt alle seine Kontakte und im Jahr 1954 kommt es zu dem ersten Treffen im Hotel Bilderberg – von dem die zyklischen Treffen ihren Namen nehmen – bei Arnheim in Holland. Retinger will auch noch etwas anderes erreichen: dass durch diese Zusammenkünfte der wichtigen Persönlichkeiten von beiden Seiten des Atlantiks dem Antiamerikanismus in Europa und dem Antieuropäismus in den Vereinigten Staaten entgegen gewirkt werden kann. An dem ersten Treffen nehmen Politiker, Industrielle, Finanzleute, Wissenschaftler, Vertreter des Hochadels, der Geheimdienste, mit einem Wort, die einflussreichsten Persönlichkeiten aus Amerika und Europa, teil. Die Teilnehmerlisten werden im Nachhinein bekannt gegeben, nicht jedoch die Gesprächsthemen. Und so bleibt es bis heute. Wichtig für diese Gesprächsplattform ist es, jeweils zwei Personen aus den bedeutenderen europäischen Staaten zu finden, um so den konservativen und liberalen Blickwinkel offenzulegen. Die Bedeutung der Treffen wächst vom Jahr zu Jahr. Die Einladung zu dem Treffen wird als eine Bestätigung des internationalen Ranges der eingeladenen Person verstanden.

Die Organisation der Gruppe um den Prinz Bernhard als Vorsitzenden ist ein großer Erfolg von Retinger. In der Struktur der Gruppe nimmt er die Funktion als Generalsekretär. Im Jahr 1956 gibt Retinger eine Ausarbeitung The Bilderberg Group heraus, in der er die Ziele der Organisation darlegt und eine Bewertung der bisherigen Arbeit vornimmt. Des Weiteren bringt er eine Liste der 159 Teilnehmer.

Im Jahr 1960 stirbt Josef Retinger.

50 Jahre nach seinem Tod ist der Zusammenhalt der Atlantischen Welt ungewiss. Allen voran befinden sich die USA und Großbritannien in einer historischen Krise.

Obwohl es in Europa seit Jahrhunderten verschiedene übernationale Staatsgebilde gab, ist die Europäische Union deshalb etwas Besonderes, weil sie erstens in der Zeit des nationalen Bewusstseins der europäischen Länder zustande kam und zweitens inzwischen die meisten Länder Europa umfasst. Die bisherige Weltmachtstellung der USA befindet seit dem verlorenem Irak-Krieg im Abnehmen. Außer anderen Folgen hat dieser Prozess auch die Konsequenz, dass es den Europäern bewusst wird, dass Europa nicht zerfallen darf, sonst werden die einzelnen Länder, trotz ihrer Wirtschaftsstärke, unbedeutend und somit dem freien Spiel der aufkommenden Mächte ausgesetzt.

Die angelsächsischen Staaten, USA und Großbritannien, befinden sich, wohl unabhängig von einander, in einer gefährlichen Krise: Die Vereinigten Staaten drohen in den für sie fast natürlichen Zustand der Isolation von der restlichen Welt zu fallen und Großbritannien steht durch den Brexit erst am Anfang einer Krise mit ungewissem Ausgang.

Der amerikanische Isolationismus ist ein Zustand, nach dem die USA als Staat unwillkürlich streben. Nur eine erkannte Gefahr und eine Willensanstrengung können das Land von diesem Weg zur Umkehr zwingen. So war es nach allen Kriegen, die Amerika ausgefochten hat: beginnend mit der Unabhängigkeitskrieg am Ende des 18. Jahrhunderts, über den Sezessionskrieg, den Ersten Weltkrieg und den Zweiten Weltkrieg. Und jetzt wieder. Im 20. Jahrhundert ist der Hang zum Isolationismus deshalb durchbrochen worden, weil die Gefahr, dass amerikanische Hegemonie im Atlantik-Raum einmal durch Deutschland durchbrochen und einmal durch die Sowjetunion bedroht werden könnte.

Seit dem Ende des Kalten Krieges und dem Untergang der früheren Sowjetunion trägt die Weltordnung den Namen „Pax Americana“, was den amerikanischen Gestaltungsanspruch zum Ausdruck bringt.

Und diese Pax Americana ist jetzt bedroht durch die abnehmende Stärke der USA, allen voran die militärische Stärke. Die amerikanische Wirtschaft muss es jetzt mit der chinesischen aufnehmen. Weil es so viele Kräfte bündelt, kann USA nicht mehr so viel Aufmerksamkeit, auch Geld, der atlantischen Welt widmen. Angela Merkel hat den Epochenbruch, die Abkehr von der transatlantischen Orientierung der USA erkannt, indem sie sagte: „Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei.“ Sie sagte weiter: „Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen.“

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Die Wurzeln Europas –
Christentum, griechische Philosophie, römisches Recht

Und da sind wir wieder in Europa Anfang des 21. Jahrhunderts. Nach einer bangen Zeit der zweiten Hälfte des Jahres 2016 und der ersten Hälfte 2017 besteht jetzt wieder berechtigte Hoffnung, dass Europa grundlegend seine Zukunft neu gestalten kann. Nach dem Brexit im Juni 2016 erfasste eine große Verunsicherung das Kontinent. In so einem vergifteten Klima wucherten Nationalismen und die Stimmung drohte endgültig umzukippen. Durch den Wahlsieg in Österreich und in Holland ist das Vertrauen langsam zurückgekehrt, aber erst der Sieg von Emmanuel Macron erlaubt wieder eine berechtigte Hoffnung, dass Europa sich erneuert, dass es zu einer neuen Stärke erwächst, dass es durch die Krisen der letzten Jahre umso stärker werden wird.

Angesichts dessen, dass heutige politische und wirtschaftliche Lage tausendfach günstiger ist, als sie damals – während und unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges – gewesen war, bin ich überzeugt, dass die Erneuerung der Europäischen Union bald beginnen und, so gut wie sicher, zu einem Erfolg führen wird. Was ich nicht glaube, ist, dass die Politiker, die wir tagtäglich sehen und hören, sogar der talentierte Monsieur Macron und die erfahrene und kluge Frau Merkel, eine entscheidende Änderung in Europa herbeiführen können. Ich bin überzeugt, dass, so wie in allen bedeutenden Momenten der Weltgeschichte, im Hintergrund Menschen wirken, von denen die Öffentlichkeit kaum etwas erfährt, die aber einen maßgebenden Einfluss auf die Abläufe der zeitgenössischen Entwicklung in der westlichen Welt haben werden.

In den fast 2000 Jahren der europäischen Geschichte waren die großen Gestalten am einflussreichsten, die im Namen des Christentums gewirkt, ohne unbedingt darüber geredet zu haben, die moderne Geschichte seit der Aufklärung nicht ausgenommen. Die Aufklärung und die Französische Revolution hatten zwar die sichtbare Macht der Kirche als Institution erheblich beschnitten, und zu recht beschnitten, jedoch zur Absorption der jüdisch/christlichen Werte in der Gesellschaft geführt. So sind zum Beispiel Menschenrechte, Freiheit, Gleichheit, Solidarität, aber auch Inividualismus auf das Bild des Menschen im Alten und Neuen Testament zurückzuführen – charakteristisch ausschließlich für Judaismus und Christentum, und somit für Europa und die westliche Welt – und finden sich nicht in anderen Wertesystemen.

Ein Symbol der Union ist die blaue Europaflagge mit goldenen Sternen. Die Idee13 zur Europaflagge kam einem Belgier jüdischer Abstammung, der nach dem Krieg zum Katholizismus konvertiert war, Paul Lévi, Leiter der Kulturabteilung des Europarats, im Jahr 1955, beim Anblick einer Marienstatue, die wiederum eine Anspielung auf die Imagination aus der Apokalypse von Johannes ist: „Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt.“ (Offenbarung des Johannes 12,1): die Farbe des Himmels und die goldenen Sterne.

Bekannt ist, dass viele der europäischen Anführer aus ihren christlichen Überzeugungen Inspiration und Leidenschaft in ihrer Arbeit für die Europäische Einheit zogen. Auch Josef Retinger. Übrigens, fast alle Staatsmänner – Adenauer, Robert Schuhman, Bech, Bidault, De Gasperi und v. Zeeland –, die sich für ‚Europa’ zu jener Zeit engagierten, gehörten der spanischen Laienorganisation Opus Dei an.

Christentum, griechische Philosophie, römisches Recht – alle drei sind sie die wahren Wurzeln Europas.

***

Anmerkungen:

1. Olgierd Terlecki, Kuzynek diabła, Kraków 1988

2. Olgierd Terlecki, Kuzynek diabła, Kraków 1988

3. https://de.wikipedia.org/wiki/Österreich-Ungarn

4. https://de.wikipedia.org/wiki/Europarat

5. https://de.wikipedia.org/wiki/Europäische_Freihandelsassoziation

6. https://de.wikipedia.org/wiki/Ligue_Européenne_de_Coopération_Economique

7. https://de.wikipedia.org/wiki/Opus_Dei

8. https://en.wikipedia.org/wiki/Intermarium

9. https://de.wikipedia.org/wiki/Sikorski-Maiski-Abkommen

10. https://de.wikipedia.org/wiki/Władysław_Anders

11. https://de.wikipedia.org/wiki/Curzon-Linie

12. https://de.wikipedia.org/wiki/Bilderberg-Konferenz

13. https://www.welt.de/print-welt/article625491/Der-Sternenkranz-ist-die-Folge-eines-Geluebdes.html

Bibliografie:

1. W. Chr. Taverne, Józef Retinger und das Heilige Römische Europa, Was steckt hinter der Europäischen Einheit, Einige Fakten über Joseph H. Retinger und seine Aktivitäten, 1880-1960

2. Włodzimierz Kalicki, Retinger, gracz, który budował Europę, 2010

3. Jacek Dobrowolski, Józef Hieronim Retinger. Wielki nieobecny – legenda a rzeczywistość, 2010

4. Jeremi Sadowski, Józef Retinger i jego amerykańska teczka, 2008

5. Bogdan Podgórski, Józef Hieronim Retinger 1880-1960

6. Olgierd Terlecki, Kuzynek diabła, Kraków 1988

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• פולין – POLIN

– 2. Teil

Polin1 – Museum der Geschichte der polnischen Juden

Im 14. Jahrhundert wurden Juden aus deutschen Landen2, Spanien und Portugal, Ungarn, Frankreich, aus Moskau und Kiew, später aus England vertrieben. Sie gingen, auf Einladung des polnischen Königs Kasimir des Großen, Richtung Osten bis sie das Stück Erde gefunden haben, wo sie glaubten, sich dort niederlassen zu können. Sie fanden das Land als „ohne erbitterten Hass gegen uns wie in Deutschland“.

„Es soll so bleiben, bis der Messias kommt“, sagte später Moses Isserles. Die zugeneigte Politik der polnischen Könige bewirkte, dass Polen für die Juden in der Tat das größte europäische Haus wurde, lange Paradisus Judaeorum genannt. Man sagte – Polen war „Himmel für das Adel, Fegefeuer für das Bürgertum, Hölle für die Bauern und Paradies für die Juden“. Eine beschleunigte Entwicklung der jüdischen Kultur bewirkte, dass Polen in den nächsten Jahrhunderten tatsächlich das Zentrum der jüdischen Welt wurde. Mitte des 16. Jahrhunderts lebten in Polen 80 Prozent aller Juden!

Jüdische Bevölkerung in Polen im Jahr 1764

Weder die Juden noch die Polen strebten nach Assimilation – das war im Sinne sowohl der Rabis als auch der katholischen Geistlichkeit.   Obwohl sie die gleichen Gebiete bewohnt haben, hatten sie getrennte Administration und Bildungswesen. Trotz der Unabhängigkeit nahmen die Juden ihren bestimmten Platz in der sozialen Stratifikation ein: als das 4. Stand, nach dem Adel, dem Bauernstand und der katholischen Geistlichkeit.

Im 18. Jahrhundert – infolge der Teilungen des Königtums Polen – fanden sich die meisten Juden plötzlich im russischen und im österreichischen Imperium. Eine gewisse Isolation von dem Hauptstrom des geistigen Lebens in Europa begünstigte eine einmalige Entwicklung: Bemerkenswert viele Juden wandten sich den kabbalistischen und messianistischen Bewegungen zu, die ihren Anfang im Mittelalter nahmen: der osteuropäische Chassidismus wurde geboren und verbreitete sich rasant. Charakteristisch für diesen war eine heitere Lebensweise, ohne Askese und Sühne; die Freude am Leben, die Heiterkeit, das freudige Erwarten des Messias – das war das modus vivendi in der schwierigen historischen Zeit.

Im Jahr 1791, am 27. September, verkündete die Französische Nationalversammlung die Gleichstellung der französischen Juden. Das war der Beginn der jüdischen Emanzipation, der Bewegung vom Rand in die Mitte der Gesellschaft. In den unter dem französischem Einfluss – in der Zeit der napoleonischen Kriege – stehenden deutschen Gebieten wurden die Juden vorbehaltlos emanzipiert3. Dadurch bekam die jüdische, von Berlin ausgehende Bewegung der Aufklärung, die Haskala, erst ihre rechtliche Grundlage. Haskala, die schon früh die Juden  im östlichen Europa erreichte, hatte die Assimilation beschleunigt, aber auch die jüdische Identität gestärkt – durch Edukation in Hebräisch und in der jüdischen Geschichte. Zionismus und andere politische Bewegungen sind ihre späteren Ausläufer. Jedoch waren bei weitem nicht alle Juden von der Haskala beeinflusst, viele blieben Anhänger der von Halacha bestimmten traditionellen Lebensweise: orthodoxe Juden und Chassiden.

Juden, nicht nur in Polen, lebten über Jahrhunderte in einer Parallelgesellschaft. Es gab nach wie vor so gut wie kein Streben nach Assimilation. Diese Regel bestätigen nur die wenigen, im 18. und 19. Jahrhundert stattfindenden, Übertritte zum christlichen Glauben – was zur damaligen Zeit eine Bedingung sine qua non der Assimilation war. Die Assimilation dieser Menschen – als Beispiel können hier die Frankisten4, aber auch andere dienen, die sich für die Taufe entschieden haben – dauerte mehrere Jahrzehnte und verlief nicht ganz ohne Widerspruch, auch aus dem Grund, dass die getauften Juden ihren Platz in der Oberschicht einnahmen. Sie und ihre Nachkommen spielten eine herausragende Rolle in der Gesellschaft – in der Kultur und vor allem in der Wissenschaft.

Die Gleichstellung der Juden in den europäischen Gesellschaften bedeutete für sie eine Weichenstellung. Die Emanzipation im Osten Europas verlief jedoch langsamer, die meisten Juden lebten althergebracht in den jüdischen Vierteln der Großstädte, in Schtetln und auf dem Land. Die verspätete Entfaltung war ein Grund unter anderen, dass sich nach und nach immer mehr Juden aus den östlichen Gebieten für eine Auswanderung in Richtung Westen entschieden. Im östlichen Europa lebten nicht nur die Juden, aber auch alle anderen Gesellschaftsschichten bis zum Jahr 1939 sehr traditionell. 1921 gewährte die polnische Märzverfassung5 den Juden gleiche Bürgerrechte und garantierte ihnen religiöse Toleranz. In Polen lebten in dieser Zeit circa 3 400 000 Juden, etwa 10 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Zwischenkriegszeit, die Jahre zwischen 1918 und 1930 war sicher das Höhepunkt der kulturellen Entwicklung der assimilierten Juden, die beispiellos die Kulturszene und die Wissenschaft bereicherten. Sie leisteten einen großen Beitrag zur Musik, Malerei, Literatur, Philosophie und Mathematik. Das betrifft übrigens auch andere europäische Länder.

Nach dem Tod von Józef Piłsudski, der keinen Antisemitismus duldete, hat sich dieser, im Gleichschritt mit der Entwicklung in anderen europäischen Ländern rasant verbreitet. Es war der Un-Geist der Zeit. Die Katholische Kirche in Polen, die im 19. Jahrhundert entschieden gegen Nationalismus und Antisemitismus auftrat, begann zu dieser Zeit mit dem alten kirchlichen Antijudaismus zu spielen. Auch die besonders im Osten des Landes wirkende Partei Narodowa Demokracja, die wiederum den angeblich schädlichen Einfluss der Juden auf die polnische Gesellschaft und auf die Wirtschaft des Landes predigte, hatte entschieden zur der späteren Haltung vieler Polen, allen voran der Landbevölkerung, während des Krieges und der Okkupation vom Dritten Reich beigetragen. Die antijüdische Propaganda war massiv, sie war unerträglich. Ihr Einfluss war enorm.

Im Dezember 1939 schrieb Jan Karski6: „Das Volk hasst seinen Todfeind, die Deutschen, aber die Judenfrage bildet eine Art schmaler Brücke, wo sich die Deutschen und ein Großteil der polnischen Gesellschaft treffen.“

Und es geschah, wie es geschehen musste: Durch die Demoralisierung, die aus den Lebensumständen im okkupierten Polen resultierte, herrschten moralische Depravation, Verachtung der zehn Gebote, aber auch Gier, und so kam es dazu, dass sowohl Juden, die sich vor den Deutschen verstecken konnten, als auch ihre Retter hundert- und tausendmal von ihren Nachbarn an die Gestapo ausgeliefert wurden, was sie und die Helfenden, wie zu erwarten, das Leben kostete. Wahrlich, ein Sündenfall!

Und es waren noch mehr Menschen, die die Vernichtung der Juden begrüßten, viel mehr als die, die selbst dazu beitragen hatten.

***

Es mussten zwei Generationen vergehen, bis es möglich wurde, dass das, was lange Zeit tabuisiert war, also der genaue Verlauf der Judenverfolgung und das Verstricktsein in dieses Geschehen der Bevölkerung, sowohl der deutschen, als auch in den Ländern, die sich mit dem Dritten Reich im Krieg befanden, zu beleuchten. Polen, das 1939 als Staat aufhörte zu existieren, vom Dritten Reich sechs Jahre und von der Sowjetunion zwei Jahre okkupiert worden war, nimmt in der Geschichte der Schoah eine besondere Stellung, allein aus dem Grund, dass sich die Vernichtung der Juden auf dem polnischen Gebiet abspielte.

Die Erkenntnisse aus der Auswertung der historischen Quellen sind erschütternd. Sie zeigen, welche Kraft in der Verführung liegt.

„Verführung“ verstehe ich hier wortwörtlich, was heute ungewöhnlich, ja, semantisch nicht ungefährlich ist. Es übersetzt sich: Dem Bösen unterliegen. Und das bedeutet, die Existenz des Bösen anzunehmen. Die beiden Begriffe: das Gute und das Böse werden im heutigen Sprachgebrauch grundsätzlich abstrakt oder metaphorisch genutzt und verstanden. Ich will hier in diesen Kategorien in ihrem eigentlichen Sinne sprechen, denn ich glaube, dass nur die wortwörtliche, adäquate Bedeutung vom „Gut“ und „Böse“ helfen kann, zu verstehen, wie es möglich war, dass mitten im 20. Jahrhundert, mitten in Europa Millionen Menschen zu Tode kamen. Das Wort „Verführung“ hat in seinem Klang ein Hauch von Leichtigkeit und lässt beide Seiten des Geschehens auf einem sandigen Grund stehen. Die Schuld wird zum Ball zwischen dem Verführer und dem Verführten. Wer hat die größere Schuld? Wir wissen, in jedem von uns wohnt neben dem Guten – auch das Böse. Um das Gute im Menschen zu aktivieren ist ein waches Bewusstsein notwendig, das für eine Entscheidung – dafür oder dagegen – notwendig ist. Wenn das Bewusstsein nicht ausgeprägt ist, wenn der Mensch nicht aufmerksam ist, wenn Triebe und niedere Affekte vorherrschen, ist es ein Leichtes, der Verführung, der Manipulation zu verfallen.

Sowohl in Deutschland als auch in Polen, aber auch in den anderen Ländern, in den der Antisemitismus ausgeprägt war, war er vorerst nur verbaler Natur und hatte er in den frühen Phasen nicht den Charakter des mörderischen Hasses. Erst als die Juden vom Dritten Reich, einem Terror-Staat, mit dem Bann belegt wurden, als sie zunehmend recht- und schutzlos wurden, konnte in so vielen Menschen das in seiner Natur befriedigende Gefühl der Macht über andere aufsteigen, sich zudem durch die Massenhaftigkeit des Phänomens verstärken. Diese Macht bedeutete Macht über Leben und Tod.

Um die Verführung an dem Volk vollkommen zu machen, hatte die Staatsmacht in Deutschland die Bevölkerung an der Enteignung der Juden beteiligt. Dadurch wurde die Verstrickung in das verbrecherische System exemplarisch. Das große Vermögen hatte der Staat requiriert, dem Kleinbürger aber die Schnäppchen aus der Auflösung der jüdischen Haushalte gegeben. In Generalgouvernement erlaubte der Deutsche Okkupant der unglaublich verarmten polnischen Landbevölkerung ein Teil des jüdischen Eigentums als Belohnung für den Verrat an den sich noch versteckenden Juden für sich zu behalten – ein größerer Teil des geraubten Vermögens wanderte in die deutschen Kerngebiete. Das Böse im Menschen war erfolgreich aktiviert, die nachfolgenden Verbrechen in den unterworfenen Ländern eine logische Fortsetzung.

Nach vorsichtigen Rechnungen wurden von Vertretern der Landbevölkerung, aber auch von einfachen Banditen und zum Teil vom städtischen Lumpenproletariat etwa 60 000 bis 200 000 Juden umgebracht oder an die Deutschen verraten. Und noch schlimmer: Hunderte von Juden, die sich retten konnten, die unmittelbar nach dem Krieg aus der Sowjetunion zurückkehrten, wurden zu oft von den Menschen, die ihre Habe, ihre Häuser an sich genommen haben, ermordet.

Hier nur ein Zitat: Barbara Engelking, eine Forscherin, die zum Thema Vernichtung der Juden während des II. Weltkrieges forscht, schreibt –  „Die Dankbarkeit gegenüber Hitler für das Loswerden der Juden ist ein sich wiederholendes Motiv in den Schilderungen der Ereignisse.“

***

So wie Paul Celan, so steht die Dichterin Zuzanna Ginczanka für Möglichkeit der Poesie im »Angesicht der Shoah«: „Non omnis moriar“.

„Non omnis moriar“ ist ein Meisterwerk der polnischen Literatur. Die Sprache der Dichterin ist voller Sarkasmus und Hohn. Das scheint das einzige Mittel zu sein, über die giftigen Früchte der moralischen Verderbnis so Vieler zu schreiben. „…Transfigure the birds of prey into angels. …“

– Die rhetorische Figur: „… verwandelt Raubvögel in Engel“ ist, meine ich, die tiefgründigste Metapher in einem Werk, das die Niederung der menschlichen Seele und des menschlichen Geistes offenbart.

Zuzanna Ginczanka
(Zuzanna Polina Gincburg)

Non omnis moriar
1942
by Zuzanna Ginczanka
translated from the Polish by Nancy Kassell and Anita Safran

Non omnis moriar. My grand estate –
Tablecloth meadows, invincible wardrobe castles,
Acres of bedsheets, finely woven linens,
And dresses, colorful dresses – will survive me.
I leave no heirs.
So let your hands rummage through Jewish things,
You, Chomin’s wife from Lvov, you mother of a volksdeutscher.
May these things be useful to you and yours,
For, dear ones, I leave no name, no song.
I am thinking of you, as you, when the Schupo came,
Thought of me, in fact reminded them about me.
So let my friends break out holiday goblets,
Celebrate my wake and their wealth:
Kilims and tapestries, bowls, candlesticks.
Let them drink all night and at daybreak
Begin their search for gemstones and gold
In sofas, mattresses, blankets and rugs.
Oh how the work will burn in their hands!
Clumps of horsehair, bunches of sea hay,
Clouds of fresh down from pillows and quilts,
Glued on by my blood, will turn their arms into wings,
Transfigure the birds of prey into angels.

Zuzanna Ginczanka (eigentlich Zuzanna Polina Gincburg; 1917–1944), eine junge polnische Dichterin, versteckt sich in Lemberg, einer bis zum 17. September 1939 polnischen Stadt, die nach diesem Datum unter sowjetische Verwaltung fällt, einer Stadt, die nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 zu einer Falle wird für alle hier lebenden Juden. Ginczanka, geplagt und gequält von Erpressern, den Schmalcowniks entgleitend, unterliegt indessen im Herbst 1944 in Kraków, wo sie sich zu dieser Zeit versteckt, einer Denunziation: Sie fällt in die Hände von Gestapo und wird 27jährig – weil sie Jüdin ist – erschossen.

***

Nach dem Krieg herrschte bei den Menschen jahrzehntelang eine Sprachlosigkeit, ein Beschweigen der Leere. Diese war übrigens nicht immer wahrnehmbar, vor allem für die später Geborenen: Die Häuser, die Wohnungen und Werkstätten aus dem jüdischen Eigentum wurden besetzt und angeeignet. Eine gewisse Sprachlosigkeit – wohl der Ausdruck von einem diffusen Schuldgefühl – war da. Einer Schuld, die auch heute von vielen geleugnet wird. Es gab also etwas, worüber man im Allgemeinen ungern sprach.

Ich hörte fremde Namen, die der Vergangenheit gehören, ich hörte von Gegebenheiten, die kein Entsprechen in der neuen Zeit hatten und von Menschen, die nicht mehr da waren. Es waren einfach zu viele abwesend, dass man dies als einen normalen Lebensgang hätte verstehen können. Es waren Lektüren, es waren Gedichte, die von etwas erzählt hatten, das man nicht immer verstand. Was fehlte, wer fehlte – über das sprach man nicht viel und wenn, dann mit gedämpften Stimmen, irgendwie ungern. Ich schaute Bilder in den Familienalben und ich hörte von Menschen, von denen jemand entschied, dass sie nicht leben sollten.

Im Museum wurde das polychromierte hölzerne Gewölbe der 1942 zerstörten Synagoge in Hwisdez (Gwoździec) rekonstruiert

Hier muss ich erwähnen, dass ich meine Jugendjahre in einer Stadt verbracht hatte, die nicht weiter als 50 Kilometer von der Ortschaft entfernt ist, die für immer in die Weltgeschichte einging – auf die denkbar negative Weise: von Auschwitz. Die Nähe, aber auch die Tatsache, dass mein Vater nicht über lange Zeit, aber immerhin, das Leben und Sterben in dem KL Auschwitz sich anschauen musste, das alles warf einen langen Schatten auf meine Kindheit und Jugend. Es wurde nicht viel darüber gesprochen, vor allem Vater, wie alle Überlebenden, sprach nicht, und wenn, dann nur auf mein aufdringliches Nachfragen. Jedoch mit der Zeit konnte ich mir ein Bild von dem machen, was in der Zeit der Okkupation geschehen war. Das Bild über das Leben  v o r  diesem Krieg war bei mir jedoch sehr schattenhaft und das Wissen darüber voller weißer Flecken. Der Krieg stellte eine Zäsur dar, die ich erst viel später fassen konnte in ihrer Bedeutung. Als Kind empfand ich die Vergangenheit, die Zeit vor dem Krieg, als eine längst vergangene Epoche, eine Zeit vor der Sintflut. Es gab überhaupt keine Kontinuität. Vor dem Krieg und nach dem Krieg – das waren – in diesem Land besonders – ganz andere Welten.

Erst allmählich hatte sich ein Bild des Landes aus der Vorkriegszeit vor meine Augen gestellt, am auffälligsten war die Konstatation: Es war bis zum Kriegsausbruch ein Staat mit vielen Nationen. Das stand im Kontrast dazu, was ich selbst in dem Land sah: Eine homogene Bevölkerung, beschnittene Grenzen, fremde Gebiete und eine für mich wahrgenommene, aber mit den Augen nicht gesehene, Leere. Was fehlte denn? Was geschah mit den Menschen, mit den Völkern, die jetzt nicht mehr da waren? Ich hörte, die deutsche Minderheit hat das Land mehr oder weniger freiwillig verlassen, einige blieben, man konnte jedoch nicht mehr über eine deutsche Minderheit sprechen. Die Ukrainer sind mit den östlichen Gebieten des früheren Polen der Sowjetunion einverleibt worden. Die Juden, das ganze Volk, dass im östlichen Polen seit Jahrhunderten gelebt hatte, war vernichtet, ermordet. Wie sich das genau zugetragen hatte, erfuhr ich erst in Laufe der Jahre, denn in der stalinistischen Zeit hatte man mit Gewalt historische Politik betrieben: Statistiken gefälscht, Tatsachen verschwiegen und verfremdete Narrative als die einzig wahren zum Glauben gegeben. Ich wusste nicht, wie wenig diese „Wahrheiten“ mit den Fakten zu tun hatten. Erst in der Zeit nach dem Jahr 1989 konnte man frei forschen und endlich die Geschichte erzählen.

Für mich persönlich, so wie für viele aus meiner Generation, bedeutete erst das Jahr 1968 einen Durchbruch. Im März dieses Jahres – das Thema behandele ich genauer in diesem Artikel – erlebte ich einen atavistischen Überfall der Kräfte, die gänzlich die alten Dämonen waren – Antisemitismus und Nationalismus: Plötzlich brach eine politisch organisierte, von den Machthabern angestrebte antisemitische, furiose Aktion vom Zaun. In Folge des Pogroms ohne Blutvergießen hatten etwa 20 000 Juden Polen verlassen. Diese Kampagne, obwohl sie gegen die Juden gerichtet war, die in der stalinistischen und der poststalinistischen Zeit hohe Stellungen im Partei- und Staatsapparat einnahmen, betraf allen voran assimilierte polnische Juden, die sich ergeben für das Wohl des Landes eingesetzt haben: Freiberufler, Wissenschaftler, Journalisten und – Studenten. Diese Aktion hatte dem Land großen Schaden zugefügt und das Ansehen des Landes im Westen, vor allem in den USA nachhaltig beschädigt. Obwohl diese vertriebenen Juden sich sehr schnell in den neuen Gastländern zurecht fanden und schnell integriert waren, blieben viele dem alten Land doch zugeneigt. Es verband sie doch so viel mit Polen! Ein nicht geringer Teil der „März-Emigranten“ hatten aus dem Ausland, angeschlossen an die Organisationen, die die Opposition in Polen unterstützt hatten, für die Freiheit von der Sowjetsystem gefochten.

Beim Fall des Kommunismus im Jahr 1989 lebten nur noch 5 000 bis 10 000 Juden im Land, von denen viele es vorzogen, ihre jüdische Herkunft zu verbergen.

Aber der Antisemitismus ist nicht ausgestorben. Sogar das Museum ist manchem Antisemit ein Dorn im Auge.

* * *

Das Museum der polnischen Juden – Polin – wurde feierlich im Oktober 2014 eröffnet. Es ist auf dem Gebiet des ehemaligen jüdischen Viertels und des späteren Ghettos platziert. Es ist für wechselnde Ausstellungen und eine ständige Ausstellung über die Geschichte der polnischen Juden vom Mittelalter bis heute konzipiert. Es bildet die größte kulturelle Investition in Warszawa. Ich meine auch, die beste. Aber auch die traurigste. Es füllt die Leere nicht.

Anmerkungen:

Polin (hebr. פולין) – Name Polens (gespr. pojln). Museum der Juden in Polen – das Museum befindet sich im Zentrum von Warschau, im Stadtteil Muranów. Es dokumentiert die Jahrhunderte dauernde Geschichte der Juden in Polen.

2 Die einzige jüdische Gemeinde in Deutschland ist in Frankfurt am Main geblieben.

3 „In den deutschsprachigen Staaten wurde die rechtliche Gleichstellung der Juden nicht in einem einmaligen staatlichen Hoheitsakt erreicht, sondern allmählich und in vielen Einzelschritten von 1797 bis 1918.“ – Wikipedia, Jüdische Emanzipation

4 Die Frankisten, aber auch Nichtfrankisten, die sich taufen ließen, hatten bei der Taufe neue Namen bekommen, meistens waren es Namen der Taufpaten, die somit diese Juden adoptiert haben, aber auch Namen, die künstlich gebildet wurden. Die Neophyten verstanden sich oft als dem Adelstand zugehörig.

5 Der polnische Staat entstand nach 120-jähriger Nichtexistenz erst im Jahr 1918, nach dem 1. Weltkrieg, im Zuge des Versailler Friedens.

6 Jan Karski, eigentlich Jan Kozielewski, war ein polnischer Offizier und Kurier der Polnischen Heimatarmee. Der Jurist und Diplomat zählte zu den wichtigsten Zeugen des Holocaust.

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• »…dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng…«

– 1. Teil

Zygmunt Bauman:
Alexander Sołżenicyn in der Zeit seiner Verbannung schlug seinen Landsleuten „einen Tag ohne Lüge“ vor; er meinte, es reicht ein Tag und das sowjetische System bricht zusammen. Ob er recht hatte, erfahren wir nie, die Vorstellung war aber nicht mehr absurd als das System, auf das sie sich bezog.

Diese Worte gelten für jedes totalitäre System, denn diese sind auf Lügen gebaut. Heute, als es schon möglich ist, die unvorstellbaren Verbrechen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts genau zu untersuchen – die Archive, die über Jahrzehnte…

geschlossen waren, stehen nun seit 20 Jahren zur Verfügung – heute, als die dritte Generation nach dem Geschehenen sich dieser Materie annimmt und Bücher erscheinen, die die Verbrechen und ihre Opfer nicht nur ziemlich genau aufzuzählen in der Lage sind, aber diese Menschen auf dem letzten Weg, kurz vor ihrem Tod noch einmal wie lebendig erscheinen lassen, diese Bücher sind dick und schwer. Die Bilder, die bei der Lektüre entstehen, sie reißen den Leser in die Abgründe. Es stellt sich die Frage, wo der erste Anfang, der Ursprung dieser Verbrechen war. Und vor allem: Wann war es möglich umzukehren? Und noch etwas: Wer hätte die Macht, die Umkehr zu bewirken?

„Eichmann in Jerusalem – Ein Bericht über die Banalität des Bösen“ – so Hannah Arendt. Sie zeigt, wie mühelos sich Menschen in furchtbarste Verbrechen verstricken, ihnen dabei sogar den Anschein des Guten geben können und diese Verbrechen auf einmal als ihre Lebensaufgabe betrachten und sie so erscheinen lassen. Mich aber interessiert hier, was der Urbeginn, was der aller erste Schritt auf diesem Weg ist, auf dem die Umkehr nicht mehr ohne Anwendung großer Gegengewalt möglich ist.

Was ist also die erste Station auf dem Weg bis hin zum Massenmord?

Eines ist klar, am Ende dieses Weges sind Menschen, die wie Roboter andere Menschen töten – wie Roboter, weil sie nicht mehr imstande sind, ihr aller Menschlichstes, das Gewissen, sprechen zu lassen. Und Massengräber krönen das Werk.

Wie war es also möglich, damals, vor 70 und 90 Jahren in Osteuropa? Und, nicht weniger wichtig zu fragen: Kann es heute oder morgen wieder möglich sein?

Die ganze Zivilisationsgeschichte gibt Zeugnis dafür, dass der Mensch vor sich selbst, vor seiner eigenen Natur geschützt werden muss. Mit Gesetz. Im Anbeginn der Zivilisation ist Moses, der der Menschheit etwas schenkt, was er vorgibt, von Gott bekommen zu haben, die Zehn Gebote. Sie werden im Verlauf der Jahrtausende, durch die ganze Geschichte der Zivilisation hindurch in jedwede Morallehre und jedwede Gesetzgebung eingehen. Diese zehn Gebote kommen an den Menschen scheinbar von Außen heran, in Wirklichkeit sind sie jedoch tief in der menschlichen Seele eingeschrieben. Die biblische Erzählung spricht eigentlich nur vom Bewusstwerden der ordnenden Kraft dieser Ge- und Verbote im zusammenleben mit anderen Menschen und im individuellen – von der Gewissensbildung.

Was ist das aber für eine Kraft, die im Menschen das Gewissen ausschaltet und im Rechtsleben einer Gesellschaft die Regel so verändert, dass die einer Menschenseele immanenten Gebote sich in ihr Gegenteil umkehren? Was passiert da? Ein alter Topos zeigt die menschliche Seele als Schauplatz eines ewigen Kampfes. Man sagt, es ist der Kampf zwischen entgegengesetzten Kräften, zwischen Leben und Tod, zwischen Gut und Böse. Was muss aber passieren, dass das Gute im Menschen verliert und das Böse gewinnt?

Was markiert eigentlich den Beginn? Wann begibt sich der Mensch auf die abschüssige Bahn?

Festzustellen ist, dass am Anfang auf die im Menschen im Verborgenen stark wirkenden Kräfte – Neid und Hass, Gier und Hochmut – stets eine Lüge trifft. Lüge – die selten als solche erkannt wird – verwandelt Neid und Hass und Gier in dämonische Kräfte. Das alles klingt naiv und passt scheinbar in unsere aufgeklärte Welt nicht mehr. Es ist aber nicht naiv und es wäre gut, fände diese Sprache zurück in unser Bewusstsein – nicht nur als Metapher.

Anna Achmatowa:
»Ich wollte sie alle mit Namen nennen,
Doch man nahm mir die Liste, wer kennt sie noch?«

Die neuere Geschichte des alten Europas ist eigentlich eine Geschichte der Eroberungen. Als es im Okzident zu eng wird, machen sich mutige und abenteuerfreudige Menschen auf den Weg, um weit von der europäischen Zivilisation entfernte Länder zu erkunden und zu erobern – und dabei neue Quellen des erhofften Reichtums zu erschließen. Schiffe der englischen und der spanischen, der französischen, portugiesischen und der niederländischen Flotte fahren hinaus, um für ihre Könige die Schätze der Welt zu erobern. In noch früheren Jahrhunderten waren es die Händler, die die begehrten Waren von entfernten Ländern brachten, ab jetzt geht es aber darum, diese nicht mehr zu kaufen, sondern die Rechte für die Exploration der Natur- und Kulturschätze für sich zu sichern. Gerne unter dem Vorwand, den christlichen Glauben verbreiten zu wollen oder neue Freiheit für sich selbst zu finden. Beides legitime Motive, deren Verwirklichung jedoch stets das Leben der Einheimischen kostet. Trotz dieser Tatsache wird der Welteroberung, der Kolonisation ganzer Länder und Kontinente ein Anschein des zivilisatorischen Wirkens gegeben.

Im 19. Jahrhundert versucht Deutschland auf dem Gebiet der kolonialen Eroberungen zwar mit den westeuropäischen Ländern Schritt zu halten. Die deutschen Eroberungen in Afrika sind jedoch ineffizient, wenn auch blutig und grausam; auf den entfernten Kontinenten sind die anderen westlichen Eroberer erfolgreicher. Für Deutschland ist es aber nicht Afrika, nicht Asien, sondern der Osten Europas das wahre Ziel und die Stoßrichtung der Eroberungen, des angestrebten Machtzuwachses. Wenn in früheren Jahrhunderten eine friedliche Besiedelung fremder Gebiete möglich ist und deutsche Siedler gen Osten ziehen, um die nach den Tatareneinfällen entvölkerten Gebiete in Besitz zu nehmen, oder den jungen polnischen Städten das Handwerk zu bringen, so ist es etwa seit dem 18. Jahrhundert, als Friedrich der Große sich anschickte, zusammen mit dem Zar und der ihnen zur Hilfe eilenden Maria Theresia das große traditionsreiche Königtum Polen sich einzuverleiben, ganz anders. Jetzt geht es darum, große Gebiete samt der Einwohner zu besetzen. Dem eigenen Volk, dem man doch Sinn für Gerechtigkeit unterstellt, muss man das offensichtliche Unrecht erklären und letztendlich schmackhaft machen. Und wie geht es am besten? Mit Lüge doch, mit Propaganda. Und mit Gewinnversprechen.

Friedrich II. begründet die Einverleibung großer Gebiete Polens mit der angeblichen Unfähigkeit der Polen, einen eigenen Staat zu bilden, ihn zu verwalten und letztendlich zu erhalten. Trotz der zu dieser Zeit im Königreich Polen laufender großer Reformanstrengung, trotz des ersten modernen Grundgesetzes in Europa unterliegt dieser Staat der militärischen Macht der drei Anrainerstaaten, die übrigens in Gegensatz zu Polen allesamt absolutistische Monarchien sind. In Laufe der Zeit, mit dem wachsenden Nationalismus, erklärt man die eigene Macht- und Geldgier mit der Behauptung, die Deutschen als Kulturträger hätten im Osten Europas eine Zivilisatorische Mission zu erfüllen. Wie wohlklingend diese Lüge.

Die aus deutschen Landen in das Gebiet des Königtums Polen eingewanderten Kolonisten der früheren Jahrhunderte verschmelzen bis auf ihre Namen – diese überdauern einzig die Zeit – mit der alt eingesessenen Bevölkerung. Die Assimilation ist so gut wie vollständig, die Deutschen werden vielmals zu glühenden polnischen Patrioten. Diese friedliche Einwanderung, die in Assimilation mündet, nimmt zur Zeit der Teilungen ein Ende. Jedoch bis zum Vormärz ist auf dem deutschen Gebiet keine ideologische, geschweige denn rassistische Einstellung zu den östlichen Nachbaren anzutreffen. Erst als sich die Nationalversammlung in der Pauluskirche im Namen des Nationalinteresses entscheidet, die Einverleibung der polnischen Gebiete festzuschreiben, findet ein Paradigmenwechsel statt – aus einer demokratischen Bewegung wird eine konservative und imperiale. Und durch diese Entwicklung wird die deutsche Ostpolitik des nächsten Jahrhunderts impliziert.

Aufgrund einer massiven Propaganda wandelt sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Bewusstsein der Deutschen im Bezug auf die Kolonisierung der Ostgebiete und zwar im Sinne des nationalen Hochmutes und des Chauvinismus: Die ab 1871 militärisch durchgesetzte Unterdrückung und Germanisierung der östlichen Gebiete wird legitimiert durch die geglaubte Kulturlosigkeit der Polen und eine – tatsächliche – Rückständigkeit des Landes. Es gipfelt in dem Versuch, den Polen die Fähigkeit zu historischer Existenz als Nation abzusprechen, was seinen Ausdruck im Kulturkampf fand, im Kulturkampf, der sich im Westen als Konflikt zwischen dem Staat und der katholischen Kirche äußert, im Osten jedoch einen antipolnischen Charakter besitzt. So werden die Polen zu Bürgern zweiter Klasse, die Landbesitzer werden enteignet, die Landbevölkerung durch neue Ansiedlung aus dem Westen, zurückgedrängt. Schriftsteller wie Gustav FreytagHeinrich von Treitschke oder Max Weber bringen ihre Verachtung und ihr Hass auf die Polen in ihren viel vom deutschen Bürgertum gelesenen literarischen Werken zum Ausdruck. Der lügnerische Stereotyp, die Deutschen seien in Osteuropa die „Kulturträger“ hat sich über fast zwei Jahrhunderte in der deutschen Mentalität so tief festgesetzt, dass er noch heute öfters als erwartet in einem Gespräch zum Vorschein kommen kann.

Ein anderes Bild ergibt in dieser Zeit eine diffuse Angst vor dem russischen Volk, Angst, die von Bewunderung auf der einen Seite und Hass auf der anderen begleitet wird. Diese Ambivalenz ist ein Zeichen der gegenseitigen Anziehungskraft der beiden Völker. Seit der Öffnung des östlichen Landes während der Herrschaft von Zar Peter dem Großen spielen die westlichen Eliten eine große Rolle bei der Modernisierung des Landes. Der Kampf gegen Napoleon verbindet das russische und das deutsche Volk, in der Volkstradition der deutschen Landen hingegen bleiben Russen eine grausame, menschenfeindliche, wilde Masse. Dieses enthumanisierte Bild bleibt beherrschend auch in der Zeit des Nationalsozialismus und des 2. Weltkrieges.

In der ersten Hälfte de 20. Jahrhunderts nimmt der alles beherrschende Hass gegen die Polen und gegen den nach dem Versailler Frieden entstandenen polnischen Staat – und auch der Hass gegen die Russen – bisweilen infernale Züge, es wird klar, dass es über kurz oder lang zur einer Katastrophe kommen muss. Die schiefe Ebene, die vom Leben weg führt zum Tod, gibt keine Gelegenheit mehr zur Umkehr.

Zurück in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts: Eine andere Migrationsbewegung findet statt: Aus dem zaristischen Russland, in erster Linie aus Litauen und Weißrussland und aus der habsburgischen Monarchie, aus Galizien und Ukraine, ziehen nach Deutschland, allen voran nach Berlin, die Juden. Gebildet und bildungshungrig wie sie sind, finden sie erstaunlich schnell Anschluss an das wirtschaftliche und kulturelle Leben Deutschlands. Die Tatsache, dass sie in der ersten, spätestens in der zweiten Generation, viele wichtige Stellen im Staat und Gesellschaft einnehmen, wird ihnen schnell zum Verhängnis: Der zuerst im Verborgenen wirkende Neid und der um sich greifende Hass werden durch den 1. Weltkrieg und die nachfolgenden wirtschaftlichen Krisen weiter gesteigert, die Propaganda, ein Gebäude aus ungerechtfertigten Schuldzuweisungen, Lügen und Halbwahrheiten verfällt nicht ihre Wirkung. Und endet im Völkermord.

Infolge Hitlers Wahnvorstellungen von einem Lebensraum, den man auf Kosten von zig Millionen Menschenleben beabsichtigt zu erobern, kommt es erneut zum Krieg. Außer der unter Vertreibung und Aushungerung erfolgten Eroberung der osteuropäischen Gebiete, ist die Lösung der „jüdischen Frage“ das weitere Ziel dieses Krieges. Als sich herausstellt, dass es nicht gelingen wird, 30 Millionen vor allem Russen und Weißrussen verhungern zu lassen, dass also das wichtigste Ziel des Krieges, den Lebensraum für die Deutschen zu erobern, nicht erreicht werden kann, wendet sich die Kriegsmaschinerie ihrem zweiten Ziel, der „Judenfrage“ zu. Und die Utopie, Europa ohne Juden zu schaffen, wird durch die Vernichtung eines Volkes erreicht, das seit Jahrhunderten vor allem in den Gebieten von Ostpolen, Litauen, Weißrussland und der Ukraine lebt.

Die Lüge, mit der das deutsche Volk seit zwei Jahrhunderten genährt wird, wirkt so mächtig, dass sie aus Menschen gemeine Mörder macht, Mörder, denen man es beigebracht hat, Verständnis für Gut und Böse umzukehren. Die Befriedigung von Gier ist in dieser Zeit die zweite Säule des Erfolgs von Hitlers Staat. „Gestützt auf glänzend ausgebildete Experten, transformierte die Regierung Hitler den Staat im Großen in eine Raubmaschinerie ohnegleichen. Im Kleinen verwandelte sie die Masse der Deutschen in eine gedankenlose, mit sich selbst beschäftigte Horde von Vorteilsnehmern und Bestochenen. Diese Politik des gemeinnützigen Ausraubens fremder Länder, so genannter minderwertiger Rassen und Zwangsarbeiter, bildet den empirischen Kern meiner Studie“schreibt Götz Aly während der Debatte, die er mit seinem Buch „Hitlers Volksstaat“1 entfacht hat.

Dieses „man darf es“ – morden und rauben – erstreckt sich selbst auf die vom Hitler unterjochten Völker. Zwar ist der Hass auf Juden auch in Osteuropa seit dem 19. Jahrhundert lebendig, gern durch die katholische Kirche unterstützt, jedoch das absolute Aushebeln aller moralischen und rechtlichen Regeln geht auf die verhältnismässig kurze Zeit der Nazi-Herrschaft in Europa zurück. Als der uralte Hass auf Juden auf Ansporn und generelle Billigung durch die Okkupationsmacht trifft, erlebt Osteuropa eine beispiellose Orgie von Mord und Raub: Es morden und plündern nicht nur die berüchtigten deutschen Einsatzgruppen, sie finden willige Helfer bei vielen polnischen Bauern, die sich gern des jüdischen Eigentums bemächtigen und es geht hin bis zum späteren jahrelangen durchwühlen der Erde in den früheren Vernichtungsstätten von Treblinka, Bełżec, Sobibór. Auch die von den Deutschen entsprechend geschulten Mordhelfer kommen aus der Ukraine, aus Litauen, um hier nur die Schaulissen2, die litauischen SS-Männer, zu erwähnen, die sich durch besondere Grausamkeit hervortun, die mit der schon dem Untergang geweihten Armee gen Westen gehen, mordend und mordend.

Das sind die Hauptthemen der Bücher von Tymothy Snyder und Götz Aly. Sie sind der Beginn einer Anstrengung, nach 65 Jahren seit dem Beenden des Krieges, viele bis dahin unbekannten und nicht ausgewerteten Quellendokumente der Nachwelt zu erschließen. Diese Auswertungen sind für den Leser erschütternd. Sie müssten für die heutige und zukünftige Welt eine tief wirkende Mahnung sein. Das ist der Wunsch, wie ist aber die Wirklichkeit? Eine wichtige Frage ist dabei: Werden die Erkenntnisse überhaupt aufgenommen und wenn ja, werden sie nicht sogleich verdrängt?

Die Erfahrungen der Nazizeit und des Krieges sind so schrecklich, dass die Vorstellung, eine Lehre muss daraus gezogen worden sein, nicht abwegig ist. Es verhält sich aber nicht überall so. Erschreckend ist, dass heute in Deutschland wieder – und das verdanken wir der unaufhörlichen Arbeit der Chefin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach – die alten Lügen und neue hinzu verbreitet werden. In einer aktuell durch das Hessische Sozialministerium verbreiteten Schrift zum Thema Vertreibungen, aus der Feder von Alfred de Zayas, werden folgende Thesen verbreitet:

– Als Ursache für die „größte Vertreibung der Geschichte“ wird u.a. „der dynamische slawische Nationalismus des 19. Jahrhunderts“ genannt.

– Der Zweite Weltkrieg sei „zwar der Anlass, nicht aber die Ursache“ des schrecklichen Schicksals der Heimatvertriebenen.

– Die Mehrheit der Deutschen habe bis 1945 vom Holocaust nichts gewusst.

– Die Vertreibungen hätten den Charakter des Völkermordes.

– „Die Vorstellung, vollgezogene Vertreibungen seien unumkehrbar, ist weit verbreitet, aber nicht zutreffend.“

– Die Flüchtlinge und Vertriebenen hätten nicht nur Anspruch auf Rehabilitierung und Wiedergutmachung, sondern „ein Recht auf Rückkehr und Eigentumsrückgabe“.

Bei der Lektüre dieser Schrift vergeht einem der Glaube daran, dass aus der Erfahrung des Zweiten Weltkrieges dauerhaft Lehren gezogen werden. Verbreitet werden weiter Lügen.

Wenn es aber in der westlichen Welt im Großen und Ganzen so zu sein scheint, als hätte der Mensch aus dem Geschehenen gelernt, scheint der Hass auf die Juden und ihren Staat in der arabischen Welt an Boden zu gewinnen. Der Vernichtungswille der Nazis wird von vielen Muslimen übernommen – und weiter entwickelt. Diese Tradition reicht in die Zeit des Mufti von Jerusalem (Muḥammad Amīn al-Ḥusainī)3, lebt aber seit der Gründung des jüdischen Staates ein neues Leben. Kurz gesagt: Die arabischen Völker werden, zusätzlich zu dem ursprünglichen muslimischen Antisemitismus, unentwegt mit der alten europäischen Lügen gespeist – Lügen, deren Wirkung ganz und gar bekannt ist aus Europa –, um den Hass lebendig zu erhalten und die Menschen für eine Vernichtung des jüdischen Volkes zu präparieren. „Protokolle der Weisen von Zion“4 werden in neuen Auflagen herausgegeben, sie werden verfilmt. Seriöse arabische Zeitungen bitten eine Plattform für die Thesen aus den „Protokollen…“ und diese Tatsache wird kaum beachtet. Was psychologisch bedeutet, diese Thesen finden beim Leser Eingang – ob bewusst, oder unbewusst – und werden durch nichts abgewehrt.

