• Die Weisheit der Kalenderordnung

Zum Thema Kalenderordnung gibt es auf dem Gebiet der Geisteswissenschaft nur eine einzige Arbeit, nämlich das in zweiter Auflage 1978 erschienene Buch aus der Feder von Dr. med. Walther Bühler: „Geistige Hintergründe der Kalenderordnung“, herausgegeben vom Verlag Urachhaus.  …

Walter Bühler, „Geistige Hintergründe der Kalenderordnung“
Vom Wesen der Woche – Die Beweglichkeit des Osterfestes – Die Kalenderreform – Urachhaus, 1978

… Da das Buch nicht mehr neu aufgelegt wird, ist anzunehmen, dass es kaum gelesen wird und wohl zum Teil vergessen worden ist, auch wenn es immer wieder in den Antiquariaten anzutreffen ist. Das ist der Grund, warum ich mir diesmal zum Ziel gesetzt habe, Bühlers überaus interessante Analyse hier kurz zu präsentierten. Denn auf die Frage, welchen Grund und welchen Sinn hat unsere, auf den ersten Blick so irrationale, Ordnung der Feste im Jahreslauf, gibt es keine bessere Antwort als die – für mich sehr überzeugenden – Überlegungen des Autors. Ich könnte es mir nur wünschen, dass meine kurze Zusammenfassung den Leser ermutigen wird, das Buch von Walther Bühler in die Hand zu nehmen.

Der Anlass für Bühlers Schrift war die in den fünfziger Jahren von mehreren indischen Religionsgemeinschaften bei der UNO angeregte und vom Vatikan so gut wie befürwortete Umwandlung des jahrtausendealten, beweglichen Kalenders in einen immerwährenden, ewigen, statischen Kalender, in dem die Wochentage und Feste immer auf das gleiche Datum fallen würden und in dem die übriggebliebenen Tage am Ende des Jahres als World-Feiertage von der ganzen Menschheit zur gleichen Zeit abgefeiert werden sollten. Aus diesen Projekten, die  in der Tat allen Ernstes von der UNO in Betracht gezogen waren, ist meines Wissens nicht viel übrig geblieben. Wie Bühler in seiner Arbeit unterstreicht, ist es zum größten Teil den jüdischen Organisationen zu verdanken, die energisch und entschieden für den Wochenrhythmus mit dem für die Juden heiligen Sabbat eingetreten waren. Zum Glück ist also die „Flurbereinigung“ auf dem Gebiet des Kalenders kein Thema mehr. Es ist aber interessant, sich unsere Kalenderordnung und ihre Hintergründe, die als wahrer Spiegel der kosmischen Ordnung verstanden werden können, anzuschauen.

Wenn man die zwei wichtigsten Jahresfeste der Christenheit – Weihnachten und Ostern – betrachtet, fällt vor allem auf, dass Weihnachten im Kalender einen festen Platz hat, der an einen bestimmten Punkt im Jahreslauf der Planeten – gemeint ist vor allem der von der Erde aus gesehene Lauf der Sonne – fixiert ist. Dieses Fest ist bekanntlich von dem Fluss der Wochentage unabhängig. Im Gegensatz dazu steht die Beweglichkeit des Osterfestes und der nachfolgenden Feste wie Himmelfahrt und Pfingsten. Diese Feste sind im Jahresverlauf beweglich, jedoch an den Wochen-Rhythmus eng gebunden.

Das Osterfest fällt auf den ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond, dem Oster-Vollmond. Zu dieser Zeit verbinden sich auf eine bestimmte Weise der Sonnen-Rhythmus, der Mond-Rhythmus und der Wochen-Rhythmus miteinander. Ein Zusammenklang dieser drei kosmischen Rhythmen bestimmt den Tag des Festes der Auferstehung Christi. Dieses Datum strahlt über die Karwoche bis zum Aschermittwoch auf die ganze vorösterliche Zeit zurück und, wie schon erwähnt, bestimmt dieser Tag die Feste, die der Osterwoche folgen, einschließlich des Fronleichnams. Dieses letzte Fest ist eine überhöhte, vergeistigte Wiederholung des Letzten Abendmahls vom Gründonnerstag.

