• Patientia

„Die Fähigkeit, etwas auszuhalten“, schreibt der Benediktiner Anselm Grün in seinem Buch «50 Engel für das Jahr: Ein Inspirationsbuch» über den Engel der Geduld, „nimmt heute immer mehr ab. Und doch hätten wir sie bitter nötig, um unser Leben zu meistern und die Probleme unserer Welt hoffnungsvoll zu bestehen. Vielleicht im Sinn des Marquis de Vauvenargues: Geduld ist die Kunst zu hoffen.“

Es war nicht einfach, ein passendes Bild für das Thema „Geduld“ zu finden. Diese allegorische Darstellung der Pacientia aus dem 16. Jahrhundert ist nicht uninteressant, entspricht jedoch nicht ganz der Intuition der heutigen Zeit, denn die Bedeutung des Begriffs hat sich über die Jahrhunderte gewandelt: Von der Standfestigkeit und dem Durchhaltevermögen bis hin zur Langmut und zum nachsichtigen Abwarten, bis sich eine Lösung der prekären Lage ergibt. Auch so verstanden hat die Geduld ihre Berechtigung, sie ist in diesem Sinne aber keine Tugend. Denn Tugend setzt Aktivität, Bemühen und Initiative voraus.

Die Frau, die da demütig gebückt sitzt, hat nicht (mehr) die Kraft, mit wachen Augen die Welt zu betrachten. Die Kraft, die aufrechte Körperhaltung zu behalten, ist nicht mehr da. Sie hat jegliche Kraft verbraucht, verausgabt, denn sie war nicht untätig; sie hat „die Schiffe ausgesandt“, und jetzt ist für sie die Zeit des Wartens auf die Ergebnisse angebrochen. Diese sind wichtig für ihr weiteres Bestehen, ja sie sind lebenswichtig. Im Moment aber wohl noch nicht sicher. Das Leid des Wartens rührt eben von der Unsicherheit, diese droht die Frau zu zerfressen. Das wilde Wesen, mit den diabolischen Zügen, mit den scharfen Zähnen und dem bösen Blick symbolisiert ihre Angst. Ihre Augen sind geschlossen, der Blick nach innen gerichtet: Sie sieht mit ihrem inneren Auge das böse Wesen, sie spürt den Schmerz der Unsicherheit, des Wartenmüssen. Daher die erstarrten Augen und das unbewegte Gesicht. Als ob durch das Verharren ohne Bewegung der Schmerz geringer würde. Ihre Unfähigkeit sich zu bewegen wird zusätzlich durch die verschränkten Beine unterstrichen. Das Warten scheint jegliche Bewegung auszuschließen.

Nur das kleine Lämmchen, das sie in ihren Armen eingeschlossen hat, ist ihre momentane Zuflucht, es gibt ihr Trost und von ihm erhält sie die Wärme, diese Kraft, die sie nötig hat, um weiter in Hoffnung verharren zu können. Das kleine Tier bleibt genauso regungslos wie die Frau, seine Augen sind jedoch geöffnet. Das Tier selbst leidet nicht, hat auch nicht die Angst vor der grausamen Gestalt, die es symbolisch berührt, es nimmt diese überhaupt nicht wahr, reagiert auf sie nicht; die nagende Angst ist nur in der Frau, sie überträgt sich nicht auf das Tier. Das Lämmchen spielt keine andere Rolle hier; es ist nur als Trost für die Frau da. Seine Ruhe hilft es der Bedrängten, standhaft zu bleiben.