Der arabische Antisemitismus ist im Nahen und Mittleren Osten weit verbreitet, diese Tatsache findet erstaunlicher Weise nicht genügend Beachtung in der europäischen Öffentlichkeit.

Mahmud Ahmadinedschad, der iranische Präsident, bringt den muslimischen Antisemitismus auf den Punkt: Mit seinen aggressiven anti-israelischen Äußerungen und den Aufrufen zum bewaffneten Kampf gegen Israel erregt er Aufsehen in der ganzen Welt. Die Gefahr, die aus der Tatsache, dass Iran Atomwaffen anstrebt, resultiert, wird wahrgenommen, die Welt hat jedoch – außer Sanktionen – keine Antwort darauf. Die Sanktionen sind völlig unzureichend, das Atom-Programm wird weiter verfolgt. Zwar ist es kein Geheimnis, dass das vermehrte Aufrüsten im Iran allen voran der Stärkung der Position in der umliegenden arabischen Welt dient, die Gefahr für Israel ist dadurch jedoch nicht geringer. Die unter Palästinenser wirkenden, mit Iran verbündeten und von ihm abhängigen Kräfte stellen eine unmittelbare Gefahr für den Staat Israel dar. Israel das Existenzrecht abzusprechen, kann um so leichter Realität werden, da Ahmadinedschad sich seit Jahren in Vernichtungsvorhersagen ergeht. Ein Gipfel der anti-israelischen und damit auch der anti-jüdischer Propaganda erreicht er mit Veranstaltungen, die an die breite internationale Öffentlichkeit – bei den Vereinten Nationen oder bei den berüchtigten Konferenzen vom 2005: „Eine Welt ohne Zionismus“ und der Holocaustleugnungs-Konferenz (International Conference on «Review of the Holocaust: Global Vision») im Jahr 2006, gerichtet werden, in denen diverse Verschwörungstheorien ausgebreitet werden und vor allem der Holocaust geleugnet wird.

„Der Holocaust sei als Mythos instrumentalisiert worden, um einen Judenstaat in der islamischen Welt zu gründen.“ In einem Spiegel-Interview im Jahr 2006 äußerte Ahmadinedschad, wenn es den Holocaust gegeben hätte, seien die Europäer und Amerikaner für die Verbrechen an den Juden verantwortlich und ein jüdischer Staat hätte auf ihrem Boden errichtet werden müssen. Das deutsche Volk trage heute jedoch keine Schuld mehr und müsse erkennen, dass es eine „Geisel des Zionismus“ sei. Der Politikwissenschaftler Hubert Kleinert bezeichnete das Interview als beispiellos: „Ein leibhaftiger iranischer Staatspräsident, nicht irgendein Neonazi oder obskurer Außenseiter der historischen Forschung, verbreitet sich per Interview seitenweise über die angebliche Ungeklärheit des Holocaust. Ganz unverhohlen werden dabei auf ebenso schlichte und törichte wie zugleich erschreckende Weise die zentralen Argumentationsfiguren wiederholt, die hierzulande für gewöhnlich zu Haftbefehlen und Verurteilungen führen, wenn sie in der rechtsextremen Szene öffentlich geäußert werden: danach sei die Holocaust-These in erster Linie ‚politisch motiviert‘, andere Auffassungen und ‚Wissenschaftler‘ würden unterdrückt, verfolgt und ins Gefängnis gesteckt.“ (Wikipedia)

Die wahren Gründe für das Phänomen des arabischen Antisemitismus sind unterdessen die weit verbreitete Wahrnehmung der Muslime, sie seien ohnmächtige Opfer irgendwelcher global agierender Kräfte. Sowohl die Kolonialgeschichte als auch die Gründung des Staates Israel dienen als Bestätigung der These, die fremden Mächte wollen die arabische Welt schwächen und in der Konsequenz beherrschen. Wie auch in Europa früher lenkt heute der arabische Antisemitismus von den tatsächlichen Problemen der Region ab. Auf der Grundlage der dem Menschengeschlecht innewohnenden Neid und Hass gedeihen bestens der arabische Antisemitismus und Antizionismus, beide im Grunde immer auf starken Minderwertigkeitskomplexen basierend.

Neu ist, dass sowohl in der arabischen Welt als auch in Europa des Öfteren Zionismus mit Nazismus gleichgesetzt wird.

Der Kreis schliesst sich.

Umkehren auf diesem Weg zum Verbrechen hin war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts angesichts des auf Lügen gebauten Systems nicht mehr möglich. Der lange Marsch musste in einer Katastrophe enden. Das gilt für alle totalitären Systeme und muss auch heute beachtet werden.

Am Anfang habe ich die Frage gestellt, ob sich die Geschichte der Vernichtung einer Menschengruppe oder eines Volkes in Europa wiederholen kann. Die gleiche Frage wird vom Timothy Snyder5 gestellt und bejaht, auch Götz Aly ist im Bezug auf diese Frage pessimistisch: „Ein Ereignis, das dem Holocaust der Struktur nach ähnlich ist, kann sich wiederholen. Wer solche Gefahren mindern will, sollte die komplexen menschlichen Voraussetzungen betrachten und nicht glauben, die Antisemiten von gestern seien gänzlich andere Menschen gewesen als die Heutigen.“6

1 Götz Aly: „Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus“, S. Fischer, Frankfurt am Main, 2005

2 Schaulissen (lit. šaulys – Schütze) Zum Zeitpunkt des Rückzugs russischer Armee im Jahr 1941 beteiligten sie sich an einem antisovietischen Aufstand, der sich auch in Morden an Juden geäußert hat. Litausche Hilfspolizei hat sich verdient gemacht bei der Jagd nach den sich versteckenden Juden, die dann zu den Exekutionsstätten transportiert wurden.

3 Amin el-Husseini (ca. 1895-1974), der Mufti von Jerusalem, war zu seiner Zeit die höchste religiöse wie auch politische Autorität der Palästinenser. In den 30er und 40er Jahren kollaborierte er offen mit den Nationalsozialisten, 1941-1945 lebte er in Berlin. Sein nationaler Extremismus, sein offener Antisemitismus und sein Bündnis mit dem Faschismus diskreditiert die Sache der Palästinenser bis heute.

4 Trotz mehrfach erbrachter Beweise, dass es sich bei den Protokollen um eine Fälschung handelt, glauben noch heute Antisemiten und Anhänger von Verschwörungstheorien in der ganzen Welt an ihre Authentizität oder Wahrheit. Wer der Verfasser ist, ist nicht gesichert. Weit verbreitet ist die Ansicht, dass sie in den Kreisen der zaristischen Geheimpolizei Ochrana zu suchen sind. (Wikipedia)

5 Timothy Snyder: „Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin“, C. H. Beck, München, 2011

6 Götz Aly: „Warum die Deutschen? Warum die Juden?“, letzte Seite, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011.

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• Die Bedeutung des Verzeihens

Kein einfaches Thema, was ich heute aufnehmen möchte: Das Verzeihen und die Vergebung der Schuld im Lichte der fünften Bitte aus dem Vaterunser.

Die ersten drei Bitten: „Geheiligt werde Dein Name“„Dein Reich komme“„Dein Wille geschehe…“ beziehen sich grundsätzlich auf die göttliche Welt, wenn auch eine gewisse Spiegelung dieser Bitten in der Gedankenwelt der Menschen zum Ausdruck kommt.  …

„…und vergib uns unsere Schulden, wie wir vergeben unseren Schuldigern… “ Mt 6,9-13
Das Neue Testament, Übersetzung von Emil Bock, Urachhaus 1980, Stuttgart

Die vierte Bitte „Unser tägliches Brot gib uns heute“ bezieht sich auf das irdische Leben des Menschen, auf das notwendige Gesichertsein der menschlichen Existenz. Diese Bitte bezieht sich ohne Zweifel auch auf die seelische und geistige Nahrung, deren der Mensch in seinem Leben wie Luft zum Atmen bedarf.

Die drei letzten Bitten: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“, „Und führe uns nicht in Versuchung“, „Sondern erlöse uns von dem Bösen“ stehen in unmittelbarer Beziehung zum Problem des Bösen in der Welt, was sowohl als „das Böse“ und als auch wesenhaft als „der Böse“ verstanden werden kann.

Einerseits machen die Worte der fünften, sechsten und siebten Bitte dem Menschen bewusst, welche Aufgabe er selbst im Bezug auf das Böse hat, andererseits wird ihm klar, dass er nicht allein, also ohne die göttliche Welt und deren Hilfe es schaffen kann, der Versuchung als solchen zu widerstehen. Allein das „Widerstehen“ aber, also das Böse von sich zu weisen, wenn nicht gar die Menschenkraft übersteigernd, an sich keinen besonderen Wert besäße, denn dieses Widerstehen ist a priori stark mit Egoismus behaftet. Und Egoismus ist das Böse schlechthin.

Es erschließt sich als Konsequenz aus dem Gesagten, dass es eine denkbar wichtige, eigentlich wesentliche Aufgabe ist, das Auflösen oder – sagen wir es gleich – das Erlösen des Bösen. Die Teilnahme des Menschen an der Erlösung des Bösen hat ihren Ausdruck allein in der unaufhörlich geübten Verzeihung und Vergebung. Es ist ein Paradigmenwechsel, der sich hier abzeichnet: Das Böse soll nicht vom Menschen abgewiesen werden und von Gott „bestraft“ werden, sondern wieder zum Guten geführt werden. Und das liegt tatsächlich in der Verantwortung und in der Macht der Menschen! Obschon manchmal zögernd, manchmal an scheinbar wesentliche Bedingungen wie Reue oder Wiedergutmachung geknüpft, geschieht Vergebung unter Menschen unaufhörlich. Jedoch erst unbedingtes Verzeihen hat in sich die erlösende Kraft.

Dem bewussten, unbedingten Verzeihen geht eine Erkenntnis voran, die sich in das Wollen, in das Tun gesenkt hat. Eine Erkenntnis, dass Nachtragen, Rachegefühle, Zorn oder Wut dem Bösen zum Gedeihen verhelfen, dagegen das bedingungslose Verzeihen die Liebe als Gefühl und als objektiv wirkende Kraft zu Folge hat. Es ist wichtig zu unterstreichen, dass die im vorigen Satz erwähnte Willenstat nicht im Rahmen von einer so oder so gearteter Obedienz zustande kommen kann. Es kann sich nur um freie Entscheidung und freie Tat handeln, die jedoch ohne diese Erkenntnis nicht hätten erfolgen können.

Es ist schon so viel angedeutet worden, jetzt ist es an der Zeit zu schauen, was es eigentlich das Verzeihen ist?

Es reicht sicher nicht, einen abstrakten Willen zu dem Akt des Verzeihens zu haben. Was sich vollziehen muss im Menschen, der vergibt, ist die Tilgung der fremden Schuld aus dem eigenen Gedächtnis. Dieses muss errungen werden, vielleicht sogar unter Opfer erreicht werden. Die besondere Bedeutung dieses Vorgangs liegt darin, dass in die unaufhörlich von der Erinnerung an Leid und Kränkung frei werdenden Räume ein ganz anderer geistiger Impuls Eingang finden kann. Es muss hier unterstrichen werden, dass es sich dabei nicht nur um eine Durchdringung des individuellen Bewusstseins mit neuen Impulsen handelt, so, dass die eigenen Wunden heilen können, sondern in weiterer Konsequenz um positive Folgen für die unmittelbare Umgebung und für die Gesellschaft; es entsteht mehr Menschenliebe, mehr Brüderlichkeit, was überraschend ein verstärktes Bewusstsein der Anwesenheit Gottes zu Folge hat, denn ohne den gemeinsamen Vater – keine Brüderlichkeit. Hier kommt der Genius der Sprache deutlich zum Ausdruck: denn „verzeihen“ rührt von dem Verb „verzichten“, in dem Fall verzichten auf die niederen Regungen der Seele, die durch fremde Schuld hervorgerufen worden sind. Und „vergeben“ – verstanden als sich ver-geben – als Hingabe an die Mitmenschen.

Die Verzeihung darf also nicht als Feindesliebe verstanden werden, sie hebt gerade die Feindschaft auf und lässt Brüderlichkeit, Nächstenliebe und Liebe Gottes, die Liebe schlechthin, entstehen. Im Verzeihen ist diese Liebe erfahrbar. Liebe, die unbedingt und absolut das Gute ist.

Die Folgen der Verzeihung sind besonderer Natur. Weil Verzeihen ausschließlich ein Akt des freien Willens sein kann, tritt die Person, der die Schuld vergeben wird, in eine Beziehung zu einem anderen Menschen, dem Vergebenden, die nicht abhängig macht. Im Gegenteil: Der Akt der Verzeihung wirkt auf den Schuldigen befreiend – ein neuer Anfang ist möglich! Befreiend und als ein neuer Anfang wirkt er auch unerwartet auf den Verzeihenden! Auch für ihn ist ein neuer Anfang möglich geworden.

Der Akt der Verzeihung oder Vergebung hat in meinen Augen in seinem Ausdruck weniger den Opfercharakter, vielmehr hat er den Charakter der Gnade. Auch diese wird unverdient und ohne Erwartung einer Gegenleistung gewährt, was die conditio sine qua non sowohl der Gnade, als auch der Verzeihung ist! In diesem Sinne kann das menschliche Handeln als ein schöpferischer Akt im Sinne Nachfolge Christi verstanden werden, als gratia creata.

Ein wichtiges Buch zu diesem Thema:

Sergiej O. Prokofieff,Die okkulte Bedeutung des Verzeihens“ , Verlag Freies Geistesleben, 1991

Nicht mit allen Thesen des Autors könnte ich mich anfreunden, über einige gehe ich hinaus. Trotzdem ist es eins der wichtigsten Bücher überhaupt, die ich gelesen habe.

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• Wie frei ist der Wille?

Der Versuch, die Entscheidungsfreiheit und was damit zusammenhängt, die Verantwortung für die Gedanken, Absichten und letztendlich für die Taten der Menschen zu relativieren oder gar zu negieren, wäre ohne den rasanten Fortschritt der Hirnforschung nicht möglich. Obschon anfangs die Fragen zum Verhältnis von Geist und Gehirn selbst von den Forschern als unzulässig betrachtet worden …

Über Jahrhunderte haben die Philosophen und Wissenschaftler das Verhältnis zwischen der Materie und Bewusstsein für ein für alle Zeiten unlösbares Rätsel gehalten: „Ignoramus et ignorabimus“ –  war der Ausdruck der Skepsis. Wie nicht anders zu erwarten, versucht die moderne Wissenschaft mit Hilfe der bildgebenden Untersuchungs- methoden den Prozessen im Gehirn, wo sie den Sitz des Bewusstseins vermutet, auf die Spur zu kommen. Was sind die vermeintlichen Erkenntnisse?

… waren und später die Neurowissenschaft weiter nichts zur Klärung dieser Fragen beitragen konnte, haben in folgenden Jahrzehnten einige Wissenschaftler den kühnen Versuch gewagt, mit den Methoden der Naturwissenschaft die Fragen aus dem Gebiet der Wissenschaft über den menschlichen Geist zu lösen. Die zentralen Fragen in diesem Kontext sind: Verfügt der Mensch über einen freien Willen? Wie sei dieser Begriff zu definieren? Welche theoretischen und praktischen Konsequenzen die von den Neurowissenschaftlern angebotene Antwort für das weit gefasste Zusammenleben der Menschen haben könnte?

Jean-Paul Sartre schreibt: „Freiheit ist jene kleine Bewegung, die aus einem völlig bedingten Wesen, einen Menschen macht, der nicht in allem das darstellt, was von seinem Bedingtsein herrührt. So wird aus Jean Genet ein Dichter, obwohl er ganz dazu bedingt war, ein Dieb zu werden.“

Diese kleine Bewegung wird von einer Gruppe der Neurowissenschaftler negiert. Wolf Singer, einer der führenden Vertreter der modernen Hirnforschung erklärt die Meinung der Forschergruppe mit diesen Worten: „Wir glauben, dass alle Leistungen von Gehirnen, die mentalen Prozesse eingeschlossen, auf neuronalen Vorgängen beruhen. Das heißt, sie gehorchen physiko-chemischen Gesetzen. […] Der vorausgehende Zustand des Gehirns verursacht die Handlung.“ Das heißt, der Mensch hat keinen freien Willen. Die allererste Konsequenz solcher Annahme wäre die Aberkennung jeglicher Verantwortlichkeit der Menschen für ihre Gedanken und Handlungen, die wiederum unvorhersehbare Folgen unter anderem im Rechtsleben hätte! Man muss hier sogleich anmerken, dass die Worte „Gedanken“ und „Handlungen“ an sich nicht geeignet sind zur Beschreibung der von Singer eigentlich gemeinten marionettenhaften Abläufe von Impulsen, Worten, Bewegungen und anderen Äußerungen des Menschen. Auch wird der Mensch von ihnen nicht als Person definiert, sondern als „lebendiger Organismus“.

Die These, Denken und Handeln des Menschen seien auf neuronale Prozesse zu reduzieren, ist für unsere Intuition indiskutabel. Und doch sorgt die provokante Meinung der Forscher, seit im Jahre 2004 „Das Manifest“ veröffentlicht worden ist, noch heute für Debatten. Es war aber der Präkursor der Neurobiologie Benjamin Libet selbst, der, nachdem er mit seinen ersten Untersuchungen der Zeitabfolge einer Entscheidung, die er an den Hirnströmen gemessen hatte, und der Ausführung der Bewegung, die wahrnehmbar war, mit seiner ersten Feststellung, den freien Willen gebe es nicht, eine kleine Revolution zwischen den Grenzgebieten der Natur- und Geisteswissenschaft verursachte und diesen später vor dem eliminativen Materialismus doch in Schutz nahm. Ihm ist klar geworden, dass seine Forschungsergebnisse nicht dazu geeignet sind, diese gewagte These, den freien Willen gebe es nicht, zu stützen. Anders die elf Wissenschaftler: Seit der Veröffentlichung des Manifestes verteidigen sie fortwährend in zahlreichen Zeitungsartikeln und Rundfunk- und Fernsehsendungen ihre Meinung und sorgen damit nach wie vor für Verwirrung der Meinungen und Gefühle. Mit der These, die zwar nicht haltbar, aber auch ganz und gar nicht leicht zu widerlegen ist, mit der sie an die Menschheit herangetreten sind und nachhaltig für erhöhte Aufmerksamkeit auf der einen Seite und für entschiedenen Widerstand auf der anderen Seite sorgt, haben die Forscher vorerst einen großen Erfolg erzielt. Da der Ruhm auch mit Forschungsgeldern verbunden ist, sorgt er nicht nur für breite Bekanntheit, sichert aber auch nachhaltig die eigene Existenz als Wissenschaftler. Ideen muss man haben!

Diese Aufruhr hat jedoch ihre positiven Seiten. Die Philosophen, die sich zuständig für die Fragen des menschlichen Geistes fühlen, sind ihrerseits sogleich auf den Plan getreten. Vielleicht hat sich also der Joke für die Menschheit gelohnt, denn diese Philosophen, Theologen, Schriftsteller, Journalisten und andere Humanisten fühlen sich berufen und verpflichtet, gezielt zu diesem medialen Feldzug der Naturforscher Stellung zu nehmen. Es sind seitdem erschienen und erscheinen immer noch geistvolle und fundierte Repliken, die es sich allemal lohnt zu lesen.

Es sind die Philosophen – Julian Nida-Rümelin, Jürgen Habermas, Martin Seel, der Theologe Christian Hoppe und viele andere, die gute Argumente gegen die unhaltbaren Behauptungen der Hirnforschung entgegenhalten. In mancher Debatte fehlt es nicht an Humor, denn ohne Humor ist die Begegnung mit der Vorstellung, der Mensch ist ein absolut unfreies Wesen und die graue Masse des Gehirns erledigt für ihn alles, schwer zu ertragen. (Hier zur Erheiterung ein Gespräch zwischen Julian Nida-Rümelin und Wolf Singer, geführt in der Redaktion der Frankfurter RundschauSinger und Nida-Rümelin)

Es ist in der Tat so, dass sich im Gehirn, genau gesagt in den Verbindungen der einzelnen Nervenzellen, also in den Synapsen, die auch Verschaltungen genannt werden, der Geist – der menschliche Geist – auf die Materie trifft und seine mehr oder weniger dauerhafte Spuren hinterlässt. Das Phänomen des Gedächtnises macht es sichtbar: Die Wahrnehmungen, Gefühlsregungen und Ideen sind wie dieses nicht materiell aber das Erleben der Gefühle, das Abwägen von Ideen, das Erinnern – das Denken also, hinterlässt neue Verschaltungen im Gehirn, die als physische Phänomene darstellbar und messbar sind. Ich bin der Überzeugung, dass im Trennen der res cogitans und res extensa sowohl im sozialen Leben als auch im individuellen Bewegen der Gedanken, also im Erwägen, Einschätzen, Gegenüberstellen, Vergleichen, Beurteilen und Urteilen, die Weisheit vom Menschen liegt und nicht in der oberflächigen Gleichsetzung der geistigen Prozesse im Menschen mit dem Funken und Knistern zwischen den Nervenzellen im Gehirn. Das Verständnis des subjektiven Erlebnisgehaltes der mentalen Zustände ist eine zentrale Kategorie der Philosophie des Geistes und ist absolut nicht mit den Mitteln der Neuro- und Kognitionswissenschaften zu erklären. Die neuronalen Korrelate von Erlebnissen sind natürlich nicht uninteressant als Gegenstand der wissenschaftlichen Untersuchung. Sie können aber nur eine Seite dieser Phänomene bleiben und so müssen sie auch erkannt und definiert werden, sonst führte diese einschränkende pseudowissenschaftliche Annahme, die neuronalen Korrelate sind alles, zur Trivialisierung der Begriffe und der Erklärungen, die nicht annähernd die Natur des Bewusstseins beleuchten könnten.

Wenn tatsächlich eine einzelne Entscheidung, etwa die Hand zu bewegen, doch noch irgendwie messbar und das zeitliche Verhältnis zur Ausführung des Befehls feststellbar ist, verhält es sich anders mit komplizierten und komplexen Entscheidungsprozessen, die sich über Jahre hinziehen können und bei dem Zustandekommen des Ergebnisses verschiedene Erkenntnisse und Überlegungen – frei – berücksichtigen werden möchten. Auch das, was wir moralische Entscheidungen nennen, wird grundsätzlich frei getroffen. Der Grund für die freien Entscheidungen wird jedoch früher gelegt: Die Verschaltungen, die Synapsen – sie müssen sich gebildet haben. Wie kommen diese zustande?

Ich habe schon erwähnt, was zu Entstehung und Vermehrung der Verschaltungen führt: Das Denken und Erleben. Konkret geht es hier um die vielen Vorgänge und Prozesse wie z. B. Erziehung und Selbsterziehung, Beschäftigung mit der bildenden Kunst, mit Literatur und Musik, das Zusammenleben mit den anderen Menschen. In den Prozessen der Erziehung, der Selbsterziehung, im Erfahren der Welt, im Austausch mit Anderen, durch das Lernen und Nachdenken, durch geistige Prozesse also, entstehen Verschaltungen im Gehirn. Deren Inhalte bleiben erhalten, sie bleiben zum Teil auf der Oberfläche, also im Bewusstsein, zum Teil werden in das Unterbewusstsein verschoben. Mit der Zeit werden sie zur „zweiten Natur“ einer Person. Im Falle einer Entscheidung greift das menschliche Ich auf die fertigen, mühsam vorbereiteten Vorgaben oder aber das Unterbewusstsein meldet sich von selbst. Ich kann es mir sehr gut vorstellen, dass es im Gehirn regelrecht blitzt und knistert, wenn wir uns anschicken, eine Entscheidung zu treffen und das „Gelernte“ zu erinnern. Dieses „Blitzen“ und „Knistern“ – das ist eventuell (und sehr wahrscheinlich) das, was im Hirn-Scanner sichtbar und darstellbar wird.

Das Erarbeiten des Wissens- und Erfahrungsnetzes, was oft vom Leben aufgezwungen wird, also in dem Sinne nicht gewollt initiiert, ist gerade das, was der Mensch frei gestallten kann. Bin ich bereit großzügig zu vergeben? Oder verharre ich auf der Forderung einer Genugtuung? Oder meine ich sogar, dass ich Rache nehmen darf und sogar muss? Das gerade kann jeder Mensch frei entscheiden! Er muss es nur wollen. Er muss verstehen, warum es wichtig ist, an sich selbst zu arbeiten und zwar ein Leben lang. Aber dann, wenn die Zeit der Prüfung kommt, greift er auf diese fest verankerten Überzeugungen und Einstellungen. Der Mensch handelt also frei und unfrei zugleich. Seine Arbeit an sich selbst ist frei. Jedoch die frei erarbeiteten Ansichten und Einstellungen determinieren im hohen Maße sein späteres Handeln.

Bei dieser inneren Arbeit muss man sich frei machen vom Einfluss der Anderen, der Politiker, verschiedener Verführer, aber auch Menschen, die von uns geschätzt und geliebt werden. Es ist wichtig, sich beraten zu lassen, fremde Meinung zu hören, dies abzuwägen und zu überlegen; die Schlussfolgerung muss jedoch eindeutig eine eigene sein. Nur in Diesem und in Solchem ist der Subjekt wirklich frei.

Ohne die Mühe, echte, eigene Überzeugungen zu schaffen, kann der Mensch nicht frei sein. Entweder handelt er nach „Vorgaben“ seines Temperaments, seiner Gelüste, Wünsche und Begehren oder er orientiert sich daran, wie die Umgebung sich verhält. Weder die eigene angeborene Natur noch die Umgebung lassen uns frei entscheiden.

Nur die eigene Bemühung schafft es. Der Mensch kann frei wählen, ob er ethisch handeln will oder nicht. Um frei entscheiden zu können, muss er sich um die Erkenntnis von ethischen und unethischen Meinungen und Handlungen, also vom Gut und Böse bemühen. Wenn er Gut und Böse nicht unterscheiden kann, entscheidet er auch nicht frei, auch wenn er das im Moment der Entscheidung glaubt!… Zu oft ist es alles andere als einfach…

Wenn auch viele physiko-chemischen Prozesse im Gehirn darstellbar sind, so ist  weder die Qualität dieser Prozesse noch die Qualität der entstehenden körperlichen Korrelate in ihrer Natur im Rahmen der Neurobiologie erkennbar und erklärbar. Die elf kühnen Wissenschaftler spielen darauf in ihrem Manifest an: „Aller Fortschritt wird aber nicht in einem Triumph des neuronalen Reduktionismus enden. Selbst wenn wir irgendwann einmal sämtliche neuronalen Vorgänge aufgeklärt haben sollten, die dem Mitgefühl beim Menschen, seinem Verliebtsein oder seiner moralischen Verantwortung zu Grunde liegen, so bleibt die Eigenständigkeit dieser ‚Innenperspektive‘ dennoch erhalten.“ Ja, man braucht unbedingt ein Türchen bei so viel Nonsens, sonst könnte jemand den Autoren die Fuge von Bach oder die „Divina Commedia“ um die Ohren hauen…

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• Schiller – der ungewöhnliche Geist

»Er – der philosophische Geist – bringt einen vernünftigen Zweck in den Gang der Welt und ein teleologisches Prinzip in die Weltgeschichte«

Friedrich Schiller, Jena, 1789:
„Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“

Schiller spricht vor der Herzoginmutter, vor dem Herzogspaar Karl August und Luise, außerdem hören Johann Wolfgang Goethe, Christoph Martin Wieland, die Gebrüder Humboldt und andere dem jungen Genie aufmerksam zu. – Theobald Reinhold von Oër, Der Weimarer Musenhof. Schiller in Tiefurt dem Hof vorlesend

Die zeitlose Gültigkeit der akademischen Antrittsrede Schillers an der Universität Jena aus dem Jahr 1789 macht es sinnvoll, sich auch heute diese in Erinnerung zu rufen. Damals, vor fast 220 Jahren, wie Schiller in einem Brief an Christian Gottfried Körner schreibt, machte seine Vorlesung Eindruck. Man redete in der Stadt davon und ihm widerfuhr einige Aufmerksamkeit. Diese Rede scheint weitgehend vergessen zu sein, sogar in akademischen Kreisen wird sie wahrscheinlich nicht mehr als Orientierungshilfe für Geschichtsdenken zitiert.

Zwar spricht Schiller zu der akademischen Jugend, die sich weiter mit der Geschichtslehre befassen will. Seine Thesen sind aber gültig und aktuell auch für eine nichtprofessionelle historische Betrachtung der Zivilisationsgeschichte. Der universell Denkende, sagt Schiller, hebt die Begebenheiten heraus, „ …welche auf die heutige Gestalt der Welt und den Zustand der jetzt lebenden Generation einen wesentlichen, unwidersprechlichen und leicht zu verfolgenden Einfluss gehabt haben“. In diesem Zusammenhang ist erkennbar, dass Begebenheiten, die sich mit neueren Zeiten binden, nicht selten in ihrer eigentlichen Zeit isoliert erschienen sind und deren Bedeutung damals nicht erschlossen werden konnte. Als Beispiel nennt Schiller an dieser Stelle den Christus-Impuls, der das Leben der späteren Generationen um vieles mehr zu beeinflussen in der Lage gewesen war und es heute weiterhin ist als in dieser Zeit und an diesem Ort, wo es seinen Anfang nahm. Bezeichnenderweise gibt es fast keine Quellen, die die Christus-Erscheinung für die Wissenschaft befriedigend erklären könnten.

So scheint es, dass der Lauf der Geschichte von den Menschen selten bewusst gestaltet werden kann, vielmehr ist es so, dass die Bedeutung bestimmter Vorgänge und Handlungen erst im nachhinein erkannt wird. Nicht selten in der Weltgeschichte vermuten wir sogar eine Absicht der Handelnden, nicht zum Wohle der Zeitgenossen zu wirken. Paradox jedoch: „…der selbstsüchtige Mensch“so Schiller„[der] niedrige Zwecke verfolgen kann, … unbewusst [die Menschheit] vortrefflich befördert.“

Sobald der „philosophische Geist“ den Versuch macht, das Vergangene mit dem Gegenwärtigen zu verknüpfen, die Ursachen und Wirkungen zu erkennen, wird er eine Erscheinung nach der anderen der „gesetzlosen Freiheit entziehen“ und ein Wissenssystem über den Lauf der Zeit aufbauen. Die Harmonie, die in seiner Vorstellung vorhanden ist, überträgt er auf die Ordnung der Dinge. Somit verleiht er der Weltgeschichte ein teleologisches Prinzip. Dieses intentionale Prinzip ist sowohl in der modernen Soziologie, als auch in der Geschichtswissenschaft als zulässig erklärt worden. Freilich wird heute nur der Mensch als der bewusst Handelnde gesehen, nicht der Geist, wie es Schiller in seiner Rede versteht.

Friedrich Schiller bringt in seine erkenntnistheoretischen Überlegungen den Gedanken hinein, dass die eigentliche Prüfung der Richtigkeit des eigenen Denkens eine Herzensregung ist: „Mit [dem teleologischen Prinzip] durchwandert er [die Weltgeschichte] noch einmal, und hält es prüfend gegen jede Erscheinung, welche dieser große Schauplatz ihm darbietet. Er sieht es durch tausend beistimmende Fakta bestätigt, und durch ebenso viele andere widerlegt; aber solange in der Reihe der Weltveränderungen noch wichtige Bindungsglieder fehlen, solange das Schicksal über so viele Begebenheiten den letzten Aufschluss noch zurückhält, erklärt er die Frage für unentschieden, und diejenige Meinung siegt, welche dem Verstande die höhere Befriedigung und dem Herzen die größte Glückseligkeit anzubieten hat.“ Dieser Gedanke hat mich besonders angesprochen: Im Laufe der Philosophiegeschichte ist die Idee, dass das Kriterium der Wahrheit eine Regung des Herzens ist, später nur noch vom Rudolf Steiner aufgenommen – und heute weitgehend vergessen.

Wenn nach dem teleologischen Prinzip die Entwicklung der Welt ein Ziel hat, dann ist die Erkenntnisarbeit nicht ein Zweck an sich und für sich. So sagt Schiller weiter: „Wichtig wird [dem philosophischen Geist] auch die kleinste Bemühung sein, wenn er sich auf dem Wege sieht oder auch nur einen späten Nachfolger darauf leitet, das Problem der Weltordnung aufzulösen, und dem höchsten Geist in seiner schönsten Wirkung zu begegnen.“

„Der Mensch verwandelt sich und flieht von der Welt“…

Die Geschichte wird somit dem Menschen zum Ansporn, „etwas dazu[zu]steuern (…) Jedem Verdienst ist eine Bahn zur Unsterblichkeit aufgetan, zu der wahren Unsterblichkeit meine ich, wo die Tat lebt und weitereilt, wenn auch der Name ihres Urhebers hinter ihr zurückbleiben sollte“. Mit diesen Worten schließt Schiller seine Vorlesung.

Peter-André Alt, Autor der zweibändigen Schiller-Biographie schreibt in einem Artikel: „Entdeckungen [im Schillers Werk] (…) verweisen auf den prognostischen Charakter eines komplexen Geschichtsbildes, das gegen die Vereinfachungsgarantie geltender Ideologien immun bleibt. Wer dem Zeitanalytiker Schiller begegnet, lernt einen scharfsinnigen Denker kennen, dessen Diagnosen jede Lesergeneration auf neue Weise zur Auseinandersetzung herausfordern.“

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• Die Weisheit der Kalenderordnung

Zum Thema Kalenderordnung gibt es auf dem Gebiet der Geisteswissenschaft nur eine einzige Arbeit, nämlich das in zweiter Auflage 1978 erschienene Buch aus der Feder von Dr. med. Walther Bühler: „Geistige Hintergründe der Kalenderordnung“, herausgegeben vom Verlag Urachhaus.  …

Walter Bühler, „Geistige Hintergründe der Kalenderordnung“
Vom Wesen der Woche – Die Beweglichkeit des Osterfestes – Die Kalenderreform – Urachhaus, 1978

… Da das Buch nicht mehr neu aufgelegt wird, ist anzunehmen, dass es kaum gelesen wird und wohl zum Teil vergessen worden ist, auch wenn es immer wieder in den Antiquariaten anzutreffen ist. Das ist der Grund, warum ich mir diesmal zum Ziel gesetzt habe, Bühlers überaus interessante Analyse hier kurz zu präsentierten. Denn auf die Frage, welchen Grund und welchen Sinn hat unsere, auf den ersten Blick so irrationale, Ordnung der Feste im Jahreslauf, gibt es keine bessere Antwort als die – für mich sehr überzeugenden – Überlegungen des Autors. Ich könnte es mir nur wünschen, dass meine kurze Zusammenfassung den Leser ermutigen wird, das Buch von Walther Bühler in die Hand zu nehmen.

Der Anlass für Bühlers Schrift war die in den fünfziger Jahren von mehreren indischen Religionsgemeinschaften bei der UNO angeregte und vom Vatikan so gut wie befürwortete Umwandlung des jahrtausendealten, beweglichen Kalenders in einen immerwährenden, ewigen, statischen Kalender, in dem die Wochentage und Feste immer auf das gleiche Datum fallen würden und in dem die übriggebliebenen Tage am Ende des Jahres als World-Feiertage von der ganzen Menschheit zur gleichen Zeit abgefeiert werden sollten. Aus diesen Projekten, die  in der Tat allen Ernstes von der UNO in Betracht gezogen waren, ist meines Wissens nicht viel übrig geblieben. Wie Bühler in seiner Arbeit unterstreicht, ist es zum größten Teil den jüdischen Organisationen zu verdanken, die energisch und entschieden für den Wochenrhythmus mit dem für die Juden heiligen Sabbat eingetreten waren. Zum Glück ist also die „Flurbereinigung“ auf dem Gebiet des Kalenders kein Thema mehr. Es ist aber interessant, sich unsere Kalenderordnung und ihre Hintergründe, die als wahrer Spiegel der kosmischen Ordnung verstanden werden können, anzuschauen.

Wenn man die zwei wichtigsten Jahresfeste der Christenheit – Weihnachten und Ostern – betrachtet, fällt vor allem auf, dass Weihnachten im Kalender einen festen Platz hat, der an einen bestimmten Punkt im Jahreslauf der Planeten – gemeint ist vor allem der von der Erde aus gesehene Lauf der Sonne – fixiert ist. Dieses Fest ist bekanntlich von dem Fluss der Wochentage unabhängig. Im Gegensatz dazu steht die Beweglichkeit des Osterfestes und der nachfolgenden Feste wie Himmelfahrt und Pfingsten. Diese Feste sind im Jahresverlauf beweglich, jedoch an den Wochen-Rhythmus eng gebunden.

Das Osterfest fällt auf den ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond, dem Oster-Vollmond. Zu dieser Zeit verbinden sich auf eine bestimmte Weise der Sonnen-Rhythmus, der Mond-Rhythmus und der Wochen-Rhythmus miteinander. Ein Zusammenklang dieser drei kosmischen Rhythmen bestimmt den Tag des Festes der Auferstehung Christi. Dieses Datum strahlt über die Karwoche bis zum Aschermittwoch auf die ganze vorösterliche Zeit zurück und, wie schon erwähnt, bestimmt dieser Tag die Feste, die der Osterwoche folgen, einschließlich des Fronleichnams. Dieses letzte Fest ist eine überhöhte, vergeistigte Wiederholung des Letzten Abendmahls vom Gründonnerstag.

Die Sonne hat also in ihrem Jahresrhythmus durch die zwölf Tierkreise den Frühlingspunkt durchschnitten, der folgende Vollmond als solcher steht zu dieser Sonne in Opposition, also auf der entgegengesetzten Seite des Himmels. Es muss noch der nächste Rhythmus abgewartet werden – der Wochenrhythmus: Der erste Sonntag nach dem Frühlingsvollmond kann zu Ostersonntag erklärt werden. So kann Ostern im Jahreslauf frühestens auf den 22. März und spätestens auf den 25. April fallen, was eine Schwankungsbreite von 5 Wochen ergibt. Bedeutend für das Wesen des Osterfestes ist ebenfalls die Tatsache, dass zu diesem Zeitpunkt die Umlaufbahn der Sonne zum ersten Mal nach dem Winter einen größeren Bogen auf dem Tageshimmel zeichnet, als der Mond. Die Sonne, die das Leben symbolisiert, hat gesiegt! Walther Bühler erwähnt noch ein weiteres wichtiges Phänomen, das charakteristisch ist für diesen Tag:

„Der Ostersonntag unterscheidet sich durch die seit dem Ur-Christentum gehandhabte Regel [der Bestimmung] von allen Sonntagen des Jahres dadurch, dass an ihm nie eine Sonnen- oder auch Mondfinsternis störend in den Ablauf des Ruhetages eingreifen kann. Allein dieser Tatbestand sollte uns hellhörig machen für die Fragestellung, ob der Beweglichkeit des Osterfestes nicht ein tieferer Sinn innewohnt.“

Historisch ruht die Bestimmung des Auferstehungsfestes auf der Ordnung der jüdischen Feste, hier des Pessah-Festes am 14. Nisan, also am Tage des Frühlingsvollmondes. Wobei dieser auf jeden Tag der Woche fallen kann. Erst im Laufe der ersten Jahrzehnte nach dem Ereignis in Palästina hat sich das Fest der Auferstehung von dem Pessah-Fest gelöst und wurde fortan am darauf folgenden Sonntag gefeiert. Nur etwa 120 Jahre n. Ch. ist es schon Brauch, Ostern nach dem Frühlingsvollmond zu feiern. Bindende Vorschrift wurde es aber erst nach dem Konzil in Nicäa im Jahr 325 n. Ch. Die Beschlüsse des Konzils sprechen unter andrem davon, dass Ostern überall am gleichen Tag zu feiern sei aber niemals am Tage des Frühlingsvollmondes selbst. In folgenden Jahrhunderten waren viele Gelehrte damit beschäftigt, sehr komplizierte Berechnungen zu erstellen, in denen sie unabhängig von jüdischen Berechnungen den jeweiligen Frühlingsvollmond zu bestimmen suchten. Ab dem 13. Jahrhundert wurden weitere Korrekturen dieser Berechnungen und des Kalenders als solchen vorgenommen. In Anbetracht der Unzulänglichkeit und der Fehlerhaftigkeit dieser Berechnungen, hatte Papst Gregor XIII. weitere Korrekturen des Kalenders veranlasst. Die früheren zyklischen Ostertafeln waren bei dieser Reform von dem Astronomen Lilius so überarbeitet worden, dass künftig die Ostertage und somit andere Jahresfeste in besserer Übereinstimmung mit den tatsächlichen astronomischen Verhältnissen berechnet werden können. Über Jahrhunderte ließ es sich jedoch nicht vermeiden, dass die objektiven Schwierigkeiten der Berechnung der christlichen Feste zu Kontroversen zwischen der katholischen und der protestantischen Seite im Westen und der Orthodoxen Kirche im Osten geführt haben.

Im Grunde sind jedoch diese Berechnungen und die ihnen zu Grunde liegenden astronomischen Verhältnisse – gerade durch die scheinbare Unzulänglichkeit und eine gewisse Irrationalität – ein Indiz dafür, dass der Mensch seit Anbeginn in einem Zusammenspiel der kosmischen Rhythmen lebt und das gerade diese Rhythmen das Leben bedingen. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass diese kosmischen Rhythmen nie ineinander restlos aufgehen. Im Gegenteil: Die Inkommensurabilität der Rhythmen ist für das ganze planetarische System charakteristisch und stellt das Lebendige des Kosmos und somit des Menschen dar.

„Wenn man die kosmischen Umläufe zueinander in Beziehung bringt, ergeben sich – mathematisch gesehen – stets irrationale Verhältnisse. Die Rechnung geht nie ganz auf. Es bleibt immer ein Rest übrig. So sind die planetarischen Rhythmen gegenseitig inkommensurabel, ver- schieben sich und gleiten – gleichsam elastisch – aneinander vorbei“,

so Walther Bühler weiter. Gerade aber die Konsequenz dieser Tatsache hat für den belebten Teil der Schöpfung eine besondere Bedeutung: Durch sie ist eine fortwährende Wandelbarkeit und Entwicklung im Gegensatz zu Mechanisierung und Entindividualisierung erst möglich! Keine Konstellation der Sterne und kein Individuum gleichen den anderen, sie sind unwiederholbar und dadurch einzig und einmalig. Diese Einmaligkeit zeigt uns der bewegte Himmel – und die… Genetik. Es bliebe noch diesen Zusammenhang zu erforschen…

Zurück also zum Kalender und den Jahresfesten. Seit der Geschehnisse in Palästina um das Jahr 33 nach Christi Geburt ist die Frage der Festsetzung der Feste ins Bewusstsein der Menschen getreten. Für die Kirche war die Frage, inwieweit der moderne, also christliche Kalender sich auf die früheren, heidnischen Bestimmungen stützen kann und darf. Die Datierung des Pessah-Festes, die sich auf die alte jüdische Erinnerung an den Auszug der Israeliten aus Ägypten stützt, mag wohl auf uralte kosmologische Vorstellungen zurückzuführen sein. Sowohl der Lauf der Sonne als auch des Mondes hatten bei den Urvölkern eine Rolle bei der Entstehung der Feiertage gespielt, was sich in zahlreichen Mythen und Legenden niederschlug. Trotz Bemühungen von Seiten der Kirchenmänner war es nicht gelungen, die neuen, christlichen Festtage von den alten, heidnischen und anderen vorchristlichen Festen, die zum Teil auf den gleichen kosmischen Konstellationen beruhen, zu entkoppeln. Und zu recht, denn der tiefere Grund aller Religionen ist ein gemeinsamer.

Das Christentum brachte aber eine neue, besondere Bedeutung des Sonntages mit sich. Dieser Tag wurde im Bewusstsein der Christen in Laufe der Zeit nicht mehr als der Tag der Ruhe nach der Arbeit empfunden, sondern als der Tag des Herrn, nicht nur zum Andenken an die Auferstehung, sondern als unaufhörliches Wiedererleben derselben. Interessant hier zu erwähnen, wie sich diese Tatsache im russischen Sprachgeist äußert: Der Sonntag heißt „Woskresenje“, was „Auferstehung“ bedeutet. Man muss nur bedenken – und das ist nicht minder interessant –, dass dieser besondere Name eines der Wochentage all die Umwälzungen und Katastrophen der Oktoberrevolution und die 72 Jahre der atheistischen Ideologie und der sowjetischen Schreckensherrschaft überstanden hat!

Dieser Tatsache wohnt eine besondere Symbolik inne, denn es wurde der Welt etwas bewahrt, was von einem Regime zum Untergang bestimmt war. Um so tragischer, wenn sich uns heute nicht nur das Erahnen der Symbolik entzieht, sondern auch die Neugierde auf die Ursprünge unserer wöchentlichen, monatlichen und jährlichen Rhythmen und deren Zusammenhang mit dem Göttlichen Prinzip im Kosmos und ihre Bedeutung für unsere körperliche und seelische Gesundheit, nicht mehr vorhanden sein sollte.

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• Vom Sinn des Leidens – Theodizee

„Das Leben ist ohne den dazwischen scheinenden Gott unlebbar“
Botho Strauss

…Das Thema Leid ist aber für mich plötzlich auf eine unerwartete Weise präsent geworden: Durch die in der „Neuen Zürcher Zeitung“ erschienene Betrachtung des Bildes von Guido Reni »Kreuzigung«, geschrieben von Navid Kermani. Mit wenigen Worten fasst Kermani die meisten Zweifel, die jeder Mensch, nicht nur ein Muslim, aber auch ein Christ, selbstverständlich doch, an Kreuz und dessen Verehrung im eigenen Prozess der Christ-Werdung hat. An der Kritik von Kermani könnte sich, sollte sich im Grunde genommen, eine Debatte, ein interreligiöser Dialog entzünden. Es ist, wie zu erwarten, keine theologische Debatte entstanden, aller Wahrscheinlichkeit nach wird es auch nie eine geben. Schade, denn es gäbe viel zu sagen sowohl zum Kermanis Standpunkt und dessen Verschiebung während der Kontemplation des Bildes als auch zu anderen möglichen Betrachtungsweisen, nicht nur eines Bildes – denn ein Bild der Kreuzigung lenkt die Aufmerksamkeit allen voran auf die materialistische Seite des Geschehenen – sondern durch das Bild hindurch der metaphysischen Ebene des abgebildeten Ereignisses.

Mit diesem kurzen Text möchte ich den interessierten Leser auf eine andere Betrachtungsperspektive aufmerksam machen. Mehr: Ich möchte einen besonderen, einen ungewöhnlichen und in unserer Zeit nicht mehr beachteten Trost vermitteln. Es geht mir also um die Frage: Wie ändert sich die Perspektive beim Anschauen des menschlichen Leides durch den Blickwinkel des Leides des Gott-Menschen und seines Kreuzestodes?

Leid ist ein Thema, dem ich mich nur mit größter Umsicht nähern kann. Ich versuche es doch. Eine Einschränkung möchte ich jedoch vorausschicken: Ich werde hier nicht über das unaussprechliche Leid der Menschen, die in den totalitären Systemen des 20. Jahrhundert ihres Lebens beraubt wurden. Ich werde auch nicht über das Leid der Überlebenden sprechen. Es entzieht sich jeglichem Verstehen. Das Einzige, was bleibt, ist ein Erinnern und in diesem Erinnern ein Mit-Leiden, ein Mit-Gehen. Ich habe dabei die Imagination, das gerade dieses Erinnern und Mit-Leiden die Erlösungskraft besitzt. Einzig, was ich sagen kann, ist, dass das Schrecklichste, der Grund dieses Leides, einen absolut satanischen Charakter hatte – und das verstehe ich hier wortwörtlich.

Das gewöhnliche Leid, tragisch und dramatisch oft, das Leid, was jedem geschehen kann und was fast jedem geschieht, immer und immer wieder, hat in meinen Augen nicht nur eine irdische Dimension. Ich vertrete die Meinung, dass das Leid, „das Kreuz“, das wir zu tragen haben, etwas – im Hinblick auf die nichtirdische Dimension – hier auf Erden geradezu notwendig ist.

Da möchte ich an diesem Punkt weiter ausholen: Die Erzählung von Wladimir Sergejewitsch Solowjew, „Kurze Erzählung vom Antichrist“, zeigt uns deutlich, dass nicht nur ein Leben in völliger Glückseligkeit, ja, sogar das Versprechen der Glückseligkeit, des Wohlergehens und des ewigen Friedens, hier auf Erden, unwahr und unecht ist, ein falsches Versprechen, ein Versprechen, das einer Verführung gleicht und damit – das sagt uns die Intuition – wieder den durch und durch bösen Charakter hat – einen unmenschlichen. Der Schmerz, das Leid sind demnach elementar mit dem menschlichen Leben verbunden, das Leben ist ohne Leid und Schmerz so gut wie undenkbar. Somit stellt sich die Frage: Welchen Sinn hat das Leid der Menschen? Ein simples verneinen dieser Frage würde nichts erklären, würde auch das Leid nicht mindern und vor allem – es nicht verhindern. Kurz gesagt, das Verneinen dieser Frage führt gedanklich auf Abwege. Wenn wir sie jedoch ernsthaft in Gedanken bewegen, sind wir der Anerkennung eines höheren Ziels des menschlichen Lebens und Erlebens und somit auch Leides nahe. Kurzum, wem die teleologische Perspektive verschlossen bleibt, dem bleibt nur eine schmerzliche Frage, die keine Antwort findet.

Wozu ist es also gut, unser Leid?

Sowohl das körperliche Leid als auch das seelische, die sich übrigens oft bedingen, können in sehr vielen Fällen gelindert oder ganz beseitigt werden, was unbedingt angestrebt wird – durch Medizin und durch Unterstützung durch die soziale Umwelt. Dennoch macht die gewesene Erfahrung des Schmerzes, ob körperlich oder seelisch, auch wenn der Schmerz schnell vergessen wird, den Menschen reifer, verständnisvoller, befähigt ihn zum Mitleiden und nicht zuletzt dazu, selbst Hilfe leisten zu wollen und zu können.

Es gibt so gut wie kein menschliches Leben ohne Leid; glücklich können wir uns schätzen, wenn Kinder nicht leiden müssen. Wir Erwachsene gehen immer wieder in unserem Leben durch Phasen des Leides, ob es Schmerz, Trauer, Misserfolg, Verrat oder Krankheit sind. Nach dem überwundenen Schmerz, nach der überwundenen Krankheit oder Trauer empfinden wir eine große Erleichterung und Dankbarkeit – ja, vor allem deshalb, weil wir es hinter uns glauben. Solche Erfahrung prägt sich jedoch in unser Gedächtnis ein, verbindet sich unauflöslich mit unserer Biographie und es mischt sich ein neues, ein anderes Gefühl unter die Erleichterung, oder verstärkt diese sogar: Plötzlich wollen wir dieses vergangene Leid nicht mehr missen.

Die Voraussetzung dafür, dass diese neue Intuition im Bezug auf das Leid entsteht, ist dessen Akzeptanz. Es wird um diese gerungen, denn auch das sagt die Erfahrung, dass ein Leid, was wir akzeptieren, nicht mehr so sehr schmerzt. Ein nichtakzeptiertes Leid führt letztendlich zur Wut, Verbitterung und Neid. Alles Gefühle, die den Schmerz weiter verstärken!