Die Sonne hat also in ihrem Jahresrhythmus durch die zwölf Tierkreise den Frühlingspunkt durchschnitten, der folgende Vollmond als solcher steht zu dieser Sonne in Opposition, also auf der entgegengesetzten Seite des Himmels. Es muss noch der nächste Rhythmus abgewartet werden – der Wochenrhythmus: Der erste Sonntag nach dem Frühlingsvollmond kann zu Ostersonntag erklärt werden. So kann Ostern im Jahreslauf frühestens auf den 22. März und spätestens auf den 25. April fallen, was eine Schwankungsbreite von 5 Wochen ergibt. Bedeutend für das Wesen des Osterfestes ist ebenfalls die Tatsache, dass zu diesem Zeitpunkt die Umlaufbahn der Sonne zum ersten Mal nach dem Winter einen größeren Bogen auf dem Tageshimmel zeichnet, als der Mond. Die Sonne, die das Leben symbolisiert, hat gesiegt! Walther Bühler erwähnt noch ein weiteres wichtiges Phänomen, das charakteristisch ist für diesen Tag:

„Der Ostersonntag unterscheidet sich durch die seit dem Ur-Christentum gehandhabte Regel [der Bestimmung] von allen Sonntagen des Jahres dadurch, dass an ihm nie eine Sonnen- oder auch Mondfinsternis störend in den Ablauf des Ruhetages eingreifen kann. Allein dieser Tatbestand sollte uns hellhörig machen für die Fragestellung, ob der Beweglichkeit des Osterfestes nicht ein tieferer Sinn innewohnt.“

Historisch ruht die Bestimmung des Auferstehungsfestes auf der Ordnung der jüdischen Feste, hier des Pessah-Festes am 14. Nisan, also am Tage des Frühlingsvollmondes. Wobei dieser auf jeden Tag der Woche fallen kann. Erst im Laufe der ersten Jahrzehnte nach dem Ereignis in Palästina hat sich das Fest der Auferstehung von dem Pessah-Fest gelöst und wurde fortan am darauf folgenden Sonntag gefeiert. Nur etwa 120 Jahre n. Ch. ist es schon Brauch, Ostern nach dem Frühlingsvollmond zu feiern. Bindende Vorschrift wurde es aber erst nach dem Konzil in Nicäa im Jahr 325 n. Ch. Die Beschlüsse des Konzils sprechen unter andrem davon, dass Ostern überall am gleichen Tag zu feiern sei aber niemals am Tage des Frühlingsvollmondes selbst. In folgenden Jahrhunderten waren viele Gelehrte damit beschäftigt, sehr komplizierte Berechnungen zu erstellen, in denen sie unabhängig von jüdischen Berechnungen den jeweiligen Frühlingsvollmond zu bestimmen suchten. Ab dem 13. Jahrhundert wurden weitere Korrekturen dieser Berechnungen und des Kalenders als solchen vorgenommen. In Anbetracht der Unzulänglichkeit und der Fehlerhaftigkeit dieser Berechnungen, hatte Papst Gregor XIII. weitere Korrekturen des Kalenders veranlasst. Die früheren zyklischen Ostertafeln waren bei dieser Reform von dem Astronomen Lilius so überarbeitet worden, dass künftig die Ostertage und somit andere Jahresfeste in besserer Übereinstimmung mit den tatsächlichen astronomischen Verhältnissen berechnet werden können. Über Jahrhunderte ließ es sich jedoch nicht vermeiden, dass die objektiven Schwierigkeiten der Berechnung der christlichen Feste zu Kontroversen zwischen der katholischen und der protestantischen Seite im Westen und der Orthodoxen Kirche im Osten geführt haben.