Die mannigfaltigen Belohnungen, die auf dem Fuße folgen, sind schon für den Betrachter des Bildes, wenn auch nicht für unsere Heldin sichtbar: Sie ist engelsähnlich geworden, sie wird mit einem Lorbeerkranz, dem Symbol des Sieges gekrönt. Sie hat also den Sieg über die Unsicherheit und die Angst errungen. Es soll an der Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass eine solche Belohnung nicht nur die irdische Dimension hat, sie wirkt über den Tod hinaus und oft ausschließlich über den Tod hinaus…

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Geduld ist die Fähigkeit, warten zu können. Ich würde diese einfache Definition ergänzen: Geduld ist die Fähigkeit, warten zu können, wenn man noch nichts oder nichts mehr tun kann. Denn so lange etwas unternommen werden kann und muss, wäre ein Abwarten keine Geduld, sondern Nachlässigkeit, Unterlassen, Versäumnis. Geduld ist also weder ein untätiges Abwarten,  Stumpfsinn oder Untätigkeit noch eine zynische Affektation des Gleichmutes, der an sich eine wohl noch bedeutendere Tugend ist, denn dem Gleichmut folgt kein Ende des Wartens. Gerade durch die aufgezwungene, den eigenen Willen brechende Untätigkeit hat Geduld den tugendhaften Charakter, sie ist eine Tugend. Ambros Bierce sagt dazu: «Geduld ist mindere Art der Verzweiflung, maskiert als Tugend.» Das klingt provokativ, hat aber einen tieferen Sinn: Den Satz müssen wir eigentlich so verstehen, dass es ein wahrer Verdienst ist, die Verzweiflung, die selbst nichts Positives an sich hat, zu ertragen. Gerade durch das Ertragen der Verzweiflung wird Geduld zur Tugend. Sie wird zur Kunst zu hoffen, dass das Leid ein Ende nehmen wird und neue Zeit anbrechen wird. Geduld hofft auf bessere Zeiten, nicht auf Belohnung des Verhaltens, denn so handelte es sich um eine egoistische Regung und damit um keine Tugend.

Obschon, intuitiv betrachtet, Geduld in der Tat eine Tugend ist, gibt es auch eine besondere Art Geduld, die keinerlei Positives in sich hat: Die der Spinne, die in der Falle eines lange und sorgfältig geflochtenen Netzes auf ihr Opfer wartet, um es zu vernichten. Eine Imagination aus der Tierwelt. Wenn wir sie aber auf die Menschenwelt übertragen, erscheint hier Rachsucht und Hass als Grund dieses Vorsatzes und der folgenden Ausführung. So wie Rachsucht verwerflich ist, so verkehrt sich Geduld in dem Fall in das Gegenteil einer Tugend.

Tertulian gibt an einer Stelle in seinem Aufsatz «Über die Geduld» eine interessante Betrachtung der ideellen und sehr verfeinerten Form der Rachsucht, die zwar Rachsucht bleibt, jedoch einen Hinweis auf Überwindung ihrer selbst enthält: «Bei Gott ist unsere Geduld in hinreichend sicherer Verwahrung. Wenn man ein erlittenes Unrecht bei ihm hinterlegt – er rächt es; ist es ein Schaden – er gleicht ihn aus; ist es ein Schmerz – er ist Arzt; ist es der Tod – er weckt wieder zum Leben auf. Wie vielen Spielraum hat nicht die Geduld, um Gott zum Schuldner zu machen! Denn sie gibt auf alles acht, was ihm wohlgefällig ist, sie spielt bei allen seinen Geboten ihre Rolle. Sie ist es, die den Glauben befestigt, den Frieden regiert, die Liebe unterstützt, der Demut Anleitung gibt, die Reue abwartet, der Buße das Siegel aufdrückt, das Fleisch beherrscht, den Geist bewahrt, die Zunge zügelt, die gewalttätige Hand zurückhält, die Versuchungen niedertritt, die Ärgernisse verbannt, die Martyrien vollendet, den Armen tröstet, dem Reichen Mäßigung auferlegt, dem Kranken die Zeit abkürzt, den Gesunden nicht verzehrt, den Gläubigen erfreut, den Heiden anzieht, den Knecht dem Herrn und den Herrn dem Knechte empfiehlt, die das Weib ziert und den Mann vollkommen macht; am Knaben wird sie geliebt, am Jüngling gelobt, am Greise geachtet; jedem Geschlecht und jedem Alter steht sie wohl an.»

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Therese

Autor: Therese

Ich wohne in Wiesbaden.