Im Grunde ist es ein Funken Selbstschutz, wenn wir versuchen, dem Leid keinen Widerstand zu leisten, mehr, ihn anerkennen und ihm Sinn geben. Die Erleichterung, die dadurch erfahrene Minderung des Schmerzes ist sofort und deutlich zu spüren, so dass es einen neugierig macht, was sich da in der Psyche eigentlich abspielt, wenn allein das Annehmen des Leides eine so starke Veränderung des Empfindens verursacht.

Ich habe lange über Schmerz und Leid nachgedacht, viele mir zugänglichen Aspekte betrachtet und glaube, einen tragfähigen – weil es gerade darum geht –, einen kraftspendenden und vor allem einen umsetzbaren Modus gefunden. „Das Leben ist ohne den dazwischen scheinenden Gott unlebbar“. Diese Worte, Botho Strauss ist ihr Autor, stellen auf poetische Weise die wichtigste Prämisse meiner Ausführung dar.

Man könnte aber fragen: Wo bleibt Gott, wenn wir leiden müssen, oft so leiden, dass es unsere Kräfte zu übersteigen droht?

Es ist eine uralte philosophische und theologische Frage, die nach Gottes Gerechtigkeit und nach der Notwendigkeit des Leides: Wie ist mit Gottes Existenz die gleichzeitliche Existenz des Übels, des Unglücks, des Schmerzes vereinbar? Dieses Theodizeenproblem ist so alt wie die ihr Leben reflektierende Menschheit. Das Wort Theodizee ist erst im 18. Jahrhundert entstanden, die Frage nach Gott im Bezug auf das Leid hatte schon Hiob und seine Gefährten vor tausenden von Jahren gestellt.

Wenn ich annehme, dass die Erschaffung der Welt kein müssiges Spiel Gottes ist, muss ich zugleich feststellen, dass das Böse – sowohl Leid als auch Schuld – konsequenterweise notwendig ist, dass es im Gottes Plan enthalten ist. Es ist keine gedanklich bequeme Prämisse, sie hat aber den Anschein des Wahrhaftigen, denn das Ur-menschliche und in dieser Welt das Ziel an sich, ist die Freiheit: In weiter Perspektive die Freiheit der Wahl zwischen Gut und Gut. Allein um zur dieser Freiheit zu gelangen, muss die Menschheit den Weg der Erkenntnis, der Verstrickung in das Böse, dessen Begleiter Leid und Schmerz sind, gehen. Es ist zugleich der Weg zum Überwinden des Übels: Darin sehe ich das Ziel der irdischen Entwicklung. Es wird wohl noch Äonen dauern, bis dieser Zustand erreicht werden kann. Sicher ist aber, dass wir uns auf dem Weg bis dahin befinden.

Die Verstrickung in das Böse ist jedoch so stark, das Böse so mächtig, dass wir Menschen – auch das ist intuitiv erfassbar – uns davon selbst nie befreien könnten. Im Lichte dieser Feststellung ist es konsequent, dass die Menschheit der göttlichen Hilfe bedarf. So glaubt also der Christ, der Menschheit ist tatsächlich vor 2000 Jahren solche Hilfe zuteil geworden. Als grundfalsch sehe ich es aber an, wenn Christi Leid und sein Kreuzestod als Tilgung irgendwelcher individuellen menschlichen Schuld verstanden wird! Wegen solch einer vereinfachten Deutung wird übrigens die Tat von Golgatha missverstanden oder gar abgelehnt.

Das Leid Christi ist ein Thema der Kreuzestheologie, die an sich ein sehr wichtiges Thesenkomplex darstellt. Hier möchte ich nur kurz erwähnen, dass Christi Kreuzestod und dessen Notwendigkeit uns zeigen, wie unendlich schwer für uns Menschen die Absage an das Böse ist. Die erlösende Wirkung der Golgatha-Tat, einmal geschehen, kann uns aber nicht mehr genommen werden. Sie wirkt in alle Zukunft hinein und für alle Menschen, die je geboren wurden und werden – trotz der wiederkehrenden Eruptionen des Bösen.

Ein Ausdruck aus der christlichen Theologie und Religion – »Nachfolge Christi« – bezieht sich ganz konkret auf die Nachfolge im Leid und auf die Leidensfähigkeit des Menschen und in der Konsequenz auf die Tatsache, dass er dem Leid nicht entrinnen kann. Auf diese Weise verstandene Nachfolge haben in den ersten Jahrhunderten des Christentums unzählige Märtyrer gelebt. Nicht aus einer, wie auch immer verstandenen, Liebe zu Christus. Sie haben verstanden, dass der Mensch durch sein Leid die Macht besitzt, das Böse zu erlösen: Den Menschen vom Bösen erlösen und zugleich das Böse erlösen.

Somit steht unser Leid eigentlich im Dienste der Menschheit und der weit verstandenen Schöpfung. Es ist also nicht sinnlos. Das Erkennen seiner Bedeutung und Wirkung lindert, wie von unzähligen Menschen erfahren, den individuellen Schmerz. Das ist gerade das Geheimnis des Leides.

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• Der Deutsche Ritterorden – Ursprünge und Zerfall

Die drei größten Ritterorden – der Templerorden, etwa 70 Jahre früher als der Deutsche Ritterorden, Ordo Teutonicus, gegründet, und der jüngere Johanniterorden spielen eine außergewöhnlich große Rolle in Europa in der Zeit nach den Kreuzzügen, also im Hochmittelalter. Der Deutsche Orden, eine geistliche Ordensgemeinschaft, geht aus einem im Jahr 1190 im Heiligen Land gegründetem Hospital hervor.

Alle drei, jedoch auf unterschiedliche Weise, bereiten den Weg für die Weiterentwicklung der modernen Staatenorganisation und ihrer wichtigen Institutionen. Das historische Novum der Ritterorden ist die Verbindung des adligen Rittertums mit dem Mönchtum, was wichtige Ursachen in den mittelalterlichen Idealen und, unter andern, im europäischen Erbrecht hat und weitreichende Folgen haben wird, was in der Geschichte des Deutschen Ordens besonders deutlich zum Ausdruck kommt.

Die Kreuzzüge sind im Mittelalter der Organisationspunkt der sich neu formierenden europäischen Gesellschaft. Für die Verdienste in den Kriegen im Heiligen Land wird dem Rittertum Landbesitz geschenkt und verliehen. Diese Schenkungen und Lehen sind der Anfang großer Vermögen und bedeuten Machtzuwachs des Adels, der aus den Kreuzzügen generell gestärkt hervor geht. Durch die Neuverteilung des Reichtums und durch die Verfestigung einer modernen Staatenorganisation führen in der aufkommenden Zeit neue Impulse zu grundlegenden Veränderungen auf dem Kontinent. Die Kreuzzüge, die zwar stark religiös motiviert sind, verfolgen dessen ungeachtet wirtschaftliche und machtstrategische Ziele. Ganz am Anfang der neuen Entwicklung stehen im Jahr 1059 die Kämpfe gegen Sarazenen in Sizilien, 1063 gegen die Mauren in Spanien und  1066 die Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer. In allen diesen und späteren Kriegszügen kämpfen die Ritter unter den geweihten Fahnen.

Der Templerorden (ca. 1118 – 1312), dessen erster Quartier ein Flügel des Palastes von König Balduin, der heutigen Al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg gewesen ist – daher der Name –, hat die Aufgabe darin gefunden, die Straßen des Heiligen Landes für die christlichen Pilger zu sichern. Als Mönche legten sie das klassische, auf Armut, Keuschheit und Gehorsam bezogene Gelübde ab, als Ritter verpflichteten sich zudem, Geleit und Zuflucht der Pilger sicherzustellen. Mit der Armut ist es bald zu Ende, denn in Laufe der Zeit kommen zu den bestehenden, der Aufgabe im Heiligen Land angemessenen Besitzungen, bedeutende Landschenkungen in allen westeuropäischen Ländern hinzu. Die wachsende Macht und der sich abzeichnende Einfluss werden außerordentlich durch die 1139 verfasste wortgewaltige Schrift Bernhards von Clairvaux, „Lob der neuen Ritterschaft“ verfestigt. Darüber hinaus, im gleichen Jahr, wird der Orden dem Papst Innozenz II. direkt unterstellt, was dem Orden dazu verhilft, zum Staat im Staate zu werden und für weltliche Herrscher unantastbar zu sein. Der ursprünglichen Aufgabe gemäß widmeten sich die Templer weiterhin der Organisation und dem Schutz der Pilger, die zum Heiligen Land, aber auch auf dem Jakobsweg nach Compostella Jahr für Jahr aufbrechen. Eine Pilgerreise ist für den Christen, einen Ritter und Abenteurer von Bedeutung und wird trotz aller möglichen Risiken von vielen unternommen. Um ihr Vermögen für die Dauer der Pilgerfahrt nicht ohne Schutz zu lassen, geben die Reisenden dieses den Templern in Obhut. Fortan gehört diese Aufsicht zu genuinen Aufgaben der Templer. Es versteht sich von selbst, dass einiges von dem anvertrauten Vermögen durch den Tod der Pilger und Kreuzzügler verwaisen, und für immer in der Hand der Rittermönche bleiben wird. Dadurch, und zusätzlich durch ein einträgliches Geschäft mit Verleihen des Geldes gegen den Zins, der Orden in Laufe der 200 Jahre unermesslich reich werden wird. Darin jedoch liegt bereits der Keim des Todes, denn gerade dieses Reichtum – der sagenumwobene Schatz der Templer –  nimmt dem gierigen und eifersüchtigen König Philippe le Bel jede Ruhe. Und es kommt, wie es kommen muss: Im Jahr 1309, beginnt Philippe die Macht des Ordens mit Intrigen und falschen Anschuldigungen zu unterminieren und am Ende gelingt es ihm mit Hilfe einer grausamen militärisch-polizeilichen Aktion die Macht der Templer zu brechen. Er erreicht sein Ziel, das unvorstellbare Vermögen des Ordens an sich zu reißen. Der Templer-Gold bleibt aber bis heute verborgen…

Die Johanniter, das soll nur kurz erwähnt werden, widmen sich dem Schutz, der Beherbergung und Pflege von Pilgern, Kranken und Armen. Obwohl in einer stark abgewandelter, an den neuen Zeitgeist angepassten Form, retten sie Diese Ziele bis in die heutige Zeit.

Der Orden der Deutschen Ritter wird als letzter der drei großen Orden im Heiligen Land 1190 – gestiftet von einem Bruder Heinrichs VI., Herzog Friedrich von Schwaben – gegründet, verlässt aber das Land als erster wieder, um neue Aufgabenfelder zu suchen. Dieser Orden ist nach dem Vorbild vom Tempelorden errichtet. Anfänglich als Hospitalbruderschaft gegründet, entwickelt er sich zu einem Ritterorden. Anders jedoch als die Templer, die überall im westlichen Europa im Umkreis der Kriegswege ihre Besitzungen haben, bekommen bald die Deutschordensbrüder die Möglichkeit, sich einen territorialen Herrschaftsbereich zu sichern – in Preußen. Dort gründen sie einen überaus modernen, perfekt organisierten und perfekt funktionierenden Staat.

Marienburg

Noch im Heiligen Land zieht es den vierten Großmeister des Ordens, Hermann von Salza, nach Süditalien, wo der Hohenstaufenkaiser, Friedrich II., der modernste Herrscher dieser Zeit, kaiserlichen Hof hält.

Der sizilisch-unteritalienische Staat ist in dieser Zeit der erste moderne Staat des Abendlandes. Seine Wurzel hat er zum gleichen Teil in dem sarazenisch-arabischen- und in dem normannischen Element, die sich in diesem Staat verbinden und gegenseitig verfestigen. Folgendes ist dazu bei dem Politik- und Rechtswissenschaftler, Richard Schmidt, zu lesen: „In Hofgericht, Justitiarien, und Amtsleuten wurde Justiz und Polizei unter gänzlichem Ausschluss der feudalen Grundherren zusammengefasst, die Finanzverwaltung durch Grund- und Kopfsteuer, Monopole, Zölle und Eigenhandel des Kaisers aufs Äußerste angespannt, das Lehnsaufgebot durch eine große sarazenische und deutsche Leibwache in Schach gehalten, Handel, gewerbliches Zunftwesen, Universitätsstudium durch strenge Regulative polizeistaatlich gebunden, der letzte Rest der mittelalterlichen Verfassungsschranken der Krone völlig abgetötet … Es war die energievollste Staatsschöpfung des Mittelalters.“

Diese neue Staatenorganisation bedeutet jedoch den Bruch mit der Idee des weltumspannenden Reiches, der Idee des Universalismus. Jahrzehnte später spricht noch Dante Alighieri in seiner „Monarchie“ von Absichten Gottes, eine Weltmonarchie, ohne Nationen und Grenzen, entstehen zu lassen, Jahrhunderte später ist es Novalis, der die Idee, Europa sei mit Christenheit identisch, in der Zeit der Umbrüche in seiner 1799 gehaltenen Rede „Die Christenheit oder Europa. Ein Fragment“ zur Debatte stellt. Der Staat Friedrichs des II. bedeutet eine grundlegende Neuerung. Die Weltmonarchie, ein feudales Reich, Lehensstaat, existiert noch, die neue Formation – die Fürstentümer als Beamtenstaaten – entsteht zur gleichen Zeit. Diese beiden Formen der Machtorganisation existieren einige Zeit nebeneinander, wobei der Beamtenstaat nach dem Muster des unteritalienischen Staates der Hohenstaufer erst im Spätmittelalter und in der Renaissance zur Blüte kommt.

Von Salza bleibt lange am Hof von Friedrich II., lange genug, um notwendige Impulse aufzunehmen, die er bald in die Gestaltung eines anderen modernen Staates einfließen lässt. Dies wird zudem dadurch ermöglicht, dass dank Hermanns Unterstützung für die Kreuzfahrt Friedrichs (1228-1229), der Orden sich mittels ihm verliehener Privilegien von bis dahin bestehenden Verpflichtungen befreien kann.

Es bestehen von Anfang an enge Beziehungen zwischen den Deutschrittern und den Hohenstaufen. Ein Geschichtsschreiber nennt den Orden geradezu die „Lieblinge Friedrichs II.“ und Friedrich ist es auch, der dem Hochmeister des Ordens, Hermann von Salza, das recht verleiht, auf seiner Hochmeisterordensfahne und auf seinem Schild den Reichsadler zu führen, den schwarzen Adler des alten deutschen Reiches auf goldenem Grund. Gestiftet ist der Deutschritterorden zu Ehren der Jungfrau Maria, die Brüder tragen ein weißes Ritterkleid mit dem schwarzen Kreuz und führen als Wappen ebenso das schwarze Kreuz auf weißen Schild.

Mittelalter ist entgegen der in späteren Jahrhunderten allgemeinen Betrachtungsweise eine Zeit, in der Kommunikation und Austausch zwischen den Herrscherhäusern rege ist und sowohl die bedeutenden Errungenschaften der Wissenschaft als auch die philosophischen und literarischen Werke so schnell wie eben möglich auch in die entlegensten Winkel der damaligen Welt gelangen, wenn auch mit einer verständlichen Verzögerung. Der Mensch ist zu jeder Zeit ein neugieriges, an allem interessiertes Wesen, und lebt vom Austausch. So ist auch nicht verwunderlich, dass die Ordensritter, selbst meistens  jüngere Söhne der Adelsfamilien, für die es wegen des Erbrechts günstiger war, eine gute Position in einem Orden als in den weltlichen Zusammenhängen, wo der Platz schon die ältesten Söhne dieser Familien eingenommen haben, zu erlangen. Es finden also oft Reisen quer durch Europa statt und die Fäden, die den Orden mit der Literatur, den Minnesänger, und auch der mystischen Strömung verknüpfen, sind fest. „Es sind die selben Familien“, schreibt ein Forscher, „aus denen Dichter und hohe Ordensmitglieder hervorgehen.“

Im Deutschritterorden lebt ursprünglich – ich unterstreiche: ursprünglich – der Kreuzzugsimpuls. Das Ideal der Kreuzritter war: „…das Ritterlich-Kriegerische in den Dienst des Menschen zu stellen, von dem sie angenommen haben, sein Streben ist christlich-spirituell. Wenn man sagt, das Streben der Templer ist vorzugsweise der Kampf gegen die Ungläubigen, die Johanniter widmen sich in erster Linie der Krankenpflege, so gelingt dem Deutschritterorden bis zum gewissen Grad und für bestimmte Zeit beides, oder besser gesagt – eine Synthese von beiden. Also: Kampf und Heilen sollten ihnen obliegen – Dienst an Mars und Merkur“, schreibt Karl Heyer.

Der erste Versuch (1211-1225) einer Staatenbildung, in Siebenbürgen, scheitert. Die Ritterbrüderschaft kann sich nicht gegen die heidnischen Kumanen durchsetzen, die Christianisierung des Volkes gelingt nicht. Eine Schicksalswende für den Orden bedeutet – im Jahr 1226 – der Ruf eines polnischen Herzogs, Konrad von Masowien, der sich eine Hilfestellung von der Ritterschaft erhofft. Hilfestellung im Kampf gegen die im baltischen Raum, also im Grenzgebiet zu Masowien, lebenden Pruzzen und andere heidnische Völker, die die südlichen Gebiete seines Landes unablässig überfallen. Konrad erhofft sich zudem, dem geistlichen Orden gelingt die Christianisierung dieser Völker. Diesmal dauern die Verhandlungen zwischen dem Großmeister und Konrad lange, denn Hermann von Salza will die Geburtsfehler der Staatsgründung in Siebenbürgen nicht wiederholen und verlangt von Konrad feste Verträge und ein bestimmtes Gebiet als notwendige Basis, um die Mission zu erfüllen. Im Jahr 1230 bringt von Salza die Verhandlungen mit Konrad zum glücklichen Abschuss.

Friedrich II. als „Oberlehnsherr aller heidnischen Länder“, aus dem universalchristlichen Impuls des hohenstaufischen Kaisertums handelnd, belehnt den Orden mit „allen in Zukunft zu erobernden Ländern“: In der „Goldenen Bulle“ von Rimini wird also dem Orden das Privileg erteilt, einen eigenen Staat in dem zu erobernden und zu christianisierenden Land zu errichten und dem Hochmeister des Ordens der Status eines Reichsfürsten zuerkannt. Konrad seinerseits überträgt den Deutschen Herren im Vertrag von Kruschwitz – in Form einer Schenkung also zum freien Besitz und nicht als Lehen – das Kulmer Land, das am rechten Ufer der Weichsel zwischen Graudenz und Thorn liegt.

Für den Orden ist das ein überaus günstiger Abschluss der Verhandlungen, für Konrad markiert dieser die Geburt eines  Konflikts zwischen ihm und dem Orden, denn es lag eigentlich nicht in seiner Absicht, die Hoheit über dieses Gebiet an andere zu übertragen. Jedoch durch seine Niederlagen im Kampf mit den heidnischen Völkern aus der Region um das Baltische Meer und in Angesichts der Tatsache, dass der von ihm gegründete Ritterorden, die Brüder von Dobrin, sein eigenes Land Masowien nicht in der Lage gewesen sind vor den heidnischen Pruzzen zu verteidigen, steht Konrad mit dem Rücken zur Wand und sieht sich gezwungen, die Bedingungen des Hochmeisters und vor allem die vom Kaiser Friedrich II., anzunehmen. Dieser in dem Moment geborene Konflikt wird lange Zeit schwellen, bis er fast 200 Jahre später, unter dem Hochmeister, Ulrich von Jungingen, zum Ausbruch der Kriegshandlungen führen wird und gewaltsam ausgetragen wird.

Hermann von Salza selbst kommt nie nach Preußen. Sein Sitz befindet sich seit dem Abzug aus dem Heiligen Land in Venedig. Die immensen Aufgaben der Eroberung des Landes im nördlichen Osteuropa, der Kämpfe mit den heidnischen Völkern und die Organization des Landes beginnen unter der Führung des Landmeiters Hermann Balk. Die Missionierung der Pruzzen und der anderen Nachbarvölker wird vom Kaiser, vom Papst, nicht zuletzt von den Rittern selbst als eine Fortsetzung des Glaubenskrieges in Palästina aufgefasst, als ein neuer Kreuzzug. Die Christianisierung dieser Gebiete schreitet voran, so dass bald der Papst sich veranlasst fühlt, den zukünftigen Ordensstaat schon im Jahr 1234 in der Bulle von Rieti unter seine Herrschaft zu stellen. Damit wird das Land endgültig dem Zugriff der christlichen Nachbarn entzogen.

Die Kreuzritter erbauen in dem Gebiet eine Kette von Burgen, von denen viele bis heute stehen. Von hier unterwerfen sie zusammen mit der Ritterschaft aus Polen und anderen christlichen, meist westlichen Ländern, mit Gewalt, mit Feuer und Schwert das Land der Pruzzen. 35 Jahre leisten Pruzzen dem Deutsch Ritterorden hartnäckig den Widerstand! Erst dann gelingt es, das Land zu unterwerfen und zu kolonisieren. Also schon 1283 befindet sich das Land der Pruzzen in der Hand des Ordens. In der Folgezeit findet eine intensive Kolonisierung der bis dahin heidnischen Gebiete, die durch die gewaltsame Eroberung zum großen Teil entvölkert werden, statt. In den Osten ziehen Menschen aus Westeuropa. 1237 vereinigt sich der Deutschritterorden mit dem livländischen Orden der Schwertbrüder und wird somit zusätzlich zum Herren von Livland und Kurland. Der Orden ist in dem Staat die führende Schicht, die sowohl im Materiellen als auch im Geistigen vollkommen autark lebt. 150 weitere Jahre kämpft er mit den Litauern einen harten Kampf um das zwischen dem baltischen Schwertbrüder-Besitz und Preußen liegende Land Schamaiten.

Trotz Rauheit und Gewaltsamkeit ihres Vorgehens in Preußen und den anderen Gebieten, trotz der mörderischen Kämpfe  behalten diese Ritter ganz stark das Bewusstsein – was heute schwer zu verstehen ist – im Dienste ihrer Schutzpatronin, Mutter Gottes, zu wirken. Das ist im Geist der Zeit.

Auf den eroberten Gebieten werden nach Kulmer Recht Städte gegründet: Thorn, Kulm, Marienwerder, Elbing, Braunsberg, Heilsberg, Königsberg und andere. Dazu kommen Lokationen von Dörfern, die von deutschen und holländischen Kolonisten besiedelt werden. Die Städte, die der Orden gegründet hat, zählen noch heute zu den besten Errungenschaften der Urbanistik in Europa! Marienburg ist im Mittelalter die größte gotische Wehrburg auf dem Kontinent. Die Städte, die Siedlungen, die Schlösser, die in den Machtgebiet der Komture fallen, werden mit einem Netz gut ausgebauter Wege verbunden, es entstehen reguläre Verbindungen von Elbing nach Lübeck, Riga und anderen Ostseestädten. Die Straßenverbindungen dienen dem Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen und Kommunikation. Post wird regelmässig befördert, die Burgen sind zugleich Poststationen. Im Sinne der Verwaltung, der Organisation des sozialen Lebens und der internationalen Kontakte, stellt der Ordensstaat eine neue Qualität, besonders in dem östlichen Teil Europas dar. Durch die wachsende Bevölkerung und dank der hervorragenden Organisation und leistungsfähiger Bürokratie wächst zugleich die wirtschaftliche Kraft des Staates, so dass der Orden – als einzige Nichtstadt – und sechs seiner Städte Mitglieder der Hanse werden. Die ökonomische Macht des Ordens, die auf dem Transithandel aus dem polnischen Gebiet, dem Export von Holz, Getreide, Bernstein und Wachs beruht, ist die Bedingung sine qua non der weiter steigenden militärischen Stärke des wachsenden Staates.

Marienburg

Aber erst Jahrzehnte später, im Jahr 1309 – dem Jahr des Templer-Pogroms – verlegt Siegfried von Feuchtwangen, fünfzehnter Hochmeister des Deutschen Ordens, seine Residenz nach Marienburg. Der Orden entwickelt sich zu einer Macht im Nord-Ost Europa. Unter Winrich von Kniprode, einem der besten Hochmeister, erlebt der Orden seine Blütezeit: Ihm gehören um die 3000 Ritter an. Unter Konrad von Jungingen erreicht der Orden seine größte territoriale Ausdehnung. Und es gelingt dem Orden in dieser Zeit seine Beziehungen zu Dänemark in Ordnung zu bringen. Die Befriedung der Ostsee, die Befreiung von der Piraterie, der gute Frieden mit der Margarethe I. von Dänemark verlieren jedoch an Bedeutung angesichts der sich abzeichnenden Eskalation des Konflikts mit dem Königtum Polen und dem Großfürstentum Litauen.

Es ist überaus interessant, das es ein polnischer Herzog ist, der den Orden in sein Land ruft, dass er und die polnische Ritterschaft zuerst, trotz wachsender Konflikte, Arm in Arm für die neue Religion kämpfen, sich dadurch Zunahme an Sicherheit vor den Heiden für ihr Land erhoffend. Die Konflikte nehmen bald überhand, hier begegnen sich nämlich zwei völlig unterschiedliche Elemente, zwei Völker, die zu dieser Zeit verschiedene Stufen der Staatenentwicklung einnehmen. Die Deutschen Herren gehören der westlichen Kultur, schöpfen ihre Sicherheit und ihre Stärke sowohl aus der langen Tradition des westlichen Rittertums als auch aus der Einbettung in die Interessen des Kaisers und des Papstes und erfreuen sich deren bedingungslosen Unterstützung. Das Königtum Polen, geschwächt durch die Teilung des Landes unter die Söhne des Bolesław III., sucht erst sein modus vivendi im Europa. Durch die geografische Lage begegnen sich das polnische und das deutsche Element im Grenzgebiet ohnehin. Jedoch das Eindringen des westlichen, des deutschen, Elements weit in das östliche Land hinein ermöglicht überhaupt die entschiedene Einflussnahme der westlichen Kultur, des Rechts und der westlichen Staatskunst, besonders auf die zwei großen Völker, die Polen und die Litauer. Der Druck, dem sich diese beiden ausgesetzt sehen, veranlasst sie zu Handlungen, für die es ohne diesen keine Veranlassung  gebe. Darüber hinaus entsteht zum ersten Mal in der Geschichte ein starkes Nationalgefühl in den mitteleuropäischen Völkern. Eigentlich kann solches Nationalgefühl nur im Bewusstsein einer Bedrohung entstehen.

Deutscher Orden 1410

Es ist auch das spätere Ende des Ordens, das das Bewusstsein und die weiteren Geschicke sowohl der Deutschen als auch der Polen und Litauer verändert. Man kann sagen, Konrads Ruf an den Orden birgt in sich von Anfang an eine weltverändernde Kraft.

Im Laufe der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts erstarkt der Orden und sein Territorium vergrößert sich durch den von der Kurie gedeckten Expansionsdrang. Dieser führt zur Annexion mehrerer Gebiete in der Nachbarschaft und zu zahlreichen Kriegen mit Litauen.

Indes gelingt es dem litauischen Fürsten Mindaugas, dank seiner militärischen Kraft, die Nachbarstämme unter seiner  Hoheit zu vereinigen. Im Jahr 1253 lässt er sich – durch den Bischof von Riga, vom Papst abgesegnet – zum König krönen. Die Vereinigung der litauischen Stämme und die Staatenbildung führen zu weiterer Vergrößerung seiner militärischen Kraft und erlauben die vordringenden Rittern des Deutschen Ordens erfolgreich, abzuwehren. Was jedoch Mindaugas nicht gelingt, ist die Christianisierung des Volkes: Er ist gezwungen, die Taufe für nichtig zu erklären und zum alten Glauben zurück zu kehren. Das Volk bleibt heidnisch, auch später, nach allen Versuchen der Missionierung von Seiten des Ordens. Mindaugas bleibt der einzige christlich gekrönte Herrscher Litauens. Der spätere litauische Großfürst, Gedyminas, und seine Nachfolger bauen das Großfürstentum zu einer osteuropäischen Großmacht aus. Ungeachtet dessen kann der Konflikt mit dem Deutschen Orden nicht zu einem zufrieden stellenden Ende geführt werden. Erst die Union zwischen Polen und Litauen führt 100 Jahre später zur Überwindung der kriegerischen Auseinandersetzung mit dem Orden.

In Europa zeichnen sich seit Jahrhunderten zwei Tendenzen, die widersprüchlich sind: Die universalistische und die der selbständigen Staaten, die sich im Rahmen der eigenen Tradition und eigener Staatlichkeit – des eigenen Rechts – organisieren. Im Laufe der Zeit ist der Universalismus immer deutlicher auf dem Rückzug, was durch die innere Krise der Kirche weiter verstärkt wird. Nicht nur Kirche, ganz Europa wird durch Krisen und Kriege erschüttert. Der hundertjährige Krieg tobt zwischen Frankreich und England, Schweizer Bauern und Bürger in Flandern führen systemverändernde Kämpfe; diese markieren den Anfang der bürgerlichen Selbstverwaltung. Der sich abzeichnende Fortschritt wird jäh durch den schwarzen Tod aufgehalten. Dieser dezimiert das westliche Europa. Auch wenn die Pandemie sich nicht nur auf das westliche Europa beschränkt, erspart sie unerklärlicher Weise einige ostmitteleuropäische Länder. Es kommt im 13. und 14. Jahrhundert in diesen Ländern zu einem starken Entwicklungsschub. Die Herrscher dieser Zeit – in Ungarn, Böhmen, Serbien in Litauen und nicht zuletzt – Winrich von Kniprode, der Hochmeister des Ordens werden in die Geschichte als bedeutende Herrscher eingehen. In Polen wird die Macht konsolidiert, was unabdingbar ist für weitere Entwicklung zum modernen Staat.

Auch das westeuropäische Rittertum befindet sich seit Jahrzehnten in einer Krise, wirtschaftliche Schwierigkeiten ziehen eine verhängnisvolle Aushöhlung des ritterlichen Ethos nach sich und damit den rapiden Verlust an Bedeutung des Standes. Mit einen Wort, das Rittertum hat seine Blütezeit schon längst hinter sich, es geht seinem eigenen Zerfall entgegen. Doch im Osten glaubt man noch Aufgaben zu finden: Der Ordo Teutonicus Verspricht noch Kämpfe, Gewinn und ritterlichen Ruhm. Nicht zu vergessen, die Verwirklichung der verpflichtenden, von Bernhard von Clairvaux bestimmten ritterlichen Tugenden. Die Strahlkraft des Ordens ergibt sich aus seiner militärischen und politischen Macht in der Region und aus seinem zunehmenden Reichtum. In Marienburg werden vielfach die Fäden der europäischen politischen Szene gehalten. Dies ist ein Ort, wo sich Gesandte bedeutender und weniger bedeutender, kirchlicher und weltlicher europäischer Machthaber treffen, von hier werden die Reisen in heidnische, und in schon längst christianisierte, Gebiete organisiert, hier wird taktiert und paktiert, hier werden Abmachungen getroffen – alles den Nachbarn nicht wohlgesinnt. Hier verhandelt man über gegenseitige Unterstützung jeglicher Art und Geldleihgaben. Hier werden Abhängigkeiten geschaffen.

Marienburg

Richtung Marienburg ziehen Ritter aus dem ganzen Europa: aus den deutschen Ländern, Niederlanden, Frankreich, England, Schottland, Irland, Kastilien, Aragonien, Portugal, aus Italien, Böhmen, Ungarn und aus Polen. Von hier brechen sie in Richtung Litauen, um ihre ritterlichen Pflichten zu tun: Um ihre Mission, die Heiden zu bekehren, zu erfüllen. Dabei aber auch die Besiegten zu berauben und ihre Häuser zu plündern… Diese vom Orden organisierten Preußenreisen in die heidnischen Gebiete werden lange als Kreuzzüge und gerechte Kriege gegen die Heiden, aber auch als ritterliche Abenteuer angesehen. Mit der Zeit verlieren diese Reisen den ursprünglichen Charakter, beschränken sich zunehmend auf Raub und Mord und somit untergraben sie zunehmend den Ruf des Ordens. Die eigene Bevölkerung wird kontinuierlich rücksichtslos unterdrückt, mit ihr führt der Orden einen regelrechten fiskalischen Krieg, der damit endet, dass die preußische Bürgerschaft Zuflucht sucht bei dem polnischen König. Repressalien seitens des Ordens sind die Antwort.

Die Brutalität des Vorgehens, die Grausamkeit, allen voran aber der alles übertreffende Hochmut der Ordensbrüder geben immer mehr Anlass zur Kritik von Seiten bedeutender Persönlichkeiten – um nur Jan Hus und die heilige Brigitta von Schweden zu erwähnen – die scharf sehen, wie weit sich die Realität vom ritterlichen Ideal entfernt hat. Ihr Entsetzen und Erschrecken bringen sie in Briefen zum Ausdruck, die sie an die europäischen Höfe und an den Papst senden. Briefe, die wir heute noch lesen können.

Der 15. August 1385 markiert eine Zäsur in der Geschichte des Europas im Allgemeinen und in der Geschichte des Ordens, des Fürstentums Litauen und des Königtums Polen im Besonderen. An diesem Tag wird die Union zwischen Polen und Litauen geschlossen, eine Union, die endgültig, durch die Taufe des litauischen Fürsten Jogaiła, später genannt Jagiełło, und seine Vermählung mit der polnischen Königin Jadwiga von Anjou, das Kräfteverhältnis in Mittelosteuropa verändert. Mit der Personalunion entsteht der größte Staat in Europa, mit dem die westeuropäischen Könige zunehmend rechnen müssen. Vitold, ein Cousin Jogaiłas wird der Großfürst von Litauen. Der Grundstein für diese Staatenunion ist in der Regierungszeit des Kasimir des Großen von Polen im 14. Jahrhundert gelegt worden: Nach der Inkorporation von Ruß‘ hat man ein Model, in dem gemeinsame Rechte und Privilegien aber unterschiedliche Sprachen, Religionen und Kultur eingeschlossen sind, ausgearbeitet. Noch heute ist dieses Erbe – in der Europäischen Union – lebendig.

Der litauische Adel und die Bojaren bekommen zahlreiche, an die Taufe gebundene, Privilegien und Landschenkungen, die ihre Position im Staat ungemein stärken und dem polnischen Adel gleichstellen. Die Christianisierung verläuft zielbewusst und energisch. Es soll hier erwähnt werden, dass Jagiełło zwar entschieden und mit großem Eifer die neue Religion in Litauen zur Staatsreligion macht, jedoch schützt er genau so die anderen Konfessionen wie das orthodoxe Christentum, das orientalisch-orthodoxe Christentum der Armenier, die muslimischen Tataren und die Juden, deren Privilegien er sowohl in Polen als auch in Litauen bestätigt. Im 14. Jahrhundert ist Jagiełło damit eine Ausnahme und eine Ausnahme in dieser Hinsicht bleibt in Europa dieser riesige Staat noch für weitere Jahrhunderte. Seine Monarchie ist wahrlich multiethnisch, multikulturell und multikonfessionell und damit stellt sie eine Brücke zwischen der östlichen und der westlichen Zivilisation dar. Die Frage bleibt jedoch, ob der so uneinheitliche Staat sich mit dem hervorragend organisierten Ordensstaat messen kann.

Marienburg

Die Tatsache, dass Litauen jetzt endgültig christianisiert ist, entzieht dem Deutschen Orden raison d’être, die Daseinsberechtigung für sein weiters Verbleiben im Baltikum, das mit der territorialen Ausdehnung gleichgesetzt wird. Anfänglich gelingt es dem Orden, die Welt von weiterer Notwendigkeit der „wahren“ Christianisierung zu überzeugen: Die Reisen in die litauischen Gebiete gehen weiter, das westeuropäische Rittertum nimmt an ihnen zahlreich teil. Die polnische Diplomatie versucht den Westen zu überzeugen, dass die Wirklichkeit eine andere ist, anfänglich ohne Erfolg. Erst im Jahr 1403 verbietet der Papst Bonifaz IX. dem Orden, Reisen in Richtung Litauen zu unternehmen. Es ist jetzt klar, dass Litauen zur römischen Kirche gehört und dass der Prozess der Christianisierung friedlich verlaufen ist. Das stärkt auf der einen Seite die Position Polens und die von Jagiello in Europa und auf der anderen Seite verbessert es die Lage der Kurie.

Der Krisenherd liegt in dieser Zeit in Schamaiten (Żemaiteje), einem Gebiet, das zum Fürstentum Litauen gehört. Dieses Land liegt zwischen Preußen und Livland. Nach ihm giert der Orden, um den preußischen Staat mit dem livländischen Zweig des Ordens zu verbinden und damit den Staat erheblich zu vergrößern. Im Laufe der Ereignisse gelangt Schamaiten unter die Herrschaft des Ordens, womit vor allem die Bevölkerung nicht einverstanden ist; es kommt zu mehreren Aufstanden, die Union gewährt den Schamaiten stille Unterstützung. Und dies ist die unmittelbare Ursache der Kriegserklärung seitens des Deutschen Ordens.

Auch Jagiełło sieht die Notwendigkeit ein, nach einer militärischen Lösung der Probleme zu suchen. Nicht überzeugt davon sind die anderen polnischen Herren und schon gar nicht die Geistlichkeit. Eine gewisse Ehrfurcht vor dem Orden als einer explizite von der Kirche unterstützter Institution, die sich darüber hinaus als im Auftrag Gottes handelnde versteht, ist nicht leicht zu überwinden. Der Orden drängt seinerseits gleichermaßen wie Jagiełło auf eine definitive Auflösung der schwellenden Konflikte. Jagiełło versteht die kommende Auseinandersetzung als ein „Gericht Gottes“, im Mittelalter eine gängige Haltung.

Außenpolitik des Königstum Polen gehört in dieser Epoche zum königlichen Prärogativ, ausgeführt wird sie in Kraków von cancelaria Regni Poloniae. Hier werden Dokumente und Instruktionen vorbereitet, Vollmachten und Beglaubigungsschreiben ausgestellt, diplomatische Reisen vorbereitet: nach Rom, nach Wien, in die Türkei, nach Marienburg, nach Böhmen und Ungarn. In den Jahren vor dem Krieg ist sowohl die königliche- als auch die Ordensdiplomatie rege. Verständlich, denn beide Seiten geben sich Mühe, eigene Sicht der Lage, eigene Klagen und Bitten, eigene Propaganda den europäischen Herrschern zu präsentieren. Die Chronisten der Zeit – was für Glück! – verfolgen die Routen und beschreiben diese Besuche auf den Höfen in den meisten Fällen sehr genau, die Briefe und andere Sendschreiben sind zum großen Teil bis heute erhalten geblieben: Es ist ungemein interessant, in das Leben von vor 600 Jahren einzutauchen. Die polnische diplomatische Tätigkeit im Westen bringt zwar keine spektakulären Ergebnisse mit sich, es gelingt ihr aber, auf die Lage im nördlichen Mittelosteuropa aufmerksam zu machen und das bis jetzt sehr vorteilhafte Bild des Ordens nachhaltig zu verändern. Die Diplomatie des Deutschen Ordens nutzt einen Vorteil aus, der sich aus den vielen familiären Verflechtungen der Ordensritter und aus vielen wirtschaftlichen Kontakten mit dem Westen ergibt: Die Gesandten des Ordens stoßen auf zugeneigte Ohren.

Im Jahr 1409 erklärt der Hochmeister Ulrich von Jungingen, dem König Jagiełło den Krieg. Er beginnt zugleich mit weiteren territorialen Eroberungen, Polen und Litauer beschränken sich zu dieser Zeit nur auf die Verteidigung. Jagiełło will den Krieg jedoch nach Preußen tragen. Indessen vermitteln die Gesandten des böhmischen Königs Wenzel IV. zwischen beiden Seiten und führen im Oktober 1409 einen Waffenstillstand, der bis zum 24. Juni 1410 anhalten soll, herbei. Beide Machthaber brauchten Zeit, um ihre Heere vorzubereiten und endgültig Verbündete zu gewinnen.

Anfang des Jahres 1410 beginnen auf beiden Seiten intensive Vorbereitungen zum Krieg. Schon im Dezember 1409 treffen sich in Brest am Bug König Wladyslaw Jagiełło mit dem Großfürsten Vitold. Es herrscht höchste Geheimhaltung, eingeweiht ist nur der Kanzler, Mikolaj Trąba. Später stößt dazu der zukünftige Chan der Goldenen Horde. Tatarische Kämpfer  werden sich an den bevorstehenden Kämpfen beteiligen. Über den Verlauf der Verhandlungen haben wir heute kein genaues Wissen, einzig und allein aus dem späteren Verlauf der Ereignisse können wir eine Strategie erkennen, wobei die Unterscheidung zwischen Planung und Improvisation nicht immer gelingt.

Hier in Brest beschliesst man, den Krieg im Ordensstaat zu führen, Richtung Marienburg zu gehen, jedoch nicht zuerst die Burg zu belagern, sondern eine Schlacht auf dem offenen Feld anzustreben. Die Armee des Ordens ist in dieser Rechnung eine Unbekannte. Es wird eine Strategie, die dazu führen soll, dass diese Rechnung bald aufgeht, ausgeklügelt. Und das alles unter höchster Geheimhaltung, trotz der sehr gut ausgebauter und gut organisierter Spionage des Ordens. Des Weiteren wird in Brest der genaue Kalender ausgearbeitet: Wann lässt man das allgemeine Aufgebot ergehen, welche logistischen Vorbereitungen müssen getroffen werden, wie wird die Versorgung gesichert, wann und wo sollen die polnische und die litauische Armeen konzentriert werden und wo sollen sie sich treffen. Und die schwierigste Frage: Wie wird das polnische Heer die Weichsel überschreiten? Die Geheimhaltung über die Pläne gelingt über die ganzen Monate bis zum tatsächlichen Kriegsausbruch! Dies führt zu einer Desorientierung der Befehlshaber der Ordensarmee.

Marienburg

Die Konzentration der polnischen Ritterschaft verläuft nach Plan: Ende Juni 1410 bei Czerwińsk, am linken Ufer der Weichsel, erscheinen alle berittenen Kämpfer der polnischen Krone. In den drei Tagen vom 30. Juni bis zum 2. Juli setzt die ganze Armee über die an dieser Stelle etwa 500 m breite Weichsel über. Wir haben das Jahr 1410. Wie wird die Übersetzung einer ganzen Trosskolonne bewerkstelligt? Noch in Brest beschließen Jagiełło und Vitold, eine Pontonbrücke bauen zu lassen. Diese Brücke wird unter strengster Geheimhaltung bei Kozienice im Radomer Urwald gebaut, von dem Radomer Starost Władysław Dobrogost Czarny z Odrzywołu beaufsichtigt, rechtzeitig mit der Weichsel in Teilen Richtung Czerwińsk geflößt und an Ort und Stelle zusammen gebaut: 500 Meter in acht Stunden! Eine Brücke, die auf 168 Booten liegt. Die Kunde über diese Pionierleistung verbreitet sich in alle Richtungen und macht einen großen Eindruck auf die Zeitgenossen. Der Hochmeister aber will gar nicht glauben, dass der Feind so eine erstaunliche Lösung gefunden hat und tröstet sich höhnisch, die Polen haben nicht mal eine Furt finden könnten.

Auf dem anderen Ufer der Weichsel verbindet sich das polnische Heer mit den litauischen und masowischen. Die Armeen nehmen die Richtung preußische Grenze. Am 9. Juli überschreiten sie, etwa 30 000 Kämpfer, die Grenze zum Ordensstaat. Zu diesem Zeitpunkt ist der Hochmeister bereits über die Marschrichtung der vereinten Heere gut informiert. Ulrich von Jungingen weiß außerdem über die zahlenmäßige Überlegenheit der feindlichen Armeen. Er kennt eine interessante strategische Variante, die es erlaubt, gegen viel stärkere Armee zu siegen: Sie wird im hundertjährigen Krieg angewendet, auch Türken, die Balkan erobern, wenden sie an. Jagiełło durchschaut die Pläne vom Hochmeister und lässt sich nicht in die Falle locken.

Die vereinten Heere die sich jetzt auf dem Marsch durch die preußischen Dörfer und Städte befinden, plündern und morden und dies alles mit dem Einverständnis des Königs. Auch dies ist ein Teil der Strategie von Jagiełło und Vitold: Den Hochmeister zu einer Reaktion zu zwingen. In der Tat, Ulrich von Jungingen, um das „Verwüsten und Schlachten“ zu unterbinden, setzt seine Armee in den Marsch in die Richtung, aus der die vereinten polnischen und litauischen Heere erwartet werden. Am 15. Juli 1410 um 8.00 Uhr erreicht die Ordensarmee die kleine Ortschaft Tannenberg (Stębark) und postiert sich frontal in die Richtung, aus der die polnisch-litauische Armee vermutet wird. Eine Stunde später wird Jungingen mit einer durch Vorhut überbrachten Nachricht überrascht: Die Feinde liefern sich mit einigen Abteilungen der Ordensarmee Scharmützel, dies spielt sich aber in einer anderen Richtung ab, als die, aus welcher sie erwartet werden. Von Jungingen befiehlt, die Front in die südöstliche Richtung zu drehen. Und dort, in den Wäldchen und Hainen, in einer hügeligen Landschaft ist die polnisch-litauische Armee erst damit beschäftigt, ein Lager zu organisieren. Ihre Befehlshaber werden nicht minder überrascht durch das plötzliche Erscheinen des feindlichen Heeres. Dieses Zeitfenster bietet übrigens die einzige geeignete Gelegenheit, die vereinten Armeen erfolgreich zu attackieren. Von Jungingen zögert. Er riskiert keinen Kampf in einem hügeligen, bewaldeten und, zu allem Übel, morastigen Terrain.

Jagiełło zielt auf Verzögerung: Er hört zwei Messen, schlägt zahlreiche junge Männer zum Ritter, hält vor seinem Kanzler, der zugleich ein Geistlicher ist, die Beichte, dann hört er eine weitere Messe. In dieser Zeit wacht Vitold über das Aufstellen der Kämpfer und der Formationen. Erst in der Mittagszeit ist es so weit, die Kämpfe beginnen. Die Schlacht dauert bis zum Sonnenuntergang, ihr Verlauf ist höchst dramatisch. Großfürst Vitold nimmt persönlich an den Kämpfen teil, so auch der Hochmeister Ulrich von Jungingen. König Jagiełło befiehlt die polnische Armee und beobachtet das Geschehen von einem Hügel hinter der Kampflinie.

Die Schlacht beginnt mit der mehrfach durch Chronisten beschriebener Szene: Zwei Herolde der Verbündeter des Ordens, des Stettiner Fürsten Kasimir und des ungarischen Königs Sigismund von Luxemburg überreichen dem König zwei nackte Schwerte. Jan Długosz beschreibt die Szene wie folgt: „Erlauchter König! Der preußische Hochmeister Ulrich sendet dir und deinem Bruder (…) die zwei Schwerte, so dass du mit deinem Heer kämpfst und dich nicht weiter in Wäldern und Hainen versteckst, ihn nicht arglistig täuschst und den Kampf nicht unnötig aufschiebst (…)“. Dies wird als Ausdruck des Hochmuts empfunden, was es jedoch nicht zwingend ist, denn das Übereichen der Schwerte vor der Schlacht war im Mittelalter ein oft praktiziertes  Ritual. Ulrich von Jungingen kennt die wahre Ursache der Verzögerung nicht, ist überzeugt, sie ist der Ausdruck einer List. Sehr weit entfernt von der Wahrheit kann er nicht sein, denn Jagiełło, zwar auf die Formierung seiner Heere wartend, die Gunst der Situation für sich nutzt. Denn er weiß um den langen, ermüdenden Marsch der Ordensritter, um deren jetzige Lage – in  der sengenden Sonne, auf einem nackten Hügel stehend. Um die Mittagszeit ertönen Trompeten, die polnischen Ritter singen „Bogurodzica“ (Gottesgebärerin, Theotokos), ein uraltes Lied, das die polnischen Kämpfer bei jedem Kriegszug, bei jeder Schlacht, seit Jahrhunderten, begleitet.

Schlacht bei Tannenberg 1410

Die Schlacht beginnt, sie verläuft ähnlich wie andere Schlachten im Mittelalter, es fehlt aber nicht an höchst dramatischen Momenten. Auf der polnischen Seite ereignet sich etwas, was sich auf den weiteren Verlauf entscheidend auswirken könnte. Während einer Attacke gleitet dem Ritter Marcin z Wrocimowic das Gonfanon aus der Hand! Das ist immer ein Zeichen zum Rückzug! Die Kreuzritter, siegessicher singen ihre Hymne „Christ ist erstanden“. Der Trumpf dauert dennoch nicht lange: Die besten Ritter, die unter dem Reichspanier dienen, heben auf der Stelle das Gonfanon.

Als nach drei Stunden die Kräfte der zahlenmässig unterlegenen Ordensarmee langsam ausgeschöpft werden, beschließt von Jungingen, den entscheidenden Angriff durchzuführen. Er selbst und seine besten Ritter wollen den rechten Flügel angreifen, nehmen die Richtung und galoppieren auf ein Hügel zu, nicht wissend, dass gerade dort Jagiełło mit seiner Leibgarde steht. Jungingen interessiert sich für die kleine Gruppe nicht, er kann sie auch nicht erkennen, denn die Polen, die Gefahr sehend, ziehen die Standarte ein uns lassen andere Erkennungszeichen verschwinden. Nur ein einsamer Ritter, Diepold von Köckritz, schert aus der bewaffneten Rotte aus und mit gesenkter Lanze saust, wohl nicht wissend, wen er attackiert, geradeaus auf den König zu. Dieser wehrt sich und mit eigener Lanze verwundet den Angreifer. Erst der junge Zbigniew Oleśnicki, der spätere Bischof und Kardinal wirft den Angreifer vom Pferd und gibt ihm den Todesstoß. Indes erreicht der Stoßtrupp Jungingens die jetzt neuformierten polnischen und litauischen Reihen. Es ist nicht als klug und verantwortlich anzusehen, und keine gängige Praxis in Europa, dass ein Befehlshaber, hier der Hochmeister, solche Attacke anführt. Die Lage der Kreuzritter wird kritisch. Die Schlacht wird zum Schlachten. Ulrich von Jungingen und andere vortreffliche Ritter fallen in dem Gemetzel, es gibt hier keine Gefangene; zur wichtigsten Beute werden die Banner.

Die Sieger jagen und nehmen die, die sich aus dem Schlachtfeld retten wollen gefangen, oder schlagen sie tot. Sie plündern den Tross der Ordensarmee. Bemerkenswert ist, dass sie da Mengen an vorbereiteten Stricken und Fesseln finden. Und Weinfässer. Diese werden auf Befehl von Jagiełło sofort vernichtet, denn der ganze Ausmass der Niederlage des Ordens ist dem König in dem Moment noch nicht bekannt und er fürchtet, die Disziplin in eigenen Reihen könnte leiden.

Beachtenswert ist, dass die Chronisten die Namen der gefallen Kreuzritter erwähnen, über die siegreichen polnischen Ritter und ihre Verluste aber schweigen. Es wird dennoch verständlich: Die meisten westlichen Chronisten kennen sie, außer den berühmtesten, nicht. Andererseits wagten es die polnischen Ritter selten, einem Ordensritter den Todesstoß zu geben. Sie lassen lieber die Litauer diese Arbeit machen. Hier muss man etwas besonders erwähnen: Den mitten in der Schlacht kämpfenden Hochmeister des Ordens, der auf seinem Harnisch das Kreuz mit einem Reliquiar trägt, kann kein in der christlich-kirchlicher Tradition der Verehrung der Reliquien erzogene Kämpfer angreifen. Auch das tut ein litauischer Krieger.