Im Grunde sind jedoch diese Berechnungen und die ihnen zu Grunde liegenden astronomischen Verhältnisse – gerade durch die scheinbare Unzulänglichkeit und eine gewisse Irrationalität – ein Indiz dafür, dass der Mensch seit Anbeginn in einem Zusammenspiel der kosmischen Rhythmen lebt und das gerade diese Rhythmen das Leben bedingen. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass diese kosmischen Rhythmen nie ineinander restlos aufgehen. Im Gegenteil: Die Inkommensurabilität der Rhythmen ist für das ganze planetarische System charakteristisch und stellt das Lebendige des Kosmos und somit des Menschen dar.

„Wenn man die kosmischen Umläufe zueinander in Beziehung bringt, ergeben sich – mathematisch gesehen – stets irrationale Verhältnisse. Die Rechnung geht nie ganz auf. Es bleibt immer ein Rest übrig. So sind die planetarischen Rhythmen gegenseitig inkommensurabel, ver- schieben sich und gleiten – gleichsam elastisch – aneinander vorbei“,

so Walther Bühler weiter. Gerade aber die Konsequenz dieser Tatsache hat für den belebten Teil der Schöpfung eine besondere Bedeutung: Durch sie ist eine fortwährende Wandelbarkeit und Entwicklung im Gegensatz zu Mechanisierung und Entindividualisierung erst möglich! Keine Konstellation der Sterne und kein Individuum gleichen den anderen, sie sind unwiederholbar und dadurch einzig und einmalig. Diese Einmaligkeit zeigt uns der bewegte Himmel – und die… Genetik. Es bliebe noch diesen Zusammenhang zu erforschen…

Zurück also zum Kalender und den Jahresfesten. Seit der Geschehnisse in Palästina um das Jahr 33 nach Christi Geburt ist die Frage der Festsetzung der Feste ins Bewusstsein der Menschen getreten. Für die Kirche war die Frage, inwieweit der moderne, also christliche Kalender sich auf die früheren, heidnischen Bestimmungen stützen kann und darf. Die Datierung des Pessah-Festes, die sich auf die alte jüdische Erinnerung an den Auszug der Israeliten aus Ägypten stützt, mag wohl auf uralte kosmologische Vorstellungen zurückzuführen sein. Sowohl der Lauf der Sonne als auch des Mondes hatten bei den Urvölkern eine Rolle bei der Entstehung der Feiertage gespielt, was sich in zahlreichen Mythen und Legenden niederschlug. Trotz Bemühungen von Seiten der Kirchenmänner war es nicht gelungen, die neuen, christlichen Festtage von den alten, heidnischen und anderen vorchristlichen Festen, die zum Teil auf den gleichen kosmischen Konstellationen beruhen, zu entkoppeln. Und zu recht, denn der tiefere Grund aller Religionen ist ein gemeinsamer.

Das Christentum brachte aber eine neue, besondere Bedeutung des Sonntages mit sich. Dieser Tag wurde im Bewusstsein der Christen in Laufe der Zeit nicht mehr als der Tag der Ruhe nach der Arbeit empfunden, sondern als der Tag des Herrn, nicht nur zum Andenken an die Auferstehung, sondern als unaufhörliches Wiedererleben derselben. Interessant hier zu erwähnen, wie sich diese Tatsache im russischen Sprachgeist äußert: Der Sonntag heißt „Woskresenje“, was „Auferstehung“ bedeutet. Man muss nur bedenken – und das ist nicht minder interessant –, dass dieser besondere Name eines der Wochentage all die Umwälzungen und Katastrophen der Oktoberrevolution und die 72 Jahre der atheistischen Ideologie und der sowjetischen Schreckensherrschaft überstanden hat!

Dieser Tatsache wohnt eine besondere Symbolik inne, denn es wurde der Welt etwas bewahrt, was von einem Regime zum Untergang bestimmt war. Um so tragischer, wenn sich uns heute nicht nur das Erahnen der Symbolik entzieht, sondern auch die Neugierde auf die Ursprünge unserer wöchentlichen, monatlichen und jährlichen Rhythmen und deren Zusammenhang mit dem Göttlichen Prinzip im Kosmos und ihre Bedeutung für unsere körperliche und seelische Gesundheit, nicht mehr vorhanden sein sollte.

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Therese

Autor: Therese

Ich wohne in Wiesbaden.