Man muss sich nur in die Zeit versetzen. Der Orden erfreut sich im Europa einer hohen Anerkennung, hat viele Freunde auf den königlichen und fürstlichen Höfen und in Rom. Und was für die Polen besonders wiegt – es ist ein geistlicher Orden, die Ritter kämpfen im Namen der Gottesmutter und ihres Sohnes! Darüber können sie sich als Gegner nicht hinweg setzen, trotz der feindschaftlichen Relationen. Der Respekt vor dem Orden ist unter den polnischen Rittern sehr groß, er ist anfänglich nicht zu überwinden und die Ritterschaft nicht so einfach dazu zu gewinnen, überhaupt einen Krieg gegen den Orden zu führen. Sie befürworten anfänglich die strategischen Pläne von Jagiełło und Vitold nicht. Für sie ist die Union zwischen der polnischen Krone und Litauen mehr ein Gewinn an östlichen Gebieten, um die die polnischen Könige seit Generationen gekämpft haben, als ein Pakt gegen den Ordensstaat, was auf jeden Fall dem Verständnis von Jagiełło und Vitold entspricht. Erst die Entwicklung unter Ulrich von Jungingen, der unaufhörlich Eroberungszüge organisiert und immer mehr längst christianisierte Gebiete unterjocht, führt dazu, dass die polnischen Herren ihre Einstellung ändern. Zwar organisieren sie den Krieg und kämpfen bei Tannenberg, aber das Schlachten überlassen sie bevorzugt den Litauern, die als frisch christianisiert, den lähmenden Respekt für die Ordensritter nicht empfinden.

Am Abend treten die Kämpfer vor den König; sie übereichen ihm Gefangene und die eroberten Standarten – die Kreuzritter haben alle 51 verloren. Diese Fahnen – und auch die zwei Schwerter – werden auf der Wawelburg aufbewahrt. Am nächsten morgen wird vor dem königlichen Zelt ein Dankgottesdienst gefeiert. Wie schon oben erwähnt, es ist Jagiełłos Idee, ja Ideologie, den Kampf, genau gesagt diese Schlacht unter Gottes Gericht zu stellen. Das ist keine Floskel und im Mittelalter überhaupt nichts Ungewöhnliches; es werden alle Kämpfe, auch viele ritterliche Zweierkämpfe unter das Gottesurteil gestellt, was die Annahme bedeutet, Gott wird dem Unschuldigen helfen. Hier aber ist diese Ideologie zugleich eine Rechtfertigung dafür, dass man den Kampf gegen den Orden überhaupt führt. Und es geht dem König in diesem Krieg nicht darum, den Orden zu vernichten. Es geht ihm darum, den Hochmut des Ordensstaates und seiner Herrscher zu brechen und ihre zermürbenden Eroberungsreisen in die Gebiete von Polen und Litauen als beendet zu sehen. Die Schlacht entscheidet und beendet im Grunde den Krieg. In diesem Licht wird es auch verständlich, warum Jagiełło nach der Schlacht zwar noch in Preußen bleibt, aber unentschlossen und ohne Eile in Richtung Marienburg marschiert, und die Burg ohne die nötige Entschiedenheit belagert. Eine Belagerung sei auch ohne größere Aussicht auf Erfolg, denn der Komtur Heinrich von Plauen, der bald zum Statthalter des Hochmeisters gewählt wird, erreicht Marienburg, mit etwa 2500 Kämpfern, noch vor dem polnischen Heer.

Der Krieg vernichtet den Ordensstaat nicht, dieser ist jedoch so sehr geschwächt, dass er nie mehr seine ursprüngliche Machtstellung erreicht, seine unbesiegbare Armee erleidet den Schmach der Niederlage. Die Position der Union von Königtum Polen und Litauen in Europa verbessert sich dagegen bedeutend. Nach der Schlacht gelingt es der polnischen Diplomatie zudem, dem Westen eine andere Sicht – gestützt auf Fakten – auf die osteuropäischen Verhältnisse zu präsentieren. Auf dem Konzil in Konstanz wird die antipolnische Allianz definitiv außer Gefecht gesetzt.

Die Kriegshandlungen der Jahre 1409-1411 enden mit dem Frieden von Thorn. In Europa beginnt eine neue Zeit. Das Rittertum verliert gänzlich an Bedeutung, es gibt keine Treffen, keine kriegerischen Reisen, der Ethos dieser Gesellschaftsgruppe verblasst.

Der Krieg schwächt den Ordensstaat. Es ist aber nicht nur dieser Krieg, der über Bedeutungslosigkeit des Ordens entscheidet. Wie jede Entwicklung, auch dieser Verlust hat mehrere Ursachen. Sie liegen zum Teil in dem besonderen Charakter dieses Staates: Der Ordensstaat in Preußen ist ein Kolonialstaat. Er ist nicht organisch gewachsen, sondern ist eine westeuropäische Kolonialgründung an der Weichsel. Einerseits die Eroberungszüge und andererseits die hervorragende Organisation der Wirtschaft, der Finanzen, der Armee, mit anderem Wort des ganzen Staates führen zum Reichtum, zum Zuwachs an Bedeutung, was noch durch die Unterstützung seitens des Papstes und des Kaisers verstärkt wird. Aber „das Preußenland war niemals anders als auf dem Pergament der staufischen Urkunde Glied des Deutschen Reiches, war und blieb die Kolonie einer fremden Macht, der Deutschen Herren, die als herrschende Kaste in strenger nationaler Absperrung über ihm saßen und ihre eiserne Phalanx eher dem Bürger von Lübeck öffneten als dem uralt eingesessenem preussischen Landadel und der eingewanderten aus dem Westen Deutschen und Holländer. Eine Dynastie von Landfremden, Heimatlosen, Ehelosen, die sich in Jahrhunderten nie mit dem von ihr beherrschten Lande vermischte, die sich aus dem deutschen Adel frisches Blut holte, sie musste naturnotwendig vereinsamen und das desto schneller und desto sicherer, je mehr im Lande Wohlstand, Handel, Wandel, Bürgersinn, Patrizierhochmut und Adelsstolz in Halme schossen. Die Ordensbrüder hatten so gut wie keinen nachbarlichen Kontakt zu der Bevölkerung gefunden, er war auch unerwünscht. Sie haben die Sprache der Bevölkerung nicht beherrscht. Die Übernachtung bei Bürgern oder Bauern war streng verboten, mit einem Wort, sie konnten und wollten in diesem Land nie heimisch werden, sondern immer als Fremdkörper empfunden. Es gab einen großen Hass auf die Deutschen Herren in der Bevölkerung“, schreibt Hans von Hülsen.

Zwei andere Ursachen sind in dem allgemeinen Fortschritt zu suchen. Der Zerfall des Rittertums im Spätmittelalter wird sowohl durch die rasche Weiterentwicklung der Waffentechnik, als auch durch die Etablierung der Fußtruppen eingeleitet. Der innere Zerfall ist jedoch nicht minder bedeutend. Der Ritter unterscheidet sich vom berittenen Krieger damit, dass er ein besonderes Gesellschaftsideal verkörpert. Dazu gehört nicht nur die Unerschrockenheit, Tapferkeit und Mut aber auch eine intensive Beschäftigung mit Literatur und Gesang – worauf schon Wolfram von Eschenbach aufmerksam macht. Aus dieser Beschäftigung resultiert das Phänomen der Minne. Im Früh- und im Hochmittelalter ist die Konnotation des Begriffes nicht auf Liebe zum anderen Geschlecht begrenzt, sonder umfasst das „freundliche Gedenken“ dem Schöpfer und der Schöpfung gegenüber. Minne ist karitativ, erotisch, auf Freundschaft ausgerichtet, was den altbekannten Arten der Liebe, Agape, Philia und Eros entspricht. Ein Ritter kämpft für seine Ideale, er ist bereit für diese im Kampf sein Leben zu opfern. Jahrhundertelang sind es hohe Ideale. In Laufe der Zeit wird aus Unerschrockenheit und Tapferkeit eine fruchtlose Verachtung des Lebens, das man für Nichtigkeiten opfert, aus Minne – Flatterhaftigkeit in den zwischenmenschlichen Beziehungen, der Kampfwille lebt nicht mehr von Idealen, sondern beschränkt sich auf Beutemachen.

In einem geistlichen Orden, auch in einem Ritterorden ist das „freundliche Gedenken“ auf Liebe zum Gott, Agape und Philia beschränkt. Die Organisation des Lebens in einem solchen Orden ist ein Abbild einer Theokratie, und dies macht die Kraft eines Ritterordens aus. In der Zeit des Bedeutungsverlustes der kirchlicher Macht ist eine solche Theokratie nicht mehr zeitgemäss, mehr: Sie erstarrt zur Maske. Um so mehr, als die wachsende Selbstverwaltung der Bürger die caritative Arbeit eines Ordens übernimmt. Die weltlichen, politischen und kriegerischen Zwecke überwiegen also. Zu allem Übel mit der Zeit missachten die Ordensbrüder ihre eigenen Gesetze, womit sie in Augen der Bevölkerung das göttliche Recht, das Land zu verwalten, verspielen. Ein selbstgerechtes, aristokratisch-theokratisches Regime ist anachronistisch und damit überflüssig. Das sind die Gründe, warum der Deutsche Ritterorden nach der Schlacht bei Tannenberg seine frühere Kraft nicht mehr zurückerlangen kann und zunehmend seine Berechtigung und damit den Halt in der Bevölkerung verliert.

So wie die Kreuzzüge in das Heilige Land ein Organisationspunkt des feudalen Lebens im 11.-13. Jahrhundert in Westeuropa sind, so ist die Schlacht bei Tannenberg eine Zäsur in der Neuorganisation der polnisch-litauischen Union und ein fundamentaler Teil des sich verändernden Selbstbewusstseins. Die erste Welle der Kolonisierung der unermesslichen Gebiete im Osten des Staates erfolgt kurz nach dem Krieg. Die Ritter, die sich ausgezeichnet haben in diesem Krieg, besonders in der Schlacht bei Tannenberg, werden mit großen Schenkungen versehen, die Kämpfer, die besondere Verdienste haben und nicht dem Adelsstand gehören werden außer der Landschenkungen in diesen Stand gehoben. Die Wirtschaft des Staates organisiert sich in Laufe des Jahrhunderts um die wieder erlangten Transportwege über Ostsee, die es dem riesigen Land erlauben die überreichen Erzeugnisse der Land- und Forstwirtschaft zu exportieren. Die Schiffe der Entdecker neuer Kontinente werden aus dem Holz und Teer der litauischen und masowischen Urwälder gebaut, die Kerzen für die Beleuchtung der Schlösser und Kirchen im westlichen Europa werden aus dem besten in Europa litauischen Wachs hergestellt, die Pelze aus den überreichen östlichen Wälder erfreuen sich wachsender Nachfrage… Bald beginnt für das Land im Osteuropa – Rzeczpospolita Obojga Narodów – das Goldene Zeitalter.

Der Ordensstaat lebt aber noch weitere 115 Jahre, die durch Kriege, Verhandlungen und abgeschlossene Friedensverträge, Modernisierung der preußischen Städte, durch Emanzipation der Bürger und eine weitere Verweltlichung der Ordensbrüder, die letzten Hochmeister eingeschlossen, mit einem Wort, durch Verfall der Bedeutung des Ordens charakterisiert wird. Der letzte Hochmeister, Albrecht Hohenzollern, bringt durch das Führen weiterer Kriege den Ordensstaat an den Rand des Ruins. Die überaus schwierige Lage zwingt Albrecht zum Wandel seiner Haltung und zugleich zu weiteren Friedensverhandlungen mit dem polnischen König, der, am Rande gesagt, sein Cousin ist. Albrecht bricht mit dem Ordensleben, reformiert im Sinne Luthers die Staatsreligion und säkularisiert den Staat, der fortan ein Lehen des polnischen Königs, Sigismund des Alten, wird. Am 9. April 1525 wird der Frieden geschlossen, ein Tag später legt Albrecht in Kraków den Lehnseid auf den polnischen König ab. Trotz familiärer Verbindungen zwischen den beiden Statisten wird die neue Nachbarschaft nicht friedlich. Darüber aber ein anderes Mal.

Bibliografie:

  • Karl Heyer, „Studienmaterialien zur Geschichte des Abendlandes“, „Der Deutschritterorden und die Ursprünge des späteren Preussens“, „Der Deutschritterorden, die Preußen und die Polen“
  • Hans von Hülsen, „Tragödie der Ritterorden. Templer, Deutsche Herren, Malteser“, Münchner Verlag, München 1948
  • Richard Schmidt, zitiert nach Hans von Hülsen
  • Henryk Samsonowicz
  • Adam Krzemiński
  • Wochenzeitschrift „Polityka“
  • Wikipedia

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• Café »Szkocka«

Sie ist wie Atlantis verschwunden, die Stadt. Auch wenn sie in Wirklichkeit immer noch da ist, ist dieser Vergleich angebracht, denn diese Stadt hat sich nicht durch die Zeitläufte notwendigerweise, wie die anderen Städte der Welt, verwandelt und modernisiert. Sie ist nicht mit der Zeit gegangen, die alte Stadt ist verschwunden.

Einst eine europäische Stadt, seit 1772 in der historischen Landschaft Königreich Galizien und Lodomerien, im Kulturleben und in der Architektur von der Metropole Wien bis in das 20. Jahrhundert hinein stark beeinflusst, ist mit dem Anfang des 2. Weltkrieges ihrer Oberschicht, der Intelligenzja beraubt worden. Die Kultur der Stadt, die von den verschiedenen Nationen und Konfessionen Schicht um Schicht in Laufe der Jahrhunderte erschaffen wurde, ist wie eine Schrift vom Pergament abgetragen, entfernt, beseitigt worden. Und Neues ist entstanden. Nur ist der genius loci dieser Stadt verzogen. Es ist nicht leicht, auf diesem Palimpsest die Spuren der Vergangenheit zu finden: Die Vergangenheit ist verschwunden.

Lwów — Lwiw — Lemberg

Lemberg – polnisch Lwów, ukrainisch Lwiw, lat. Leopolis –  war in der Geschichte vom Zusammenleben verschiedner Völker geprägt. Polen, Juden, Ruthenen, Armenier, Deutsche. Heute leben dort fast ausschliesslich Ukrainer. Lemberg mit seiner 1661 vom König Jan Kazimierz gegründeten Universität war über Jahrhunderte neben Krakau, Warschau und Wilna ein wichtiges Zentrum des polnischen Kultur- und Geisteslebens. So auch zwischen den Weltkriegen. Der September 1939 versetzte der Stadt den Todesstoss. Auch wenn sie im 2. Weltkrieg keine größere Zerstörung ihrer Bausubstanz erleben musste, ist das frühere blühende Geistesleben der Stadt schon in den ersten Monaten des Krieges zum Erliegen gebracht.

Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen war zweifelsohne die interessanteste Zeit im Leben dieser Stadt. Theater, Oper, Literatur – das alles blühte in dieser Stadt. Aber erst die Jan Kazimierz-Universität mit ihren genialen Wissenschaftlern und Gelehrten überstrahlte alles andere. Dort bildete sich die Warschau-Lemberger Philosophische Schule, die später in Warschau allein fortlebte. Allen voran ist hier jedoch die Lemberger Mathematische Schule zu nennen. Das Ende der Wirkung dieser bedeutenden Gruppe kam mit dem Jahr 1939. Ein Teil der Professoren ging auf Einladung von Prof. von Neumann unmittelbar vor dem Ausbruch des Krieges in die Vereinigten Staaten, ein Teil der Gelehrten, die während der Okkupation mit allen möglichen niederen Diensten beschäftigt waren, übersiedelte am Ende des Krieges mit der Jan Kazimierz-Universität nach Breslau, ein Teil wurde während des Krieges ermordet.

Wie einst in der Metropole Wien, waren auch in Krakau oder Lemberg die vielen Cafés die Orte, an denen sich die Künstler, die Literaten, Philosophen und auch – heute unvorstellbar – die Wissenschaftler getroffen und täglich stundenlang aufgehalten hatten. Eine dieser Kneipen erfreut sich bis heute weltweit einer Berühmtheit – freilich nur in Erinnerung: Das »Szkocka«-Café.

Café »Szkocka«

An einem der Tische hatten die Philosophen der berühmten Philosophen-Schule, die einen beträchtlichen Einfluss auf die europäische Philosophie ausgeübt hat, debattiert: Kazimierz Twardowski, Tadeusz Kotarbiński, Władysław Tatarkiewicz, Kazimierz Ajdukiewicz, Roman Ingarden und viele mehr, sogar begabte Studenten wurden zum Tisch zugelassen, denn trotz feudaler Sitten hatten Talent, Passion und Kollegialität für die Zusammenarbeit den Ausschlag gegeben. An einem anderen Tisch saßen und diskutierten, oft bis zum Morgengrauen, die Mathematiker: Stefan Banach, Hugo Steinhaus, Stanisław Ulam, Stanisław Mazur, Antoni Łomnicki, Wladyslaw Orlicz und andere nicht weniger bedeutende Mathematiker. Stefan Banach war in dieser Mathematikergruppe mehr als ein primus inter pares: Er war unangefochten das größte mathematische Genie dieser Zeit. In der anregenden und angeregten Atmosphäre dieses Ortes sind die Grundlagen der modernen Mathematik geboren. Eine Schlüsselrolle spielte dabei die bahnbrechende Raumtheorie von Banach. Stanisław Ulam, Jahre später an der Entwicklung der amerikanischen Wasserstoffbombe beteiligt, stützte sich auf Theorien, die hier in diesem Café, formuliert wurden, ihrer Zeit jedoch weit voraus waren. Zu unterstreichen ist aber, dass für diese Menschen Mathematik nicht durch die praktische Anwendung, sondern durch ihre immanente Schönheit legitimiert war, Schönheit, die diese Forscher ihr Fach nicht als ein rein deduktives System begreifen ließ, denn Mathematik zersprengt früher oder später den Rahmen des Systems und erschafft neue Prinzipien. Die Schönheit der Mathematik an sich entscheidet über ihr Wert, nicht ihre praktische Bedeutung.

Es waren an dem Café-Tisch keine akademischen Debatten angesagt: Hier zeichneten und rechneten die Genies auf Servietten oder auf dem Marmorblatt der Tische, oft schwiegen sie einfach oder unterhielten sich monosyllabisch, denn sie verstanden gegenseitig ihre Gedankengänge. Wenn sie die Lösung an einem Abend nicht gefunden haben, ging es am nächsten Tag weiter. Oft wurden die Hieroglyphen auf den Tischen bis zum nächsten Tag bewahrt und sie konnten ihre Arbeit an der Lösung fortsetzen. Nicht selten waren aber die Tischplatten doch gesäubert oder die Servietten vernichtet, so das manche Theorie nie das Tageslicht erblicken konnte… Ein großer Verdienst Frau Banach war, es war das Jahr 1935, einen dicken Heft, in dem die gestellten Fragen und Theorien aufgeschrieben werden konnten, zu spenden. In diesem Heft wurden Aufgaben – von harmlosen Rätseln bis zu Fragen von fundamentaler Bedeutung aufgeschrieben. Auf der linken Seite die Fragen, die rechte blieb leer, bis die Lösung gefunden werden konnte. Das „Buch“ wurde im Café aufbewahrt, so dass jeder Mathematiker, der die Vorstellung hatte, wie eine der Aufgaben zu lösen war, es verlangen konnte. Manche der Fragen fanden nicht so schnell ihre Antwort, man hat also Preise ausgelobt für die richtigen Ergebnisse. Die Preise waren so ungewöhnlich und witzig, wie diese Menschen selbst: Sie reichten von einer Tasse Kaffee, Flasche Wein, einer Reise nach Genf, bis zu einer… lebendigen Gans.

Mathematik besteht zum großen Teil aus Fragen; die Lösungen lassen bisweilen hunderte von Jahren auf sich warten. Der Zustand der geistigen Bereitschaft sich mit diesen Problemen zu messen, charakteristisch für diese Forscher, hatte sich durch den ausgerufenen Wettbewerb noch gesteigert. Über viele Jahre hinaus suchen Mathematiker in der Welt nach Lösungen für die damals gestellten Probleme. Auf eine der Fragen, die damals in dem Buch – genannt »Księga Szkocka« – aufgezeichnet waren, hat der schwedischer Mathematiker Per Enflo die Antwort erst Anfang 70ger Jahre gefunden – und die ausgelobte Gans entgegengenommen…

Der letzte Eintrag aus dem Jahr 1941 stammt von Hugo Steinhaus. Es gelang während der deutschen Okkupation das Buch außer Land zu bringen. Die Tradition der »Ksiega Szkocka« wurde eifrig in der Welt fortgeführt und – sie wird weiter fortgeführt. Das Buch, das Einfluss auf den Lauf der Welt nahm und noch nehmen wird, wird an einem unbekannten Ort in den Vereinigten Staaten aufbewahrt und behütet. Es enthält noch viele ungelöste Fragen.

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• Worüber Thilo Sarrazin nicht schreibt

Um den Gedanken, der im Titel des Buches von Thilo Sarrazin1 enthalten ist, verstehen zu können, muss man sich das Phänomen der Zuwanderung vom Gesichtspunkt der Soziologie anschauen. Dabei muss die Besonderheit der Immigration aus den muslimischen Ländern nach Europa genau betrachtet werden. Das Thema ist umfassend, hat viele Aspekte; ich wage hier eine kurze Analyse ausgewählter Probleme.

Mit seinem Buch Deutschland schafft sich ab hat Sarrazin ein Gewitter beschworen. Vor allem in den Medien und in der Welt der Politik. Im Endeffekt musste der Autor vom Vorstand der Bundesbank zurücktreten; es droht ihm Ausschluss aus der SPD, deren Mitgliedschaft er seit Jahrzehnten besitzt. Sogar heute, ein halbes Jahr nach dem Erscheinen des Buches steht der Autor in heftiger Kritik. Leider werden Sarrazins Thesen selten kritisiert – der Autor um so heftiger. Argumente der Kritiker sind überwiegend unsachlich, was diese disqualifiziert. Die Krone dieser „Kritik“ setzt ein Berliner Rapper auf – sein Streich ist zudem eine Folge der Angriffe auf Sarrazin: Es erscheint ein Video mit dem Song „Ghettolied 2011“. Im Hintergrund brennt ein Plakat mit Sarrazins Konterfei…

Die mediale Kritik konzentriert sich anfangs auf den statistischen Daten, die vom Autor angeführt werden: Die Statistiken werden – mit mehr oder weniger Erfolg – in Frage gestellt. Wesentliche, mit seinen Thesen im Zusammenhang stehende Vorwürfe aber werden nur von wenigen Publizisten geäußert. Sie betreffen allen voran seine riskanten Prophezeiungen über Zukunft des Landes und die Versuche, komplizierte soziale Phänomene mit… Genetik zu erklären. Diesbezügliche Ausführungen des Autors widersprechen fataler Weise jeglicher wissenschaftlichen Korrektheit. Die mediale Kritik vernachlässigt jedoch seine vom Gesichtspunkt der Soziologie und Biologie unwissenschaftliche Art, die Probleme, die im Zusammenhang mit Zufluss der fremden Bevölkerung stehen, zu analysieren. Und Sarrazin, obwohl sehend und beobachtend sieht und versteht nicht, was sich wirklich in der Gesellschaft abspielt. Wesentliche soziologische Untersuchungen, die die Integration der Einwanderer genau untersucht und Gesetzmäßigkeiten entdeckt haben, erwähnt er nicht. Dazu kommt seine Sprache, die die – sicher ungewollte – Verachtung der Menschen, die er zum Objekt seiner pseudowissenschaftlichen Ausführungen gemacht hat, verrät.

Heute, in Zeiten der Globalisierung, kann sich kein europäisches Land vor dem Zustrom der Einwanderer „schützen“. Die Diffusion aus Ländern, in denen Armut und Überbevölkerung herrschen, die von Naturkatastrophen betroffen sind, aus Gegenden, wo Hunger und Krieg wüten, wo Diktatoren herrschen und die Lage zwingt, nach Sicherheit in der Ferne zu suchen und ein besseres Leben und bessere Zukunft anzustreben, ist ein Faktum. Grundsätzlich kann man die Entwicklung nicht aufhalten, fraglich ist sogar, ob man sich davor wehren soll, obschon der Anblick der überlasteten Boote, auf denen die Flüchtlinge nach Europa – dem versprochenen Land – um den Preis des Lebens, immer und immer wieder strömen, Entsetzen hervorruft. Nichts jedoch spricht dafür, dass Probleme in den Heimatländern, die Folgen von Kolonialismus, Neokolonialismus, und gescheiterter Entwicklungshilfe sind, zur Zeit gelöst werden könnten. Massenmigration – eine Völkerwanderung – scheint also aus der Entwicklung der letzten Jahrhunderte zwingend zu resultieren. Ihr Ziel ist seit Jahrzehnten Westeuropa, aber die Art und Weise, wie die Ankunftsstaaten die Ansiedlung der Einwanderer organisieren, zeugt von Gleichgültigkeit gegenüber den Problemen, die auf die Immigration unabwendbar folgen. Zu den Problemen gehören auch Ängste und Phobien der autochthonen Bevölkerung.

Die ersten soziologischen Untersuchungen an Immigranten wurden bereits in den Jahren 1918-20 in Amerika von William I. Thomas und Florian Znaniecki durchgeführt. Da sie in ihrer Pionierarbeit die Mechanismen und Gesetzmäßigkeiten der Adaptation in einer diametral neuen Umwelt erkannt haben, bleibt sie auch heute aktuell. Die Ergebnisse ihrer Forschung haben sie in dem Buch Der polnische Bauer in Europa und Amerika2 präsentiert. Das fünfbändige Werk hat den Autoren eine internationale Bekanntheit beschert. Ihre Untersuchungen haben Znaniecki und Thomas an mehreren Generationen der hauptsächlich aus dem armen Galizien in die hochindustriellen Städte von Amerika emigrierten polnischen Bauern durchgeführt:

Immigranten der ersten Generation integrieren sich grundsätzlich schlecht und eher unwillig. Als Angehörige der unteren, bildungsfernen gesellschaftlichen Schicht ändern sie in ihrem neuen Lebensumfeld das Verhalten nicht, die neue Sprache beherrschen sie nur in einem zum Ausführen der beruflichen Tätigkeit notwendigen Grad. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Sicherung der Existenz. Sie leben in dem neuen Land, sprechen die „alte“ Sprache, ihre Sitten und moralischen Prinzipien stammen aus der weit entfernten Welt. Das Bedürfnis, daran etwas zu ändern, ist grundsätzlich nicht vorhanden. Das soziale Bewusstsein ist nicht entwickelt, so dass die Anpassung an die neue soziale Umwelt, vor allem das Knüpfen sozialer Kontakte mit der autochthonen Bevölkerung kaum stattfindet. Sie arbeiten hart, bauen eine neue Existenz – das ist schwer genug. Ihre Kinder, gleich, ob sie mitgekommen sind oder schon in dem neuen Land geboren, befinden sich in einer diametral anderen Lage: Die Bindung mit dem Ursprungsland der Eltern ist kaum vorhanden, die Sprache der Eltern kennen sie nur aus den fragmentarischen häuslichen Gesprächen ungebildeter Menschen. In der Schule sind sie zwar gezwungen, die neue Sprache zu lernen, die Beherrschung dieser kann aber – das ergibt sich aus der Natur der Sache – nicht ausreichend sein. Die mangelhafte Bildung erlaubt ihnen nicht, weitere Sprossen der sozialen Leiter zu erklimmen, das Knüpfen der sozialen Kontakte ist ebenfalls dadurch wesentlich erschwert, oft finden sie keinen Partner fürs Leben. Mit einem Wort, diesen Menschen gelingt es nicht, Wurzeln zu schlagen. Das Gefühl der Vereinsamung, ein Mangel an Erfolgen, wachsende Aggression – das alles führt dazu, dass die zweite Generation der Immigranten überdurchschnittlich oft in Konflikt mit dem Gesetz gerät. Erst über die dritte – und weitere – Generationen der Zuwanderer lässt sich sagen, sie haben die neue Ordnung akzeptiert und soziale Kontakte geknüpft, ergo – sie haben Wurzeln geschlagen. Bei ihnen unterscheidet sich Kriminalität grundsätzlich nicht von der der autochthonen Bevölkerung.

Eine ähnliche Entwicklung hat man in Deutschland beobachtet, als es in den 90iger Jahren zu einer Immigrationswelle aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen ist: Tausende Familien, allen voran Wolga-Deutsche, sind in der Bundesrepublik angekommen. Erwachsene haben eine Beschäftigung gefunden, waren mit der Organisation des Lebens in dem neuen Land beschäftigt und ihre Söhne, denn es betrifft hauptsächlich die männlichen Nachkommen der Immigranten, haben in hohem Tempo die Gefängnisse gefüllt. Man hat viel über dieses Phänomen gesprochen und geschrieben. Jedoch dank der Resozialisationsarbeit und des Drucks, eine berufliche Tätigkeit aufzunehmen, aber auch dank der Unterstützung des Staates bei Bildung und Weiterbildung, ist diese Welle abgeebbt. Heute arbeiten sie, gründen Familien, auch ihr Heiratsverhalten deutet auf stattgefundene Integration. Dies ist mit Genugtuung von Politikern und Soziologen registriert worden.

Die ersten Gastarbeiter sind vor etwa 50 Jahren nach Deutschland gekommen. Ein Teil ist im Land geblieben, ein Teil ist in die Heimatländer zurückgekehrt. Die, die geblieben sind, sind grundsätzlich gut integriert. Ein Teil der Gastarbeiter und anderer Zuwanderer, hauptsächlich türkischer und arabischer Herkunft, Muslime also, die geblieben sind, bilden hier eine Ausnahme. Nicht alle Muslime jedoch: Perser, die nach dem Sturz des Schah-Regimes und der Machtübernahme von den Ayatollahs nach Deutschland gekommen sind, Iraker, Afghanen – alle aus mittleren und höheren Gesellschaftsschichten, aber auch Aleviten, ein liberalerer Teil der Muslime – sie alle sind gut integriert in die Gesellschaft. Nicht gelungen ist die Integration der Muslime, die aus der untersten Gesellschaftsschicht stammen. Aber die im 19. Jahrhundert aus Galizien nach Amerika emigrierende personifizierte Armut stand auch auf der niedrigsten Ebene der sozialen Pyramide und ihre Integration ist erfolgreich verlaufen. Also weder Armut noch Religion sind bestimmend für das Nichtgelingen der Integration.

Die Gesetzmäßigkeiten, die Thomas und Znaniecki entdeckt haben, sind in Deutschland nie diskutiert worden; sie sind weitgehend unbekannt. Grundsätzlich wird erwartet, dass die Anpassung der Zuwanderer linear erfolgt, vor allem aber automatisch. Thilo Sarrazin schreibt:

„Rätsel gibt auch auf, warum die Fortschritte in der zweiten und dritten Generation, soweit sie überhaupt auftreten, bei muslimischen Migranten deutlich geringer sind als bei anderen Gruppen mit Migrationshintergrund.“3

In einem bedeutenden Teil der türkischen Bevölkerung in Deutschland beobachten wir ein früher unbekanntes, von niemandem antizipiertes, Phänomen: Junge Frauen, oft noch Mädchen, werden nach dem Willen der Eltern verheiratet, oft mit Verwandten in der alten Heimat. Junge Männer von Natur aus und infolge der Erziehung der Typus „Macho“, heiraten eher nicht die jungen Türkinnen, die in Deutschland groß geworden sind. Diese jungen Frauen sind nicht mehr so sanftmütig und fügsam, wie ihre Mütter, die vor Jahren aus der Türkei gekommen waren. Das ist der Grund, warum sie für die jungen Türken als Partnerinnen nicht interessant sind; die jungen Männer suchen ihre Ehepartnerinnen in der alten Heimat der Eltern. Der Zuzug der Ehefrauen und Ehemänner aus der Türkei, meistens aus den abgelegenen anatolischen Dörfer, Menschen die nicht gebildet sind und der deutschen Sprache nicht mächtig, ist zu einem reellen Problem geworden. Kinder aus diesen Familien, scheinbar schon die nächste Generation, in Wirklichkeit in der Lage der zweiten Generation im Sinne von Znaniecki und Thomas, erleben die typischen Schwierigkeiten der „zweiten Generation“, obwohl sie faktisch die dritte oder vierte Generation sind. Diese „zweite Generation“ perpetuiert sich somit von Generation zu Generation und der Übergang zur dritten Generation im Sinne der Wissenschaft erfolgt nicht.

Das Problem der „Importbräute“ ist alles andere als einfach zu lösen. Selbstverständlich hat der Staat nicht die Möglichkeit das Heiratsverhalten der Menschen zu regeln. Das scheinbar einzig Mögliche – und das wird auch gemacht – sind Sprachkurse für die Neuangekommenen, denn die Beherrschung der Landessprache ist Basis für jegliche Integration. Das ist viel, jedoch absolut nicht ausreichend. Die Kinder kommen in die Schule mit rudimentären Deutschkenntnissen, schulische Misserfolge sind also vorprogrammiert, der zu erwartende Einstieg in das Berufsleben so gut wie unmöglich. Kriminalität oder gar Gangzugehörigkeit ist in dieser Bevölkerungsgruppe, besonders in den großen Städten, ein bekanntes Phänomen. Zu Hause spricht man türkisch, das Fernsehprogramm – dank der Satellitenantennen – empfängt man aus der Türkei. Die immer größer werdende ethnische Gruppe zwingt nicht, Mühe der Integration auf sich zu nehmen – in einem türkischen Viertel fühlt man sich zu Hause. So entsteht eine Minderheit in der Mehrheitsgesellschaft und nicht eine zwar ethnisch differenzierte, jedoch homogene Gemeinschaft. Die Immigration aus den arabischen Länder, aber auch aus Kurdistan, stellt den Staat vor gravierende Probleme: Es ziehen ganze Großfamilien und Klans nach Deutschland, es entstehen Parallelgeselschaften; von der Teilnahme am Produktionsprozess kann wenig die Rede sein, die Existenz muss vom Staat gesichert werden, Kriminalität blüht.

Sowohl in der türkischen, als auch in der arabischen Gesellschaft haben Worte wie „Ehre“ oder „Würde“ eine besonders große Bedeutung. Jedoch weit von der Heimat sind Männer, Familienväter, die für sich Respekt und Gehorsam beanspruchen, in Wirklichkeit nicht in der Lage, ihren Söhnen zu imponieren – weil sie kein eigenes Einkommen haben, weil nicht sie, sondern der Staat die Existenz der Familie sichert. Gehorsam und vermeintliche Autorität basieren auf bloßer körperlicher Gewalt. Auch Gewalt gehört zu den Verhaltensmustern, die ihre Kinder nachahmen.

Thilo Sarrazin rechnet aus, dass sich bei einer tatsächlichen überdurchschnittlichen Fertilität der jungen Türkinnen, Araberinnen und auch der Frauen aus der deutschen Unterschicht und bei der sinkenden relativen Geburtenzahlen in der mittleren und höheren Gesellschaftsschicht in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern, die Mehrheitsverhältnisse in einigen Jahrzehnten umkehren werden. Ob sich seine Prognosen erfüllen werden, weiß heute niemand, diese sind auch wenig wahrscheinlich. Präsentation unsicherer Prognosen führt bekanntlich nirgendwo hin: Nicht wenige Male hat die Geschichte gezeigt, das sich ein demographischer Wandel unerwartet, von niemandem vorgesehen, vollzieht und langfristige Prognosen eher nicht in Erfüllung gehen. Ein Beispiel: Die hohe Geburtenrate in Polen in den 70iger Jahren wird nicht von einem erneuten Babyboom gefolgt; der heutige demographische Wandel in Polen, also das Älterwerden der Gesellschaft und eine niedrige Geburtenrate geben dort genauso wie im Westen Europas Grund zur Sorge.

Sarrazins Prognose, das Intelligenzniveau in der Gesellschaft wird sinken, eine Prognose, der er die Fertilität der Frauen in bestimmten ethnischen und gesellschaftlichen Gruppen, die Schulleistungen ihrer Kinder und auch die Teilnahme (oder Nichtteilnahme) am Arbeitsmarkt zu Grunde legt, ist unverantwortlich. Ihre Treffsicherheit kann gegenwärtig keineswegs verifiziert werden, ihr Verbreiten resultiert allerdings in der Mehrheitsgesellschaft in erster Linie mit dem Gefühl der Bedrohung, mit verschiedenen Ängsten und mit einer sichtbaren mentalen und verbalen Aggression den Menschen gegenüber, um die man sich auf eine rationale Weise kümmern muss, wenn man sie aufgenommen hat. Sarrazin unternimmt den Versuch zu beweisen, dass, wenn der IQ in der Unterschicht, unabhängig von der Nationalität, unterdurchschnittlich ist und die Fertilität überdurchschnittlich im Vergleich zu den höheren Gesellschaftsschichten, die durchschnittliche Intelligenz der Bevölkerung im Vergleich zu dem heutigen Niveau sinken wird. Die Rechnung ist genauso einfach wie einfältig. In den Völkern wirken Kräfte, die zur Erneuerung oder zum Untergang führen – wie schon oft in der Geschichte – Kräfte, die nichts mit dem Intelligenzniveau der Menschen zu tun haben. Ursachen dieser Prozesse bleiben für die Wissenschaft immer noch ein Rätsel. Eins ist aber sicher: Wir leben mitten im einem stattfindenden Bruch der Geschichte; eine neue Epoche, die mit dem Prozess der Globalisierung begonnen hat, kommt, alte Eliten werden untergehen, neue werden zu gegebener Zeit erscheinen.

Ein Blick vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft gelingt Sarrazin nicht, aber mit den Thesen der Naturwissenschaft geht er geradezu unbedarft um:

„Die Darwinsche Evolutionstheorie, die Mendelschen Gesetze und empirischen Befunde zur Vererbbarkeit geistiger Eigenschaften, darunter auch menschlicher Intelligenz, ergeben zusammen ein empirisch-logisches Gedankengebäude, gegen das man mit Anspruch auf wissenschaftliche Seriosität kaum etwas vorbringen kann.“4

Es ist verwunderlich, dass er so komplexe und komplizierte, immer noch nicht endgültig erkannte Prozesse, wie es die Vererbung, ganz besonders die Vererbung der geistigen Eigenschaften, wie Intelligenz, Talente oder Begabungen sind, in einem Satz erklären will. Mit Hilfe der Mendelschen Gesetze, heute Mendelsche Regeln genannt, kann nicht mal die Vererbung der Erbkrankheiten erklärt werden, geschweige denn die der geistigen Eigenschaften. „Intelligenz ist zu 50-80 Prozent vererbbar“, behauptet Sarrazin. Diese These führt auf geradem Wege zum Widerspruch: Wenn wir annehmen, der Vererbungsfaktor für den IQ liegt bei 50 (Prozent), bedeutet es zugleich, Erziehung und Schule hätten große Aufgaben vor sich. Ein Faktor von 80 Prozent – ließe der Familie und Schule gar keine Chancen. Der Autor sieht diesen Widerspruch nicht.

Langsam und mit großer Verspätung beginnt die Politik zu erkennen, dass der einzig richtige Weg zur Integration durch eine gut organisierte Kinderbetreuung und Schule führt. Überall zugängliche, gut ausgestattete Kinderkrippen, Kindergärten und Ganztagsschulen scheinen ein wirklicher Ausweg aus dieser Situation zu sein. Man wird Geld brauchen und viele Erzieher und Lehrer, die gut ausgebildet sind, auch Lehrer männlichen Geschlechts, denn nur diese werden von den heranwachsenden „Machos“ akzeptiert. Es lässt sich nicht ändern. Der Staat sollte schon längst auf diesem Weg sein. Zu lange dauert die Suche nach den kausalen Zusammenhängen. Indes schreibt Thilo Sarrazin ein Buch, indem er zwar die Dinge oft brutal beim Namen nennt, aber eigentlich sie nicht versteht, was er ja selbst unterstreicht. Seine Lösungsvorschläge sind nicht falsch, aber lange noch nicht zu Ende gedacht.

Beim Betrachten der Probleme, die mit der Integration der muslimischen Einwanderer in einem Zusammenhang stehen, dürfen wir den Aspekt der Religiosität nicht außer acht lassen. Die islamische Religiosität hat in ihrem Wesen nicht den individuellen Charakter, sie ist, besonders in den niedrigen Gesellschaftsschichten, im Grunde ein Element der Identifikation mit der Gruppe, dem Volk, dem Staat. Der Islam erlaubt die Apostasie nicht; sie hat zivilrechtliche Folgen und im schlimmsten Fall wird sie mit der Todesstrafe geahndet. Zudem erklärt der türkische Staat immer wieder seinen Anspruch auf die faktische Führerschaft bei den in der Diaspora lebenden Türken. Der Islam zeigt sich hier als ein geschlossenes System, die Menschen verbleiben darin wie in einem Zauberkreis. Dies erleichtert in keiner Weise die Adaptation an die neue Lebenssituation.

Die Grundhaltung der Muslime zu der westlichen Kultur wird selten zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Analyse. Man kann jedoch vermuten, die Einstellung sei weitgehend nicht ausreichend positiv, um den Willen zur Integration oder Assimilation in die westlichen Gesellschaften stärken zu können. Außerdem ist der Einfluss der muslimischer Autoritäten einer intensiven Integration nicht zuträglich. Der türkische Premierminister, Recep Tayyip Erdogan, hat bei seinem emotional hochgeladen Auftritt im Jahr 2008 in Köln vor 25 000 Türken die Menschen aufgerufen, sich nicht zu assimilieren, denn das sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Erdogan hat auch verlangt, in Deutschland sollen türkischsprachige Gymnasien errichtet werden. Das würde definitiv selbst die Idee der Integration untergraben. Im Jahr 2011 wiederholt Erdogan seinen Auftritt in Deutschland. Und wie soll man von einfachen Menschen erwarten, dass sie die Mühen der Integration auf sich nehmen und dass sie verstehen können, diese liegt in ihrem Interesse? Und dass auch das Interesse des Gastlandes zählt?

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts tendierten die Gesellschaften des Fern- und Nahosten, wie Japan, Indien, Sowjetrussland, muslimische Staaten, diese zum Teil bis heute, angesichts der gewaltigen industriellen und zivilisatorischen Entwicklung des Westens zur Übernahme einer in Deutschland geborener, in den Jahren 1871-1945 lebendiger antiaufklärerischer Verachtung der Ideen der Französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit –, der Liberalität, des Kapitalismus, zur Übernahme des Hasses gegen die großen Städte, weil sie in diesen Orte der Verderbnis und Sittenverfalls sahen und zum großen Teil noch heute sehen. Ob und wie dieser Okzidentalismus5, dieses Dämonisieren des Westens, Einfluss hat auf die mehr oder weniger bewussten Einstellungen der heutigen Einwanderer aus den muslimischen Ländern? Und im welchen Grade ist er als hemmender Faktor bei der Integration zu sehen? Sarrazin knüpft kurz an das Problem an, seine Folgerungen stehen jedoch nicht im historischen Kontext, erklären also nichts.

Welche Folgen Sarrazins Buch auf die deutsche Politik, aber vor allem auf die hier lebenden Türken haben wird, bleibt noch offen. Sein Verdienst ist das Aufgreifen des Themas, das bis dahin in der Politik und besonders in den Medien ein absolutes Tabu gewesen ist. Diese Diskussion wird zurückkehren. Wichtig ist, dass das Thema nicht von außen rechts besetzt wird, dass die liberalen Medien inhomogener berichten und die Probleme der Immigration und Integration rational und nicht emotional behandelt werden. Dass von den sich aus der Diskussion ergebenden Schlussfolgerungen zum Handeln übergegangen wird. Denn Apathie und eine Unfähigkeit zu handeln scheinen zur Zeit die größten Probleme der westlichen Staaten zu sein.

Nicht weniger wichtig und außerdem historiosophisch überaus interessant ist das Verhältnis des europäischen Selbstverständnisses als christliche Welt zu dem in Europa heimisch werdenden Islam. Welche Richtung die Entwicklung nehmen wird, ist heute ungewiss. Erwünscht wäre in meinen Augen das Entstehen eines Euro-Islams; das würde beide Seiten des Prozesses bereichern: die Christen und die Muslime.

* * *

1 Thilo Sarrazin, Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen, Deutsche Verlags-Anstalt, Monachium 2010

2 William Isaac Thomas i Florian Znaniecki, The Polish Peasant in Europe and America, 1918-20.

3 Thilo Sarrazin, Deutschland schafft sich ab, s. 287

4 ibidem, s. 351

5 Ian Buruma i Avishai Margalit, Occidentalism. The West in the Eyes of Its Enemies, Copyright by Ian Buruma and Avishai Margalit; (Okcydentalizm, Zachód w oczach wrogów, przełożył Adam Lipszyc, Towarzystwo Autorów i Wydawców Prac Naukowych UNIVERSITAS, Kraków, 2005)

Okzidentalismus: In Anlehnung an und als Replik auf den von Edward Said geprägten Begriff Orientalismus bezeichnet man als Okzidentalismus eine Ideologie des Hasses gegen den Okzident, gegen westliche Gesellschaftsstrukturen und Werte. In dieser Bedeutung wurde der Begriff von Ian Buruma und Avishai Margalit geprägt. Sie finden dieses Phänomen u.a. in der deutschen Romantik, der westlichen konservativen Kulturkritik, bei Islamisten und bei antiimperialistischen Linken. http://de.wikipedia.org/wiki/Okzidentalismus

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• Die Tyrannei der Toleranz

„Der Begriff Toleranz ist abgeleitet vom lateinischen Verb tolerare, was erdulden, ertragen, zulassen bedeutet, wird im sozialen, kulturellen und religiösen Kontext gebraucht“, so die Definition. Weiter: Das, was geduldet werden soll, muss ein Übel sein (Positives kann man nicht tolerieren) und die Hinnahme des Übels muss freiwillig sein.

«Toleranz ist die Tugend eines Menschen ohne Überzeugung»
– Clive Staples Lewis, bekannt vor allem als Autor „Die Chroniken von Narnia“

Gerade in der heutigen Welt, nach den Erfahrungen der verschiedenen Totalitarismen des 20. Jahrhunderts ist Toleranz, Verständnis für Anderes besonders gefragt, ja, sie wird erwartet, um nicht zu sagen, verlangt. 

Ist es wirklich so, dass alles toleriert, geduldet werden soll? Ist tolerant sein immer gut und richtig?

Die Antwort lautet nein, zumindest, wenn wir wollen, dass Toleranz einen hohen Wert in der Gesellschft behält, dass sie als Tugend bezeichnet werden kann. 

Was ist eigentlich Toleranz, ein Wort in aller Munde? Vielleicht lohnt es sich, zu überlegen, in welcher Beziehung diese zur Freiheit steht? Freiheit des einen, toleriert von einem anderen. Fangen wir mit der Freiheit an: Jeder Mensch hat absolute Freiheit im Bereich des Denkens, das scheint außer Diskussion zu stehen. Das Fühlen oder anders gesagt, das Gefühlsleben des Menschen ist nicht mehr ganz frei. Eine wesentliche Einschränkung ist hier das menschliche Temperament, wenn wir diesen Begriff im Sinne der griechischen Philosophen verstehen. Es liegt auf der Hand, dass die Gefühle eines Phlegmatikers anders sind als die eines Melancholikers. Das bedeutet, dass das einzige oder zumindest das wichtigste Regulativ der menschlichen Gefühlsregungen im Menschen selbst liegt. Noch anders verhält es sich mit dem bewussten Handeln der Menschen.

Es versteht sich von selbst, dass kein Mensch das tun darf, worauf er gerade Lust hat, wenn dieses Tun andere Menschen stört, schädigt, beeinträchtigt. Das Leben in einer Gemeinschaft limitiert also die Freiheit des Einzelnen. Genau gesagt sind es die Normen oder politische Vorgaben, die das Verhalten in der Gemeinschaft oder Gesellschaft regeln. Ob es der Dekalog ist, ein Gesetzbuch oder ungeschriebene Verhaltensregeln oder Vereinbarungen – sie müssen  beachtet und befolgt werden. Die Verstöße gegen sie werden missbilligt oder verfolgt und bestraft. 

Es gibt aber einen Übergang, eine Grauzone zwischen dem mit den Vorgaben konformen Verhalten und einem, das sich den gesellschaftlichen Regeln und Vereinbarungen widersetzt. Da ist oft noch lange keine Rede vom strafbaren Verhalten, jedoch der Respekt für die verpflichtenden Normen ist nicht mehr vorhanden, die Normen sind verletzt. 

Die Verhaltensweisen, die in diese Grauzone fallen, können toleriert werden – oder auch nicht. Tolerieren bedeutet also gewähren lassen, was man verhindern oder bekämpfen könnte, tolerieren bedeutet, auf einen Teil der Macht, der Zwangsmittel oder des Protestes zu verzichten. Dieses Ertragen, Erdulden ist aber nur insofern tugendhaft, wenn man selbst ein gewisses Opfer trägt:  Wenn man das eigene Wohl überwindet. Der Sachverhalt ändert sich, wenn es um das Wohl der Dritten geht, besonders der Schwächeren. Wer hier die Augen abwendet, ob aus Angst, ob aus Bequemlichkeit, der macht sich durch Unterlassung zum Komplizen. Spätestens bei dieser Wortfolge merkt der Leser, wo die Grenzen der Toleranz liegen.

Die Notwendigkeit das Tolerierbare von dem Nichttolerierbaren zu unterscheiden betrifft natürlich nicht nur die Gemeinschaft oder die Gesellschft, sie betrifft insbesondere das politische Leben, den Staat. Wenn eine Demokratie gut funktioniert, ist es sehr wohl möglich, allerlei kontroverse Meinungen, Publikationen, Demonstrationen, Absichtserklärungen, die ohnehin nicht realisiert werden können, zu tolerieren. Sind die Institutionen des Staates geschwächt, drohen Unruhen, dann ist es nötig, die Umstürzler zu verhindern. Vladimir Jankélévitch, der französische Philosoph, Professor der Sorbonne nennt dieses notwendige von-Fall-zu-Fall-Abwägen »die Kasuistik der Toleranz«. Karl Popper schreibt dazu: «So lange wir [ihnen] durch rationale Argumente beikommen können und solange wir sie durch öffentliche Meinung in Schranken halten können, wäre Unterdrückung sicher höchst unvernünftig. Aber wir sollen für uns das Recht in Anspruch nehmen, […] wenn nötig, mit Gewalt zu unterdrücken». Denn Toleranz von Seiten des Staates darf den Staat nicht schwächen, sondern sie muss die Kraft bleiben, die weiteres Bestehen der Toleranz selbst ermöglicht. 

Mit Toleranz werden bisweilen Bequemlichkeit oder auch Angst verwechselt. Aus Angst und Bequemlichkeit werden  bestimmte Handlungen oder Verhaltensweisen Einzelner oder ganzer Gruppen, die zum Unheil und Leid Anderer führen – ganz besonders in einem totalitären System – durch die Gesellschaft geduldet oder entschuldigt. Ein weiterer Grund für falsche Toleranz ist mangelnde Erkenntnis: «Der ideale Untertan des totalitären Regimes, bemerkt Hannah Arendt, sei weder der überzeugte Nazi noch der überzeugte Kommunist, sondern der Mensch, für den der Unterschied zwischen Tatsache und Fiktion, zwischen Wahr und Falsch verschwunden sei», – diesen Satz zitiere ich nach André Comte-Sponville. Das betrifft natürlich auch Leben in einem demokratischen System. Wenn die Urteilsfähigkeit in diesem Sinne abhanden gekommen ist, oder nie vorhanden gewesen ist, ist der Weg zu einer gleichgültigen Haltung gegenüber Übel in der Gesellschaft offen. 

Wie wir sehen, ist der Übergang von Toleranz im Sinne „alles ist relativ“, „alles ist gleich“ zu der Toleranz, die wir noch als Tugend bezeichnen können sehr schmal. Die Unterscheidungsfähigkeit in diesem Fall setzt Wachheit, Bewusstheit und Erkenntnisfähigkeit der Menschen voraus. 

Es ist nicht zu übersehen, dass Toleranz, sollte sie überhaupt eine Tugend sein, eine Sekundärtugend ist. Weil sie nur dann in zwischenmenschlichen Beziehungen vorkommt, wo ein widerwilliges Ertragen ist und (noch) keine Liebe. In dem Sinne, auch wenn der Zustand noch lange anhält – ist sie nur eine Zwischenlösung. 

* * *

André Comte-Sponville, «Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben, Ein kleines Brevier der Tugenden und Werte», Rowohlt, 1996

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• Die heiligen zwölf Nächte

Weihnachten ist in der christlichen Tradition zweifellos das wichtigste Fest im Jahreslauf. In unserer Epoche, in einer Zeit des alles beherrschenden Kommerzes werden die letzten Wochen vor dem Fest nicht der seelischen Vorbereitung auf Jesu Geburt gewidmet, sondern den ausgedehnten Einkäufen und im Sinne der Vorwegnahme der Freude, …

„Ein Traumgesicht aber gab ihnen die Weisung, nicht zu Herodes zurückzukehren …“ Mt 2,12

Engel des Erwachens

… die eigentlich erst nach der Heiligen Nacht aufkommen sollte, wird Weihnachten schon in der Adventszeit gefeiert. Und wenn der Heiligabend vergangen ist, ist die Anstrengung der unzähligen Weihnachtsfeiern überstanden und alles endlich vorbei…

Der Monat Dezember wäre sicher ohne eine aktive und bewusste Erwartung dessen, was da kommen soll, schlecht zu ertragen – oder ohne eine wirkungsvolle Zerstreuung. Im Dezember wird das Sonnenlicht weniger, die Tage kürzer, die Dunkelheit und die langen Nächte scheinen den Raum für finstere Kräfte zu bieten und diese scheinen sich auch darin auszubreiten. Dagegen die Zeit zwischen der Geburt von Jesus in Bethlehem und der Erscheinung Christi am Epiphanias-Fest scheint durch den Kampf des Lichtes gegen die Finsternis geprägt zu sein. Bildlich zeigt sich der Wettstreit in dem Ansinnen des Herodes, der den Drei Weisen aus dem Morgenland bedeutet, diese sollen ihm die Nachricht über das Kind bringen, damit er sich vor ihm verbeugen kann. Was er ganz und gar nicht beabsichtigt, sondern das Kind beseitigen will. Die Kräfte des Lichtes symbolisiert in dieser Geschichte der Engel, der den drei Königen im Schlaf erscheint und „ihnen die Weisung gibt, nicht zum Herodes zurückzukehren“, was sie gleichwohl befolgen. Am Tage der Drei Könige, der zugleich der Tag der Erscheinung Christi ist, ist der Sieg des Lichtes besiegelt. In der sichtbaren Welt äußert er sich dadurch, dass der Tag länger wird und mehr Sonnenlicht die Menschen erreicht. Die Finsternis verliert ihre Macht.

Die Nächte zwischen den zwei Festen, genannt die zwölf heiligen Nächte, sind im Empfinden der meisten Menschen aus dem Jahreslauf herausgehoben. Nicht dass die Zeit zu stehen scheint, vielmehr mutet diese Spanne so an, als ob sich in ihr die nächsten zwölf Monate unseres Lebens spiegeln würden, oder besser gesagt, als ob in diesen Tagen die Keime des Zukünftigen gelegt würden. Ja, das ist eine Zeit voller mystischer und magischer Phänomene, den Menschen schon immer bekannt. Diese Phänomene fanden in früheren Zeiten ihren Niederschlag in Märchen aber auch im Aberglauben.

Hinter dem Märchenhaften können wir jedoch etwas anderes wahrnehmen – wenn wir uns einer anderen Offenbarung öffnen.

Die zwölf besagten Tage und Nächte stehen für die zwölf Monate des Jahres und das bedeutet eigentlich, sie entsprechen den zwölf Tierkreiszeichen, die wiederum eng mit den zwölf Hierarchien zusammenhängen. „In diesem Sinne kann der Weg von Weihnachten bis Epiphanias auch für uns zu einem Aufstieg in das große ‚Land des Universums‘ werden, ‚aus dem der Christus heruntergezogen ist auf die Erde‘, zu einem Weg, der uns im Laufe der zwölf heiligen Nächte durch alle zwölf Regionen der Sternenwelt führt, vom Bereich der Fische, welche den Ursprung des Menschseins bewahren, bis zu der Sphäre des Widder, durch dessen Tor der Christus einst aus der höchsten makrokosmischen, jenseits des Tierkreises liegenden Vatersphäre in unserem Kosmos eintrat, schreibt Sergej Prokofieff* und zitiert selbst dabei Rudolf Steiner.

Die Sternzeichen – jedes mit einer Engelhierarchie verbunden – symbolisieren, unter vielen verschiedenen Gesichtspunkten, jeweils eine menschliche Eigenschaft, besser ausgedrückt eine Entwicklungsstufe, die nicht oder noch nicht den Menschen heutiger Zeit charakterisiert, es aber tun soll und wird, damit er weitere, höhere Stufen der seelischen und geistigen Entwicklung erreichen kann.

Die Frühjahrssonne des Fische-Zeichens kann und wird im Menschen erst dann aufgehen, wenn er seine individuelle Freiheit errungen hat – dies aber geschieht in den Tiefen der Seele in der Zeit der Dunkelheit und in der Begegnung mit deren Kräften, mit dem Bösen also. Wenn man sagt, dass im menschlichen Organismus den Fischen die Füße entsprechen, so hat es einen tiefen Sinn. Die Füße sind das menschliche Körperteil schlechthin. Denn die aufrechte Haltung, charakteristisch für und nur für den Menschen, verdankt er der gewölbten Form des Fusses. Die Füße bestimmen auch das Verhältnis des Menschen zu den Kräften der Erde: Er steht fest auf dem Boden, was von der Schwerkraft ermöglicht wird, seine aufrechte Haltung aber, in Unterscheidung zu den Tieren, lässt ihn sich bildhaft weg von der Erde, hin zum Himmel bewegen. Christus, der sich im menschlichen Körper inkarnieren wird, wird als Menschensohn, als Mensch, auf dieser Erde wandeln. So symbolisieren die Füße die irdische Herkunft des physischen Leibes des Jesus, in den später der Christus einziehen sollte. Das Fischzeichen ist ein bekanntes Symbol der Christen, ein sehr altes Symbol. In diesem Zeichen drückt sich das eigentliche Wesen der Menschen aus.

Das Sternzeichen des Wassermanns symbolisiert den idealen, vergeistigten Menschen. Und das Geheimnis, das der Wassermann in sich birgt, ist die Fähigkeit zu dem erhabenen Geist, der zugleich sein Vorbild ist, hinaufzusehen und somit die Zukunft der Menschheit zu erahnen. Das symbolische Bild des Wassermanns ist das eines Menschen, der Wasser aus einem Krug vergießt. Dieses Wasser, das „Wasser des Lebens“ steht für die lebensspendenden Kräfte, die der Mensch, diese aus der Nähe zu der geistigen Welt schöpfend, weiter gibt.

Die Sphäre des Steinbocks ist mit der Welt der Erzengel verbunden. Steinbock entspricht auf der Erde der dunkelsten Zeit im Jahreslauf. So wird es verständlich, dass das Licht, auch das geistige Licht, uns dann erreichet, wenn wir das Wirken der Erzengel wahrzunehmen in der Lage sind. In die Steinbock-Zeit fallen zwei der wichtigsten christlichen Feste: Geburt Jesu in Bethlehem und Taufe im Jordan, die anders als das Erscheinen Christi oder die Geburt Christi im menschlichen Leib bezeichnet wird. Das Mysterium der Fleischwerdung wird von einem der Erzengel verkündet, von Gabriel (Lu 1,28). Die Taufe im Jordan untersteht ganz der Einwirkung des Geistes und des Feuers (Mt 3,11), der Domäne der Erzengel.

Die Sphäre des Schützen ist mit der Hierarchie der Archai verbunden. Es sind die Kräfte, die den Kampf zwischen dem Menschlichen und dem Tierischen in uns ausfechten. Bildlich kann man es am besten sehen, wenn man die Versuche eines kleinen Kindes beobachtet, wie es sich aufzurichten müht und dabei immer wieder in die horizontale Lage zurückfällt. Diesem Kampf entspricht auch die Imagination des Kentauren. Dank Archai, auch Geister der Persönlichkeit genannt, führt der Kampf stets zum Sieg der vertikalen Kräfte, was weiterhin die Entwicklung des Denkens, der Persönlichkeit – des Ichs – impliziert.

Der Skorpion-Adler steht in besonderer Verbindung mit den Exusiai (Elohim), den Geistern der Form, deren Aufgabe es ist, allem auf der Erde Bestehenden eine abgeschlossene Form zu geben. „Die Kräfte für diese Tätigkeit empfangen sie aus dem Tierkreisbereich des Skorpion-Adlers, die, wenn sie sich ergießen, das Erstarren und Einhalten aller Bewegung hervorrufen (in der äußeren Natur treten diese Kräfte ganz besonders im November hervor)“, so Sergej Prokofieff* weiter. Das Doppelbild des Skorpion-Adlers findet im Menschen seine Entsprechung durch die Fähigkeit als freies Wesen, außer dem Guten, auch das Böse in sich aufzunehmen, was ein tief menschlicher Wesenszug ist. Der trotzdem die Gefahr in sich birgt, eine gewisse Verdunkelung des menschlichen Ich-Bewusstseins zu bewirken.

Die Hierarchie der Dynamis oder der Geister der Bewegung ist mit dem Bereich der Waage verbunden. Diese Geister haben die Fähigkeit und zugleich die Aufgabe, die mannigfaltigen geschlossenen Sonnensysteme im Universum dauernd im Gleichgewicht zueinander und in Bewegung zu halten. Schon die Pythagoreer wussten, dass diese Bewegung, von der hier die Rede ist, als – die von ihnen so genannte – Sphärenmusik, später auch als Sphärenharmonie bezeichnet, in Erscheinung tritt. Obschon die himmlischen Symphonien für Menschen nicht hörbar sind, finden die kosmischen Proportionen Widerhall sowohl in der Wissenschaft von der Natur wie in der Mathematik, die die Grundlage jedweder Naturwissenschaft ist, als auch in der Kunst, insbesondere in der Musik. „Gott hat die Welt geordnet nach Maß, Zahl und Gewicht“ (Weish 11,20). Diese göttliche Ordnung, dem Universum innewohnend, dient auch der menschlichen Erkenntnis; auf ihr basiert weiter die Hermeneutik – die „Philosophie des Verstehens“.

Mit der Hierarchie der Kyriotetes oder der Geister der Weisheit steht die Region der Jungfrau in Verbindung. Das Ur-Bild, die Imagination dazu sind die göttliche Sophia und ihre christliche Entsprechung, die Jungfrau Maria, die ein Symbol für «schenkende Tugend» wurde. Sie konnte es werden, indem sie das Opfer aus dem Miterleben des irdischen Lebens Christi im höchsten Maße verinnerlicht hat.

Die Sterne, die wir als das Zeichen des Löwen kennen, stehen mit der Hierarchie der Throne oder der Geister des Willens in Verbindung. Aus dem Tierkreis des Löwen, der die königliche Würde symbolisiert, geht die innere Kraft des Mutes hervor, die es ermöglicht, „ein rechtes Verhältnis zu den Prüfungen, die uns das Schicksal auferlegt, das heißt, das rechte Verhältnis zu unserem Karma zu gewinnen, es zu tragen und bewusst an ihm arbeiten zu lernen.“*

Die Kräfte der Cherubim, denen die Sphäre des Krebses untersteht, wirken in jedem Entwicklungszyklus des Kosmos, der Natur und des Menschen, hier allen voran in der zyklischen karmischen Entwicklung der Individualitäten. Innerhalb des menschlichen Lebens mutiert diese Kraft in eine innere Fähigkeit, die Welt zu betrachten und sich selbst zu reflektieren, was das allmähliche Verstehen der Wirkung von Christus auf Erden auf der einen Seite und das Akzeptieren des eigenen Schicksals und der eigenen Aufgaben und Ziele auf der anderen Seite bewirkt.

Der Bereich der Zwillinge steht in Beziehung zu der Hierarchie der Seraphim, der Geister der Allliebe. Paradigmatisch für diese höchste Form der Liebe stehen die Dioskuren-Zwillinge, Kastor und Pollux, der eine sterblich, der andere als Zeus‘ Sohn unsterblich. Als Kastor getötet wird, bittet Pollux Zeus um den Tod. Als Belohnung ihrer Bruderliebe versetzt Zeus beide als Sternbild der Zwillinge an den Himmel. Was das für ein Opfer seitens Pollux war, auf seine Unsterblichkeit zu verzichten, versteht jeder, der weiss, dass das höchste Gut in der griechischen Welt das irdische Leben war: „Lieber ein Bettler sein in der Oberwelt, als ein König im Reich der Schatten“ – so tönt uns aus dem Hades die Klage des gefallenen Achilles entgegen.

In der christlichen Zeit ändert sich das Paradigma grundlegend. Das Wesen der Liebe ist jetzt: In einem sozialen System aus einem inneren Interesse aneinander zu handeln und zu wirken.

Die Stier-Sphäre ist mit dem Prinzip des kosmischen Geistes verbunden. Ein Aspekt des Geistes, der Zeitgeist, charakterisiert sich durch zwei Facetten – die sonnenhafte und die mondhafte – übt seinen Einfluss auf den Menschen auf diese Weise, dass dieser entweder vorwärts strebt oder im Egoismus und ungezügelten Leidenschaften – sozusagen – zurückbleibt.

Die höchste kosmische Sphäre, die des Widders ist mit dem Prinzip des Christus verbunden. Unter diesem Sternenbild trat Christus bei der Taufe im Jordan in die Hüllen des Jesus von Nazareth ein. „An dem zweiten Tag stand Johannes wieder dort und zwei seiner Jünger waren bei ihm. Und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, Gottes Lamm“ (Joh 1,35-36). Der Augenblick der Jordantaufe ist der einzige in der Geschichte der Erde, in dem sich die Trinität in den Tiefen des irdischen Seins zu erkennen gibt.

Zum Schluss noch eine Anmerkung: In dem Moment, in dem sich für einen Augenblick die Vatersphäre durch die Worte – „Dies ist mein vielgeliebter Sohn, heute habe ich ihn gezeugt“ – offenbart, bekommen wir eine Ahnung, eine Ankündigung, aber nicht mehr, von weiteren, unserer Imagination unzugänglichen Bereichen.

Als Postskriptum möchte ich kurz die seit langer Zeit nicht mehr anders als nur als Metapher in unserer Sprache existierenden Engelshierarchien ansprechen. Wir wissen von ihnen, wir kennen ihre Namen aus der Bibel, vor allem aus dem Alten Testament. Es war die Kindheit, als uns von diesen geheimnisvollen Geistern erzählt wurde. Mehr mit der Engellehre hat sich kaum jemand in unserer Generation befasst. Heute sind die Namen der Engel leere Hülsen, Worte für die die meisten Menschen keine Konnotation kennen. Gerade deshalb möchte ich an sie erinnern und Euch ermutigen, sich mit diesem Thema zu befassen.

* Sergej O. Prokofieff, „Die zwölf heiligen Nächte und die geistigen Hierarchien“, Philosophisch-Anthroposophischer Verlag am Goetheanum, 1986

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• 1968 – das Initiationsjahr einer Generation

„1968 war nicht das Jahr, das alles verändert hat, dazu war viel zu viel bereits im Gang. Aber nach ’68 war fast nichts mehr so wie vorher. Und in diesem Sinn war ’68 überall.“

„Mir scheint, die Kinder des nächsten Jahrhunderts werden das Jahr 1968 mal so lernen wie wir das Jahr 1848“ – Hannah Arendt an Karl und Gertrud Jaspers, 26. Juni 1968

Maciej Dembiniok/Wikimedia

In dem Machtzentrum des Staates, also in dem Zentralkomitee der Arbeiterpartei gab es schon früh die Erkenntnis, dass die Machthabenden zunehmend an Popularität verlieren. Und lange vor dem Jahr 1968 gab es eben in diesem Machtzentrum Überlegungen, was gegen die schwindende Popularität zu tun wäre. Eins war klar: Um wieder Popularität zu erlangen, müsste man eine feindliche Stimmung zwischen der Arbeiterklasse und den anderen Gruppen der Gesellschaft schaffen. Die Fraktionen in dem Machtzentrum waren aber miteinander zerstritten und konnten sich nicht einigen, wie der gewünschte Ziel zu realisieren sei – wen man angreifen müsste: die Studenten, die Intelligenzija, oder die Juden (Samuel Sandler, Gazeta Wyborcza). Und plötzlich hatten alle Puzzleteile gepasst: Die Studenten waren in ihrer Oppositionsarbeit allzu aktiv, es gelang nach vielen Versuchen nicht, die immer deutlicher enttäuschte Intelligenzija in der Tat zu unterwerfen – und zu aller letzt, die Juden bekundeten offensichtlich ihre Sympathie für den Staat Israel und ihre tiefe Freude über den gewonnenen Sechstagekrieg. Die bis dahin zerstrittenen Fraktionen des Machtzentrums konnten sich im Frühling 1968 auf alle drei Gesellschftsgruppen einigen… Die Pläne der Regierenden waren uns allen zu damaligen Zeit nicht in dieser Klarheit bewusst.

Unterdessen hatte die Avantgarde versucht, ihre noch so geringen Möglichkeiten, politische Veränderungen zu erzwingen, zu nutzen. Denn es war allen klar gewesen, dass man nicht tatenlos zusehen konnte, wie die demokratischen Freiheiten immer weniger wurden und alles, was den Fortschritt hätte bringen können, im Keim erstickt wurde.

Warschauer Universität

Nicht verwundert waren wir Studenten aus anderen Zentren also über die immer wieder durchsickernden Nachrichten – aus Warschau, denn Polen ist ein zentralistisches Land und das Wesentliche geht von der Hauptstadt aus – dass Studenten, Professoren, Schriftsteller und Künstler nicht mehr schweigen wollten. Wir wussten, wenn auch sehr wenig, über das Wirken einer Gruppe von Studenten, die sich dem Kampf um die von Gomułka verratenen Ideale des Oktober ’56 verschrieben hatte. Ihr Ziel war nicht die bürgerliche Demokratie, kein Umsturz also, sondern eine Reform des Systems im Geiste des demokratischen Sozialismus. Aus diesem Grund wurden sie als „Revisionisten“ deklariert.

Folglich waren wir in dieser Atmosphäre nicht überrascht, als eines kalten Märztages 1968 die Nachricht aus Warschau kam, auf der Warschauer Universität und auf der Technischen Hochschule, der Politechnika, gewaltige und gewaltsam unterdrückte Proteste der Studenten ausgebrochen seien. Die Namen, die immer wieder fielen, waren uns nicht unbekannt, es handelte sich um die „Revisionisten“, die Studenten: Adam MichnikKarol ModzelewskiJacek KurońJan LityńskiSeweryn BlumsztajnJózef DajczgewandBarbara ToruńczykHenryk Szlajfer und um die Professoren der historischen und philosophischen Fakultät: Włodzimierz BrusLeszek KołakowskiZygmunt BaumanKrzysztof PomianMaria HirszowiczBronisław Baczko und andere. Diese beiden nicht formellen Gruppen, Studenten und Professoren, hatten seit Langem zusammen gearbeitet: In dieser Zeit war die Warschauer Universität der – wohl die einzige in Polen – ein Ort der unabhängigen geistigen und somit auch politischen Arbeit. Diese beiden Gruppen, eng verbunden, waren, wenn auch nicht ganz hermetisch, doch aufgrund der früherer politischen Arbeit, der wissenschaftlichen Interessen und der gesellschaftlichen Verbindungen bis zu einem gewissen Grad geschlossen.

Was war aber unmittelbar vor den Protesten und Streiks an der Uni und an der TH, die sich auf das ganze Land ausgegossen haben, geschehen?

Technische Hochschule in Warschau

Wie immer in Polen, auch diesmal ging es um die Wirkungskraft der Literatur und Kunst auf das aktuelle politische Leben. In der Theater-Wintersaison 1967/68 hatte das Nationaltheater in Warschau das berühmte Stück von Adam Mickiewicz, das übrigens auch Schullektüre gewesen ist, „Dziady“ vorgeführt. In diesem Drama aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts, ging es um das Leid eines jungen Menschen auf dem Hintergrund der Teilungen der Adelsrepublik. Die Gestalten des Dramas sind die zaristischen Machthaber, es handelt sich um die politische Unterdrückung, die Ursache jeglichen Leides und Demütigung der Polen. So war jedes Wort, das Mickiewicz am Anfang des 19. Jahrhunderts schrieb, auch nach 130 Jahren, im sozialistischen Polen, aktuell. Der Schauspieler in der Rolle des jungen Helden, einer der größten Schauspieler dieser Zeit, hat durch seine Intonation die Parallele noch unterstrichen. Der Applaus der Zuschauer war eine Meinungsäußerung, mehr noch, es war eine Demonstration.

Die Zensur hatte das Drama – nach nur acht Vorstellungen! – vom Spielplan genommen. Das hat massive Proteste der Studenten und der Intelligenzija ausgelöst. Infolge der Proteste gegen das Eingreifen der Zensur sind nach der Entscheidung, die im Ministerium, und nicht auf der Uni – ein Angriff auf die Autonomie der Universitäten – gefallen war, Adam Michnik und Henryk Szleifer von der Uni verwiesen worden – unter anderm deshalb, weil sie die Informationen über das Eingreifen der Zensur an französische Korrespondenten weiter gegeben hatten. Aus Protest gegen die Relegation von der Uni wurde eine Demonstration organisiert, eine andere auf der Technischen Hochschule. Von dort hatten sich die Proteste wie Lauffeuer auf alle Uni-Zentren des Landes ausgegossen.

Die Schriftsteller des polnischen Pen ClubsPaweł JasienicaAntoni Słonimski und Jerzy Zawieyski hatten sich mit offenen Protestbriefen an das Kultur- und Wissenschaftsministerium und an das Kulturreferat des ZK gewandt, an das Parlament, dem noch pro forma eine Gruppe unabhängiger Parlamentarier angehörten, wurde von diesen eine Interpellation gestellt. (In diesem Zusammenhang muss der Name des späteren Premierministers der freien Republik, Tadeusz Mazowiecki, erwähnt werden.) All diese Proteste waren unerhört! Also erfuhren wir bald über die Folgen solcher Schritte:  –  Es waren ausnahmslos Repressalien und Verunglimpfungen der bekannten Persönlichkeiten, die den Mut hatten, den Machthabern die Stirn zu bitten.

Bis zu dieser Zeit waren Universitäten, sowie auch Kirchen, exterritoriale Orte – als Ausdruck der Autonomie. Unter anderem hatte hier die Miliz keinen Zutritt gehabt. Die Befehlshaber der Miliz wie auch die Parteifunktionäre hatten sich anfänglich daran gehalten, oder sie haben wenigstens nicht ohne Weiteres die fest verankerte Autonomie der Hochschulen zu brechen gewagt. Aber darum ging es doch, diese zu brechen! Die Truppen sind also schon früh genug auf dem Uni-Gelände in Bussen mit der Aufschrift „Ausflug“ postiert worden. Als die Demonstration angeschwollen war, sind die „Ausflügler“, als Arbeiter verkleidet, aus den Bussen gesprungen und haben die Jugend mit Schlagstöcken attackiert. Das war ein unerhörtes Vorgehen! Das hat die Proteste noch verstärkt und mit Nachdruck im ganzen Land entfacht.

1968

Das Gären, die Stimmung unter den Studenten waren selbstverständlich den Herrschenden nicht entgangen. Sie waren gut vorbereitet: Die Proteste wurden nicht nur mit Gewalt erstickt, sondern sie wurden auf Grund dessen, dass viele aus der aktiven Gruppe Juden oder jüdischer Abstammung waren, für eine beispiellose antisemitische Hetzte genutzt. Warum denn?

Acht Monate früher war der Sechstagekrieg zwischen Israel und den arabischen Staaten ausgebrochen. „Als Israel im Jahr 1948 entstanden und sofort von den arabischen Staaten überfallen wurde, herrschte große Not an Waffen. Weder Amerikaner noch Briten halfen den Juden, sich zu verteidigen. Die von Israel eingesetzten Messerschmidts und Karabiner wurden von der UDSSR heimlich über die Tschechoslowakei geliefert“, ich zitiere frei nach haGalil.com. „Der Staat Israel sollte ein Vorposten des Kommunismus, ein bolschewistischer Staat im Nahen Osten werden. In den Kibbuzim, glaubte man, seien die wahren Ideale des Kommunismus verwirklicht worden. Stalin war für viele sozialistisch oder kommunistisch denkende Staatsgründer ein Held. Mit dem Tod Stalins und wegen des Kalten Krieges endete der israelische Flirt mit Moskau. Deutschland, Frankreich und Großbritannien lieferten nun die Waffen, während die Sowjetunion Irak, Libyen, Ägypten und Syrien, später auch die PLO, aufrüstete.“ So wurde Israel nach dem Ausbruch des Sechstagekrieges von der Sowjetunion mit einer Hasskampagne überzogen. Dieser Hasskampagne hatten sich auch die Regierenden in Polen verpflichtet gefühlt. Da passte es doch wunderbar! Die Kerngruppe der politisch aktiven Jugend und Künstler wurde als die 5. Kolonne des Staates Israel verschrieen, das Schimpfwort war: „die Zionisten“. Auch in Polen des Jahres 1968 hatte sich der Antisemitismus in seiner neuen Gestalt gezeigt: Als Antizionismus.

Auf den Straßen haben die Menschen offen ihr Antisemitismus demonstriert. Es wurden von den Machthabenden antijüdische Säuberungen, die vor allem als Ausdruck der Auseinandersetzungen in den Fraktionen im Parteiapparat zu betrachten sind, initiiert. Die jüdischen Studenten wurden von den Hochschulen verwiesen, die Professoren, die Journalisten, vor allem aber Politiker wurden entlassen. Alles mit dem Akkompagnement der Kakophonie der berühmt-berüchtigten Reden von Gomułka, Edward Gierek, der bald die Macht in Polen übernehmen sollte, sowie anderer Politiker und regimetreuen Journalisten. Kurz darauf hat man den jüdischen Professoren, Studenten, Künstler und deren Familien einen Pass ohne Recht auf Rückkehr angeboten. Viele, viele sind gegangen: nach Schweden, nach Dänemark, nach Amerika, nach Israel. Diese antisemitische Kampagne wahr wohl die erste und die letzte, die es im sozialistischen Polen gelungen war, durchzuführen.

Ich war zu dieser Zeit Pädagogik- und Philosophiestudentin in Breslau. Selbstverständlich haben sich die meisten Studenten unserer Universität an den Protesten, den Streiks und Demonstrationen beteiligt, selbstverständlich haben wir kein anderes Gesprächsthema gekannt. Unsere Professoren, diese die wir auch sonst am meisten schätzten und respektierten, waren mit uns vollkommen solidarisch, hatten uns in unserem Handeln unterstützt und uns beraten.

Die März-Ereignisse waren für mich ein Schlüsselerlebnis: Wir, Philosophiestudenten, im gewissen Sinne die Elite der Universität – denn um Philosophie studieren zu können, musste man schon seit wenigstens zwei Semestern an einer anderen Fakultät eingeschrieben worden sein, und es war nicht üblich, auf zwei Fakultäten zu studieren, musste also das eigene Interesse an dem Fach groß sein – wir waren im Auge des Zyklons. Unsere Gespräche, Diskussionen, sowohl während der Seminare und Übungen, als auch in Cafés und Studentenclubs fortgesetzt, drehten sich nur um dieses eine Thema. Nie werde ich aber den einen Tag vergessen: Den Tag, an dem sich aus unserer kleinen Gruppe mehrere Kommilitonen, mit Trennen in den Augen, verabschiedet haben: Sie gingen nach Schweden, nach Dänemark, nach Amerika, nach Israel… Der tragische in seiner Entschlossenheit Ausdruck der Augen von dem Freund, der nach Israel, gleich in den Militärdienst uns somit in den Krieg ging, sehe ich noch heute. Dieser Schock hat mich für mein ganzes Leben geprägt. In meiner jugendlichen Naivität glaubte bis dahin fest daran, dass nach Auschwitz ein Antisemitismus nie, aber wirklich nie mehr möglich ist. Jetzt wusste ich es. Und ich wusste fortan, wie meine eigene Haltung ist.

Diese Erfahrung hat auch dann, als ich schon im Westen lebte, meine entschiedene Einstellung dem westeuropäischen Antizionismus, der eben nichts anderes ist als ein den heutigen Gegebenheiten angepasster Antisemitismus, gegenüber, beeinflusst.

Aula Leopoldina

Aber zurück in das Jahr 1968. Nach den Osterferien stieß zu unserer jetzt sehr klein gewordener Gruppe der Adepten der Philosophie ein Student aus Warschau. Durch sein Wissen, seine herausragende Intelligenz und Denkreife wurde er in kürzester Zeit die wichtigste Person in unserer Gruppe, die zugleich offiziell ein Jahrgang war.

Wir wussten, dass dieser neue Kommilitone einige Wochen davor von der Warschauer Universität, als an den Protestaktionen in Warschau Beteiligte, relegiert wurde. Er hat diese Tatsache und die persönlichen Begleitumstände dieser, auch dies, dass er Jude ist, in einem vertraulichen Gespräch dem Dekan mitgeteilt. Daraufhin ist er vom Präsidenten der Breslauer Universität von der Studentenliste gestrichen worden.

Das Entsetzen bei uns war groß. Ein sofortiger Entschluss der Gruppe war: Wenn unser Freund nicht studieren darf, wollen wir es auch nicht. Wir verzichten alle auf das Philosophiestudium. Schließlich ist es unsere zweite Fakultät. Die meisten haben aus reinem Interesse am Philosophieren studiert, ein Muss war es nicht.

Und wenn auch einige Monate zuvor an der Warschauer Universität ganze Fakultäten im Zuge der Repressionen geschlossen wurden, in Breslau wollte die Universitäts-Leitung das Auseinanderfallen eines ganzen Jahrgangs nicht akzeptieren. Auf uns ist von der Uni-Leitung ein enormer Druck ausgeübt worden, wir ahnten auch, dass die just zu dieser Zeit neu dazu gekommenen Kommilitonen, die kaum Interesse für Platons Dialoge und Ähnliches zu zeigen vermochten, mit größter Wahrscheinlichkeit die Aufgabe hatten, unsere Gespräche weiter zu leiten und über die Stimmung in der Gruppe bei der Uni-Leitung wie auch bei dem Sicherheitsdienst zu berichten. Wir sind regelrechten Verhören vom Uni-Präsidenten unterzogen worden – mit einem Wort, der Druck auf uns, unseren Widerstand aufzugeben, war groß. Zumal wir alle jung waren und dies unsere erste Erfahrung mit der Staatsmacht war, hier in Person des Unipräsidenten, der nicht die Wissenschaft repräsentiert hatte, sondern tatsächlich die Staatsmacht. Es wurde der Obrigkeit jedoch klar, dass wir fest entschlossen waren, ohne unseren Freund auf das Pilosophiestudium zu verzichten.

Warum dies der Leitung der Uni nicht passte, haben wir nie erfahren… Nach längerer Zeit, nach zähen Verhandlungen und zahlreichen Verhören, ist der Status unseres Freundes als Student wiederhergestellt worden.

Das war unser großer Sieg!

Heute, nach über vierzig Jahren ist es für die damals Nichtbeteiligten und für die nachfolgende Generation kaum nachzuvollziehen, was für uns einerseits die März-Bewegung überhaupt und andererseits der eine, damals so wesentliche Kampf um unseren Freund bedeutet hatten. Aus der heutigen Perspektive kann ich es so beschreiben: Wir hatten uns in dieser Zeit das erste Mal in unserem jungen Leben und das letzte Mal für viele Jahre als wirklich freie Menschen empfunden. Frei Denkende, frei Handelnde. Es ist ein Pardoxon, aber trotz sofortiger Repressalien, hatten uns die März-Ereignisse ein starkes Freiheitsgefühl gegeben. Es bleibt unvergessen!

Die Rechnung der Herrschenden war jedoch aufgegangen: Es gelang für viele Jahre einen Keil zwischen die Arbeiterklasse die anderen Gesellschaftsgruppen zu treiben. Als in Dezember 1970 die Werftarbeiter gegen massive Preiserhöhungen für die Grundlebensmittel auf die Straße gegangen waren – man muss wissen, dass in der Planwirtschaft Preise für Brot, Zucker, Butter u.a. nicht anderswo als im Zentralkomitee der Partei bestimmt wurden! – waren die Arbeiter mit ihrem Protest allein. Es mussten noch weitere Jahre vergehen, bis es möglich war, dass die Intelligenzija Hand in Hand mit den Arbeitern, die Grundfeste der sowjetischen Herrschaft in Polen umstoßen konnte.

Auch wenn es zu damaliger Zeit und ebenso später viele Skeptiker gab, die in dieser Studentenrevolte eine Provokation, ein von langer Hand geplantes Spiel der sich gegenseitig bekämpfenden Fraktionen im ZK der Partei sahen, verwahre ich mich, genauso wie viele von den damals Engagierten, dagegen. Für uns alle war das ein lang erwarteter Versuch, die Freiheit – und nichts weniger – zu erlangen.

* * *

Diese März-Ereignisse sind zum Gründungsmythos der heutigen freien Republik Polen geworden. Bemerkenswert ist, dass die damals aktiven jungen Menschen in nachfolgenden Jahren prägend an der Arbeit der Opposition beteiligt gewesen sind, im Untergrund, versteht sich, und federführend an der unblutigen Umgestaltung des Landes im Jahre 1989. Heute gehören sie der intellektuellen- und der Macht-Elite des Landes.

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• Wie Platon missbraucht wurde

oder der „pädagogische Eros“ in der deutschen Reformpädagogik

Es ist den letzten Wochen viel über den sexuellen Missbrauch an den Schulen, allen voran an den Internatsschulen, geschrieben. Es ist genug gesagt worden, dennoch vieles ist nicht klar.

Was mich seit Tagen beschäftigt, ist die Art und Weise, auf welche sich die Reformer der Pädagogik und deren Verfechter auf Platons Schriften berufen. Sie tun es in dem Zusammenhang, wenn über zu viel körperliche Nähe zwischen dem Lehrer und seinem Schüler die Rede ist.

Ein Beispiel von vielen: Adolf Muschgschreibt im Tagesspiegel: „Damals brauchte er [der Leiter Gerold Becker] seine Neigungen, die jetzt am Pranger stehen, nicht zu verleugnen. Die Grundlegung des ‚pädagogischen Eros‘ findet sich in den Schriften Platons, die vom Körperlichen der Lehrer-Schüler-Beziehung durchaus nicht absehen.“ So wähnt man sich in guter Gesellschaft. Es hätte allerdings schon kund werden müssen, dass Plato nie von körperlicher Anziehung als notwendigem Bestandteil der Liebe, des Eros, gesprochen hat, daher auch „platonisch“ – „ohne körperliche Anziehung“. Ein Imperativ, wenn es sich um Sympathie zwischen einem Lehrer und seinen Schülern handelt. Denn der pädagogische Eros ist in seinem Wesen die hohe Gefühlslage zwischen dem Schüler und seinem Lehrer, die eine Voraussetzung dafür ist, dass der Schüler lernen mag und es dem Lehrer wichtig ist, dem Schüler das Wissen zu vermitteln. Ohne diese Gefühle, die unmittelbar Einfluss auf die Motivation sowohl des Lehrers als auch des Schülers nehmen, gelingen Erziehung und Didaktik nicht. Der „pädagogische Eros“, jedoch verstanden als „körperliche Anziehung“, ist zu einem Element der deutschen Reformpädagogik – einer Erziehungskunst! – geworden: Überschreiten der Grenze zur Päderastie war geradezu zwangsläufig, und über viele Jahre gängige Praxis. Fatale Fehldeutung des Begriffs Eros!

„In diese erotischen Mysterien kannst vielleicht auch du, Sokrates, eingeführt werden.“

Schauen wir uns das an, was Platon über Eros sagt. Diesem bedeutenden Begriff ist der Dialog »Symposion« gewidmet. Nach der oberflächlichen Lektüre kann man in der Tat den Eindruck gewinnen, bei der Zusammenkunft der Freunde bei Agathon wird über homosexuelle Liebschaften gesprochen. Bei einer vertieften Lektüre des Dialoges erkennt man jedoch unschwer, dass es da um ganz andere Ebenen des menschlichen Geistes und um die transcendente Welt des Geistes, Welt der Ideen, geht, ganz und gar nicht aber um homosexuelle körperliche Liebe. Das sind aber die heutigen Leser, alles moderne Menschen, die glauben, es handelt sich um Sexualität, wenn vom Eros gesprochen wird.

Eins vorweg: Im alten Griechenland war die Frau nicht am gesellschaftlichen Leben der Männer beteiligt. Frauen waren auch bei philosophischen Debatten niemals dabei. Sie hatten ihr eigenes Bereich im Haus. Es war also nichts Sonderbares, dass erwachsene Männer ausschließlich untereinander diskutierten. Dieses hatte nichts, aber absolut nichts mit der Bevorzugung des männlichen Geschlechts im sexuellen Leben zu tun, auch wenn eine tiefe Sympathie zwischen den Debattierenden entstand, zwischen Debattierenden, die zwangsläufig nur Männer sein konnten! Es war eine tiefe Freundschaft zwischen den Männern – wie gesagt, eine Freundschaft zwischen einem Mann und einer Frau kam nicht in Frage –, wo eine Umarmung ein selbstverständlicher Ausdruck der Zuneigung und des Zaubers war. Auch heute ist solche Freundschaft verständlich. Und auch damals war grobe Päderastie kein Ausdruck der Freundschaft und dem entsprechend sprach man darüber: kritisch, zuweilen mit Hohn.

Und noch etwas: Die Begriffe, über die Männer damals so ausgiebig diskutiert haben, sind in heutige Sprachen nicht so leicht oder gar nicht zu übersetzen, oder sie werden mit mehreren Worten umschrieben. Die meisten sind aber nur im griechischen Original bekannt: Arete, Agathos, Eudaimonia, Logos, Nous, Sophist, Philia, Daimonion, Ethos, Episteme und andere. Nur bei dem Wort Eros glaubt heute jeder, darunter etwas zu verstehen. Ja, jeder darf das verstehen, was er möchte oder kann, nur soll er Platon oder Sokrates nicht für eigene Gedanken in Geiselhaft nehmen.

In dem ersten Teil des Dialogs sprechen, Agathon, Pausanias, Phaidros, Aristophanes, Eryximachos über die Liebe. Im zweiten Teil spricht Sokrates; er spricht für sich, in seinen Worten findet dennoch die platonische Lehre ihren Ausdruck. Zum Schluss des Dialoges – die bekannte Szene mit Alkibiades, der erst nach der Debatte zu der Gesellschaft gestoßen ist. Jeder Redner spricht über sein Verständnis von Eros, über Gefühlsleben, über dionysische Leidenschaft. Nicht alle der Ausführungen sind auf hohem Niveau. Die letzte „vorsokratische“ Betrachtung präsentiert Agathon. Agathon, für den schöne Worte wichtiger sind als der tiefere Sinn. Jetzt beginnt Sokrates zu reden, es ist eigentlich keine Rede, sondern nur Fragen, Sokrates‘ typische, nervige Fragen. Aber seine Freunde hören ihm aufmerksam zu, denn sie wissen, in einem Gespräch mit ihm werden Begriffe kristallklar, sie werden leuchtend und lebendig. Nach einer Weile geht Sokrates von den gnadenlosen Boshaftigkeiten in Richtung Agathon zu den Eigenschaften des abstrakten Begriffs von Eros über. Und erst hier wird die Sache interessant, ja fesselnd: Platon lässt nämlich Sokrates von dessen Gespräch mit Diotima, einer Pristerin aus Mantinea, berichten.

Sie spricht vom Streben nach Unsterblichkeit als einem wesentlichen Merkmal des Eros: „… Denn hier und dort sucht die sterbliche Natur, nach Möglichkeiten ewig und unsterblich zu sein … durch Fortpflanzung, das sie stets ein Junges anstelle des Alten hinterlässt … durch Wissen … durch Gedächtnis.“ „Denn auf diese Weise wird jegliches Sterbliche gerettet, nicht dadurch, dass es schlechthin immer dasselbe ist wie das Göttliche, sondern dadurch, dass das, was entschwindet und alt wird wieder ein Junges von der selben Art hinterlässt, wie es selber war. Durch dieses Mittel“, sagt Diotima, „hat Sterbliches an der Unsterblichkeit teil, der Leib ebenso wie alles andere; …wundere dich also nicht, wenn ein jegliches von Natur aus das wert hält, was von ihm abstammt; denn um der Unsterblichkeits willen steht einem jeden dieser Eifer und diese Liebe zur Seite.“**

Dieser Eifer und diese Liebe, die Unsterblichkeit zu Folge haben, äußern sich weiter durch mannigfaltige Werke der Menschen, durch gesellschaftliche Einrichtungen und Gesetze, durch Wissenschaft, durch Weisheit. Und zum Schluss durch Liebe zu dem ewig Seienden: „… dass man, mit diesen schönen Dingen hier beginnend, um jenes Schönen willen weiter hinaufsteigt, wie auf Stufen: … von den schönen Leibern zu den schönen Einrichtungen und von den Einrichtungen zu den schönen Wissenschaften, bis man von den Wissenschaften aus zu jener Wissenschaft gelangt, die die Wissenschaft von nichts anderem als von jenem Schönen selbst ist, und er schließlich erkennt, was das Schöne selbst ist.“** „Es ist ein immer Seiendes, das weder entsteht noch vergeht, weder zunimmt, noch abnimmt.“** „An dieser Stelle im Leben, mein lieber Sokrates“, sagte die fremde Frau aus Mantinea, „wenn überhaupt irgendwo, ist das Leben für den Menschen lebenswert: wenn er das Schöne selbst schaut.“** „… Wenn es einem zuteil würde, das Schöne selbst lauter, rein und unvermischt zu sehen, nicht voll von menschlichen Fleisch und von Farben und von all dem sterblichen Flitter, sondern wenn er das göttliche Schöne selbst in seiner Eingestaltigkeit zu sehen vermöchte, … er nicht nur Schattenbilder der Tüchtigkeit zeugt, da er auch nicht ein Schattenbild berührt, sondern das Wahre, weil er das Wahre berührt. Und wenn er die wahre Tüchtigkeit zeugt, und aufgezogen hat, ist ihm vergönnt, gottgeliebt zu werden, und dann kann, wenn überhaupt ein Mensch, auch er unsterblich sein.“**

Es liegt auf der Hand, dass Sokrates, die Weisheit von der göttlichen Liebe den Menschen gebend, auf sich selbst den Zorn der Einflussreichen gezogen hat. Denn er spricht von einem anderen Gott, er spricht von den wahren erotischen Mysterien, die der Grieche in der Antike hat noch nicht erkennen sollen. Solcher Art Vergehen – Mysterien-Verrat – das in unseren Augen kein Vergehen ist, wurde einst mit dem Tode bestraft. Das und nicht etwa der in jener Zeit übliche gesellschaftliche Verkehr der Männer mit- und untereinander, das „Verderben der Jugend“, wie die Anklage gegen Sokrates damals lautete.

* * *

Adolf Muschg* schreibt in dem oben zitierten Artikel: „Erotik ist immer Grenzüberschreitung“, es wäre „nur die Frage, ob sie uns willkommen ist oder nicht.“ Ich frage mich, warum so viele Menschen das Wesen der platonischen Liebe, des Eros’, nicht begreifen wollen und trotzig bleiben bei den anfänglichen Ausführungen der anderen Teilnehmer des Gastmahles zu der Liebe zu ihren Freunden, die im Grunde durch das von Sokrates und Plato Gesagte aufgehoben sind. Und darüber hinaus: Warum sehen so viele Menschen in diesen von Plato lächerlich gemachten Einsichten die Bestätigung für gleichgeschlechtliche Liebe im heutigen Sinne oder gar für Päderastie, die heute in keiner Form akzeptiert wird?

Und zum Schluss: Hartmut von Hentig*** sagt in seinem Interview im spiegel.de Folgendes: „ … an vielen humanistischen Gymnasien huldigte man dem Ideal der Kalokagathie der alten Griechen.“ Dies „könnte sexuelle Verführung begünstigen, … muss das nicht und hat das nicht, jedenfalls wird dergleichen derzeit nicht behauptet.“ Ja, das würde noch fehlen! Kalokagathia, das Erziehungsideal der alten Griechen, ist auch einer jener schwer übersetzbaren Begriffe. Dieser ist jedoch später in viele pädagogische Systeme eingeflossen, als Erziehungsideal eben. Kalokagathia, kalós kai agathós, zusammengesetzt aus kalós – schön und agathós – gut, war schon immer – und ist es bis heute – der Ausdruck für moralische, körperliche und geistige Vollkommenheit, die in der Erziehung und Bildung der Kinder und Jugend erreicht werden wolle. Herr von Hentig, wo ist hier Platz für die „Begünstigung der sexuellen Verführung“? Und wer soll wen zu sexuellen Handlungen verführen: Der schöne und gute Schüler den Lehrer oder der Lehrer, der die Ideale von kalós und agathós in seiner Arbeit verwirklichen will, das Kind?

* Adolf Muschg, Der Tagesspiegel, 15, März 2010

** Platon, Symposion, Patmos Verlag GmbH, Artemis & Winkler Verlag, 2002, Seiten 113-119

*** Hartmut von Hentig, spiegel.de , 14. März 2010

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• Janusz Korczak

Oder die andere Reformpädagogik

In der Zeit vor dem 2. Weltkrieg ist die Reformpädagogik von Dr. Janusz Korczak so neuartig, dass sein Warschauer Waisenhaus „Nasz Dom“ für viele Pädagogen aus den europäischen Ländern zu einem Pilgerort wird. Korczak versucht hier seine Vorstellungen, seine Ideen, ja, seine Utopie von einer friedfertigen, klassenlosen Gesellschaft, von einer demokratischen Kinderrepublik, umzusetzen. Um sich dieser Arbeit, die er als seine Lebensaufgabe versteht, zu widmen, beschließt er, auf Ehe und eigene Familie zu verzichten. Er widmet sich restlos den Kindern, sie sind seine Berufung.

Er führt in dem Waisenhaus eine Selbstverwaltung, einschließlich des Kinderparlaments und des Kindergerichts ein. Die Kinder imitieren darin nicht nur die Erwachsenenwelt, sie üben für das Leben. Vor dem Kindergericht tragen sie nicht nur ihre eigenen kindlichen Probleme; sie haben das Recht, vor dieses Gericht ihre Erzieher zu stellen. Eine gute Schule für Selbstbewusstsein, für Selbstbestimmung und Emanzipation, aber auch der Wertschätzung der Grundprinzipien des Zusammenlebens in der Gemeinschaft!

Eine wesentliche, selbstgestellte Aufgabe Korczaks ist die therapeutische Arbeit mit dem schwierigen Kind,  Resozialisation und Fürsorge für die Kinder aus den Randgruppen der Gesellschaft. „Seine Seele“, schreibt Brzozowski, „entwickelte eine sublimierte Hellsichtigkeit für den Schmerz“ eines Kindes. Die weiteren pädagogischen Bemühungen gelten der Selbsterziehung der Kinder: Den Wunsch nach dieser im Kinde kontinuierlich zu wecken stellt die Technik der Willensbildung dar. „Dies im Geiste jener Mahnung Shakespeares: ‚Einmal nur beherrsche dich! Das gibt Dir Kraft für einen nächsten Sieg!‘“*

Eine absolute Neuerung ist die von Korczak auf dem polnischen Zeitungsmarkt eingeführte, von Kindern selbst redigierte Zeitschrift. Diese hat eine dreifache Aufgabe: Sie dient den Kindern als Forum, gilt als Talentschmiede und – nicht zu vergessen – als Unterstützung der Integration und der Assimilation, besonders für Kinder aus den jüdisch-ortodoxen Familien.

Korczak ermutigt die Kinder, ihre eigenen Meinungen zu haben und diese auch zu äußern. Dies begünstig, sagt er, den Prozess der Sozialisation, die wiederum ein weiteres nötiges Element der Vorbereitung auf das Erwachsenenleben ist. Das Leben in dem Waisenhaus ist sorglos aber einfach. Und die Kinder werden indie  mannigfaltigen Aufgaben eingebunden. Sie sind für die Sauberkeit und Ordnung im Haus verantwortlich, sie helfen in der Küche und in den Gemeinschaftsräumen, betreuen die Hausaufgaben der Schwächeren und sorgen für die Kranken, arbeiteten in der Wäscherei, der Buchbinderei und in der Tischlerwerkstatt. „Ein Programm verständnisheischender Nachsicht allein genügt nicht“*, so Korczak. Die vielen Aufgaben, die die Kinder zu erfüllen haben, stützen sich auf menschliche Vernunft und niemals auf Willkür der Stärkeren. Mit einem Wort, Korczak nimmt die Kinder ernst. Darüber hinaus erachtet er das Sammeln von Erfahrungen als unerlässlich für die Entwicklung zum Erwachsenen: Jedes heranreifende Kind zieht aus dem Erlebten seine eigenen Schlüsse für das eigene zukünftige Verhalten. Wesentlich für Korczak: Belehrungen meidet er stets, da diese an sich immer prinzipiell sind. Für ihn gilt, nicht das Kind im Allgemeinen, sondern immer nur das Kind als Individuum. „Nicht das Kind, wie es sein soll, sondern das Kind wie es sein kann.“* Hier trifft seine Forderung nach Anerkennung des Rechtes eines Kindes auf den heutigen Tage mit der Zielorientierung auf das erwachsene Leben.

Seine Postulate fasst Korczak in die so genannte „Magna Charta Libertatis“. In diesem Grundgesetz für das Kind fordert er drei Grundrechte:

  • Das Recht des Kindes auf seinen Tod,
  • Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag,
  • Das recht des Kindes, so zu sein, wie es ist.

Heute sind diese Grundrechte, allen voran das Erste nicht ohne Weiteres zu verstehen.

Die Forderung nach dem Recht des Kindes auf seinen Tod flößt uns heute einen Schrecken ein. Wir können uns das Sterben eines Kindes heute ja gar nicht so richtig vorstellen, wir wollen nicht daran denken und es nicht akzeptieren. Dieses geforderte Recht auf den eigenen Tod, heute so unverständlich, berührt jedoch eine tiefe Wahrheit über die Entwicklung des Kindes. Nämlich, dass das Erwachsenwerden nicht ohne das immer wieder stattfindende Herantreten an die Schwelle des Todes möglich ist! Korczak ist klar, dass diese Vorgänge für den Menschen, damit er überhaupt die Reife erreichen kann, notwendig sind. Das gilt für alle Zeiten. Auch in der heutigen Zeit findet das jugendliche Zusteuern an die Todesschwelle selbstverständlich statt, hat jedoch ganz andere Formen: Risikosport, gefährliche Auto- und Motorradfahrten aber auch Alkohol- und Drogenexzesse – und nicht zu vergessen – die frühe Sexualisierung.

Erstaunlich jedoch, wie nah diese erste der drei Forderungen der Lebensrealität der Korczak anempfohlenen Kinder liegt! Ist sein Postulat zum Teil die Antizipation des Schicksals der Kinder?

Diese kleinen Bewohner des Waisenhaus, das ab 1940 in das Warschauer Ghetto umgezogen ist, begegnen dem Tod täglich: Auf den Straßen des Ghettos sehen sie täglich Leichen, sie sehen Sterbende, sie sehen das Wegschaffen der Leichen aus den Wohnungen und von den Straßen – und sie spielen weiter, sie bleiben Kinder. Von ihrer eigenen kurzen Lebensperspektive wissen sie natürlich nichts, können nichts wissen. Ob sie es ahnen? Ich glaube es nicht. Das liegt nicht in der Natur des Kindes. Korczak hingegen macht sich keine Illusionen. Ihm wird bewusst, dass seine wichtigste pädagogische Aufgabe in dieser Zeit sein wird, den Kindern das Bild des Sterbens als eine logische Folge, aber auch als eine gute Lösung nach einem unaussprechlich schweren Leben zu zeigen, sie mit dem Tod vertraut zu machen. Dieser Aufgabe dient nicht nur die Lebensrealität, das tut viel besser die Kunst. Fräulein Esther, eine Mitarbeiterin des Hauses, übt kurz vor ihrem eigenen Tod ein Theaterstück, in dem der Held stirbt, mit den Kindern ein. „Wie schwer ist das Leben und wie leicht der Tod!“***

Natürlich tut Korczak alles, um für seine kleinen Schützlinge die besten Lebensbedingungen zu schaffen. Natürlich kümmert  er sich persönlich um die Beschaffung der Grundlebensmittel, natürlich, dass seine Arbeit, die Selbstverwaltung des Hauses und die Erziehung und Selbsterziehung der Kinder, als ob nichts wäre, fortlaufen. Es gab aber dies eine Element dabei, was uns heute so sehr erschrickt: Das Gewöhnen an den allgegenwärtigen Tod.

Bis der Tod sie selbst ereilte.

„Der Geist leidet am engen Käfig des Körpers. Die Menschen empfinden und betrachten den Tod als das Ende, aber er ist nur eine Fortsetzung des Lebens, ein anderes Leben“, so Korczak.

Am 22. Juli 1942 begannen die Nazis mit der Massentötung der Bevölkerung des Warschauer Ghettos. Den Menschen wurde angekündigt, sie werden in den Osten umgesiedelt. In Wirklichkeit sind sie in die Gaskammern nach Treblinka abtransportiert. Am Mittwoch, dem 5. August 1942, waren die Waisenhäuser aus dem ganzen Ghetto an der Reihe. Insgesamt 4000 Kinder, 200 Kinder aus dem „Nasz Dom“.

Die Kinder haben eine Viertelstunde, um fertig für den Abmarsch zu sein. Es formiert sich ein langer Zug. Sie marschieren in ihren blauen Uniformen unter der Flagge von „König Hänschen“****. Korczak geht an der Spitze des Zuges, das jüngste Kind auf dem Arm, das bisschen größere an der Hand. Der Weg zum Umschlagplatz ist lang: Vier Stunden gehen sie, anfangs in Viererreihen, später erschöpft, ohne sichtbare Ordnung, sie gehen unaufhörlich, wie in Trance, sie gehen in den Tod. Sie vertrauen ihrem Pan Doktor, sie fürchten sich nicht. Auf dem Umschlagplatz steigen sie in die Viehwagons.

Ein Stein, dort in Treblinka, wird an Janusz Korczak und seine 200 Kinder erinnern.

Dr. Korczak selbst hat wiederholt die Möglichkeit, sein Leben zu retten, auch noch einmal am vorletzten Tag vor dem Abtransport. Alle derartigen Vorschläge lehnt er jedoch entschieden ab, gar überrascht, dass sie ihm angetragen werden. Er betrachtete eine solche Tat als Verrat an den Kindern und an seiner Aufgabe. Freiwillig und wie selbstverständlich begleitet er die Kinder in den Tod in der Gaskammer des Vernichtungslagers in Treblinka.

***

Das Leben und das Wirken hat Janusz Korczak gänzlich den Kindern und deren Wohl gewidmet, seinen Tod den Kindern und der Liebe zu ihnen geopfert. Dies ist sicher ein extremes Beispiel für den pädagogischen Eros, der in einer „Vereinigung im Tod“ mündet. Es ist einmalig in der Geschichte der Menschheit, trotzdem seit dem freiwilligen Tod des großen Pädagogen ist jede Missdeutung des pädagogischen Eros als greifen nach dem Kinde, um es zum Objekt der eigenen sexuellen Lust zu machen, wie es in der Odenwaldschule über Jahre praktiziert wurde, ein Frevel und stellt einen Verrat an der Liebe zwischen dem Lehrer und den ihm anempfohlenen Kindern dar.

* Janusz Korczak, „Wie man das Kind lieben soll“, Einführung von Igor Abramov-Neverly

** Janusz Korczak, „Tagebuch aus dem Warschauer Ghetto – 1942“

*** „König Hänschen“ – Original: „Król Maciuś I.“, Janusz Korczak

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• Kairos

In Kroatien, in der Stadt Trogir, in dem kleinen Museum des Nonnenklosters St. Nikolaus findet sich eine Darstellung des Gottes der günstigen Gelegenheit, des Kairos. Es ist die einzige Darstellung aus der Antike, die erhalten geblieben ist. Das Relief zeigt den Wagenlenker eines leichten, schnell fahrenden Pferdewagens. Nicht nur das schnelle Pferd, auch die Flügel an Kairos’ Füßen …

Kairos-Relief, römische Kopie des Originals von Lysippos (Hofbildhauer von Alexander dem Großen)

CHRONOS ist Gott der vergehenden Zeit, der Zeitenfolge, KAIROS – der günstigen Gelegenheit, der besonderen Chance

Kairos von Francesco Salviati

… bedeuten uns, dass er unterwegs ist und nicht lange bei uns verweilen wird. Mit seiner seltsamen, üppigen und in die Stirn fallenden Haarmähne sowie dem kahlen Hinterkopf hat es seine Bewandtnis: Der Haarschopf ist es, an dem wir, Erdenmenschen, die schnell vorbeieilende Gottheit packen können und müssen, um die einmalige Chance nicht zu verpassen, die sich uns in dem gleichmässigen Zeitverlauf, der Domäne des Chronos, in den Weg stellt. An dem kahlen Hinterkopf lässt sich Kairos nicht packen: Er ist vorbei! Sie ist vorbei, die Chance… Wir waren nicht schnell genug, nicht wach, wir ließen den flügelfüssigen Gott entkommen… Er kommt nicht zurück, er kommt nicht noch einmal… Eine zweite Chance gibt es nicht.

Poseidippos (3. Jahrhundert v. Chr.) hat ein Epigramm auf Kairos verfasst, übersetzt von J. Gründel:
„Wer bist du?
Ich bin Kairos, der alles bezwingt!
Warum läufst du auf Zehenspitzen?
Ich, der Kairos, laufe unablässig.
Warum hast du Flügel am Fuß?
Ich fliege wie der Wind.
Warum trägst du in deiner Hand ein spitzes Messer?
Um die Menschen daran zu erinnern, dass ich spitzer bin als ein Messer.
Warum fällt dir eine Haarlocke in die Stirn?
Damit mich ergreifen kann, wer mir begegnet.
Warum bist du am Hinterkopf kahl?
Wenn ich mit fliegendem Fuß erst einmal vorbeigeglitten bin,
wird mich auch keiner von hinten erwischen
so sehr er sich auch bemüht.
Und wozu schuf Euch der Künstler?
Euch Wanderern zur Belehrung.“

Chronos, die Personifizierung der Zeitenfolge, des Zeitabschnitts, des Zeitverlaufs nimmt sich selbst dann zurück, hält inne, wenn Kairos, die Inkarnation des Augenblicks, des Zeitpunktes in der Erfüllung des Schicksals an den Menschen herantritt: Um eine Wende oder eine neue Qualität in das Leben zu bringen. Eine horizontale Perspektive, die durch eine Vertikale geschnitten wird. In den Zeitenlauf der Menschheit im Allgemeinen und in den Lebenslauf des Individuums im Besondern stellt sich blitzartig ein fremder Wille, das Los. Kairos, ein Gott. Oder ist es für uns ein Engel, ein Schutzpatron? Der ganz und gar irdisch erscheint – in der Gestalt eines Menschen?

Das Bemerkenswerte jedoch an dieser Situation – die jeder Mensch kennt – ist das, dass ohne unser Zutun, also ohne das Bewusstsein und ohne unseren eigenen Willen, der mit dem Willen des Schicksals mitgeht, ohne eine schnelle Entscheidung dafür, ohne die Wachsamkeit, diese Gelegenheit nicht am Schopf gepackt werden wird: Schon ist der Gott des Augenblicks an uns vorbei geeilt! Die Chance ist verpasst, die helfende Hand nicht ergriffen…

Kairos erscheint aber in unserem Leben nicht nur als eine Chance, glücklicher Zufall, besondere Gelegenheit. Er stellt sich auch als Krise dar und da ist er nicht mehr so schnellfüßig, da wird er sich bei uns ausruhen, bis die Krise ausgestanden ist, bis wir die Lektion gelernt haben, bis die Krise uns gezwungen hat, eine Wahl, eine Entscheidung zu treffen, neue Wege zu gehen. In einer Krise bleibt er  beharrlich bei uns… Eine Krise ist aber dank Kairos nicht als Pech zu sehen, eher als notwendiger Knotenpunkt in unserem Leben.

Das Erscheinen des Gottes der besondern Chance in unserem Leben betrifft nicht immer unmittelbar unser eigenes Schicksal: Es kann als Auftrag verstanden werden, den wir für andere zu erfüllen haben. Auch hier gilt die Forderung nach besonderer Aufmerksamkeit, denn durch Unterlassen einer Handlung berauben wir eine andere Person der besonderen Chance und wir selbst verbinden uns durch das Nicht-Vergessen-Können der eigenen „Unterlassungssünde“ auf eine unglückliche Weise mit diesem Menschen, dem wir unsere Hilfe vorenthalten haben.

Kairos ist auch ein Begriff aus der Theologie. Die Worte aus dem Matthäus-Evangelium: „Seid wachsam, denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt! […] Haltet euch bereit, denn zur unvorhergesehener Stunde kommt der Menschensohn!“ (Mt 24, 37-44) sind trotz der ihnen innewohnenden Herausforderung, ein Ausdruck der Hoffnung für uns Menschen und der Liebe der göttlichen Welt zu uns Menschen.

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• „The Shadow-Line“

„Schattenlinie“*, das weltberühmte Werk von Joseph Conrad* ist voller Symbolik. Selbst der Titel ist ein Zeichen. Längst lebt das Wort, immer als Allusion auf Conrads Werk, sein eigenes Leben. Schattenlinie steht demnach nicht nur, wie biografisch bei Conrad, für das verlassen der unbeschwerten Jugend, …

„Ich glaubte, es wäre ein Abenteuer, aber in Wirklichkeit war es das Leben.“ – Joseph Conrad

… was an sich, wenn auch schmerzhaft, optimistisch stimmen muss. Denn sogar durch eine Erfahrung, die manchmal den Menschen an die Todesgrenze bringt, manchmal auf eine andere Weise existenziell  bedrohlich ist, geht er in eine neue Lebensphase über. Scharfes Bewusstsein und gestärkte Reflexion, so positiv sie auch für die seelische und geistige Entwicklung sind, offenbaren sie die Schwere der irdischen Existenz. Für Illusionen ist kein Platz mehr. Jedoch durch die pejorative Färbung des Wortes Schatten, steht Schattenlinie auch für jene erfahrungsbedingten Übergänge im Leben, die einen Menschen aus dem sonnenhaften Zentrum des Geschehens, des Lebens, in eine – dunkle, schattige – Peripherie versetzt. Nachdenkliche, ihr Leben reflektierende Menschen, auf ihr Leben zurückblickend stellen eines Tages fest, die Schattenlinie ist überschritten: Wieder eine Lebensphase ist vorbei, die Perspektive hat sich verkürzt…

Wenn man jedoch das menschliche Leben von der Kindheit an bis zum hohen Alter betrachtet, sind solche dunklen, wenn oft auch kurzen Phasen die Voraussetzung dafür, reifer Mensch zu werden. Wenn sich auch diese Reifeprozesse höchst individuell gestalten, kommt kein Mensch an ihnen vorbei. Die erste entwicklungspsychologisch notwendige Zäsur im Leben eines Kindes stellt sich in sein Leben um das neunte Lebensjahr herum. Die Waldorf-Pädagogik nennt sie Rubikon, in Anspielung auf Cäsar, der den Fluss überschritt, wohlwissend, dass es kein Zurück gibt. So ist es auch für das heranreifende Kind – die Tür zur Kindheit bleibt von nun an für immer verschlossen. Erfahrungsgemäß kommen just in dieser Lebensphase einschneidende Erlebnisse, oft mit einem Verlust verbunden, gleichgültig wie dieser geartet ist. Damit ist wohl die erste Kindheit verlassen, das Kind wird reifer, bereit für neue Herausforderungen.

Die zweite wichtige Lebensstufe, das Erlangen der körperlicher Reife – an sich ein freudiges Ereignis – steht für die allermeisten jungen Menschen für mannigfaltige und lange andauernden Krisen, die wiederum ihr Schatten vorausschicken können auf das weitere Leben…

Der sozialen und geistigen Reife, die sich viel später als die körperliche einstellt, gehen Erfahrungen voraus, die zwingend den Charakter einer schweren Krise haben. Diese werden nicht gleich als Knotenpunkte des Lebens erkannt und begriffen. Es ist auch nicht gesagt, dass diese Erfahrungen durchgehend negativer Art sein müssen. Nein! Nichts ist so wunderbar wie – nehmen wir ein Beispiel aus dem Leben einer Frau – die Geburt eines Kindes. Aber die Erfahrung der Geburt, mit ihren unbezwingbaren Schmerzen, ist für die meisten Frauen ein so bedeutender Einschnitt, dass sie nie mehr so sind, nicht so sein können, wie sie früher waren. Der nächste große Einschnitt im Leben einer Mutter ist, wenn das Kind das Nest verlässt. Für die junge Generation ein freudiger Umstand, für die Eltern stets mit einem immensen Schmerz verbunden.

Mit der fortschreitenden Zeit – auch wenn das Leben uns noch mit vielen glücklichen Momenten beschenkt – nach und nach zeigen sich am Horizont die wahren Schatten, dicht beieinander: Krankheiten, bisweilen ein Zerfall der Familie, der Tod der Lieben und – das Alter.

Ja, dann wird es uns endgültig bewusst: Die Schattenlinie ist überschritten, es gibt kein zurück und zugleich keine neue Entwicklung im Leben. Stopp: Es gibt sie. Das ist jedoch etwas ganz anderes – nämlich die Vorbereitung auf das Überschreiten der Horizontlinie…

Die »Schattenlinie« ist ein Topos, der das Dasein nicht nur der Individuen beschreibt, sondern auch kleiner und großer Menschengruppen oder Völker. Nicht unerwähnt sollen also jene Erfahrungen bleiben, die gleichsam einer oder mehreren Generationen gemeinsam sind: Kriege, Aufstände, Revolutionen. Für diese ist nicht charakteristisch, dass sie zwangsläufig Reifeprozesse vorantreiben. Sie stehen für Zerstörung – physische und seelische – für irreparable Schäden. Doch auch in solchen Zeiten sind wichtige Entwicklungen möglich. Für welche inneren Prozesse die Menschen die aufgezwungene Starre genutzt haben, wird sich in dem zeigen, welche Spielräume sie für sich erschließen und was das sein wird, das Neue, was sie anstossen werden, wenn sie aus dem Schatten ausgetreten sind.

Doch zurück zum individuellen Leben. Und zurück zum Conrad. „Schattenlinie“ ist ein autobiografisches Buch. „Nichts wird so leicht für Übertreibung gehalten wie die Schilderung der reinen Wahrheit“, sagt Conrad. Das, was der junge Schiffskapitän erfahren hat, kann man übrigens schlecht phantasieren. Conrad selbst hat das alles erlebt. Seine Darstellung entspricht den Gegebenheiten und ist, wie dieses Beispiel zeigt, voller Symbolik:

„… die Insel Kho Rin. Ein mächtiger, schwarzer, wie emporgeschleuderter Felsen! Zwischen den unzähligen Inselchen lag er wie ein Leviathan unter Elritzen auf dem spiegelglattem Wasser. Kho Rin schien den Mittelpunkt unseres verhängnisvollen Kreises zu bilden. … Mehr als einmal nahm ich bei günstiger Brise und in schnell abnehmendem Abendlicht ihre Peilung in der Hoffnung vor, dass es das letzte Mal sein sollte. Umsonst! Eine Nacht wechselnder Winde beraubte uns wieder des Gewinns und im Licht der aufgehenden Sonne erhob sich dann die schwarze Silhouette von Kho Rin, kahler, ungastlicher, grimmiger denn je. …“

Wer hatte nicht Zeiten erlebt, da der Kho Rin – gleichgültig in welcher Gestalt – nicht weichen wollte? Oder scheinbar die Kraft fehlte, sich von ihm abzusetzen? Wer hatte nicht Zeiten erlebt, in denen nichts voran ging, nichts gelang, nichts konnte zum Abschluss gebracht werden? Zeiten, in denen das Warten auf den günstigen Wind ein Höchstmaß an Geduld und Vertrauen erforderte? Wer hatte dabei nicht geglaubt, zusehen zu müssen, wie kostbare Lebenszeit verstreicht, wenn zur gleichen Zeit das Leben der Anderen sich im Fluss befindet? Sich selbst aber wie im Windschatten des Lebens empfunden hatte – immer noch den unheilvollen Kho Rin, was auch immer das sein kann, vor den Augen?

Bis er verschwand… … Stirb und werde! …

***

* Joseph Conrad, „Schattenlinie“, Insel Verlag 1999, übersetzt von Heinz Piontek

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• „Der Klang der Zeit“

„Der Klang der Zeit“ von Richard Powers,
Fischer-Verlag

Menschen, die unbeirrbar durch ihr Leben gehen, den Mut haben, sich den schwierigsten Aufgaben und Prüfungen zu stellen, schöpfen bezeichnenderweise ihre nichtversiegende Kraft aus einer Grenzerfahrung.

„Deine Mutter und ich, wir kannten die Zukunft. Eure Zukunft hat zu uns gesprochen. Hatte uns überhaupt erst Mut gemacht!“, so spricht der Sterbende Vater zu seinem Sohn…

„Deine Mutter und ich, wir kannten die Zukunft. Eure Zukunft hat zu uns gesprochen. Hatte uns ja überhaupt erst Mut gemacht!“, so spricht der sterbende David zu seinem Sohn. „Wir kannten die Zukunft, die Zukunft hat zu uns gesprochen“ – diese Worte sind wie ein roter Faden, der sich durch die Biografie der Romanhelden zieht. Das Buch erzählt vom Leben einer ganz untypischen amerikanischen Familie: Der Vater, David, ein deutscher Jude, emigriert 1933 nach Amerika, die Mutter, Delia, ist eine Afroamerikanerin, eine hoch begabte Sängerin, der die Ausbildung auf einer Musikschule der Hautfarbe wegen verweigert wird.

Bei einem Konzert der begnadeten Sängerin, Marian Anderson, begegnen sich Delia und David. Sie stehen nebeneinander, Delia singt begeistert mit Anderson mit, David nimmt den Gesang wahr, hört aufmerksam zu, spricht die junge Frau an, fragt, ob sie Sängerin sei. Bei diesem kurzen Gespräch fühlt sich Delia zum ersten Mal in ihrem Leben von einem Weißen als Person angesprochen und nicht als Schwarze – eine absolut neue Erfahrung für sie! Sie fühlt sich augenblicklich von diesem Menschen angezogen. Auch David empfindet ähnlich – auch er ist musisch begabt und gebildet. Das Konzert geht zu Ende, die 750000 Zuhörer gehen auseinander, plötzlich sucht ein Junge seine Familie. Indem die Beiden dem Jungen zu helfen versuchen, erleben Delia und David, beide zugleich, etwas, was sie nicht so sehr zu verwundern scheint: Wie in einer Zeitschleife bekommen sie den Einblick in die Zukunft, die ihre gemeinsame Zukunft ist.

In diesem Moment wird ihre unsterbliche Liebe geboren.

Dieses gemeinsame Erlebnis, diese Vision, verbindet die zwei Menschen augenblicklich und für immer. Aus dem Erlebnis schöpfen sie die Kraft, jegliche Widerstände zu überwinden. Sie empfinden ihr Bündnis – sie heiraten bald – als etwas so natürliches, dass sie nicht von Zweifeln befallen werden, ob eine solche Verbindung in Amerika der nahenden 40ger Jahre Zukunft haben kann. Die Sicherheit, die sie aus dem gemeinsamen übersinnlichen Erlebnis schöpfen, verleiht ihnen einen unbegrenzten Optimismus. Bezeichnend: Sie glauben, Delia spricht es aus, sich über die Rasse erheben zu können, damit Neues entstehen kann… Wenigstens für ihre Kinder, die sich bald zu ihnen gesellen werden.

Für Menschen, die in den wichtigsten Lebensknotenpunkten in die Zeitschleife – die ich nicht als eine rhetorische Figur verstehe – geraten und so in ihre Zukunft schauen können, ist dieses Erlebnis ein mystisches, denn sie erleben zugleich die Welt hinter der sichtbaren, der sinnlichen Welt. Das verleiht ihnen das Wissen – nicht den Glauben – von der anderen Welt, von Gott.

Dieses Wissen weckt in Delia eine unstillbare Sehnsucht nach Gott. Jahre nach ihrem Tod – sie ist in einem ungeklärten Hausbrand umgekommen – spricht David über diese Sehnsucht zu seinem jüngeren Sohn. Delia ist jung gestorben, aber ihr Leben scheint vollendet zu sein.

Die tiefe, erfüllte Liebe Davids zu Delia lebt weiter – über ihren Tod hinaus.

Jonah, der ältere Sohn, der ein berühmter Sänger geworden ist, kommt nach Jahren aus Europa nach Amerika zurück. Er besucht seine Geschwister Josef und Ruth in der Schule, die Ruth führt und in der Josef schwarze Kinder Musik lehrt. Kurz nach einem Konzert, in dem beide Brüder mit den Schülern singen, einem Konzert, das plötzlich als das Apogäum des Lebens der Geschwister erscheint, kommt der begnadete Sänger wie zufällig während der Rassenunruhen in Los Angeles um. Ausgerechnet dann, wenn er sich für einen Moment zu seinen schwarzen Wurzeln begibt.

Auch sein Leben scheint vollendet zu sein.

* * *

Es kann angenommen werden, dass das Geraten in eine Zeitschleife und dessen Bewusstwerden, kein seltenes Phänomen ist. Was für ein Trost, diese Geschichte von Delia und David, für Menschen, die Gleiches erleben und ihr Leben lang darüber schweigen!

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• „Gott hat Humor…

… denn er hat den Menschen geschaffen.“Gilbert Keith Chesterton

Weltenhumor, ein Fragment der Skulptur „Menschheitsrepräsentant“ von Rudolf Steiner, Goetheanum, Dornach

Mit diesem Text werde ich hier eine Serie beginnen: Ich möchte über menschliche Tugenden schreiben. Allein das Wort ist für den heutigen Leser beinah vergessen, seine Konnotationen scheinen nicht mehr wichtig, nicht mehr beachtenswert zu sein. Gar zu ernsthaft, nicht mehr modern, nicht zeitgemäß, ja lebensfern oder realitätsfern. Ich weiss um diese ernsthaften Schwierigkeiten, deshalb werde ich mit einer jedem wohlbekannten und in unserem täglichen Leben sehr geschätzten, sogar unerlässlichen Tugend anfangen, dem Humor.

Humor soll eine Tugend sein?

Sigmund Freud schreibt 1927 über Humor: „… Der Humor hat nicht nur etwas Befreiendes wie der Witz und die Komik, sondern auch etwas Großartiges und Erhebendes, […]. Das Großartige liegt offenbar […] in der siegreich behaupteten Unverletzlichkeit des Ichs. Das Ich verweigert es, sich durch die Veranlassungen aus der Realität kränken, zum Leiden nötigen zu lassen, es beharrt dabei, dass ihm die Traumen der Außenwelt nicht nahegehen können, ja es zeigt, dass sie ihm nur Anlässe zu Lustgewinn sind. …“

 Humor steht zwischen Ernsthaftigkeit und Ironie oder Spott in allen ihren Schattierungen: Ob diese gegen andere gerichtet sind, gegen sich selbst, ob wir von Ironie des Schicksals sprechen, die anstelle der Worte eintritt, wobei hier eher Trolle ihre Finger im Spiel haben müssen, als es der gütige personifizierte Humor selbst handelt. Es lohnt sich, Humor und Ironie zu vergleichen, denn oft werden diese beiden menschlichen Eigenschaften verwechselt. 

Ironie ist sicher keine Tugend, sondern eine Waffe, die gegen einen anderen gerichtet ist, wenn auch im Fall der Selbstironie sie sich gegen einen selbst richtet. Sie ist nie großzügig, sie ist höhnisch, boshaft, demütigend, verletzend, vernichtend. Sie bringt die Schwächen des anderen oder eigene zum Vorschein, entblößt die Achillesferse der Belächelten und lässt die Getroffenen nach dem Wortgefecht auf dem Kampffeld vernichtet. Ironie ist oberflächlich, sie beschäftigt sich nicht mit der Person, sie will nur das eigene Ego machtvoller erscheinen lassen; sie steigt niemals in die Tiefe der Dinge. Ironie kann lustig sein, aber auch wenn sie so ist, sie ist niemals humorvoll. 

Humor dagegen ist die Kraft, die eigene und der anderen Menschen Schwächen herzenswarm nimmt. Humor stellt den Lachenden und den Belächelten auf eine Ebene. Deshalb gibt es in ihm keinen Hochmut. Ironie ist hochmütig, Humor ist demütig. Weil Humor im Gegensatz zur Ironie keine Waffe ist, ist er reflexiv, muss eigentlich so sein, denn in das Lachen oder das bittere Lachen schließt er sich selbst ein und motiviert zur Nachdenklichkeit. 

Ein und derselbe Scherz kann Ironie oder Humor sein. Bei einem, der auch sich selbst den anderen mit der Speerspitze des scherzhaften Satzes ausliefert, ist dieser Scherz humorvoll, bei einem Menschen, der sich ausnimmt, ist es nur Ironie. Diese beiden Erscheinungen lassen sich freilich nicht immer sauber trennen: Sokrates, der große Ironiker, der jegliche Unzulänglichkeit, die sich großtun wollte, verspottete, lachte genauso laut über seine eigenen Schwächen, auch wenn der Anlass dazu Spott vom Aristophanes war.

Humor ist aber nicht nur zum Lachen da. Er ist wahre Hilfe in jeder ernsten Lebenslage. Er verwandelt Traurigkeit in Heiterkeit, lässt in dunkler Verzweiflung Lichtfunken erkennen. Aber vor allem entschärft Humor den Hass, die Wut, die Rachsucht, den Fanatismus. Humor befreit den Menschen von seinen Illusionen, er wirkt ent-täuschend! Er bringt Ordnung in verwirrte Gedanken, weil in ihm immer die Sympathie, die Liebe spricht. Liebe, die wiederum zum Helfen, zum Handeln ermutigt.

Wie sollte er also keine Tugend sein?

* * *

André Comte-Sponville: „Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben, Ein kleines Brevier der Tugenden und Werte“; Rowohlt, 1996

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• Tugend des Risikos und der Entscheidung

So wie unter den drei theologischen Tugenden – Liebe, Hoffnung und Glaube – die Liebe die größte ist, so werden unter den vier Kardinaltugenden – Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung – die drei anderen der Klugheit untergeordnet. So wie die Liebe die Hoffnung und den Glauben mit Sinn erfüllt, so entscheidet die kluge Voraussicht darüber, ob die drei weiteren Kardinaltugenden als solche noch zu bezeichnen sind, oder ob sie sich durch unkluge Handlungen in ihren Gegensatz verkehren.

Thomas von Aquin definiert Tugenden als „Habitus des Guten“ und stellt die Klugheit allen anderen voran. Der Philosoph betont, dass Tugend eine menschliche Leistung ist und somit lern- und lehrbar.

„Weisheit ist die Hochform des Wissens um Welt und  letzte Dinge“

Das gilt, nebenbei bemerkt, genauso für die theologischen Tugenden, denn ohne eine weise Erkenntnis und ein kluges Handeln verkehrt sich der Glaube in Fanatismus und die Hoffnung in Naivität und Untätigkeit. Die Tugend als solche ist demnach notwendig klug. Die Klugheit, selbst eine Tugend, macht erst die anderen zu Tugenden.

Die Philosophen sehen zurecht einen Unterschied zwischen der Klugheit und der Weisheit: Klugheit – Phronesis, Prudentia, – ist die Helferin sowohl in den alltäglichen praktischen Belangen, als auch bei den lebenswichtigen Entscheidungen. Durch das Bestreben, über das Ziel des Vorhabens nachzudenken und die Konsequenz des Tuns vorauszusehen, befähigt die Klugheit den Menschen dazu, durch die Irrungen und Wirrungen des Lebens sicher zu wandern. Aristoteles meinte, Klugheit sei eine intellektuelle Tugend, denn sie beruht auf Erkenntnis und Einsicht. Sie erlaubt uns, durch „Abwägen und Unterscheiden des Zuträglichen und Abträglichen“ richtig zu beurteilen, was in gegebener Situation gut oder schlecht ist und auch danach zu handeln. Obschon Erkenntnis und Einsicht von besonderer Bedeutung sind, sind diese im irdischen Leben nie vollständig oder absolut. Gerade der Anteil an Ungewissheit, Unsicherheit und Risiko gibt einer Entscheidung oder Wahl die nötige Gestaltungskraft für das Kommende. Die Klugheit temperiert aber die Risikobereitschaft: Lässt den Menschen mutig handeln und nicht tollkühn, heldenhaft sein aber nicht hitzköpfig. Die Zukunftsorientiertheit der Klugheit ist ihr besonderes Merkmal: Sie ist vorausschauend und vorsehend, weil der Kluge darauf achtet, was geschehen kann, genauso, wie er aufmerksam verfolgt, was gegenwärtig geschieht. Sie ist die Tugend der Dauer, der ungewissen Zukunft und des günstigen Augenblicks – des Kairos, unseres alten Bekannten!

Die Weisheit – Sophia, Sapientia – obwohl mit Klugheit verwandt, hat für uns andere Gaben: Durch die Fähigkeit zur Erkenntnis schenkt sie uns die „Glückseligkeit“ der Einsicht, im Sinne der Bereitschaft, das Unabwendbare zu akzeptieren. Auch wenn wir in der Natur oder bei kleinen Kindern nicht selten von Weisheit sprechen, ist damit mehr die göttliche Weisheit gemeint, die durch die kleinen Kinder oder durch die Natur spricht. Die, die uns hier interessiert, die menschliche Weisheit, setzt voraus innere Reife und ein Maß an Lebenserfahrung. „Sie ist letztlich nichts anderes als das Maß unseres Geistes“, sagt Augustinus, „… Hat der Geist jedoch Weisheit gefunden, dann brauchte er weder Unmaß, noch Mangel, noch Unglück zu fürchten. Dann hat er seine Weisheit und ist immer glücklich.“ *

Die zwei wichtigsten Attribute der Klugheit und der Weisheit, die wir auf den zahlreichen Darstellungen sehen, sind ein Spiegel und eine Schlange. Wenn der Spiegel die Selbstreflexion, die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis im Sinne „Erkenne dich selbst!“ symbolisiert, steht die Schlange auf der einen Seite für seherische Kräfte, für Gesundung, Instinkt, Lebenskraft, Leidenschaften, die sowohl das männliche als auch das weibliche Prinzip beleben, weiter für Erneuerungskraft, Triebkraft und Energie, auf der anderen Seite ist sie seit Anbeginn ein Symbol für das Böse. Ergo steht die Schlange für die Möglichkeit, das Gute oder das Böse zu tun. In dem Gestus der Frau auf diesen vielen Abbildungen, die den Drachen oder die Schlange fest mit oder in ihrer Hand hält, zeigt sich ihre Fähigkeit, all diese Kräfte zu beherrschen. Ohne die Kontrolle über diese besonderen Kräfte, aber auch ohne die Erkenntnis der Dinge, die der Schlange unterliegen, hätte man mit dem Gegensatz der Weisheit zu tun, mit der nackten, kalten, verderblichen, gegen die Menschen gerichteten Intelligenz, die durchaus ihr verbrecherisches Potenzial entwickeln kann.

Wenn Thomas von Aquin die Tugenden als Habitus des Guten definiert und davon spricht, dass Tugenden lern- und lehrbar sind, ist es keine bloße Feststellung, sondern eine Aufforderung, dieses zu beachten und in erzieherischer oder selbsterzieherischer Bemühung als Ziel oder Mittel zum Ziel zu berücksichtigen und einzubeziehen. Das bekannte Experiment von Philip Zimbardo, in dem er aufzeigen konnte, dass ganz normale Menschen in außergewöhnlichen Situationen ihren gesunden Instinkt und ihre scheinbar fest verankerten positiven Verhaltensweisen in ihr Gegenteil verkehren können, beweist, wie wesentlich es ist, das Gute im Habitus der Tugenden unaufhörlich zu stärken, jedoch besonders dann, wenn Menschen dem Druck einer extremen Situation ausgesetzt sind und eine neue Rolle, die sie noch nicht geübt haben, einzunehmen gezwungen sind.

Gewissensbildung können wir auch diese erzieherische und selbsterzieherische Anstrengung nennen. Ohne Erkenntnis ist jedoch die Mühe umsonst! „Eine gute Tat muss aus der Erkenntnis geboren werden, sonst ist sie keine gute Tat“, schreibt Josef Pieper.** Das ist eine wichtige Feststellung, denn es geht immer darum, bewusst zu handeln. Genauso wichtig ist hier zu unterstreichen, dass die Erkenntnis jedem zugänglich ist.

Wie immer, wenn es um die Entscheidung zwischen Gut und Böse geht, hat der Mensch die Freiheit, sich von dem Guten abzuwenden und das Böse zu wählen. In diesem Fall wird aus Klugheit und Weisheit – Schlauheit, Gerissenheit, List und Tücke. Manipulieren, Verführen, Betrug – aus Tugend wird Laster. Gerissenheit oder Manipulieren, List und Schlauheit bringen in manchen Situationen sicher Vorteile. Sie sind aber dadurch, dass sie gegen andere gerichtet sind ohne Zukunft. „Die Klugheit ist diese paradoxe Erinnerung an die Zukunft oder, besser gesagt, diese paradoxe und notwendige Treue zur Zukunft“, sagt André Comte-Sponville.***

*Augustinus, Über das Glück 4,35

**Josef Pieper, Über die Tugenden, München 2004

***André Comte-Sponville, Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben, Rowohlt 1996

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• Patientia

„Die Fähigkeit, etwas auszuhalten“, schreibt der Benediktiner Anselm Grün in seinem Buch «50 Engel für das Jahr: Ein Inspirationsbuch» über den Engel der Geduld, „nimmt heute immer mehr ab. Und doch hätten wir sie bitter nötig, um unser Leben zu meistern und die Probleme unserer Welt hoffnungsvoll zu bestehen. Vielleicht im Sinn des Marquis de Vauvenargues: Geduld ist die Kunst zu hoffen.“

Es war nicht einfach, ein passendes Bild für das Thema „Geduld“ zu finden. Diese allegorische Darstellung der Pacientia aus dem 16. Jahrhundert ist nicht uninteressant, entspricht jedoch nicht ganz der Intuition der heutigen Zeit, denn die Bedeutung des Begriffs hat sich über die Jahrhunderte gewandelt: Von der Standfestigkeit und dem Durchhaltevermögen bis hin zur Langmut und zum nachsichtigen Abwarten, bis sich eine Lösung der prekären Lage ergibt. Auch so verstanden hat die Geduld ihre Berechtigung, sie ist in diesem Sinne aber keine Tugend. Denn Tugend setzt Aktivität, Bemühen und Initiative voraus.

Die Frau, die da demütig gebückt sitzt, hat nicht (mehr) die Kraft, mit wachen Augen die Welt zu betrachten. Die Kraft, die aufrechte Körperhaltung zu behalten, ist nicht mehr da. Sie hat jegliche Kraft verbraucht, verausgabt, denn sie war nicht untätig; sie hat „die Schiffe ausgesandt“, und jetzt ist für sie die Zeit des Wartens auf die Ergebnisse angebrochen. Diese sind wichtig für ihr weiteres Bestehen, ja sie sind lebenswichtig. Im Moment aber wohl noch nicht sicher. Das Leid des Wartens rührt eben von der Unsicherheit, diese droht die Frau zu zerfressen. Das wilde Wesen, mit den diabolischen Zügen, mit den scharfen Zähnen und dem bösen Blick symbolisiert ihre Angst. Ihre Augen sind geschlossen, der Blick nach innen gerichtet: Sie sieht mit ihrem inneren Auge das böse Wesen, sie spürt den Schmerz der Unsicherheit, des Wartenmüssen. Daher die erstarrten Augen und das unbewegte Gesicht. Als ob durch das Verharren ohne Bewegung der Schmerz geringer würde. Ihre Unfähigkeit sich zu bewegen wird zusätzlich durch die verschränkten Beine unterstrichen. Das Warten scheint jegliche Bewegung auszuschließen.

Nur das kleine Lämmchen, das sie in ihren Armen eingeschlossen hat, ist ihre momentane Zuflucht, es gibt ihr Trost und von ihm erhält sie die Wärme, diese Kraft, die sie nötig hat, um weiter in Hoffnung verharren zu können. Das kleine Tier bleibt genauso regungslos wie die Frau, seine Augen sind jedoch geöffnet. Das Tier selbst leidet nicht, hat auch nicht die Angst vor der grausamen Gestalt, die es symbolisch berührt, es nimmt diese überhaupt nicht wahr, reagiert auf sie nicht; die nagende Angst ist nur in der Frau, sie überträgt sich nicht auf das Tier. Das Lämmchen spielt keine andere Rolle hier; es ist nur als Trost für die Frau da. Seine Ruhe hilft es der Bedrängten, standhaft zu bleiben.

Die mannigfaltigen Belohnungen, die auf dem Fuße folgen, sind schon für den Betrachter des Bildes, wenn auch nicht für unsere Heldin sichtbar: Sie ist engelsähnlich geworden, sie wird mit einem Lorbeerkranz, dem Symbol des Sieges gekrönt. Sie hat also den Sieg über die Unsicherheit und die Angst errungen. Es soll an der Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass eine solche Belohnung nicht nur die irdische Dimension hat, sie wirkt über den Tod hinaus und oft ausschließlich über den Tod hinaus…

* * *

Geduld ist die Fähigkeit, warten zu können. Ich würde diese einfache Definition ergänzen: Geduld ist die Fähigkeit, warten zu können, wenn man noch nichts oder nichts mehr tun kann. Denn so lange etwas unternommen werden kann und muss, wäre ein Abwarten keine Geduld, sondern Nachlässigkeit, Unterlassen, Versäumnis. Geduld ist also weder ein untätiges Abwarten,  Stumpfsinn oder Untätigkeit noch eine zynische Affektation des Gleichmutes, der an sich eine wohl noch bedeutendere Tugend ist, denn dem Gleichmut folgt kein Ende des Wartens. Gerade durch die aufgezwungene, den eigenen Willen brechende Untätigkeit hat Geduld den tugendhaften Charakter, sie ist eine Tugend. Ambros Bierce sagt dazu: «Geduld ist mindere Art der Verzweiflung, maskiert als Tugend.» Das klingt provokativ, hat aber einen tieferen Sinn: Den Satz müssen wir eigentlich so verstehen, dass es ein wahrer Verdienst ist, die Verzweiflung, die selbst nichts Positives an sich hat, zu ertragen. Gerade durch das Ertragen der Verzweiflung wird Geduld zur Tugend. Sie wird zur Kunst zu hoffen, dass das Leid ein Ende nehmen wird und neue Zeit anbrechen wird. Geduld hofft auf bessere Zeiten, nicht auf Belohnung des Verhaltens, denn so handelte es sich um eine egoistische Regung und damit um keine Tugend.

Obschon, intuitiv betrachtet, Geduld in der Tat eine Tugend ist, gibt es auch eine besondere Art Geduld, die keinerlei Positives in sich hat: Die der Spinne, die in der Falle eines lange und sorgfältig geflochtenen Netzes auf ihr Opfer wartet, um es zu vernichten. Eine Imagination aus der Tierwelt. Wenn wir sie aber auf die Menschenwelt übertragen, erscheint hier Rachsucht und Hass als Grund dieses Vorsatzes und der folgenden Ausführung. So wie Rachsucht verwerflich ist, so verkehrt sich Geduld in dem Fall in das Gegenteil einer Tugend.

Tertulian gibt an einer Stelle in seinem Aufsatz «Über die Geduld» eine interessante Betrachtung der ideellen und sehr verfeinerten Form der Rachsucht, die zwar Rachsucht bleibt, jedoch einen Hinweis auf Überwindung ihrer selbst enthält: «Bei Gott ist unsere Geduld in hinreichend sicherer Verwahrung. Wenn man ein erlittenes Unrecht bei ihm hinterlegt – er rächt es; ist es ein Schaden – er gleicht ihn aus; ist es ein Schmerz – er ist Arzt; ist es der Tod – er weckt wieder zum Leben auf. Wie vielen Spielraum hat nicht die Geduld, um Gott zum Schuldner zu machen! Denn sie gibt auf alles acht, was ihm wohlgefällig ist, sie spielt bei allen seinen Geboten ihre Rolle. Sie ist es, die den Glauben befestigt, den Frieden regiert, die Liebe unterstützt, der Demut Anleitung gibt, die Reue abwartet, der Buße das Siegel aufdrückt, das Fleisch beherrscht, den Geist bewahrt, die Zunge zügelt, die gewalttätige Hand zurückhält, die Versuchungen niedertritt, die Ärgernisse verbannt, die Martyrien vollendet, den Armen tröstet, dem Reichen Mäßigung auferlegt, dem Kranken die Zeit abkürzt, den Gesunden nicht verzehrt, den Gläubigen erfreut, den Heiden anzieht, den Knecht dem Herrn und den Herrn dem Knechte empfiehlt, die das Weib ziert und den Mann vollkommen macht; am Knaben wird sie geliebt, am Jüngling gelobt, am Greise geachtet; jedem Geschlecht und jedem Alter steht sie wohl an.»

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• Der Transzendentalismus

Der Geist und die moralische Kraft, die Raum und Zeit überschreiten, machen den Menschen erst zum Menschen.

Es gab einmal Zeit, als sich im fernen Amerika völlig unterschiedliche Persönlichkeiten, mit völlig unterschiedlichen Begabungen und intellektuellen Interessen, unabhängige Geister, Menschen, die mit dem Zeitgeist nicht konform gingen, in einem Zirkel zusammentaten. Es waren Geistliche dabei, Lehrer, Gebildete und Autodidakten, Frauen und Männer. Sie bildeten zusammen eine Bewegung, …

Der Geist und die moralische Kraft, die Raum und Zeit überschreiten, machen den Menschen erst zum Menschen.

…. eine eklektizistische Bewegung. Gemeinsam war ihnen die Verwurzelung in der englischen Romantik und die Empfänglichkeit für die Ideen des deutschen Idealismus. Es spielte sich um 1830 in Boston und Umgebung. Diese Bewegung ging unter dem Namen amerikanischer Transzendentalismus in die Geschichte ein.

Vordergründig richtete sich diese Bewegung gegen den theologischen Konservatismus der amerikanischen Kirche. Ralph Waldo Emerson, Henry David Thoreau, Margaret Fuller, Walt Withman waren nur wenige Repräsentanten dieser Gruppierung. Diese Menschen entfalteten eine weit über Boston und über ihre Zeit reichende Wirkung. Diese von Grund auf idealistische Bewegung hatte einen scheinbar eskapistischen Charakter – ihre führenden Mitglieder traten für eine strikt der Natur zugewandte Lebensführung, Verzicht auf Luxus und Anhäufung von Gütern – sie war aber in Wirklichkeit der Welt zugewandt und hatte eine große praktische Bedeutung.

Diese Bewegung, gegründet auf einem religiösen Fundament, speiste sich, wie oben erwähnt, aus dem deutschen Idealismus von Kant, Jacobi, Fichte, Schleiermacher, brachte also eine idealistische Philosophie hervor. Eine Philosophie, die sich sowohl gegen ein ausschließlich materialistisches Konzept des Menschen wandte, als auch gegen ein übertrieben rationalistisches Denken.

Die praktische Bedeutung dieser philosophischen Bewegung lag darin, dass aus ihr heraus mehrere andere Bewegungen entstanden, die alle eine bedeutende Rolle im politischen und gesellschaftlichen Leben Amerikas über Jahrzehnte spielten. Ein außerordentlich starker Impuls, der als Konsequenz der Forderung nach freiheitlicher und selbstverantwortlicher Lebensgestaltung von dem Transzendentalismus ausging, mündete in den Abolitionismus, eine politische Bewegung, die lautstark für die Befreiung der Sklaven in den Südstaaten von USA auftrat und einen entscheidenden Einfluss auf die tatsächliche Befreiung der Sklaven im Jahr 1862 hatte. Aber den Denkern ging es nicht in erster Linie darum, die bloße Befreiung der Sklaven zu erreichen, auch nicht darum, die Rechte der Versklavten zu verteidigen, denn solche Rechte besaßen diese Menschen nicht; es ging um die Verteidigung des einen Rechts, eine Regierung zu haben, die spricht und handelt in deren Namen. Obwohl die abolitionistische Bewegung einen großen Einfluss auf die Geschichte der USA genommen hatte, geschah es nicht im Sinne der Transzendentalisten, denn die schwarze Bevölkerung der Vereinigten Staaten hatte damals nicht und hat wohl bis heute keine Regierung, die ihre Sprache sprechen würde, erkämpft oder bekommen.

Keine geringe Rolle in der Bewegung der Transzendentalisten spielten Frauen. Ihre Teilnahme an den Zusammenkünften und an dem Wirken war von Anfang an eine Selbstverständlichkeit; auch sie war aus der idealistischen Interpretation der Prinzipien abgeleitet. Aus ihr ging nichts geringeres als die Frauenbewegung hervor. In den 1840er Jahren organisierte Margaret Fuller, eine talentierte Frau,  Treffen und Diskussionsrunden für Frauen, in denen über Frauenrechte, über Erziehung, aber auch über Kunst und Literatur diskutiert wurde.

Aus der Idee der naturnahen Lebensführung war des Weiteren die erste Naturschutzbewegung der modernen Welt geboren.

„ … In den 1830er und 1840er Jahren wimmelt es in den Vereinigten Staaten von Reformern und Sozialutopisten. Da gibt es kaum einen Gebildeten –  schreibt Emerson 1840 in einem Brief an Carlyle –, der nicht mit dem Entwurf einer neuen Gesellschaft in der Westentasche herumliefe. Vielerorts werden Kommunen gegründet, von denen einige – insbesondere Fruitlands und Brook Farm – dem Transzendentalismus verpflichtet sind.“ Ich zitiere nach Prof. Dr. Dieter Schulz, einem Historiker, der wohl als einziger im deutschen Sprachraum diese Bewegung erforscht.

Nicht zu verachten ist der Einfluss dieser Denkschule auf die Entwicklung einer eigenständigen amerikanischen Nationalliteratur. Seine wichtigsten Vertreter sind die schon erwähnten Ralph Waldo Emerson, Margaret Fuller und Henry David Thoreau, aber auch die Schriftsteller der AmericanRenaissance wie Walt Whitman, Emily Dickinson, Nathaniel Hawthorne und Herman Melville.

Ralph Waldo Emerson:

Tage

Kinder der Zeit, die heuchlerischen Tage

Tanzen vermummt, barfüßig mir vorbei

Gleich stummen Derwischen in langer Reih.

Sie halten Diademe, halten Ruten in der Hand

Und reichen jedem, was er sich gewünscht,

Brot, Sterne, Königreiche, Himmel gar und Erd.

Aus meiner Gartenwildnis schaut` dem Pomp ich zu,

Vergaß der Morgenwünsche, langte hastig nur

Nach Kräutern, Äpfeln. Schweigend ging der Tag

Vor mir und schwand. Zu spät erst traf mich

Aus feierlichem Mummenschanz sein Hohn.


Der Philosoph und Dichter, brachte in diesem kurzen Gedicht seine ganze Abneigung und Verachtung dem Zeitgeist – oder dem Geist der Zeit – gegenüber meisterhaft zum Ausdruck. Emerson war der Überzeugung, dass das Wahre Menschliche, das Individualistische ist: „Der da ein Mann sein will, der muss Nonkonformist sein.“ Im menschlichen Wesen walten genug Kräfte, die es erlauben, aus sich heraus, aus der individuellen moralischen Stärke Entscheidungen zu treffen und danach zu handeln. Diese Vorstellung enthält den Postulat des Vorrangs der Reflexion über der Norm gerade im gesellschaftlichen und politischen Diskurs. Das Höherstellen der individuellen moralischen Phantasie (self-reliance) über die aktuell herrschende Norm ist der Ausdruck des geforderten Nonkonformismus.

In einem kleinen Ort in Massachusetts, in Concord trafen sich diese Philosophen und Revolutionäre des geistigen Lebens in unregelmäßigen Zeitabständen, um die für sie wichtigen Probleme zu diskutieren. Es waren Individualisten, Exzentriker, Utopisten, deren Einfluss auf die Gesellschaft jedoch groß war. Diese Denker verfassten vorwiegend Predigten, Reden, Vorträge, Streitschriften, Essays, Tagebücher, in denen sie sowohl die ethischen, ästhetischen, pädagogischen als auch religions- und kulturkritischen Themen erörterten. Die Vierteljahreszeitschrift TheDial, die von Margaret Fuller und später von Emerson herausgegeben worden war, war das wichtigste Publikationsorgan der Transzendentalisten. Concord, eine Provinzstadt, war nur eine von vielen kleinen Ortschaften mit einem regen geistigen Leben. Solche Aktivitäten war charakteristisch für Amerika der langen Vor-TV-Ära.

Der originellste Geist in dieser Gruppe war zweifellos Henry David Thoreau, der in einem Werk „Walden, or Life in the Woods“ seine Erfahrungen beschrieb, die er in einer Klause am Rand des Waldensees, in der Nähe von Concord, machte. Er lebte etwa zwei Jahre lang im besonders engen Kontakt mit der Natur, was einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung seiner Individualität und seines geistigen Horizonts hatte. Durch diese scheinbare (weil er den Kontakt zur Familie und Freunden nicht unterbrochen hat) Weltflucht bewies Thoreau, dass der Mensch mit lebensnotwendigem Minimum auskommen kann und in der freien von überflüssigem Gelderwerb Zeit sich der Geist nützliche Dinge aneignen kann: Fremdsprachen, Literaturkenntnisse, Kenntnisse der umgebenden Natur, weiter kann der Mensch selbst schöpferisch wirken, indem er seine Gedanken aufschreibt und andere an seiner geistigen Arbeit teilhaben lässt. Was Thoreau auch tat. In seinem Blickfeld standen der Mensch, die Gesellschaft und die Natur. Thoreau bezeichnete sich selbst als einen Mystiker, Transzendentalisten und Naturphilosophen.

In der Hütte am Walden Pond, wo er sich länger aufhielt, entstand Thoreau`s wichtigstes gesellschaftskritisches Essay über den zivilen Ungehorsam: »Civil disobedience«. Diese Disobedienz lebte er übrigens selbst, auf sie haben sich 100 Jahre später seine Nachfolger berufen: Mahatma Ghandi und Martin Luther King.

Heute scheinen die Transzendentalisten, ihr Wirken und ihre Ideen weitgehend vergessen zu sein. In Europa sind es hauptsächlich Wissenschaftler, die sich noch mit dem Werk dieser Denker befassen. Dagegen in dem politischen Diskurs in den USA sind Thoreau`s Idee des zivilen Ungehorsam und Emersons Fragen: Wer spricht in meinem Namen, wem soll ich meine Stimme geben? nach wie vor lebendig. Diese Fragen kreisen seit eh und je um den Themenkomplex der Wechselbeziehung zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft.

Sowohl Emerson als auch Thoreau ging es um die Natur der Zugehörigkeit des Individuums zur Gemeinschaft und vor allem um die Zustimmung gegenüber der Gemeinschaft oder Gesellschaft: Erst die Gesellschaft gibt dem Individuum die politische Stimme; diese Gesellschaft kann jedoch die Vereinbarung verraten, so, dass das Individuum sich verpflichtet sieht, mit der Gesellschaft – im Bezug auf aktuelle Fragen – zu brechen: Der Mensch fühlt sich der Gesellschaft nicht mehr verpflichtet. Die Zustimmung gegenüber der Gemeinschaft, die durchElitenrepräsentiertist, ist und bleibt Gegenstand einer permanentenDiskussion. Es geht also darum, dass das Individuum sich dessen bewusst wird, wann wesentliche Prinzipien, die Gegenstand der Vereinbarung sind, verletzt werden.

Wir sehen, wie aktuell die Thesen von Emerson und Thoreau sind. Sie bleiben in einem republikanischen System noch über lange Zeit aktuell, sie sind dieser Staatsform immanent. Sicher werden sie in Amerika diskutiert, sie verdienen es aber, auch in den europäischen Ländern thematisiert zu werden.

In meiner kurzen Zusammenfassung wollte ich an diese „engagierten Philosophen“, Amerikaner par excellence und ihr Werk, der an Aktualität gewinnt und nicht verliert, erinnern.

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• Wiera, Nadjeschda, Ljubow…

Nach Tschita sind die Dekabristen verbannt worden. Russische Offiziere, Adelige, die Napoleon bis nach Paris verfolgt und besiegt haben. Zurück in Russland, vom Geist der Freiheit angesteckt, verschwören sich diese jungen Männer gegen die Macht des Zaren und wollen die Freiheit, die sie im verfeindeten und doch so bewunderten Frankreich geatmet haben, …

Fragment einer Ikone aus der Stadt Wielikij Nowgorod, einer im Mittelalter sehr modernen Stadt, XIV. Jahrhundert, gemalt wahrscheinlich vom Theophanes von Griechenland, der in Russland den spätbysantinischen Stil der bewegten Komposition einführte und Meister von Andrej Rubljow war

… in die Höfe und Hütten ihres Vaterlandes tragen. Sie scheitern, die wichtigsten Köpfe der Verschwörung fallen, alle anderen Aufständischen werden verbannt. Nach Tschita eben, eine damals kleine Stadt, 6500 Kilometer von Moskau entfernt. Was zu dieser Zeit im Zarenreich üblich ist und was uns heute doch ein wenig verwundert: Die Ehefrauen dürfen ihre Gatten in die Verbannung begleiten.

Obschon ihr Aufstand nicht die geringste Chance auf Erfolg hat, sind sie, bewundert und von Dichtern besungen, in den folgenden Jahrzehnten ein Vorbild für alle, die in das verkrustete Zarenreich neue Ideen tragen wollen. Alexander Puschkin sendet den Freunden in die Verbannung ein Gedicht, das mit diesen Worten beginnt:

Tief in Sibiriens Schächten sollt
Ihr stolz das schwere Schicksal tragen
Denn nicht vergeht, was Ihr gewollt,
Nicht Eures Geistes hohes Wagen.

…und mit diesen Worten endet:

Die Fesseln fallen Stück für Stück,
Die Mauern brechen. Freies Leben
Begrüßt Euch freudig, und es geben
Die Brüder Euch das Schwert zurück.

Heute ist Tschita nicht nur eine Industriestadt nahe der Grenze zu China. Die alte unrühmliche Tradition eines Verbannungsortes lebt in der Stadt fort. In Tschita selbst und in Lagern in der Umgebung leben unter sehr schwierigen Bedingungen nach wie vor tausende Gefangene. Die meisten sind gewöhnliche Kriminelle. Aber auch Menschen, die in Konflikt mit der Zentralmacht geraten sind, werden hier gefangen gehalten.

Damals, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wie schon erwähnt, haben die Frauen ihre Männer begleiten dürfen, was diesen Menschen den Anschein einer zwar kargen, aber immerhin einer Normalität verliehen hat. Nicht so heute.

Der bekannteste Gefangene in Tschita heute ist, und das schon seit vielen Jahren, Michail Borissowitsch Chodorkowskij.

Der hochbegabte und später sehr erfolgreiche Geschäftsmann erkennt früh die Zeichen der Zeit und beginnt noch als Student in der zweiten Hälfte der 80er Jahre eine Tätigkeit, die es ihm ermöglicht, Kapital zu sammeln. Das Geld erlaubt ihm, sich in den 90er Jahren an der Privatisierung der Industrie in Russland zu beteiligen. Er kauft vom Staat die hochverschuldete und ineffizient arbeitende Ölfirma Yukos, die dank seinem Management innerhalb weniger Jahre ihren Wert auf 30 Milliarden Dollar steigert. In seinem Konzern führt er eine für russische Verhältnisse ungewöhnliche Transparenz ein, er holt außerdem das moderne know-how der westlichen Firmen in sein Haus. Mehr noch – er lässt seine Firma von westlichen Wirtschaftsprüfern durchleuchten.

Aber Chodorkowskij beschränkt sich nicht darauf, das Geld zu vermehren und es weiter zu investieren. Er entwickelt sich zum modernen Kapitalisten, der sein Vermögen nicht hortet, sondern für gemeinnützige Zwecke ausgibt. Damit nimmt er eine Vorreiterrolle in der russischen Gesellschaft ein. Er unterstützt die liberale Oppositionspartei Jabloko, viele Politikwissenschaftler und Studenten. Er gründet nicht nur die bekannte Stiftung Offenes Russland, auch andere Institutionen wie Schulen und Krankenhäuser. Nicht nur, um sein Image als Oligarch zu verbessern, sondern tatsächlich um einen neuen Arbeits- und Lebensstil unter den Millionären und Milliardären einzuführen und zu etablieren. Bei ihm ist innerhalb weniger Jahre eine Metamorphose vom Oligarchen – ein Wort mit einer ausgesprochen pejorativen Bedeutung – zu einem modernen, gesellschaftlich und sozial überaus interessierten Wirtschaftsführer in einer globalisierten Welt zu beobachten.

Die Schule mit Internat – ein Beispiel für sein soziales Engagement – die er 40 km von Moskau entfernt gründet, verbindet eine Erziehung und Bildung für die Zukunft mit dem Schaffen einer häuslichen Atmosphäre für Kinder, von denen die meisten Waisen sind, oft schwer traumatisiert. Da sind Erzieher und Psychologen, Lehrer und der pädagogische Rat, die den Kindern helfen, ihre Traumata zu überwinden und neue Ziele für das Leben zu finden. Die wahre Seele der Schule ist jedoch Marina Chodorkowskaja, Mutter von Michail, die ganz und gar inoffiziell die Rolle einer Babuschka für alle Kinder erfüllt. Zu ihr kommen die Kinder, wenn sie Trost suchen, es fällt ihnen leichter statt den Lehrern oder Psychologen, ihr das Leid zu klagen.

In ihren Gründungsjahren, als das Geld von Michail noch reichlich fließt, hilft die Schule ihren Schützlingen bis über die eigentliche Schulzeit hinaus. Heute, nach der Zerschlagung von Yukos und dem Einfrieren des Vermögens von Chodorkowskij müssen der Schule ausländische Sponsoren helfen, damit sie ihre eigentliche Tätigkeit aufrechterhalten kann. Die Abiturienten sind nach dem Verlassen der Schule jedoch auf sich allein gestellt.

Auch die Moskauer Universität hat von seinen üppigen Spenden profitiert: Der Milliardär hat sie jahrelang mit insgesamt 100 Millionen Dollar unterstützt. Das bekannte Tschechow-Theater und viele Kulturzentren in der Provinz wurden durch ihn finanziert. Dort, wo Yukos unter Chodorkowskijs Führung Ölbohrungen durchführte und wo er unzählige Institutionen unterstützte, hat er bis heute den Status eines Heiligen…

Zum Verhängnis wird Chodorkowskij sein politisches Engagement, Unterstützung der Opposition, vielleicht seine eigenen politischen Ambitionen. Das ist den Moskauer Machthabern endgültig zu viel: Chodorkowskij und einige Mitarbeiter von Yukos werden verhaftet, warten lange auf ihre Prozesse in Untersuchungshaft. Ihm selbst wird massive Steuerhinterziehung zur Last gelegt, wobei das Yukos-Vermögen eingefroren wird und somit die Forderungen des Staates nicht erfüllt werden können. Er wird zu 9 Jahren Lager verurteilt, Yukos wird zerschlagen und wieder verstaatlicht.

Chodorkowskij hat sich geweigert, ins Ausland zu gehen, diesen Weg zu beschreiten, den andere in Ungnade gefallene russische Industrielle vor ihm gegangen sind. Er hat sein geliebtes Russland nicht verlassen wollen, außerdem wäre Emigration in seinen Augen – und in Augen vieler anderen – ein Schuldeingeständnis. Darüber hinaus ist in ihm die Hoffnung auf seine eigene Zukunft in Russland keineswegs gestorben.

Die Frage ist nur, was seine Gegner mit ihm vorhaben. Wollen sie ihn vernichten, psychisch und physisch? Oder wollen sie nur andere, die sich für eine Modernisierung des Landes einsetzten, warnen? Er sitzt hinter Gittern, früh gealtert, nicht zuletzt durch den Hungerstreik, in den er getreten ist, um eine Behandlung seines sterbenskranken Freundes und ehemaligen Mitarbeiters zu erzwingen, der in einem Moskauer Gefängnis sitzt. Wassilij Aleksanjan, so sein Name, lehnt es ab, gegen Chodorkowskij auszusagen, deshalb wird ihm die medizinische Behandlung verwehrt. Nein, ich glaube nicht, dass man diese Menschen mit solchen Maßnahmen brechen kann.

Ich suche keine billigen Vergleiche zwischen Chodorkowskij und den Dekabristen, genauso unsinnig ist es, ihn etwa mit Sacharow zu vergleichen, was – für mich sehr enttäuschend – ein Kenner dieser komplizierten Problematik, der Zeit-Journalist, Johannes Voswinkel, tut. Besonders missfällt mir Voswinkels falsche und herabsetzende Einschätzung, Chodorkowskij sei nicht die moralische Größe wie Sacharow es gewesen. Ich sehe es so: Jede Epoche der russischen Geschichte kennt Menschen, die sich der Zentralmacht zu entziehen suchen: Im 17. Jahrhundert die Novgoroder Bojaren, die von der Opritschnina dezimiert worden sind, die Dekabristen sind es im 19. Jahrhundert, die Revolutionäre – im 20. Jahrhundert, die intellektuellen Dissidenten in der kommunistischen Zeit. Heute sind es, und können es nur sein, das muss man unterstreichen, Industrielle, Politiker oder Journalisten. Leider liegt es in der Natur der Sache, dass weder den Kapitalisten noch den Politikern handeln aus moralischen Beweggründen unterstellt wird, daher die Einschätzung Voswinkels. Versuchen wir es, unser Denken in dieser Hinsicht zu ändern!

Der damalige Ort der Verbannung von Dekabristen und der heute von Chodorkowskij, Tschita, lässt einen Vergleich zwischen diesen Ereignissen ziehen. Auffallend ist, dass in der Sache der Gefangenenbehandlung ein krasser Kontrast, eine Verschlechterung,  zwischen früher und heute zu beobachten ist: Wie schon erwähnt, sind die damaligen Revolutionäre in Tschita nicht allein auf sich gestellt: Ihre Ehefrauen hatten ihnen folgen dürfen und sie alle hatten ein unter diesen besondern Umständen mehr oder weniger normales Leben führen können. Nicht so Chodorkowskij. Er lebt in einer Zelle, wie ein gewöhnlicher Krimineller – so soll er auch wahrgenommen werden! – und nur ein Mal im Monat darf seine Familie ihn besuchen. Seine Mutter und die Ehefrau besuchen ihn abwechselnd für die Dauer von drei Stunden – nach acht Stunden Flug. Von diesen drei Stunden geht eine dafür verloren, den Passierschein mit allen verlangten Unterschriften zu bekommen und für den Weg vom Eingangstor bis zu dem Raum, in dem sie sprechen können. Frei sprechen können sie ohnehin nicht, denn immer sitzt ein Wächter mit am Tisch. Nicht einmal die Hand darf die Mutter ihrem Sohn geben…

Sie halten diese Situation aus. Wie die Dekabristen erduldet auch Chodorkowskij standhaft die Verbannung, nicht Strafe, denn die Vorwürfe sind fadenscheinig, sein Prozess und seine Isolation sollen dem Einschüchtern aller anderen Menschen mit politischen Ambitionen dienen. Wie die Dekabristen, die seit zwei Jahrhunderten unzähligen Menschen als Vorbild dienen, ebenso sucht dieser politische Gefangene sein unglaublich tapfer ertragenes Leid in den Dienst für Russland zu stellen. Aus einem Wirtschaftsboss ist erzwungenermaßen jetzt ein Wirtschaftstheoretiker geworden, der seine Analysen der wirtschaftlichen und politischen Lage in Russland verfasst. Und er zweifelt dabei nicht an der Sinnhaftigkeit seines früheren und derzeitigen Tuns.

Wiera, nadjeschda, ljubow…

* * *

März 2010: ich habe etwas sehr Interessantes gefunden: Briefwechsel, Ljudmila Ulickaja und Michail Chodorkowskij: Briefe aus dem Gefängnis – „Am wichtigsten ist die Selbstdisziplin“

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• Von welchem Planeten bist du?

„…Der gestirnte Himmel über mir…“

„Ich wusste ja, dass es außer den großen Planeten wie die Erde, dem Jupiter, dem Mars, der Venus, denen man Namen gegeben hat, noch hunderte von anderen gibt, die manchmal so klein sind, dass man Mühe hat, sie im Fernrohr zu sehen. Wenn ein Astronom einen von ihnen entdeckt, gibt er ihm statt des Namens eine Nummer.“

Es ist ein alter Traum, im Universum Leben zu vermuten, ja, sogar Leben zu finden. Die Menschen beschäftigt die Frage, ob es andere Zivilisationen im All gibt, so sehr, dass nichts unterlassen wird, in der Suche nach extraterrestrischer Intelligenz die Chancen auf Erfolg zu maximieren. Wenn nicht gleich der kühne Traum von einer Parallelwelt in Erfüllung gehen sollte, dann vielleicht lässt es sich irgendwo Spuren des Lebens orten? Mit ständig weiter entwickelten Empfangstechniken hofft man tatsächlich, wenn nicht heute, dann vielleicht morgen, Signale von einer weit entfernten Zivilisation zu empfangen. Seit vielen Jahren gibt es in der kleinen Hafenstadt Arecibo auf Puerto Rico das größte Radioteleskop der Erde, dessen Aufgabe es ist, die Signale aus dem Weltall zu empfangen. Die aus den Tiefen des Weltraums kommenden Radiowellen werden im Brennpunkt von dem Reflektor des Arecibo-Radioteleskops gebündelt und von der sich dort befindlichen Antenne in den Kontrollraum weitergeleitet.

Umgekehrt kann die Antenne aber auch ein Signal in die Schüssel strahlen, die es dann ins All reflektiert. Somit kann das Radioteleskop auch als Sender genutzt werden, in der Hoffnung, dass die heute gesendeten Signale in weiter Zukunft von intelligenten Wesen empfangen werden können. Eine solche Botschaft von der Menschheit ist am 16. November 1974 um 1.00 Uhr der Atlantischen Standard Zeit von diesem weltweit größtem Radioteleskop in das All gesendet worden, eine Botschaft in 0-1-Sprache verschlüsselt, die so genannte Arecibo-Botschaft

Da gibt es die Voyager-Raumsonden, die in die Ewigkeit unterwegs sind, ausgestattet mit verschiedenen Informationsträgern, damit die zukünftigen Zivilisationen auf fremden Planeten doch noch erfahren können, dass es uns gab… 

Die ersten Planeten außerhalb des Sonnensystems werden entdeckt. Auch heute, nicht anders als als zur Zeit des Kleinen Prinzen, bekommen die Planeten als Namen eine Zahlenkombination… 

Nicht weniger als der Makrokosmos beschäftigt den Forscher der Mikrokosmos. Seit die bildgebenden Untersuchungsmethoden interessante Bilder vom Gehirn des Menschen liefern, werden die Emotionen, die Gedankenwelt, die Phantasie verstärkt Gegenstand der Forschung. Der Neurobiologe, Gerald Hüther, Professor an der Universität Göttingen, schrieb 2004 seine Überlegungen zu diesem Thema. Es ist ein scheinbar leicht zu lesendes Buch, unter dem provokativen Titel „Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn“. 

Als ich das Buch in die Hand nahm, war dieser Titel für mich genauso abweisend, wie die Zahlen- und Buchstabenkombination als Namen der Sterne und Planeten. „Ich bin Hirnforscher geworden“, schreibt Hüther, „weil sich hier naturwissenschaftliches und geisteswissenschaftliches Denken vereinigen. Wir wissen heute, dass unser Verhalten ein neurobiologisches Substrat hat, Verschaltungen, die unser Fühlen, Denken und Handeln lenken. Dass diese Verschaltungen selbst wieder beeinflusst werden von psychischen und psychosozialen Erfahrungen, ist unglaublich spannend.“ Diese Worte haben mich neugierig gemacht. 

Das sind wahrhaftig neue Töne in der Wissenschaft! Es wurde also erkannt, dass die Anzahl und das Funktionieren der Synapsen von physischen, psychischen und sozialen Erfahrungen beeinflusst, sogar bestimmt wird. Nicht umgekehrt! 

„Die Natur macht aus dem Menschen bloß ein Naturwesen; die Gesellschaft ein gesetzmäßig handelndes; ein freies Wesen kann er nur selbst  aus sich machen. Die Natur lässt den Menschen in einem gewissen Stadium seiner Entwicklung aus ihren Fesseln los, die Gesellschaft führt die Entwicklung bis zu einem weiteren Punkt. Den letzten Schliff kann nur der Mensch selbst sich geben.“

„….und das moralische Gesetz in mir…“

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FAZ vom 19. November 2020:

57 Jahre revolutionäre Sternenforschung

„(…) Das Radioteleskop in Puerto Rico war bis 2016, als in China ein noch größeres in Betrieb ging, mit 305 Metern Durchmesser das größte der Welt. Es nahm im Jahr 1963 den Betrieb auf und war zuletzt noch immer eines der empfindlichsten Teleskope der Welt. 1974 entdeckten die amerikanischen Astronomen Russell Hulse und Joseph Taylor mit ihm den Doppelpulsar PSR 1913+16 – zwei einander umkreisenden Neutronensterne – und beobachteten damit indirekt Gravitationswellen. (…)“

„ (…) Alle Möglichkeiten, das Teleskop zu retten, seien untersucht worden. Letztlich zeigten die Daten aber, dass Reparaturen nicht auf sicherem Wege möglich seien. Nun würden Vorbereitungen getroffen, das Teleskop auseinanderzunehmen, hieß es. Ziel sei es, für künftige Recherche- und Bildungszwecke so viel der übrigen Infrastruktur des Observatoriums wie möglich zu erhalten. (…)“

* * *

Zitate aus:

„Der Kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry

„Philosophie der Freiheit“ von Rudolf Steiner

„Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn“ von Gerald Hüther

FAZ vom 19. November 2020: „Riesiges Radioteleskop in Puerto Rico wird demontiert“

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• Frauen in der bildenden Kunst

»Malen ist für mich so notwendig wie atmen« – Berthe Morisot, französische Impressionistin.

Berthw Morisot

Plinius der Ältere erwähnt in einem Kapitel  seines Werkes Naturalis historia mehrere berühmte Malerinnen des antiken Griechenlands, die er für Werke lobt, die leider nicht erhalten geblieben sind. Spätere Zeiten sind für uns gnädiger: Was für ein Genuss, über die Jahrhunderte der Kunst zu wandern!

Anna Bilińska-Bohdanowiczowa; Nad brzegiem morza; 1886

In längst vergangenen Epochen waren es nur weibliche Ausnahmetalente, die eine gewisse Bekanntheit erlangen konnten und zwar nur dann, wenn die Umstände überaus günstig waren. In der Antike und in den späteren Epochen – mit der Ausnahme des Mittelalters – waren es vorwiegend die Töchter von Malern, die ihr Talent entwickeln konnten, weil sie die Möglichkeit hatten, die Kunst und das Handwerk in den Werkstätten der Väter zu erlernen und zu verfeinern. Im Mittelalter konnten die talentierten Frauen nur als anonyme Künstlerinnen in Klöstern die Miniaturen für Bücher anfertigen und somit ihre Berufung als Malerinen ausleben. Die andere Form des künstlerischen Ausdrucks der Frauen, die Tapisserie, stellte zu damaliger Zeit übrigens kein autonomes Kunstwerk dar. 

Es mussten Jahrhunderte vergehen, in der bildenden Kunst musste die Renaissance die Gotik ablösen, damit neue Schulen entstehen konnten. Themen aus der Mythologie und aus der Bibel fanden zunehmend Eingang in die bildende Kunst, auch  Portraitmalerei wurde beliebt: Die naturalistischen Bilder dieser Zeit zeigen erste Versuche psychologischer Interpretation. Indes war es nicht nur der männliche Chauvinismus, die Frauen von der Malerei fernzuhalten. In den Malerwerkstätten des 16. und 17. Jahrhunderts, wo die Adepten der Kunst nicht nur gearbeitet, sondern auch gelebt hatten, war es ausgeschlossen, dass auch junge Frauen eine solche Ausbildung absolvieren konnten. Kein Vater hätte seine Tochter in eine ähnliche Ausbildung gegeben; auch war es in der damaligen Gesellschaft nicht vorgesehen, als Frau Künstlerin zu werden und als solche tätig zu sein. 

Angelika Kauffmann

In der Renaissance und der  Barockzeit waren es nur wenige Malerinnen, die ihren Lebensunterhalt durch ihre künstlerische Tätigkeit bestreiten konnten. Für diejenigen, denen es gelungen war, bedeutete es, dass sie die größte Anzahl ihrer Bilder auf Bestellung gemalt hatten. Wie damals üblich, waren die Auftraggeber der Künstler und Künstlerinnen Könige und Adelige. Das heißt, eine Malerin  lebte und arbeitete auf dem Hof. Es wird dadurch auch verständlich, warum die meisten Werke Portraits und Gruppenszenen sind. Die erste Alltagsszene übrigens, die in dieser Zeit gemalt worden ist – „Drei Schwestern beim Schachspiel“ ist ein Werk der Sofonisba Anguissola (1531-1625), der erfolgreichsten Malerin ihrer Epoche. Sofonisba lebte viele Jahre auf dem spanischen Hof und malte sowohl die Mitglieder der königlichen Familie, als auch Adelige, die sich dort aufgehalten hatten. 

Auch Artemisia Gentileschi (1593-1653) war die Tochter eines Malers. Sie erhielt in seiner Werkstatt die Ausbildung und wurde eine der besten Malerinnen der Epoche. Ungewöhnlich an Artemisia ist, dass sie sich nicht auf die damaligen frauentypischen Sujets beschränkte, sondern auch großformatige Historienbilder sowie mythologische und biblische Themen malte. Als eine der wenigen Malerinnen wagte sie es, den nackten weiblichen Körper darzustellen. Artemisia war in ihrer Zeit berühmt, geriet aber nach ihrem Tod in Vergessenheit. Erst in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde man wieder auf sie aufmerksam. In der Zeit also, in der Frauen selbst intensiver und gezielter über Künstlerinnen zu forschen begannen. 

Berthe Morisot

Fast 200 Jahre früher wirkte Angelica Kauffmann (1741-1807). Sie war ebenfalls Tochter eines Portrait- und Freskenmalers. Da es damals für Mädchen keine reguläre Schulbildung gab, war es der Vater der das kleine Wunderkind unterrichtete. In kurzer Zeit aber begann das Mädchen seinen Vater zu überragen. Schon sehr früh wurde sie berühmt und bekam Aufträge: Auch sie malte überwiegend Portraits. Porträtieren war die Domäne der Künstlerinnen. Später ging Kauffmann zu einer anderen Themenwelt, dem Klassizismus über, womit sie den Geschmack des Publikums traf und mit dem Zeitgeist konform ging. 

Genau hundert Jahre nach Angelika Kauffmann lebte und wirkte Berthe Morisot (1841-1895). Sie und ihre Schwester Edma, die ein starkes Interesse an Malkunst entwickelten, erhielten Kunstunterricht, der weit über das hinaus ging, was Töchter aus einer angesehenen Familie sonst erhalten hatten. Der künftige Lehrer schrieb eine Warnung an die Mutter: „Mit Veranlagungen, wie Ihre Töchter sie aufweisen, (…) werden sie Malerinnen werden. Wissen Sie was das heisst? In ihrer Position als Glieder der oberen Mittelschicht bedeutet dies eine Revolution, beinahe möchte ich sagen: eine Katastrophe.“

Olga Boznańska

Edma gibt nach ihrer Heirat das Malen auf, Berthe fällt es in dieser Zeit besonders schwer, ihre künstlerischen Interessen und ihr Wirken als unverheiratete Frau ohne die Gesellschaft der Schwester fortzusetzen. „Eine Frau, die sich solchermaßen emanzipiert, die junge, hübsche Frau, versteht sich, auf die wird mit dem Finger gezeigt: Sie wird zur Einzelgängerin, beobachtet, getadelt und für verrückt erklärt und folglich ist sie noch unfreier…“, kommentiert die russische Malerin Marie Bashkirtseff die Situation der Künstlerinnen in der Gesellschaft.

Berthe schließt sich den Künstlern der neuen Bewegung, den Impressionisten, an. Als einzige Frau beteiligt sie sich an der ersten, von der akademischen Doktrin unabhängigen, Ausstellung. Und als Einzige hat sie mit ihren Bildern großen Erfolg: Ihr Thema ist das bürgerliche Familienleben, die Bilder sind anmutig und zart. So spricht sie über die Kunst von Frauen: „Unsere Werte liegen wirklich im Gefühl, in der Einfühlsamkeit, in einer Vision, die subtiler ist als die der Männer und wir können viel erreichen, wenn wir sie nicht durch Affektiertheit, Pedanterie und Sentimentalität verderben.“

Und doch ist Berthe Morisot, eine Impressionistin der ersten Stunde, so wie die Malerinnen der früheren Jahrhunderte nur marginal in die Kunstgeschichtsschreibung eingegangen. Dass es nicht an der Qualität liegen kann, ist klar. Die weiblichen Erfahrungen, die selbstredend in die Kunst hineingetragen worden sind, führten oft zu der abwertenden Bezeichnung „Frauenkunst“, wogegen die von Männern favorisierte Themen und Perspektiven als universell relevant akzeptiert worden sind. Für die Künstlerinnen scheint es notwendig zu sein, sich an gesellschaftliche Erwartungen anzupassen, um sich als Frau in der Kunstwelt durchzusetzen. 

Diese Feststellung hat wohl nichts an ihrer Aktualität verloren…

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• Über die Malerei…

„Allein hätte ich nicht die Welt durch Antizipation bereits in mir getragen, ich wäre mit sehenden Augen blind geblieben, und alle Erforschung und Erfahrung wäre nichts gewesen als ein ganz totes vergebliches Bemühen. Das Licht ist da, und die Farben umgeben uns; allein trügen wir kein Licht und keine Farben im eigenen Auge, so würden wir auch außer uns dergleichen nicht wahrnehmen.“ – Johann Peter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

„Wär‘ nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnt‘ die Sonne es erblicken?“ –Johann Wolfgang Goethe

Selten gibt es in einem Satz so viel Weisheit über den Menschen und über die Welt, in der er lebt. Diese Erkenntnis erfasst eigentlich alle Lebens- und Wissensgebiete, in der Kunst ist sie jedoch am ehesten nachvollziehbar. Das Wissen davon, dass jeder Mensch die Weisheit von der Welt in seiner Seele trägt, verpflichtet den ambitionierten Betrachter, gezielt Wahrnehmungen mit Reflexionen zu begleiten. Die Summe dieser Reflexionen ergibt in Laufe der Jahre das, was wir Erfahrung nennen. Es ist so, dass kein Mensch alle Erfahrungen der Welt selbst leben kann. Nicht jeder wird vielen Menschen begegnen, nicht jeder wird die Mannigfaltigkeit der Welt mit eigenen Augen betrachten können. Ein extremes Beispiel eines Menschen, der ohne in die weite Welt hinaus zu gehen, sie kennt und versteht: Der Säulenheilige besitzt diese Weisheit von der Welt allein aus sich heraus  und von seinem mystischen Erleben der Schöpfung.

Wir, vielfältig in den Alltag eingebunden, befangen in unseren Emotionen, fühlen uns doch die meiste Zeit von der höheren Erkenntnis abgeschnitten. Die Begegnung mit der Kunst, ob Musik, ob Malerei, ob Literatur oder Film versetzt unsere müde Seele in andere Gefilde. Ich wage zu sagen, dass auch die Momente der Begegnung mit der Kunst zu diesen zählen, für die es sich überhaupt lohnt zu leben… Das im Irdischen Verhaftetsein, ob es sich um Erziehung der Kinder, oder Dienst am anderen Menschen, oder bloße Existenzsicherung handelt, ist für normale Sterbliche unabdingbar. Die Voraussetzung für weitere Entwicklungen, die uns die Kunst ermöglicht, müssen wir trotzdem schaffen… Muße gehört dazu… Muße für Begegnung mit der Natur und mit der Kunst. Das Vergessen des Alltags…

Wertvolle Kunst, also weit vom Kitsch entfernt, versetzt uns in die Lage, ohne in die weite Welt zu gehen, unzählige Erfahrungen zu machen. Dank dem Genius des Künstlers ist es uns gegeben. Natürlich wäre es bereichernd, um ein Beispiel zu nehmen, auf hoher See, getragen von starken Wellen den eigenen Emotionen zu begegnen – Angst, Lust… Beim Betrachten eines Bildes, das gerade solche Szene darstellt, mit einem geringem Aufwand an Phantasie erleben wir, wenn nicht ganz das Gleiche wie in der Realität, dann wenigstens einen wertvollen Abglanz solcher Erfahrung.

Wenn wir – nehmen wir als Beispiel – „Die Seerosen“ von Claude Monet betrachten, sehen wir, wie mit wenigen Farbstrichen Licht auf die Leinwand gebannt worden ist. Die Lichtreflexe, die eigentlich Farbreflexe sind, ergeben beim Betrachten eine Form. Das war übrigens das Neue, was uns die impressionistischen Maler gegeben haben. Durch das Prisma dieser Kunst ist unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit mehrdimensional geworden: Wir betrachten nicht nur das Bild selbst, die Wirklichkeit dahinter, wir erleben durch die neue Maltechnik auch das, was sich zwischen dem schauendem Auge und dem Kunstwerk abspielt. Dabei gewinnt das Betrachten eines impressionistischen Bildes an Bedeutung, weil durch das momentane Aussetzen der „Durchsichtigkeit“ des Kunstwerkes die eigene Wahrnehmung reflektiert werden kann.

Die Künstler öffnen uns Welten, die im Alltag unzugänglich sind oder lediglich im Rahmen der Wissenschaft bekannt sind. Wie genial muss ein Künstler sein, der in den Sternen die Sonnen sieht! Die bekannten Nachtbilder von Vincent van Gogh gehören bezeichnenderweise zu den Beliebtesten, wenn man es an der Anzahl der Reproduktionen messen sollte.

Die heute durch die Drucktechnik mögliche Verbreitung der Kunst weckt andererseits auch unsere Sehnsucht nach der Wahrheit, die uns ohne die Vermittlung des Künstlers nicht zugänglich ist.

Zurück zum Goethe: In wenigen Worten erschließt er uns die Erkenntnis, dass die Weisheit von der Welt, von der Natur, Weisheit, die wir in uns tragen aus den Tiefen unserer Seele hervorgehoben werden muss, um in unser Bewusstsein zu gelangen.

Die Kunst ist ein hervorragender Mittler zwischen der Welt, der Natur, der Gesellschaft und dem Menschen.

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• Europa als Idee

Europäische Öffentlichkeit

Europa ist per definitionem das westliche Fünftel der eurasischen Landmasse. Es ist im geografischen Sinne ein Subkontinent, jedoch historisch und kulturell betrachtet, wird Europa als eigenständiger Kontinent angesehen.

Wikipedia zum Eigennamen „Europa“: „Der griechischen Sage nach war dies der Name einer phönizischen Königstochter, die Zeus in Stiergestalt schwimmend nach Kreta entführte und dort verführte. Dieser Name stammt nach Auffassung einiger Etymologen aus einer semitischen Sprache und wurde dann gräzisiert, z. B. akkadisch erebu, ,sinken‘, ,untergehen‘ (in Bezug auf die Sonne) analog zu ,Okzident‘ oder aus phönizisch erob, ,dunkel‘, ,Abend‘, daher auch ,Abendland‘. Auch das hebräische Wort ereb bedeutet soviel wie ,Dunkel‘ oder ,Abendland‘.“

Die Geschichte der Idee eines vereinigten Europa ist uralt. Um die erste Jahrtausendwende mit der Christianisierung der östlich lebenden Polen und Ungarn sowie der drei skandinavischen Königreiche wurde die Bildung des Abendlandes abgeschlossen. Die Staatsgebilde der damaligen Zeit haben sich als vom Gotteswillen entstanden, als „Gottesstaaten“ verstanden.

Es war der Vorläufer der neuen Epoche in der Entwicklung Europas – Dante Alighieri nämlich, der sich bei seinem Verständnis für den Staat für eine Unabhängigkeit des weltlichen Kaisertums von der Kirche ausgesprochen hat. Pierre Dubois, ein Scholastiker (um 1255 – 1321) erarbeitete eine Vorstellung von einem „dauerhaften Frieden“ in Europa und war somit einer der ersten Verfechter der Europaidee im modernen Sinne. Seine Vorstellung war nicht ein Staatenbund, sondern Europa als ein Staat, womit, seiner Meinung nach, die Möglichkeit eines dauerhaften Friedens in Europa gegeben wäre. Schon im Jahre 1300 forderte er eine Reform des Staates und der Kirche, zugleich auch die Trennung von Staat und Kirche. Des Weiteren forderte er ein gemeinsames Heer und eine gemeinsame Justiz. Die Mitglieder dieser Gemeinschaft sollten zum Teil auf ihre Souveränitätsrechte verzichten, aber selbständige politische Einheiten bleiben. Die Handelsvorschriften wurden von ihm in diese Vorstellung von Europa integriert. Seine Ideen waren präkursorisch und haben wegen gegebener historischer Umstände keinerlei Niederschlag in der damaligen oder späteren politischen Ausgestaltung gefunden. Die Zeit in der Dubois wirkte, charakterisiert sich durch katastrophale Kämpfe zwischen dem Staat (Philip der Schöne) und der Kirche (Zerschlagung des Templerordens).

Im Jahre 1462 hatte Georg von Podiebrad als böhmischer König den ersten europäischen Föderations-Plan mit 21 Artikeln erschaffen, in dem verschiedene gemeinsame europäische Einrichtungen vorgesehen waren, darunter Heer, Haushalt, Gericht, Volksvertretung, Asyle, Verwaltung und ein Wappen. Gemeinsam mit Ludwig XI., hat er einen Bündnis- und Föderationsvertrag (gegen die Türken) geschlossen. Der Versuch jedoch, die Fürsten von dem Einfluss der Kirche zu lösen, gelang nicht.

Für Erasmus von Rotterdam ist es die lateinische Sprache das Bindeelement einer übernationalen Gemeinschaft, der „europäischen Gelehrtenrepublik“. Die Realisierung seiner Idee sollte ein Heilmittel gegen jegliche Versuche der kriegerischen Auseinandersetzungen in Europa sein. Die Losung war: Vernunft und Frömmigkeit!

Zu Beginn der Neuzeit, in der Renaissance, gewinnen Staaten den säkularen Charakter, die antike Tradition wird neu belebt. In dieser Zeit beobachten wir auch ein Phänomen der Partikularisierung der Obrigkeit. Somit entsteht Europa der miteinander konkurrierenden Staaten und die größten Konflikte werden erst aus dieser Konkurrenz geboren.

Nach der Reformation ist es nicht nur die Nationalität, die trennt, sondern auch die konfessionelle Zugehörigkeit. Infolge der Reformation wird aber die Säkularisierung beschleunigt, es entstehen absolutistische Machtstaaten, die Auseinandersetzungen zwischen ihnen sind vorprogrammiert. Herzog von Sully (1560–1641) hat die Vorstellung einer „Universalmonarchie“ als einer christlichen Republik auf dem europäischen Kontinent. Diese Staatenorganisation war von ihm als Gegengewicht zur habsburgischen Vorherrschaft konzipiert

Auch Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) sah nach der Entdeckung der Neuen Welt Europa als Mittelpunkt der Welt. Er veröffentlichte eine Schrift zur Reform des Rechtswesens. Darin fordert er eine Vereinheitlichung der Gesetzeswerke der christlichen Nationen. Diese Bemühungen korrespondieren mit denen vom Erasmus, der ein ähnliches Ziel hatte, nämlich die „Gelehrtenrepublik“ zu erschaffen, in der die christlichen und antiken Elemente zur Toleranz und Humanität verhelfen sollten. Diese Bemühungen sind auf die Erkenntnis von Leibniz zurückzuführen, dass Glaubensgemeinschaft eine unerlässliche Voraussetzung für die Erhaltung der abendländischen Kultur sei. Es gelang ihm, die Vorstellung von Nationalgefühl und Europäertum zu vereinigen. Notwendigkeit des Umdenkens sah er als unabwendbar in Anbetracht der chaotischen Zustände nach den Glaubenskämpfen des Dreißigjährigen Krieges. Seine Idee umfasste: ein starkes Reich, eine einheitliche Regierung, einen internationalen Gerichtshof.

Jean Jacques RousseauImmanuel KantGeorg Wilhelm Friedrich Hegel waren die weiteren Denker, die in einem geeinigten Europa die Grundlage für einen ewigen Frieden sahen. Kant sah als erster in einer republikanischen, also bürgerlichen und moralischen Verfassung die Grundlage einer solchen Staatenbildung.

Im Jahre 1814, also nach den napoleonischen Kriegen, war es Karl Krause, der den Entwurf eines europäischen Staatenbundes vorgestellt hatte. Napoleon Bonaparte hatte bei vielen Zeitgenossen den Eindruck erweckt, sein Ziel sei ein vereinigtes Europa – „Der Weltstaat durch Napoleon“, wie es Karl Krause bezeichnete. Napoleon hatte zwar viele Institutionen in allen europäischen Staaten, in die ihn seine Siegeszüge geführt hatten, reorganisiert und modernisiert, sie auf neue, dem römischen Recht entliehene Grundlagen gestellt, letztendlich wollte er in Europa jedoch nichts anderes, als die Vorherrschaft Frankreichs begründen.

Henri de Saint-Simon veröffentlichte mit seinem Sekretär Augustin Thierry einen Plan für Europa, der aus der Kritik des Wiener Kongresses entstanden war. Der Wiener Kongress hätte in ihren Augen keine Kriege verhindern können, seine Wirkung war geradezu eine entgegengesetzte: Die zwei Denker vermuteten, dass noch mehr Kriege und Konflikte geschürt werden. Der erwähnte Europa-Plan bleibt in seinen Grundzügen erstaunlich aktuell: Ein gesamteuropäisches Parlament soll über das gemeinschaftliche Interesse der europäischen Gesellschaft entscheiden. Seine Aufgabe ist vor allem die Schaffung eines allgemein gültigen Rechtssystems. Die Voraussetzung für die Tragfähigkeit eines solchen Parlamentes ist nach Überzeugung von Saint-Simon die Entwicklung eines „europäischen Patriotismus“.

Das Jahr 1848 bedeutete eine weitere Zäsur in der Geschichte von Europa. Die Revolution von 1848/49 beginnend in Frankreich, breitete sich in ganz Europa aus. In diesem Jahr wurden in vielen europäischen Städten Nationalversammlungen geschaffen: in Paris für Frankreich, in Frankfurt für ganz Deutschland, in Berlin für Preußen, in Wien für Österreich und in Budapest für Ungarn. Das war eine Revolution, das war ein Novum in Europa. Aber schon damals konnte es nicht verborgen bleiben, dass es nur der erste Schritt sein kann.

Der weit über seine Zeit hinausschauende polnische Dichter und europäische Gelehrte, Adam Mickiewicz, der sich in vielen europäischen Ländern aufgehalten hatte und politisch überaus engagiert wirkte, urteilte schon am 15. März 1849: „Die Lage Europas ist heute so, dass ein Volk unmöglich den Weg des Fortschritts getrennt von anderen Völkern bestreiten kann, ohne sich selbst und somit die gemeinsame Sache zu gefährden.“ Es mussten weitere hundert Jahre vergehen und zwei schreckliche Kriege die Europäer zum Handeln zwingen… Und heute noch haben diese Worte nichts von ihrer Aktualität und Dringlichkeit verloren.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es noch sehr viele Denker und Schriftsteller, die von der Idee eines Vereinigten Europas angetan waren: Viktor HugoAuguste ComteKarl MarxFriedrich NietzscheAristide Briand. Es wurde die Idee eines Mitteleuropas, in Russland des Panslawismus, im Westen der Paneuropa-Bewegung geboren. Ausgehend von der Lage des britischen Imperiums ging Winston Churchill in seinen Gedanken zu einem Weltbündnis noch weiter, außerdem forderten die Widerstandsbewegungen aus neun europäischen Staaten 1944, am Ende des Zweiten Weltkrieges, ein vereintes Europa. Hier war es die Haltung der Sowjetunion, die sich in diesem Moment als ein Haupthindernis für alle Pläne einer politischen Vereinigung auf dem Kontinent erwies.

Danach betraten Jean Monnet und Robert Schuman die Weltbühne.

Was verbindet die früheren Visionen, um nicht zu sagen Utopien?

– Sie entstanden überwiegend in Zeiten nach den Kriegen, Revolutionen und nach schweren Niederlagen und Umwälzungen oder in Zeiten, in den die Gefahr von Seiten des Osmanischen Reiches aktuell war.

– Sie verblieben als ein rein geistiges Gebilde, ohne dass eine wirkliche Umsetzung angestrebt wurde oder auch nur möglich war.

Hier möchte ich vorgreifen: Erst nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges schien es möglich, einen für alle bedingungslosen Anfang zu versuchen. Eine wichtige Vorbemerkung:

Es waren nicht die Denker und Philosophen, die in diesem Moment eine Wende herbeigeführt hatten! Die ersten Schritte des noch lange andauern sollenden Vereinigungsprozesses wurden aufgrund der Wirtschaftsfragen gestellt, deren Lösungen im Interesse mehrerer Staaten gefunden und fortwährend verwirklicht werden. Interessant hier die Bemerkung von Jürgen Habermas, dass diese ersten supranationalen Vereinbarungen aus der Gründungszeit für die jeweiligen Staaten eine verfassungsändernde Kraft hatten. Es liegt auf der Hand, dass zu damaliger Zeit jeglicher Versuch, rechtliche Fragen im Bezug auf ein einiges Europa zu stellen und sie lösen zu wollen, kläglich gescheitert wäre. Auch heute sind es die rechtlichen Fragen, diejenigen, die die Völker spalten. Und es sind auch heute andere Themen, die die Völker einen: Das ökologische Gleichgewicht, eine gerechte Verteilung der knappen Energieressourcen, die Sorge um die Diversität der Energiequellen und der Energiearten. Und Wirtschaftsfragen. Diese können nur gemeinsam gelöst werden – im europäischen Bezug, bevor sie global angegangen werden können.

Die rechtlichen Fragen, die die europäische Außen- und Innenpolitik, die wahre kulturelle Annäherung, können erst dann gelöst werden, wenn eine Meinungsbildung in übernationalen und internationalen Fragen erreicht werden wird. Das hängt mit der Bildung einer europäischen Öffentlichkeit zusammen.

Zurück also zum Saint-Simon, der in seinem Werk die spätere Entwicklung Europas antizipiert. Leider bleibt der „europäische Patriotismus“, von dem er spricht, bis heute nur eine Vision. Wenn man sich die zeitgenössische Debatte zur europäischen Öffentlichkeit anhört, kommt man zu dem Schluss, dass aus seiner Vision eine Chimäre geworden ist. So darf es aber nicht bleiben. Diese Öffentlichkeit zu fordern, ist unsere gemeinsame Aufgabe.

Tragisch in der Geschichte Europas ist, dass es in der heutigen Zeit, in der die Vereinigung der Staaten schon so weit fortgeschritten ist, immer noch Philosophen und Denker gibt, die nicht frei von kleinlichen Sympathien und Antipathien, von partikularen Interessen und von Überheblichkeit im Bezug auf die Rolle der einzelnen Staaten in unserem Staatenbund sind.

Als Jürgen Habermas von der europäischen Öffentlichkeit im Jahr 2003 sprach, meinte er nur das Kerneuropa. Die Briten und die hinzukommenden Osteuropäer sowie einige der kleinen Staaten sind in seinen Ausführungen nicht gemeint. Wie soll also eine Solidarität entstehen und leben, wenn so viele Völker ausgeschlossen sein sollen? Habermas war nicht der erste, der über „Europa unterschiedlicher Geschwindigkeiten“ sprach. Diese Debatte, an der sich auch Joschka Fischer in seiner Humboldt-Rede beteiligt hatte, ergab, dass die verschiedenen Geschwindigkeiten in dem Einigungsprozess an und für sich keinen ausschliessenden Charakter haben müssen. Dagegen wirkten Habermas´ Thesen spaltend, denn sie leben vom Antiamerikanismus, einer negativen Kraft, übrigens einem Problem aus dem Bereich der Außenpolitik. Außenpolitische Themen sind in der heutigen Phase der Vereinigung von Europa nicht dazu angetan, die Nationen zu einigen. Darüber hinaus ist es – in meinen Augen – nicht möglich, dass sich eine eigenständige gemeinsame europäische Meinung aus der Profilierung gegen einen anderen Staat entwickeln kann. Die einende Kraft wird nur aus der Gemeinsamkeit der Interessen und der Gemeinsamkeit der geschichtlichen Tradition entstehen. Aus dem Negativen kann keine positive Kraft erwachsen.

Gar erschreckend ist Habermas´ Interpretation der, in seinen Augen spontanen, Manifestationen gegen den Irak-Krieg im Jahre 2003 in den europäischen Hauptstädten als die Geburtsstunde der europäischen Öffentlichkeit. Diese keineswegs spontane Manifestationen sind vorgeblich unter einer pazifistischen Losung geführt worden. Eigentlich waren es aber antiamerikanische und antiisraelische Parolen. Aus der Natur der Sache konnte also auf diesem Hintergrund keine gemeinsame Meinung entstehen. Heute, nach fünf Jahren, wissen wir tatsächlich, dass es eine falsche Vorstellung war, die Habermas 2003 ausformuliert hatte. Von einer europäischen Öffentlichkeit nach wie vor breit und weit keine Spur.

Die europäische Öffentlichkeit wird nicht ohne die Führung der Eliten möglich sein. Auf der vorigen Seite habe ich darüber geschrieben, dass es eigentlich die Politiker, jedoch noch mehr die führenden Journalisten sind, die es in der Hand haben, hier geschichtsbildend zu wirken. Zur Zeit aber fehlt diesen Eliten noch die Inspiration.

Ohne eine wirksame europäische Öffentlichkeit wird nie und niemals das gelingen, was Habermas nach dem negativen Ausgang des Referendums in Irland fordert, nämlich eine Volksbefragung in allen EU-Ländern. Nicht nur wegen des von mir schon früher erwähnten Desinteresses der Bürger Europas für die EU-Belange. Viel gefährlicher ist, dass dann dieses Vakuum eine gezielte Einwirkung der populistischen, antieuropäisch denkenden Politiker, und von der Sorte haben wir Legion, kurz vor einem Referendum füllen würde.

In den Publikationen der letzten Tage lese ich oft das Argument, dass die Menschen nicht etwas befürworten können, was sie nicht verstünden. Und tatsächlich ist der Lissabonner Vertrag auf über 400 Seiten so ausformuliert, dass ein Mensch, der sich nicht mit dem internationalen Recht auskennt, diesen Vertrag nicht verstehen kann. Wie soll man erwarten, dass die Wähler ihre „Ja“-Stimme für etwas geben, was sie nicht haben verstehen können? Wäre ein Europa-Vertrag wie jede nationale Verfassung ein transparentes Gerüst von Grundnormen, könnten alle Bürger frei entscheiden. Warum also der zu abstimmende Vertrag in dieser für die Bürger nicht verständlicher Form?

„Für eine Stärkung der Demokratie ist jedoch eine Betonung der politischen Dimension erforderlich sowie eine freie, öffentliche Debatte, die allen offen steht. Nationale Foren müssen es sich zur Aufgabe machen, alltägliche europäische Probleme zu diskutieren und somit Transparenz, Kontrolle, Verantwortung und Informationen für alle sicherzustellen. Die Einleitung einer öffentlichen Debatte über die europäische Politik in der gesamten EU wird dazu beitragen, die Ziele des Vereinigungsprozesses zu klären, gemeinsame Interessen deutlich zu machen und Europas institutionelle Form zu bestimmen“, schreibt Constantinos Simitis in seinem überaus lesenswerten Artikel.

Es geht bei „Europa“ nicht nur um Tempo, um Beschleunigung der Integrationsprozesse. Zunehmend nehmen auf Europa Herausforderungen von Außerhalb des Kontinentes Einfluss: Globalisierung, Probleme in den Staaten, die hinter der östlichen Grenze zur EU liegen, die Notwendigkeit der regionalen Initiativen im Rahmen der Union, Verlust an Bedeutung der einzelnen Länder auf internationalem Forum, was noch leider nicht damit zusammengeht, dass die gemeinsame europäische Stimme an Gewicht gewänne. Durch diese Herausforderungen wird sich die Europäische Union herauskristallisieren, es gibt keine Zweifel darüber. Das Scheitern des Lissabonner Vertrages kann in sich einen positiven Kern, einen Neuanfang enthalten, freilich unter der Voraussetzung, dass die Regierungen sich jetzt nicht gegenseitig die Schuld geben und nicht gegenseitig Druck ausüben.

Noch einmal ein kurzer Schwenk zu Saint-Simon: Er ist in die Geschichte als Begründer des Frühsozialismus eingegangen. Auch heute bleiben viele seiner Ideen aktuell. Le nouveau christianisme – es ist zu Anfang des 20. Jahrhunderts die alternative Soziallehre zu der atheistischen von Karl Marx geworden. Die Marxsche Soziallehre ist kompromittiert, sie wird keine Neuauflage erleben. Das heisst nicht, dass wir es dabei belassen und dem ungezähmten Kapitalismus zuschauen sollen. Es gibt Ideen früherer Denker, auf die wir zurückgreifen können. Es ist Jürgen Habermas, der richtig feststellt: „… der soziale Skandal inmitten eines der glänzendsten Wohlstandsmilieus sollte als Teil der Probleme begriffen werden, die wir nur lösen können, wenn wir den weltweiten Trend, dass die Märkte den politischen Gestaltungsmöglichkeiten davonlaufen, umkehren.“**

***

„Die Menschen können nur durch die Befriedigung ihrer materiellen und moralischen Bedürfnisse glücklich werden“, so Henri de Saint-Simon.

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• Causa Steinbach – Anmerkungen

Es geht hier um ein Problem, das ich eigentlich nie zum Thema eines meiner Aufsätze machen wollte. Da ich jedoch die Empfindlichkeiten beider Seiten in dem Konflikt um Erika Steinbach nicht nur gut verstehe, sondern auch lebhaft nachempfinden kann, will ich zu dem in letzter Zeit viel diskutierten Phänomen Erika Steinbach Stellung nehmen.

Ich muss hier vorausschicken, dass ich das schwere Schicksal des überfallenen und okkupierten Polens und der später aus Schlesien, Sudetenland, Pommern und Ostpreußen vertriebenen Deutschen in unmittelbarer historischer Nähe erlebt habe. Ich bin zwar schon nach dem Krieg geboren, die Kriegsereignisse und -erlebnisse waren aber allen noch frisch im Gedächtnis und die Erzählungen darüber ein ständiger Begleiter meiner Kindheit und Jugend sowohl in der Familie als auch in der Schule. Wenn man auch in den Staaten der sowjetischen Einflusszone über die Vertreibungen offiziell nicht viel gesprochen hatte, waren sie sicher ein Thema in den Familien, die mit diesen Ereignissen in Berührung kamen. Auch in meiner Familie, die vom Krieg und der Okkupation schwer betroffen war, ist eine Urgroßtante, eine österreichische Dichterin, eine alte Dame, im Zuge der Vertreibungen aus dem Sudetenland in einem Racheakt, ohne persönliche Schuld, brutal ermordet worden.

Es waren nicht nur zerstörte Biografien, nicht nur der individuelle und kollektive Verlust der materiellen und geistigen Güter: Eine der schlimmsten Folgen des von Hitler entfachten Krieges ist die Vernichtung der deutschsprachigen Kultur im Osten Europas. Kein Stein ist auf dem anderen geblieben… Was ist aus Czernowitz geworden? Wo sind die neuen Kafkas und Roths? Entweder nie geboren oder sie bereichern heute die amerikanische Kultur…

Gerade das historische Gedächtnis ist für mich Grund genug, durch Erika Steinbachs Treiben beunruhigt zu sein, denn sie tut mit ihren Aktivitäten keiner Seite einen Gefallen, den Deutschen aber am wenigsten.

Erika Steinbach ist eines gelungen: Sie hat den bösen Geist der Vergangenheit aus der Flasche befreit. Und keiner vermag ihn wieder in die Flasche zu zwingen. Dieser Geist steht für die Bereitschaft, für die Neigung sowohl in der Generation der Täter als auch in der unmittelbar nachfolgenden, schreckliche, beschämende, peinliche, den eigenen Wert und Wertgefühl mindernde Taten der Mitglieder der eigener Nation zu verdrängen, zu banalisieren, zu vergessen und im schlimmsten Fall der ehemaligen Gegenseite zuzuschieben, was aber bei der Gegenseite auf entschiedenen Widerstand stößt.

So ist es auch geschehen. Die dritte Generation der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg charakterisiert sich in Bezug auf die Verbrechen des Krieges durch eine illusionäre Vorstellung, die eigenen Großeltern waren entschiedene Nazigegner und haben die Verfluchten dieser Zeit geschützt und unterstützt. Diese Feststellung, sie ist keine bloße Behauptung, sie ist vor einigen Jahren in einer Rede vor dem geladenen Publikum im Hessischen Landtag von Salomon Korn, dem Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, gemacht worden. Er konnte sie mit statistischen Daten aus Befragungen und anderen Erhebungen stützen. Ein überaus interessantes Phänomen, diese Umdeutung! Und es verdient, dass energisch gegengesteuert wird.

Wer ist eigentlich Erika Steinbach als Politikerin? Sie ist erst verhältnismäßig spät politisch aktiv geworden; es war gar nicht ihr Wunsch, sich auf diesem Gebiet zu betätigen. Sie, musisch hochbegabt, sollte Geigerin werden. Eine Erkrankung verhinderte die Karriere…

Erst im Jahre 1998 hatte Frau Steinbach mit dem „Berliner Appell“ auf sich aufmerksam gemacht. Sie nannte für Polen und Tschechien bestimmte Voraussetzungen, deren Erfüllen sie als Bedingung für den Beitritt in die Europäischen Union verstand. Entschuldigung, Entschädigung der Vertriebenen und Rückkehrrecht, auch für die Nachkommen, in die einstige Heimat – das waren schon damals die Stichworte.

Bezeichnenderweise in der Zeit nach dem Kosovo-Krieg, als es im Südeuropa massenweise zu Vertreibungen kam, hatte Erika Steinbach das Thema aufgegriffen und in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 26. August 1999 die Regierungen der europäischen Staaten dazu aufgefordert, die Aufnahme Polens und Tschechiens davon abhängig zu machen, dass diese zuerst zur Heilung der Wunden, die durch das Verbrechen der Vertreibung geschlagen worden seien, einen Beitrag leisteten. Oft zitiert ist in diesem Kontext ihre Aussage, es liege im Interesse der Europäer die hohe Wertschätzung der Menschenrechte nicht durch Länder wie Polen und Tschechien entwerten zu lassen. „Es bedarf keiner Flugzeuge“, schrieb sie damals wörtlich, „ein schlichtes ‚Veto‘ zur Aufnahme der Uneinsichtigen ist ausreichend.“ 

Frau Steinbachs Äußerungen, die so mutig sind wie sie selbst ist und die sie in die Welt sendet, sind von der Art der „medialen Fakten“, die in der Lage sind, das Bewusstsein der Empfänger so zu beeinflussen wie die Tatsachen selbst. Diese so genannten medialen Fakten erfordern scharfe Aufmerksamkeit, denn es würde nicht lange dauern und diese Worte, dadurch dass sie sich ins Bewusstsein der Menschen festgraben, eine neue vergangene Realität schaffen würden. Es gilt, dies abzuwehren. Eine schwierige Sache, denn Frau Steinbach ist einerseits darauf bedacht, politisch korrekt zu sprechen, anderseits können ihre offenen Provokationen immer als ihre eigene Meinung gelten. Es lohnt sich, hier einige von ihren Äußerungen zu zitieren und auf gewisse Handlungen aufmerksam zu machen:

– „Polen fürchtet nicht die Umdeutung der Geschichte. Polen fürchtet die Wahrheit.“

– „Ein Opferverband hat nicht die Aufgabe, diplomatisch zu sein.“

– Auf die Anmerkung, dass das, was in Deutschland „Vertreibungen“ heißt, in Polen „Umsiedlungen“ heißt, antwortet sie am 5. September 2006 im DLF:  „Sie müssen davon sprechen, was ihr Wortschatz hergibt. (…) Wie die Polen es bezeichnen, ist letztlich unerheblich. Bei uns in Deutschland nennen wir es ‚Vertreibung‘ und unsere Sprache hat einen großen Wortschatz und ist sehr reichhaltig.“ Wie nennt man so etwas? Kulturrassismus?

– Polen sei ein „Vertreiberstaat“. Als solcher müsste es sich für die Vertreibungen entschuldigen, den Vertriebenen Rückkehrrecht  garantieren und/oder das im Osten verlorene Vermögen entschädigen. „Sie sollen sich ihrer Verantwortung stellen.“ Steinbach votiert im Jahr 1990 im Bundestag gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze.

– 2003 verklagt Steinbach exemplarisch Gabriele Lesser, eine freie Journalistin, wegen eines kritischen Kommentars, zu dem von Steinbach geplanten „Zentrum gegen Vertreibungen“ („Kieler Nachrichten“, 19. September 2003). Es waren viele deutsche Korrespondenten und auch einige Publizisten in Deutschland, die kritische Kommentare dazu schrieben, dennoch wurde nur Lesser mit einer durch Erika Steinbach angestrengten Klage konfrontiert. Den Streitwert hatten Steinbach und ihr Anwalt auf 60 000,- Euro beziffert! Man versuchte damit eine freie Journalistin, hinter der kein großes Verlagshaus stand, das die hohen Kosten eines Gerichtsverfahrens hätte tragen können, nicht nur einzuschüchtern, sondern auch wirtschaftlich zu vernichten.

– „Ohne Hitler, ohne den Nationalsozialismus hätten all die Wünsche, Deutsche zu vertreiben, die es in der Tschechoslowakei (…), die es in Polen schon davor gegeben hat, niemals umgesetzt werden können.“ (Zitiert nach FAZ, 4. März 2009 und DLF, 5. September 2006.)

– Die ursprüngliche Idee war, dass das geplante Zentrum gegen Vertreibungen als Pendant zum Holocaust-Mahnmal wahrgenommen werden sollte. Steinbach begründete es damit, dass in der ersten Phase des Krieges die Juden auch Vertreibungsopfer gewesen seien. So die „Leipziger Zeitung“ vom 29. Mai 2000: „Im Grunde genommen ergänzen sich diese Themen Juden und Vertriebene miteinander. Dieser entmenschte Rassenwahn hier wie dort, der soll auch Thema in unserem Zentrum sein.“ Das ist Revisionismus pur.

– Steinbach, geboren im Juli 1943 im okkupierten Polen als Tochter eines aus Westdeutschland stammenden Besatzungsunteroffiziers, noch dazu in einem Gebiet, aus dem zuvor die Polen von den Deutschen im Zuge der Neuordnung der unterworfenen Gebiete vertrieben wurden, versteht sich selbst als Vertriebene. Als diese Tatsache publik wird und Steinbach mit Fragen konfrontiert wird, ist ihre Antwort – ich gebe es frei wieder –, man müsse keine Robbe sein, um sich für Robben einzusetzen. Immerhin ein Fortschritt, denn bis dahin hat sie sich als Vertriebene ausgegeben…

Ihre Vertriebenenbiografie entsprang also eher der Dichtung als der Wahrheit… Es sind gerade die Lügen und Halbwahrheiten, die so viel Widerstand in Polen hervorrufen. Dass ihre Aussagen zwingend polnische Reaktionen provozieren, nimmt Steinbach bewusst und wollend in Kauf. Sie geht auf Konfrontation, aber die provozierten scharfen Reaktionen der polnischen Seite bezeichnet sie dann als Aggression und Hysterie.

Damit ist die jahrzehntelang erfolgreich betriebene „Versöhnungsarbeit“ zunichte gemacht und alte Wunden sind aufgerissen worden, eine Menge Misstrauen ist entstanden. Die bewundernswerte, vom Mitgefühl getragene Hilfe, die die Deutschen den Polen in der Zeit des Kriegszustandes in den 80er Jahren angedeihen ließen, die einen wirklichen Durchbruch in der polnischen Wahrnehmung der Deutschen bewirkt hatte, verliert jetzt ihren Stellenwert, denn die Erscheinung Erika Steinbach und die Wirkung ihrer Worte hat zur Zeit die Kraft, das Gute aus dem Gedächtnis zu tilgen. Das Vertrauen ist sowohl im polnischen Volk als auch unter den Intellektuellen im hohen Masse zerstört.

Von Sympathisanten Frau Steinbach wird dieser Konflikt als Zeichen der polnischer Überempfindlichkeit abgetan.

Noch eimal die Worte: „Ohne Hitler, ohne den Nationalsozialismus hätten all die Wünsche, Deutsche zu vertreiben, die es in der Tschechoslowakei (…), die es in Polen schon davor gegeben hat, niemals umgesetzt werden können.“ Diese Worte werden in der FAZ vom 4. März 2009, in dem Artikel „Anerkennung und Verzicht“ ungewöhnlich milde kritisiert: „Das war politisch nicht ganz korrekt, um es vorsichtig (Hervorhebung von mir) zu sagen. Frau Steinbach leistet sich eine eigene Geschichtsbetrachtung jenseits des hierzulande Üblichen.“ Warum bleibt die Redaktion eigentlich so vorsichtig? Warum findet der Autor keine nachdrücklichen Worte? Gut, dass die FAZ es doch von lauter Bewunderung für Erika Steinbach nicht vergessen hat, sich von ihren kruden Ansichten zu distanzieren.

Eine Distanzierung, auch wenn sie hier sehr, sehr blass daher kommt, ist ausschließlich in der Politik ausreichend. In der Geschichtswissenschaft genügt sie nicht, denn solche leisen Worte können nicht adäquat einem medialen Faktum entgegentreten. Die Intention, die Geschichte umzuschreiben und die Deutschen zu den Opfern einer von langer Hand geplanten Aggression zu stilisieren, könnte sich verwirklichen.

„Polen sehe sich als Opferstaat“, so Steinbach. „Für das Land sei es nun schmerzlich, erkennen zu müssen, dass man auch Verantwortung für das Leid von Millionen Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg trage“, schreibt weiter FAZ. Über die Debatten in den polnischen Medien müssten sowohl die großen Zeitungen als auch Frau Steinbach eigentlich informiert sein… Aber es findet sich in der deutschen Presse kein Wort darüber. Auch das Verschweigen einer Tatsache in den Medien ist ein mediales Faktum

In dem ganzen Treiben Frau Steinbach bleibt für mich eine wichtige Frage offen: Warum sie, so mutig wie sie ist, es nicht gewagt hat, sich mit der russischen Regierung anzulegen und Entschädigung oder anders geartete Verantwortung für die Leiden der Enteigneten, Vertriebenen, Vergewaltigten und Entrechteten zu fordern? Ist es einfacher und ungefährlicher mit Polen solches Spiel zu treiben? Das alles zeigt, dass es dieser Frau im Grunde nicht um die Vertriebenen geht, sondern darum, in Berlin politische Spur zu hinterlassen. Die Kosten dieser Kampagne, die sie schon seit über elf Jahren veranstaltet, sind ihr dann egal.

Es ist ein besonderes Schicksal, als begabte Geigerin durch eine Krankheit verhindert worden zu sein und letztendlich in einem, harten, unwürdigen aber präzise durchgeführten Kampf, die Erfüllung gefunden zu haben. In ihrem zweiten Beruf zeigt sich Steinbach nicht minder begabt, eine echte Virtuosin. Nur… Da war das Schicksal weise: Wie wäre es sonst möglich gewesen, dass eine Frau, mit dieser Begabung für Propaganda, Verdrehung und mit der Neigung zur Lügenhaftigkeit, auch nur annähernd die große, von einem ganz anderen Geist geschaffene Musik, eine Kunst, die keine seelische Niedertracht verträgt, den Menschen hätte schenken können?

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• Hoffnung ist Leben

Hoffnung gehört mit Liebe und Glauben zu den drei christlichen Tugenden. Wenn auch die Liebe die größte ist, bedingen sie sich gegenseitig. Sie machen die irdische Existenz erträglich, um nicht zu sagen, ohne diese Tugenden ist ein menschliches Leben in Würde gar undenkbar.

Das Wort „hoffen“, verwandt mit (engl.) hope, (mittelniederdl.) hopen „hüpfen“, „vor Erwartung unruhig springen“, bedeutet einen grundlegenden inneren Zustand des Menschen, einen Zustand, der sich unter Umständen handlungsleitend auswirkt, bedeutet aber zugleich eine Erwartungshaltung, dass etwas Wünschenswertes in der Zukunft eintritt. Das alles entnehme ich den Definitionen. Ich möchte heute versuchen, die einzigartige Stellung der Hoffnung in unserem Leben aufzuzeigen.

Hoffnung, auch wenn sie von Sorge und Angst begleitet wird, dass das Erwartete nicht eintritt, charakterisiert eine durch und durch positive Einstellung zum Leben im Allgemeinen und zu der eigenen Existenz im Besonderen. So begleitet die Hoffnung den Menschen im Täglichen, in der Lebensplanung und greift in das Nachtodliche hinein. Nicht umsonst ist Hoffnung eine der drei göttlichen oder christlichen Tugenden; ihre Wirkung reicht weit in die Zukunft hinein, ja, sie erzeugt im gewissen Sinne die Zukunft: So, dass wir uns diese vorstellen können, ein Bild vor ihr erschaffen können. Hoffnungslosigkeit dagegen schneidet den Menschen vom morgigen Tag ab, raubt ihm das Licht, folglich lässt sie das göttliche Element aus dem Leben verschwinden. In diesem Sinne ist die Hoffnung das Bindeglied zwischen dem irdischen Leben und der geistigen Welt.

Interessant ist der Bezug, auf den Kant in der Kritik der praktischen Vernunftaufmerksam macht, dass nämlich die Würde des Menschen unmittelbar von der Anwesenheit der Hoffnung, der hoffnungsvollen Erwartung auf die gewünschte Entwicklung abhängt, der der Mensch entweder selbst den Anschub leistet oder sich gänzlich auf ein günstiges Schicksal verlässt. Das Gleiche gilt auch für den Glauben und die Liebe. Kurz gesagt: Hoffnung, Liebe und Glaube sind die drei Aspekte des Menschseins. Sie generieren Würde, Humanität, Großzügigkeit, Dankbarkeit, die Kraft zu verzeihen und vieles mehr.

Der Sinn des Lebens besteht darin, zu lieben. Zu lieben in allen Facetten dieser Seelenregung. Unsere Hoffnung und unser Glaube sind darauf gerichtet, unser Herz an immer mehr Menschen zu vergeben. Wir lieben diese Menschen und durch diese Menschen hindurch lieben wir Gott. In diesem kurzen Satz verbirgt sich eine tiefe Wahrheit. Mehr darüber werde ich in einem der nächsten Einträge schreiben, den ich vor allem der Liebe widmen werde. Heute möchte ich nur andeuten, dass unsere Hoffnung auf das allerwichtigste auf der Welt, die Liebe, gerichtet ist. Und mit unserer Hoffnung auch der Glaube.

So wie die Liebe für uns die größte Freude bedeutet, so ist die Hoffnung eine Kraft, die alle gewesenen Enttäuschungen oder Verfehlungen immer wieder aufs Neue beseitigt. Kurzum, wir hoffen unaufhörlich auf die Erfüllung der Liebe: Alles ist möglich, die Aussichten sind da, das Glück ist greifbar – das ist die Hoffnung. Glaube, Liebe, Hoffnung – sie sind somit also der Antrieb, der uns befähigt, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen, sie ermutigen uns, das eigene Leben und das Leben der Gemeinschaft zu beeinflussen und zu gestalten. Die Liebe reicht aber weiter: Sie erstreckt sich auf die Umwelt, in der wir leben, auf die Natur. So lieben wir im Menschen das Ebenbild Gottes und in der Natur das göttliche Prinzip. Hier geht es aber ganz und gar nicht ums Romantisieren oder darum, nach irgendwelchen idealisierten Zuständen zu suchen. Alles Interesse für die Natur ist auf Respekt für die Naturgesetze gegründet. Im Menschen sucht die Liebe das Wahre in ihm, seinen inneren Kern.

Der mit der Liebe Beschenkte kann sich aber aufgrund seiner eigenen Freiheit, gegen diese Liebe entscheiden, gegen den Liebenden, er kann Hoffnungen des Anderen zerstören. Deshalb bleibt die Hoffnung auf irdisches Glück vage und brüchig. Diese irdische Hoffnung begleitet die Menschen jedoch unaufhörlich, ist notwendig wie Luft zum Atmen. Sie kann aber letztendlich nie erfüllt werden, denn auf dieser Welt kann es kein endgültiges Reich der Glückseligkeit – des Guten also – geben. Aus zweierlei Gründen: Weil jeder Mensch die Freiheit besitzt, andere Entscheidung zu treffen und das so erhoffte Paradies zu verunmöglichen und weil die Erfüllung der Hoffnung deren eigentliches Ende bedeuten würde. Unser Leben, wie wir es kennen, ist grundsätzlich nicht auf einen Zustand der Glückseligkeit ausgerichtet. Wer Glück auf Erden verspricht, macht eine falsche Verheißung. Folglich kann das Leben nicht ohne Enttäuschung, Leid, Krankheit und Schmerz sein. Das Bemühen, die Hoffnung zu erfüllen, bedeutet, dieses Leid und diesen Schmerz so gut wie möglich zu lindern. Diese Hoffnung soll jedoch nicht die einzige bleiben. Bleibt sie es, wird das Leben auf Dauer hoffnungslos und leer, voller Enttäuschungen und nicht erfüllter Erwartungen.

Die christliche Hoffnung besteht darin, über das Leben und über den Tod hinaus Liebe und Leben, das wahre Leben, zu erwarten. Hier ist es wichtig zu unterstreichen, dass diese Hoffnung niemanden ausschließt. Sie wurde in früheren Zeiten als Hoffnung auf die Erlösung verstanden. Heute dagegen glauben und hoffen die Menschen kaum an die Erlösungskraft der Liebe Christi; der heutige Mensch erwartet die Erlösung im Irdischen – von der Wissenschaft, vom Fortschritt. Eine besondere Hoffnung, die auf den Fortschritt durch Revolutionen, sie hat sich in der Vergangenheit zerschlagen, sie ist definitiv enttäuscht worden. Gut, dass die Welt diese Erfahrung hinter sich hat, schade, dass so viele Menschen ihre Opfer geworden sind.

Nur Liebe kann erlösen, die unbedingte Liebe: „… Weder Tod noch Leben, … weder Gegenwärtiges und Zukünftiges, weder Gewalten … noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus ist …“ (Röm 8, 38-39). „Wenn es diese unbedingte Liebe gibt mit ihrer unbedingten Gewissheit, dann – erst dann – ist der Mensch ‚erlöst‘, was immer ihm auch in einzelnen zustoßen mag“, so Benedikt XVI. in seiner zweiten und bis heute letzten Enzyklika Spe salvi.

So bleibt die Liebe unsere Hoffnung.

Glaube, Liebe, Hoffnung sind die sichtbaren Zeichen der tiefen Verbindung zwischen dem Menschen und der göttlichen Welt.

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• „Verein und leite!“ – über Barack Obama

Geschrieben in der Wahlnacht im November 2008

Ganze Völker oder Nationen erleben immer wieder in ihrer Geschichte Zeiten des Neubeginns. Nach Kriegen oder Revolutionen, noch besser: nach überwundenen Revolutionen finden die Menschen titanische Kräfte, um Zerstörtes neu aufzubauen, neue Prozesse anzustossen und Altes und  Kompromittiertes definitiv hinter sich zu lassen. So hatte es sich vor einer Generation in Europa abgespielt, so erleben wir es aktuell in Amerika.

Die Vereinigten Staaten unterscheiden sich jedoch von allen anderen Ländern dadurch, dass jegliche systemische Veränderungen nicht nur ihre Welt betreffen; das Land hat eine weite Strahlkraft und dadurch, sozusagen, die Aufgabe, der Welt voranzugehen. Deshalb die Freude der anderen über jede Erneuerung dort.

Wie oft war die amerikanische Demokratie totgesagt! Wie oft waren wir oder frühere Generationen Zeugen einer scheinbaren Götterdämmerung: Ob es der Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert war, ob es große Wirtschaftskrisen waren oder dramatische Entwicklungen in der Innenpolitik wie in der Ära McCarthy oder wie neulich ein vermeintlicher Verlust der führenden Rolle in der Welt, verursacht durch die Entwicklungen in der Zeit der George-W.-Bush-Präsidentschaft. Jedoch am Ende jeder solchen Phase sehen wir erstaunt, wie eine Erneuerung aus dem Volk heraus kommt. Neue Ideen werden geboren, ein Umschwung in der öffentlichen Meinung findet statt. In den letzten 200 hundert Jahren war und weiterhin ist stets ein bedeutender Wechsel- und Zusammenspiel zwischen der politisierten Bevölkerung und den Medien, der vierten Macht, der Öffentlichkeit, zu beobachten.

Aktuell sind wir Zeugen einer fast nichtgeglaubten, trotzdem unruhig erwarteten Erneuerung der amerikanischen politischen Verhältnisse. Diese Erwartung wurde durch den Präsidentschaftswahlkampf im Jahr 2007 initiiert. Der heutige Präsident-Elekt, Barack Obama, dessen Stern im Aufstieg die erstaunte Welt seit einem Jahr beobachtet, verkörpert das, was man american dream nennt. Die Grundidee, die Phantasie des american dreams ist in der amerikanischen Verfassung verankert und aus ihr geboren. Die Grundvoraussetzung alles Amerikanischen ist, laut Verfassung, dass die Bevölkerung sich selbst eine politische Ordnung geben darf. Zur Zeit des in Europa erstarrten Absolutismus sicherte das amerikanische Grundgesetz den Menschen unveräußerliche Grundrechte, insbesondere das Recht auf Widerstand gegen die eigene Regierung zu! Aus diesem Grundrecht ist für die Menschen eine Pflicht zum politischen Engagement entwachsen. Wie sich das politische Denken in der amerikanischen Bevölkerung des XIX. Jahrhunderts gestaltet hatte, stellte ich in dem Artikel „Der Transzendentalismus“ auf diesem Blog dar.

In den letzten Monaten sind wir Zeugen einer gewaltigen Entwicklung, die den Anfang einer neuen Epoche bedeuten wird. Die bekannten Worte aus der amerikanischen Verfassung – „… dass alle Menschen gleich erschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden …“, scheinen ihrer Verwirklichung nah zu sein. Trotz dieser kraftstrahlenden Worte war die Unabhängigkeitserklärung vom Anfang an nur ein Zukunftsprojekt, denn die Sklaverei wurde in keinem der Artikel verurteilt, obwohl man über dieses Thema heftig diskutiert hatte. Auch an diesem Beispiel zeigt sich, dass wirtschaftliche Interessen, in dem Fall die des ganzen Südens, die Menschenrechte überwogen.

Es war sogar ausgeschlossen, dass zur Zeit der Sklaverei freie Amerikaner afrikanischer Abstammung, auch die gab es, automatisch über die ihnen eigentlich aus dem Grundgesetz zustehenden Rechte hätten verfügen können! Sie waren frei, trotzdem rechtlos. Also: Gewiss nicht frei. Abgesehen davon, welche unmittelbaren Ursachen zum Ausbruch des Bürgerkrieges in Amerika führten, ohne Zweifel lag ihnen die Sklaverei zu Grunde. Es war die moralische Verurteilung dieses Zustandes, die Millionen von Menschen hatte mobilisieren können. Das Ende der Sklaverei hatte aber keine wesentliche Verbesserung der Lage der schwarzen Bevölkerung mit sich gebracht! Die fatale Lage der Afroamerikaner hatte erst nach Jahrzehnten der Rassentrennung begonnen, sich zu ändern.

Seit den sechziger Jahren des XX. Jahrhunderts ist viel erreicht worden, erst heute können wir aber sagen, der Bürgerkrieg ist definitiv beendet und alle Menschen verfügen über die ihnen in der Verfassung vom 4. Juli 1776 zugedachten Bürgerrechte.

Die Wahl des Senators Barack Obama zum 44. Präsidenten der USA ist die Quintessenz des american dreams. Nicht nur das. Seine Wahl zum Präsidenten verändert das Bild von Amerika in der Welt. Seine Hautfarbe wird die Argumente, Amerika sei rassistisch, zunichte machen. Gerade dieses Argument war lange Zeit Nahrung für alle Gegner der USA, die Terroristen des XXI. Jahrhunderts eingeschlossen.

Barack Obama verfügt über ein besonderes rhetorisches Talent, was ihn in Verbindung mit seiner außerordentlichen Empfindsamkeit in Sachen der Gerechtigkeit beliebt macht und in den Menschen jene Hoffnung stiftet, die die Kraft besitzt, die Welt zu verändern. Auch wenn man sagt, der neue Präsident verfüge nicht über viel politische Erfahrung, eine besondere und seltene in der Welt der westlichen Politiker Erfahrung hat er in seinem Leben gemacht: Seine bisherige Biographie zeigt, dass er an Orten lebte, die sich die westliche politische Klasse nicht einmal vorstellen kann. Er hat Armut und existentielle Probleme erlebt und miterlebt. Auch die von ihm selbst in seiner Kindheit und Jugend erfahrene Empathie scheint er wirklich weiter geben zu können.

Einen Vorgeschmack auf seine Präsidentschaft konnte man während des Wahlkampfes gewinnen. Das, was die ganze Welt sehen konnte, stimmt optimistisch. Was kann man also von dem neuen Mann im Weißen Haus  erwarten? Wenn ich diese Worte schreibe, muss ich an die machtpolitische Devise divide et impera denken. Worte, die eine Machtstrategie vieler Herrscher und Politiker wiedergeben. Ich habe die Phantasie, dass zu dem neuen amerikanischen Präsidenten die Worte von Johann Wolfgang Goethe, die dieser zu dem Spruch „divide et impera!“ als Alternative formulierte – „Verein’ und leite!“* besser passen. Sie könnten der Wahlspruch des neuen Präsidenten sein. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie Obama seinen Wahlkampf und seine Wahlkämpfer geführt hat, wird es deutlich, dass seine Stärken die Konzilianz, das Zusammenführen und eine hervorragende Führung der Menschen sind. Das alles ist eine gute Prognose für Amerikas Zukunft und für die Zukunft der ganzen Welt.

Allein vom guten Willen des Präsidenten hängt jedoch das Gedeihen der Welt nicht ab. Seine Klugheit muss auch dahin gehen, dass er dem amerikanischen Volk vermittelt, dass die Epoche des „self made man“ oder „self help“ und damit verbundener Vereinzelung, die sich in der Gesellschaft als eine Tendenz zum Isolationismus zeigt, der Vergangenheit angehört. Von Amerika gehen zwar Impulse in die ganze Welt, Amerika selbst muss aber lernen, dass sie ein Partner der anderen ist, selbst Partner braucht und dass Kompromisse angesagt sind. Obamas Eloquenz und seine Intelligenz werden ihm dabei helfen – so wie die Rednertalente und Weitblick von Lincoln oder Roosevelt diesen Präsidenten aus gewaltigen Krisen herausgeholfen haben.

Die Tatsache, dass über Barack Obama so wenig bekannt ist – vor einem Jahr hat ihn kaum jemand in seinem Land gekannt – müsste sogar in der Situation, in der sich die Welt aktuell befindet, nämlich in einer Sackgasse, ihm eigentlich mehr helfen als ein Hindernis sein: Obama erscheint auf der verbrannten Erde als die Verkörperung des Neuanfangs. Und das sowohl in der Finanz- und Wirtschaftspolitik, als auch in der Außenpolitik.

Sicher ist, dass Obama nicht alle Versprechungen, die er gegeben hat, wird halten können. Er hat auch während des Wahlkampfes sorgfältig vermieden, darüber zu reden, woher er gedenkt, das Geld für die Realisierung seiner Versprechen zu nehmen. Ich wage zu sagen, dies ist im Moment nicht wesentlich. Wichtig ist die Hoffnung, die er den Menschen – in der ganzen Welt – gibt. Das wird der psychologische Effekt in Washington sein. Die „Politik der Hoffnung“ ist seine ganze Kraft, denn sie ist in der Lage, die Menschen zum Handeln zu ermutigen und zu mobilisieren. Diese elektrisierende Kraft, die von ihm ausgeht, ist sein größtes Kapital. Es sind jedoch die Menschen, Amerikas Bürger, die die Wende schaffen und sie erleiden müssen, nicht der Präsident.

Ähnliche Wirkung wird diese „Washingtoner Revolution“ auch auf Europa haben: Obama wird zwar auf den kompromittierten Unilateralismus verzichten, wird aber zugleich viel größere Mitverantwortung für die Geschicke der Welt von ganz Europa und anderen Zentren erwarten. Damit wird Amerika wieder zur Inspirationsquelle für die Menschen in der Welt werden. Der symbolische Wert seines Sieges in dieser Präsidentschaftswahl liegt in der revolutionären Kraft, die vergleichbar ist mit dem Fall des Kommunismus in Osteuropa. Amerika, im Gegensatz zum Beispiel zu China oder Russland, ist in der Lage der Welt eine universalistische Idee zu geben. Das ist ihre historische, schicksalhafte Aufgabe und ihre Stärke. Konkret bedeutet es heute: Seit ein dunkelhäutiger Politiker auf das höchste Amt in Amerika und somit in der ganzen Welt gewählt worden ist, heißt es für die anderen Völker, die noch nicht gelernt haben auf die Kraft der Demokratie zu vertrauen, dass auch sie verantwortlich dafür sind, was in ihren Hauptstädten geschieht. Sie sind dafür verantwortlich und sie können es.

*Aus „Sprichwörtliches“„Entzwei und gebiete! Tüchtig Wort. – Verein und leite! Besserer Hort.“

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• Wátina – Andy Palacio

Das Engagement des Musikers Andy Palacio, der 47jährig im Januar 2008 verstarb, galt der Erhaltung der Sprache und Kultur der Garifuna. Der Ursprung der Ethnie der Garifuna geht auf die Verschmelzung der Westafrikaner, die als Sklaven nach Amerika gebracht werden sollten …

In einer Musiksendung im Januar bin ich Andy Palacio zum ersten Mal begegnet: Zwei Stunden über ihn, seine Musik, sein Volk. Seine Person, seine Individualität, sein Wirken, die sich auf beste Weise in die Herausforderungen der Globalisierung einfügen, haben mich seit der besagten Radiosendung nicht mehr los gelassen. Ich habe einiges über Andy Palacio gelesen und versuche es hier zusammenzufassen:

Andy Palacio

… mit den Kariben, welche selbst mit den von ihnen einst unterworfenen Igñeri-Arawak verschmolzen waren.  Es spielte sich in der Zeit um 1635 auf der Karibikinsel St. Vincent ab: Zwei Sklavenschiffe erleiden Schiffbruch, die Afrikaner fliehen, werden von Inselkariben aufgenommen und vermischen sich mit ihnen.

Die besondere Geschichte der Vorfahren der Garifuna (auf St. Vincent) ist von der damaligen französisch-englischen Konkurrenz im karibischen Raum geprägt. Dem Volk ist es immer wieder gelungen, seine Unabhängigkeit zu bewahren. Mit den französischen Siedlern lebten sie friedlich zusammen. Jedoch nach der Unterwerfung der Insel 1795 durch die Briten und durch die Ausbreitung der Sklavenwirtschaft werden sie von den Kolonialherren und neuen Kolonisten mit Argwohn beäugt – sie leben doch als freie Schwarze!  Auseinandersetzungen zwischen Briten auf der einen Seite und Garifuna sowie Franzosen endeten 1796 mit der Niederlage der Garifuna und Franzosen. Die besiegten Garifuna wurden zunächst auf die Insel Baliceaux deportiert, später verbreiteten sie sich auf den Bay Islands aus. Um 1832 wanderten viele von ihnen nach Belize aus. Ihre Sprache, das Igñeri, gehört zu der indigenen amerikanischen Arawak-Sprachfamilie und zeigt karibische, französische, englische und auch spanische Einflüsse. Karibischer Herkunft sind auch bestimmte Tanzformen, manche Sagen sowie einzelne rituelle Praktiken, die man heute noch in ähnlicher Form bei bestimmten Amazonasstämmen findet. Die religiöse Überlieferung der Garifuna ist jedoch überwiegend westafrikanisch. Andy Palacio wuchs also in einer Tradition auf, die ihre Wurzeln sowohl in der westafrikanischen als auch der karibischen Kultur hat.

Sprache, Tanz und Musik der Garifuna wurde von der UNESCO 2001 unter die Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit aufgenommen. Bei der Mitarbeit an einem Bildungsprojekt in Nicaragua fiel Andy Palacio auf, dass dort die einzigartige Sprache und Kultur karibischer und arawakischer Indianer verloren ging. „Die kulturelle Erosion dort hat meine Einstellung tief geprägt“, sagte er in einem Interview 2006. „Ich musste auf diese Realität reagieren.“ Es sei eine bewusste Strategie, auf Musik zu setzten: „Ich spürte, dass Musik ein exzellentes Medium ist, die Kultur zu erhalten.

Aus seiner Arbeit ging eine neue Musikrichtung in der Sprache Garifuna, Punta Rock (belizische Version afro-karibischer Tanzmusik), der traditionelle Garifuna-Klänge mit Jazz und Rock and Roll verbindet, hervor. 2007 ist sein Album «Wátina» veröffentlicht worden. „Palacio war auch im Dienste der Regierung des kleinen mittelamerikanischen Landes unterwegs als Kulturbewahrer. Der Traum von der Neudefinition der musikalischen Roots seines Volkes liess den begnadeten Sänger jedoch nie los. Und so initiierte er gemeinsam mit dem Plattenproduzenten Iván Duran, der das einzige Plattenlabel des Landes betreibt, die Sessions zu «Wátina». In einer Hütte am Meer wurden Stücke geschrieben, ausgewählt und arrangiert“, schrieb im Mai 2007 die „Neue Zürcher Zeitung“. Mit dem Album Wátina war Andy Palacio international berühmt geworden und hielt sich mehrere Monate in den Top 5 der European World Music Charts Europe.

Für seine Wirkung wurde er zum UNESCO-Friedensbotschafter ernannt.

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• Dankbarkeit ist Gedächtnis

Echo, die Nymphe des Berges Helikon, wollte als Dienerin der Hera ihre Herrin mit endlosem Geschwätz unterhalten, während Zeus mit den anderen Nymphen tändelte. Als die Göttin diese List bemerkte, bestrafte sie sie aus Ärger mit einer seltsamen Beschränkung der Sprache: Echo konnte kein Gespräch beginnen, sondern nur die Worte anderer wiederholen.

Verlacht, verließ sie die Welt der Menschen, um sich mit der Natur zu verbinden. Sie lebte seitdem in den Bergen, auf den Lichtungen des Waldes und an den Ufern der Flüsse. Eine unglückliche Nymphe, die jedoch gerade durch ihr Unglück an Anmut gewann und seitdem nicht nur in der Natur lebt: Sie wird von den Dichtern bewundert, wir begegnen ihr täglich in unserer Sprache – als Metapher.

„Die Dankbarkeit ist ein Geheimnis, nicht durch das Vergnügen, das sie beschert, sondern durch das Hindernis, das man durch sie überwindet.“
„Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben“, André Comte-Sponville

Dankbarkeit ist ein Echo der Freude, sagt ein Dichter. Diese Tugend ist aber kein bloßes Echo, sie ist kein Automatismus. Sie ist die Antwort, die aus dem Herzen kommt, sie ist das Teilen der Freude und somit ist sie zugleich das Schenken. Ein Schenken der Freude, die man selbst empfindet. Geben und danken ist aber kein Tauschgeschäft, denn Dankbarkeit besitzt diese Fähigkeit, die empfundene Freude auf eine andere Ebene zu heben und somit sie in die Kraft zu verwandeln, weiter das Gute zu tun. Dankbarkeit ist affektiv, Dank ist aktiv, es ist eine Tat, sie ist kommunikativ. Vom Mensch zum Mensch. Dem Akt der Dankbarkeit geht notwendig jene Erkenntnis voraus, dass der Wohltäter die Ursache für unsere Freude ist.Es gibt bisweilen Situationen, dass diese hier gemeinte Freude nicht entstehen kann, denn an ihrer Stelle machen sich die Gewissheit und die Überzeugung breit, dass das Empfangen einer Gunst oder die Tatsache, beschenkt geworden zu sein, Selbstverständlichkeiten sind oder dass die Anderen stets darum bemüht sein müssen, einem irgendwelche Freuden zu bereiten oder gute Taten zu erweisen. Daraus kann freilich keine Dankbarkeit erwachsen, weil es auch keine echte Freude gibt, die diese generieren könnte. Der Egoist verschluckt die Freude, wie ein schwarzes Loch das Licht.

Wenn Hoffnung von Angst und Unsicherheit begleitet wird, so erwächst die  Dankbarkeit nur aus Freude. Sie ist um so größer je mächtiger die Unsicherheit war. Um so leichter müsste sie auch einen adäquaten Ausdruck finden. Es ist nicht immer der Fall. Wenn Dankbarkeit sich nicht als Dank ausdrücken kann, hat das verschiedene Gründe. Der wichtigste Grund ist, dass in der Dankbarkeit ein Hauch Demut liegt. Diese erschwert so oft oder macht gar unmöglich den Akt des Dankens. Unnötig, denn es gibt nicht nur die Demut, die zugleich Erniedrigung ist; Demut ist gerade diese Tugend, die – paradox – die Unterwürfigkeit von der Souveränität scheidet! Dankbarkeit gepaart mit Unterwürfigkeit wäre eine schäbige Dankbarkeit, sie wäre ein verkappter Egoismus, verkapptes Erwarten weiterer Gunst: Man bedanke sich, um noch mehr bekommen! «Man sagt „Danke!“ und meint „Bitte!“ Das ist keine Dankbarkeit, das ist Schmeichelei, Kriecherei, Lüge. Das ist keine Tugend, sondern ein Laster», so Nicolas-Sébastien de Chamfort.

Dankbarkeit ist aber nicht bedingungslos: Sie darf den Menschen nicht auf Abwege führen! Und gerade das kann passieren, wenn man aus Dankbarkeit zum Beispiel falsches Zeugnis abgibt oder wenn sie zu Bestechlichkeit oder Gefälligkeit wird. Der Beschenkte ist nicht verpflichtet dazu, aus Dank zu handeln, wenn das gegen seine grundlegenden Prinzipien wäre.

Das Wechselspiel der Gefühle im Bezug auf Wohltat versus Dank kann jedoch tatsächlich dazu führen, dass ein Gefühl der Unterordnung entsteht, wenn der Beschenkte die Verpflichtung zur Dankbarkeit durch Annahme der Wohltat als Angriff auf seine Selbstachtung empfindet. Diese Einstellung zeugt eindeutig von Hochmut, auch wenn der Mensch meint, er sei nur zu stolz, um etwas anzunehmen. So wie der Hochmut die Fähigkeit zu nehmen zunichte macht, so hindert er den Menschen auch daran, an andere zu denken, für sie er etwas Gutes zu tun, das heißt, etwas zu geben.

Wenn es dem Menschen gelingt, das Gefühl der Dankbarkeit in seinem Inneren zu empfinden, es sich bewusst zu machen, daraus in weiterer Konsequenz auf der Ebene der Affekte die Sympathie oder Liebe zum Wohltäter zu entzünden und kraft der Gefühle jeglichen Stolz oder Beschämung wegen der Wohltat zu überwinden – dann hat er das Geheimnis der Dankbarkeit entschlüsselt!

Das Wissen um das Wesen dieser Tugend erweckt in uns – das ist die große Hoffnung – den Willen und gibt uns die Kraft, selbst nach Gelegenheiten, Gutes zu tun, Ausschau zu halten. Das Erinnern der erfahrenen Wohltat verwandelt sich in uns mit der Zeit in eine heilende Kraft, in einen immerwährenden Antrieb, schlechte Gefühle wie Zorn oder Neid in gute Emotionen zu erlösen. „Die dankbaren Menschen geben den anderen die Kraft zum Guten“, sagt Albert Schweitzer.

„Da Dankbarkeit nach meinem Dafürhalten die löblichste aller Tugenden ist, und das Gegenteil zu tadeln, habe ich, der nicht undankbar erscheinen möchte, mir vorgenommen, jetzt, wo ich mein Herz als frei betrachten kann, in jenem geringen Ausmaße, als ich es vermag, alles Empfangene zu vergelten“, so Giovanni Boccaccio im Vorwort zu „Decamerone“.

Es gibt weiter die Dankbarkeit dem Schöpfer gegenüber. Denn er ist die Ursache unserer Existenz, unseres Geschicks und jeder uns erwiesenen Gnade. Auch wenn das alles ausschließlich über andere Menschen den Weg zu uns finden kann! Denn Gott und seine Engel können nicht als Gespenster unter uns auf der Erde wandeln, um uns ihre Gunst zu erweisen. Sie tun es durch andere Menschen – und das ist das Schönste daran: Tief im Willen eines Menschen ist die Liebe Gottes zu uns verborgen. Wie soll man da nicht glücklich und dankbar sein?

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• Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt…

Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt, denn jeder Mensch ist wie das ganze Universum – diese Überzeugung lebt in jüdischer Tradition, festgehalten ist sie im Talmud.

Irena Sendler, von der ich heute erzähle, wird die ganze Welt retten. Sie hatte etwa 2500 Kinder, vor allem aus dem Warschauer Ghetto vor dem sicheren Tod gerettet. Sie brachte Kinder außer Gefahr und dachte an das Überleben des ganzen Volkes. …

„Die Gerechten aus den Völkern haben einen Platz in der kommenden Welt.“ – Talmud

Irena Sendler

… Sie wusste wie alle anderen, dass unter der Naziherrschaft die Juden zum Tode verurteilt waren; die Kinder hatte man der Vernichtung entreißen wollen, damit das Volk weiter leben kann. Es sollte den Deutschen nicht gelingen, alles Jüdische zu vernichten; die Kinder sollten die Keimzelle des neuen jüdischen Lebens werden.

Sie kam 1910 in Otwock zur Welt. Vor dem Krieg studierte sie Polonistik, ihr politisches Interesse galt der PPS, der Polnischen Sozialistischen Partei. Während der Okkupation arbeitete sie im Sozialdienst der Stadt, wo sie für Arme und Notleidende tätig war. Zusammen mit anderen Eingeweihten hatte sie die Namen der hilfsbedürftigen Juden geändert, so dass sie weiter Unterstützung bekommen konnten, Unterstützung, die den Juden seit dem Anfang der Okkupation nicht mehr gewährt wurde.

Frau Sendler spielte eine wichtige Rolle in einer Hilfsorganisation, die im Jahr 1942 ins Leben gerufen wurde: Żegota. Diese Organisation entstand einige Zeit nach der Wannseekonferenz, als es für alle unmissverständlich klar geworden war, was für ein Schicksal endgültig für die Juden von den Deutschen zugedacht wurde. Damals hatten polnische Intellektuelle, unter anderen die Schriftstellerin Zofia Kossak-Szczucka, als eine selbstverständliche christliche Verpflichtung angesehen, konkrete Hilfe für das zum Tode verurteilte Volk zu gewährleisten. Diese so notwendige Hilfe war im Rahmen des polnischen Untergrundstaates möglich. Eine hochkonspirative Arbeit war damals von einem ganzen Netz aus polnischen und jüdischen Gruppierungen aufgenommen und über lange Zeit geführt worden. Irena Sendler wurde mit der Leitung des Kinderreferats von Zegota betraut: Sie war ein herausragendes Organisationstalent.

Als die Liquidierung des Warschauer Ghettos ihren Anfang nahm, war bei Zegota endgültig die Entscheidung gefallen, Kinder aus dem Ghetto herauszuschleusen. Diesen Auftrag bekam Irena Sendler. Ohne ihr organisatorisches Talent wäre es vielleicht doch nicht möglich, diese überaus schwere und gefährliche Aufgabe zu bewältigen.

Sie hatte als Sozialarbeiterin – sie trat in der Tracht einer Krankenschwester auf – einen freien Zugang hinter die Mauern gehabt. Bei ihrer offiziellen Tätigkeit als Sanitäterin war sie von Familie zu Familie gegangen, mit dem Angebot, die Kinder in Sicherheit zu bringen, also für sie in polnischen Familien, in Klöstern oder in den Waisenhäusern Unterkunft zu finden. Klöster und Waisenhäuser hatten schon seit Anfang des Krieges verwaiste oder von Eltern getrennte Kinder, polnische und jüdische, in Schutz genommen. Dort waren sie verhältnismäßig sicher. Auch wenn es keine Garantie für das Übeleben der Kinder gab, hatten ihr die meisten Eltern ihre Kinder anvertraut. Obwohl es nicht leicht für die Eltern war, ihre Kinder wegzugeben, zumal sie immer noch geglaubt, gehofft hatten, sie werden dem Tode entgehen oder sie waren emotional nicht in der Lage, sich von ihren Kindern zu trennen.

Es war keine einfache Aufgabe, kleine Kinder aus dem Ghetto zu schmuggeln. Man musste die Kleinen betäuben, damit sie sich nicht verraten, man hat sie in Säcken oder Kisten verpackt und in den Ambulanzen oder Transportwagen versteckt und so nach außen gebracht. Bei Kontrollen hatte man den Gestapo-Männern erklärt, diese Kinder seien tot, an Typhus gestorben. Typhus hatte zu damaliger Zeit eine starke, fast magische Abschreckungskraft gehabt, so wurde also nicht weiter insistiert.

Das Zielort für die Kinder war schon organisiert und vorbereitet. Kein Kind konnte seinen jüdischen Namen behalten, neue Daten hatte man erschaffen, die Kinder mussten in kürzester Zeit akzentfrei Polnisch sprechen lernen. Die echten Namen der Kinder waren jedoch peinlich genau festgehalten worden, damit dann, wenn der Vernichtungswahn aufhört, seine Netze auszuwerfen, diese Kinder ihre wahre Identität erfahren können. Die Namen der Kinder hatte Frau Sendler auf Zigarettenpapier chiffriert aufgeschrieben, in Gläser verpackt und im Garten vergraben. Auch wenn das Haus während des Warschauer Aufstandes zerstört wurde, diese besondere Dokumentation ist erhalten geblieben.

Obschon bestens organisiert und getarnt, konnte solche Massenaktion nicht über lange Zeit unbemerkt weitergeführt werden. Es gab auch genug Verräter und Denunzianten. Eines Tages also standen elf Soldaten vor Frau Sendlers Wohnung. In zwei Stunden hatten sie alle Räume auf den Kopf gestellt. Sie wussten genau, was sie suchen: die Namenslisten der Kinder. Diese aber waren bestens versteckt. Irena Sendler war verhaftet worden, verhört, gefoltert, man brach ihr Beine und Füße – alles um die Informationen aus ihr herauszupressen. Ohne Erfolg. Sie kam ins Gefängnis, war bald zum Tode verurteilt worden.

Für den Untergrund war sie eine nicht zu ersetzende Person! Zegota hatte einem SS-Mann Lösegeld bezahlt, er hatte Frau Sendler auf dem Weg zur Vollstreckung des Todesurteils bewusstlos geschlagen und am Wegesrand liegen lassen. Von dort war sie von ihren Verbündeten abgeholt worden. Nach der Genesung war weiteres Leben nur in tiefer Konspiration möglich, da die Gestapo eine Jagd auf sie aufgenommen hatte. Sie musste ihren Namen ändern und nahm von diesem Zeitpunkt an andere Aufgaben bei Zegota auf, die sie bis zur Liquidierung des Warschauer Ghettos und zum Teil bis zum Warschauer Aufstand weiterführte.

Wie das Leben so spielt, zeigte es sich nach dem Krieg, dass es nicht ratsam war, über Rettung von Juden zu sprechen… Marcel Reich-Ranicki bringt das Problem in seiner Autobiographie auf den Punkt: Der Mann, der Reich-Ranicki und seine Frau versteckt hatte, bat sie, es niemandem zu sagen: „Ich kenne das Volk. Niemals würden sie mir verzeihen, dass ich zwei Juden gerettet habe.“

So versteht man besser, warum Irena Sendler jahrzehntelang vergessen worden ist.

Erst im Jahr 1965 war sie von der Gedenkstätte Yad Vashem mit dem Titel „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet worden. Vom polnischen Staat bekam sie aber eine Auszeichnung für ihre Tapferkeit und Mut fast 40 Jahre später, im Jahre 2003…

Sie starb 98jährig im Mai 2008.

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